Asset-Herausgeber

Veranstaltungsberichte

Vergessene Opfer? Antiziganismus im Nationalsozialismus

von Tanissa Conradi

Eine Exkursion zur Gedenkstätte in Bergen-Belsen

Die dreitägige Exkursion führte die Teilnehmenden zur Gedenkstätte Bergen-Belsen. Unter der fachlichen Anleitung von Charlotte Trottier erhielten sie einen tiefgehenden Einblick in die Geschichte der NS-Verfolgung von Sinti und Roma sowie in gegenwärtige Formen des Antiziganismus. Durch die Verbindung aus historischer Recherche, inhaltlichen Impulsen und gemeinsamer Reflexion entstand ein vielfältiger Lernraum, der sowohl individuelle Lebensgeschichten als auch strukturelle Zusammenhänge in den Blick nahm.

Asset-Herausgeber

Biografiearbeit anhand ausgewählter Lebensgeschichten

Als Einstieg in das Seminar wurde ein Stimmungsbarometer genutzt, das die Teilnehmenden einlud, ihre eigenen Vorannahmen und Wissensstände sichtbar zu machen. Auf einer Bewertungsskala ordneten sie beispielsweise ein, wie viel persönlichen Kontakt sie zu Sinti und Roma haben, wie gut sie die Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland einschätzen und ob ihrer Meinung nach die deutsche Bevölkerung während des Nationalsozialismus über die Verbrechen informiert war. Diese Methode ermöglichte einen offenen Austausch über bestehende Unsicherheiten, gesellschaftliche Bilder und persönliche Zugänge zum Thema.

In einer weiteren Einheit wurden Fotografien und Abbildungen aus der Zeit des Nationalsozialismus analysiert. Die gemeinsame Betrachtung führte zu Gesprächen über die Organisation der Verfolgung, über Täterstrukturen und über das Zusammenspiel von staatlicher Bürokratie, institutionellen Interessen und gesellschaftlicher Beteiligung.

Ein Schwerpunkt lag außerdem auf der Biografiearbeit. Mit historischen Dokumenten, Fotografien und Gegenständen aus dem Konzentrationslager in Bergen-Belsen erarbeiteten die Teilnehmenden individuelle Schicksale verschiedener Opfergruppen. Diese Annäherung rückte Lebenswege in den Mittelpunkt, die in der öffentlichen Erinnerung lange marginalisiert waren. Besonders intensiv beschäftigte sich die Gruppe mit den Malereien, Texten und der Lebensgeschichte von Ceija Stojka, die der Roma-Minderheit in Österreich angehörte und 1945 in Bergen-Belsen befreit wurde.

Besuch der Ausstellung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen

Ein weiterer zentraler Bestandteil war die Erarbeitung eines Zeitstrahls, der die systematische Verfolgung von Sinti und Roma nachvollziehbar machte. Dabei wurden die zunehmenden gesetzlichen Einschränkungen und behördlichen Erlasse berücksichtigt.

Die Betrachtung der Zeit nach 1945 machte die tiefen gesellschaftlichen und juristischen Kontinuitäten sichtbar. Begriffe wie „Landfahrer“ und kriminalisierende Polizeikategorien wirkten lange fort und prägten das Bild von Sinti und Roma in der Nachkriegszeit. Ein weiteres Thema war das Urteil des Bundesgerichtshofs von 1956, welches argumentierte dass Sinti und Roma bis 1943 nicht aus rassistischen Gründen verfolgt worden seien. Erst 1982 wurde der Völkermord offiziell anerkannt.

Ergänzt wurde die inhaltliche Arbeit durch den Besuch der Ausstellung der Gedenkstätte sowie einen Geländerundgang. Diese verdeutlichten die Geschichte des Ortes als Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager und späteres "Displaced-Persons-Camp". Der Rundgang zeigte eindrücklich die Vielfalt der Häftlingsgruppen und die enge Verknüpfung der Lagergeschichte mit Todesmärschen und den letzten Kriegsmonaten.

Zur Reflexion über Täter- und Mitläuferrollen nutzte die Gruppe die sogenannte Flatterband-Methode. Anhand konkreter Beispiele wie einem Bäckereibetrieb, der ein KZ belieferte, Erben von NS-Vermögen, Wählerinnen und Wählern der NSDAP oder Schaulustigen am Lagerzaun diskutierten die Teilnehmenden Aspekte wie Wissen, Freiwilligkeit und Handlungsspielräume

Diskussionen über das Thema Erinnerungskultur

Der letzte Seminartag widmete sich umfassend dem Thema Erinnerungskultur. In mehreren Arbeitsschritten setzten sich die Teilnehmenden damit auseinander, welche Formen des Gedenkens existieren, wer daran beteiligt ist, an wen sie sich richten und in welchen Kontexten sie stattfinden. Dabei wurden individuelle, politische und gesellschaftliche Gründe des Erinnerns beleuchtet. Ein besonderer Fokus lag auf der Zukunftsperspektive: Wie könnte Erinnerungskultur in zehn Jahren aussehen? Welche Herausforderungen entstehen durch das Wegfallen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, zunehmende Digitalisierung, gesellschaftliche Polarisierung oder Geschichtsrelativierung? Und wie lässt sich Erinnerung zugleich widerstandsfähiger und zugänglicher gestalten?

Insgesamt ermöglichte die Exkursion eine intensive Auseinandersetzung mit einem Teil der Geschichte, der in der deutschen Erinnerungskultur lange unzureichend berücksichtigt wurde. Die Verbindung aus historischem Lernen, emotionaler Annäherung und kritischer Reflexion verdeutlichte die zentrale Bedeutung der Verfolgung von Sinti und Roma für das Verständnis des Nationalsozialismus und für aktuelle Debatten über Antiziganismus. Zugleich wurde deutlich, wie wichtig es bleibt, Erinnerungskultur weiterzuentwickeln, um die Perspektiven der Betroffenen zu stärken und Verantwortung für Gegenwart und Zukunft wahrzunehmen.

 

Asset-Herausgeber

Kontakt

Tanissa Conradi

Tanissa Conradi
Referentin Politisches Bildungsforum Hessen 
tanissa.conradi@kas.de +49 611 - 15 75 9814

comment-portlet

Asset-Herausgeber