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Länderberichte mal anders

Südafrikas Weg zur Inklusion: Erfolge und Grenzen

Inklusion weltweit - aktueller Stand aus Südafrika

Südafrika steht an einem entscheidenden Punkt seiner inklusiven Entwicklung. Rund 5 Prozent der Bevölkerung sind trotz gesetzlicher Fortschritte und wachsender politischer Aufmerksamkeit weiterhin von Bildungs-, Arbeits- und Teilhabebarrieren betroffen. Zugleich zeigen Entwicklungen wie die Anerkennung der südafrikanischen Gebärdensprache und internationale sportliche Erfolge, welches Potenzial entsteht, wenn Barrieren aktiv abgebaut werden. Dialogformate und praxis-orientierte Ansätze zeigen sich als wirksam. Jedoch erfordert die Gewährleistung der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein kontinuierliches Engagement aller gesellschaftlichen Akteure.

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Ausgangslage

In Südafrika leben nach aktuellen Erhebungen von Statistics South Africa rund 3,3 Millionen Menschen mit Behinderungen, was etwa fünf Prozent der Bevölkerung entspricht.[1] Diese Zahl verdeutlicht, dass Inklusion nicht nur ein sozialpolitisches Ziel, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Trotz wichtiger gesetzlicher Fortschritte bleibt der Zugang zu Bildung, Arbeit und sozialen Dienstleistungen für viele Betroffene weiterhin eingeschränkt. Der National Development Plan 2030 (Südafrikas langfristige Strategie, um Armut zu beseitigen und Ungleichheit bis 2030 zu verringern) weist ausdrücklich darauf hin, dass Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich häufig von Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung betroffen sind und deshalb besondere politische Aufmerksamkeit benötigen.[2]

Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass Inklusion ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Entwicklung und demokratischer Teilhabe ist. Die gesellschaftliche Diskussion um Barrierefreiheit, Gleichstellung und die Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderungen zeigt, dass strukturelle Veränderungen notwendig sind, um bestehende Ungleichheiten abzubauen. Vor diesem Hintergrund beleuchtet dieser Bericht, wie Südafrika im Jahr 2025 das Thema Inklusion politisch, gesellschaftlich und institutionell vorantreibt.

 

Gesellschaftlicher Kontext

Die gesellschaftliche Realität für Menschen mit Behinderungen in Südafrika ist von erheblichen strukturellen Barrieren geprägt. Besonders deutlich wird dies im Bildungsbereich. Nach Daten der General Household Survey von Statistics South Africa besuchen rund zehn Prozent der Kinder im Alter zwischen sieben und fünfzehn Jahren mit besonderen Bedürfnissen keine Schule.[3] Dieser Anteil ist seit mehreren Jahren nahezu unverändert und liegt damit deutlich höher als bei Kindern ohne Behinderungen. Zweifelsohne stellt der fehlende Zugang zu Bildung eine der größten Hürden für spätere soziale und wirtschaftliche Teilhabe dar.

Neben der eingeschränkten Schulbeteiligung bestehen grundlegende infrastrukturelle Defizite. Während der Child Protection Week 2025 hob Statistics South Africa hervor, dass es vielen Schulen weiterhin an barrierefreien Zugängen fehlt.[4] Rampen, Aufzüge und geeignete Sanitäranlagen sind häufig nicht vorhanden oder nicht funktionsfähig. Hinzu kommt ein massiver Mangel an unterstützenden Diensten wie Sprachtherapie, Ergotherapie oder individueller Lernförderung. Diese Leistungen sind für Kinder mit Behinderungen essenziell, stehen jedoch insbesondere in benachteiligten und ländlichen Regionen kaum zur Verfügung.

Der Stats SA Strategic Plan 2025/26 bis 2029/30 zeigt darüber hinaus erhebliche regionale Unterschiede.[5] Familien in ländlichen Gebieten haben oft keinen Zugang zu spezialisierten Schulen oder Förderangeboten, was lange Anfahrtswege, hohe Kosten und eine zusätzliche Belastung für pflegende Angehörige mit sich bringt. Diese ungleichen Rahmenbedingungen verstärken bestehende soziale Ungleichheiten und erschweren Kindern mit Behinderungen die Teilhabe an einem inklusiven Bildungssystem.

 

Politischer Rahmen

Südafrika hat in den vergangenen Jahren wichtige politische und gesetzliche Grundlagen geschaffen, um die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu stärken. Bereits 2007 ratifizierte das Land die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und verpflichtete sich damit zu Gleichstellung, Nichtdiskriminierung und umfassender Teilhabe.[6] Auf institutioneller Ebene wurde 2009 das Department of Women, Youth and Persons with Disabilities eingerichtet, das nationale Strategien koordiniert und Programme zur Förderung von Inklusion vorantreibt.[7] Jedes Jahr rückt die Regierung das Thema während des Disability Rights Awareness Month vom 3. November bis 3. Dezember in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.[8]

In verschiedenen politischen Reden hat Präsident Cyril Ramaphosa die Bedeutung von Barrierefreiheit und Teilhabe wiederholt betont. Beim Transport Summit erklärte er, dass Barrierefreiheit kein freiwilliges Entgegenkommen, sondern ein grundlegendes Recht sei.[9] In seiner State of the Nation Address (die jährliche Rede des südafrikanischen Präsidenten vor dem Nationalparlament, in der er die Lage des Landes darstellt) im Februar 2025 kündigte er zudem das National Skills Fund Disabilities Programme an, das in seiner ersten Phase mehr als zehntausend Menschen mit Behinderungen durch gezielte Qualifizierungsangebote unterstützen soll. Ein weiteres zentrales Instrument ist der SASSA Disability Grant, der über einer Million Südafrikanerinnen und Südafrikanern eine Grundsicherung und damit ein Mindestmaß an sozialer Teilhabe ermöglicht.[10]

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung politischer Vorgaben eine zentrale Herausforderung. Der Employment Equity Act sieht vor, dass mindestens zwei Prozent der Beschäftigten in Unternehmen Menschen mit Behinderungen sein sollen. Nach Angaben der Commission for Employment Equity liegt die tatsächliche Beschäftigungsquote jedoch mit 1,2 Prozent deutlich unter diesem Zielwert.[11] Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zeigt sich auch in anderen Bereichen, etwa bei der Barrierefreiheit öffentlicher Gebäude, der Bereitstellung unterstützender Dienste oder der Umsetzung politischer Rahmendokumente wie dem White Paper on the Rights of Persons with Disabilities.[12]Nelson Mandela brachte diese Verantwortung bereits vor Jahrzehnten auf den Punkt, als er erklärte, dass das neue Südafrika nur dann Wirklichkeit werde, wenn alle Menschen freien und gleichberechtigten Zugang zu gesellschaftlichen Chancen erhalten.[13]

 

Beispiel aus der Gesellschaft: Erfolge bei den Paralympics

Ein sichtbares Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung von Menschen mit Behinderungen zeigt sich im Sport. Bei den Paralympischen Spielen in Paris im Jahre 2024 erzielte das südafrikanische Team bemerkenswerte Erfolge und gewann zwei Gold- sowie vier Bronzemedaillen.[14] Diese Leistungen fanden breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, in der Wirtschaft und in den Medien. Sie verdeutlichen, welches Potenzial entsteht, wenn Menschen mit Behinderungen gezielt gefördert werden und Zugang zu hochwertigen Trainingsmöglichkeiten erhalten.

Gleichzeitig macht dieses Beispiel deutlich, dass Inklusion dort besonders wirkt, wo Ressourcen bereitgestellt werden und Barrieren aktiv abgebaut werden. Die sportlichen Erfolge können daher als Hinweis verstanden werden, wie gesellschaftliche Teilhabe aussehen kann, wenn politische Zielsetzungen, institutionelle Unterstützung und individuelle Förderung zusammenwirken.

 

Beispiel aus der Politik: Anerkennung der südafrikanischen Gebärdensprache

Die Anerkennung der südafrikanischen Gebärdensprache als zwölfte Amtssprache im Jahr 2023 gilt als einer der bedeutendsten politischen Fortschritte für die Deaf Community in Südafrika.[15] Sie ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Interessenvertretungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich gemeinsam dafür eingesetzt haben, dass die Sprache und Kultur gehörloser Menschen gesellschaftlich sichtbar und staatlich anerkannt werden. Dieser Schritt hat eine klare Signalwirkung: Er unterstreicht, dass barrierefreie Kommunikation ein grundlegendes demokratisches Recht ist und nicht von individuellen Umständen abhängen darf. Mit der offiziellen Anerkennung wurde ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der Schulen, Behörden und öffentliche Einrichtungen verpflichtet, den Zugang zu Information und Interaktion für gehörlose Menschen zu verbessern.

Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung, wie politischer Wille und der kontinuierliche Einsatz engagierter Gruppen strukturelle Veränderungen ermöglichen können. Die Anerkennung der Gebärdensprache schafft neue Chancen für Inklusion in Bildung, Arbeitsmarkt und politischer Teilhabe und stärkt die Position der Deaf Community in öffentlichen Entscheidungsprozessen. Sie macht deutlich, dass Fortschritte gelingen, wenn staatliche Institutionen und zivilgesellschaftliche Akteure gemeinsam handeln. Dieses Beispiel steht damit für die transformative Kraft politischer Reformen, die Barrieren abbauen und gesellschaftliche Teilhabe erweitern.

 

Inklusion im Rahmen von G20

Mit der Übernahme der G20-Präsidentschaft im Jahr 2025 rückte Südafrika weltweit in den Mittelpunkt politischer Aufmerksamkeit. Unter dem Leitmotiv „Inclusive Growth“ verfolgt das Land den Anspruch, wirtschaftliche Entwicklung stärker mit sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und nachhaltigen Zukunftsperspektiven zu verbinden.[16] Neben klassischen Themen wie Handel, Klima und globaler Finanzstabilität erhielt damit auch die Frage der sozialen Inklusion einen deutlich höheren Stellenwert auf der internationalen Agenda.

Seit dem G20-Gipfel in Brasilien im Jahr 2024 besteht mit der Disability 20 Initiative ein Format, das die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen stärker in globale politische Prozesse einbringen möchte. Ihr Ziel ist es, künftig als offizieller Dialogpartner Teil der G20-Strukturen zu werden und damit Fragen der Inklusion dauerhaft in den internationalen Entscheidungsprozess einzubringen. Während der südafrikanischen Präsidentschaft bot der G20-Gipfel eine Plattform, um dieses Anliegen sichtbarer zu machen. So wurde ein wichtiger Beitrag geleistet, um die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen als festen Bestandteil globaler Entwicklungsstrategien zu verankern.

 

Beitrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)

Die Konrad-Adenauer-Stiftung setzt sich in Südafrika gemeinsam mit Partnerorganisationen für mehr gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit ein. Ein Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Inklusion gehörloser Menschen. In Kooperation mit der Deaf Empowerment Firm (DEF) wurden seit 2024 mehrere Dialog- und Bildungsformate organisiert, die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringen. An diesen Formaten partizipierten mehr als 100 Teilnehmende, von denen über 80 Prozent taub sind. Diese Veranstaltungen haben das Bewusstsein für strukturelle Hürden geschärft und den Austausch zwischen öffentlichen Institutionen, Arbeitgebern und der Deaf Community vertieft. Durch praxisorientierte Diskussionen und gemeinsame Lösungsansätze konnte ein nachhaltiger Beitrag geleistet werden, Barrieren abzubauen, Inklusion als gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu verankern und demokratische Teilhabe in Südafrika sichtbar zu stärken.

 

Perspektive aus erster Hand: Interview mit Sikelelwa Alex Msitshana

Um eine Perspektive aus erster Hand zu gewinnen, wie Inklusion konkret umgesetzt und gefördert wird, haben wir mit Sikelelwa Alex Msitshana gesprochen. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von DEF und Mitglied der Presidential Working Group on Disability (PWGD). DEF ist ein soziales Unternehmen mit Sitz in Soweto, einem Stadtteil in Johannesburg mit über zwei Millionen Einwohnern. Ziel der Organisation ist es, die sozioökonomische Teilhabe gehörloser Menschen und Menschen mit Hörbeeinträchtigungen in Südafrika zu stärken. Seit ihrer Gründung im Jahr 2015 verfolgt DEF eine zentrale Mission: die Beschäftigungslücke für gehörlose Südafrikanerinnen und Südafrikaner zu schließen, indem Zugang zu Bildung, Qualifizierung und nachhaltigen Einkommensmöglichkeiten geschaffen wird. Grundlage dieser wertvollen Arbeit ist die Überzeugung, dass wirtschaftliche Teilhabe ein grundlegendes Recht ist und nicht von der Art oder dem Ausmaß einer Behinderung abhängen darf.

Im Gespräch berichtet Frau Msitshana über die größten Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen, erfolgreiche Unterstützungsansätze und die Zusammenarbeit zwischen Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

 

Mit welchen Herausforderungen sind Menschen mit Behinderungen in Ihrer Arbeit am häufigsten konfrontiert?

Frau Msitshana: Trotz wichtiger gesetzlicher Fortschritte bleibt die Lebensrealität vieler Menschen mit Behinderungen in Südafrika, insbesondere gehörloser Menschen, weit von echter Inklusion entfernt. Ihre Erwerbsbeteiligung liegt bei nur unter einem Prozent. Innerhalb dieser Gruppe sind gehörlose Menschen, vor allem gehörlose Jugendliche, in besonderem Maße betroffen. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei über 85 Prozent und ist das Ergebnis anhaltender Bildungs- und Kommunikationsbarrieren. Diese Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit eines systemischen Wandels und zeigen, wie wichtig Initiativen sind, die von der Deaf Community selbst geführt werden, wie jene von DEF.

Die gehörlose Gemeinschaft sieht sich weiterhin mit struktureller Ausgrenzung in Bildung, Beschäftigung und öffentlicher Teilhabe konfrontiert. Zu den häufigsten Herausforderungen gehören:

  1. Kommunikationsbarrieren: Die südafrikanische Gebärdensprache wurde erst 2023 als zwölfte Amtssprache anerkannt. Die Umsetzung verläuft bislang langsam, da es an qualifizierten Dolmetscherinnen und Dolmetschern sowie an Wissen über Deaf Culture in Behörden und Unternehmen fehlt.
  2. Ungleichheiten im Bildungssystem: Die meisten gehörlosen Kinder besuchen unterfinanzierte Schulen, erreichen häufig geringe Lese- und Schreibkompetenzen und sind von vielen weiterführenden Bildungswegen ausgeschlossen, die hörzentrierte Zugangskriterien voraussetzen.
  3. Diskriminierung im Arbeitsmarkt: Gehörlose Arbeitssuchende sehen sich mit Vorurteilen über ihre Leistungsfähigkeit konfrontiert und stoßen auf Rekrutierungsverfahren, die für sie kaum zugänglich sind, was sie oft von vornherein ausschließt.
  4. Lücken in der Umsetzung politischer Vorgaben: Trotz fortschrittlicher politischer Rahmenwerke wie dem White Paper on the Rights of Persons with Disabilities von 2015 erfolgt die Umsetzung nur schleppend, uneinheitlich und ohne ausreichende Kontrolle.

Diese Barrieren verstärken Armut, Abhängigkeit und Frustration innerhalb der Deaf Community. Sie verdeutlichen zugleich, dass die Arbeit von Organisationen wie DEF nicht nur wertvoll, sondern unverzichtbar für den Abbau struktureller Ungleichheiten ist.

 

Welche Formen der Unterstützung haben sich als besonders wirksam erwiesen, um Menschen mit Behinderungen zu fördern?

Frau Msitshana: DEF hat gelernt, dass Inklusion nicht allein durch Trainingsmaßnahmen erreicht werden kann. Sie erfordert einen mehrschichtigen Ansatz, der persönliche Stärkung, Sensibilisierung von Arbeitgebern und politisches Engagement miteinander verbindet. Zu den wirksamsten Maßnahmen gehören:

  1. Zugängliche und anerkannte Ausbildungsprogramme, d.h. die südafrikanische Gebärdensprache, Untertitelung und visuelle Lernmaterialien zu integrieren, um die vollständige Teilnahme gehörloser Lernender zu ermöglichen.
  2. Partnerschaften mit Arbeitgebern, die über symbolische Maßnahmen hinausgehen, und Mentoring, Gebärdensprachschulungen für Mitarbeitende sowie Bewertungen der Barrierefreiheit am Arbeitsplatz einschließen.
  3. Förderung von Unternehmertum durch das ICT Innovation Hub von DEF, das gehörlose Absolventinnen und Absolventen bei der Gründung von Kleinstunternehmen unterstützt und Innovationen innerhalb der Deaf Community stärkt.
  4. Politische Arbeit und Advocacy, bei der DEF mit nationalen Institutionen wie dem National Council of and for Persons with Disabilities, der Presidential Working Group on Disability und der D20 im Rahmen des G20-Prozesses kooperiert, um inklusive Reformen voranzubringen und die globale Sichtbarkeit der Deaf Community zu erhöhen.

Diese kombinierten Strategien haben bereits konkrete Ergebnisse erzielt. Bis heute hat DEF mehr als 550 gehörlose Jugendliche ausgebildet und gestärkt, mehrere Jahrgänge gehörloser Softwareentwickler hervorgebracht und Beschäftigungs- sowie Aufstiegschancen in unterschiedlichen Wirtschaftssektoren ermöglicht.

 

Arbeiten Sie mit anderen Organisationen oder Unterstützungsnetzwerken zusammen?

Frau Msitshana: Keine einzelne Organisation kann die strukturellen Barrieren überwinden, mit denen Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind. DEF arbeitet daher eng mit Partnern wie Deaftouch, Sign Language Education and Development, Deaf SA und weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Darüber hinaus kooperieren wir mit Hochschulen und Unternehmen, um die Belange der Deaf Community in Forschung, Politikgestaltung und betriebliche Praxis einzubetten.

Durch diese Partnerschaften erweitert DEF seine Reichweite und schafft ein breiteres Netzwerk für Verantwortlichkeit und Veränderung. Die Zusammenarbeit ermöglicht zudem den Austausch bewährter Ansätze auf afrikanischer und internationaler Ebene und zeigt, wie empowerment-orientierte, von der Deaf Community geführte Modelle inklusive Entwicklung weltweit beeinflussen können.

 

Welche Maßnahmen hat die südafrikanische Regierung ergriffen, um Menschen mit Behinderungen zu unterstützen und reichen diese Ihrer Einschätzung nach aus?

Frau Msitshana: Die südafrikanische Regierung hat mehrere Rahmenwerke geschaffen, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Das White Paper on the Rights of Persons with Disabilities, der National Development Plan und die Broad-Based Black Economic Empowerment Codes enthalten zentrale Bestimmungen zur Stärkung ihrer Rechte und Teilhabe. Die jüngste Anerkennung der südafrikanischen Gebärdensprache als offizielle Landessprache stellt einen historischen Meilenstein dar. Zudem haben verschiedene Sector Education and Training Authorities damit begonnen, Qualifizierungsprogramme für Menschen mit Behinderungen zu finanzieren, was Organisationen wie DEF neue Möglichkeiten eröffnet, ihre Wirkung zu erweitern.

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung uneinheitlich. Förderprozesse sind bürokratisch und für gehörlose Menschen selten barrierefrei, die Durchsetzung politischer Vorgaben erfolgt nur eingeschränkt und Inklusion wird vielerorts eher als Frage der regulatorischen Erfüllung, denn als Entwicklungsthema verstanden. Besonders in ländlichen Regionen sind Unterstützungsangebote nach wie vor unzureichend, und die Stimmen von Menschen mit Behinderungen fehlen weiterhin in wichtigen Entscheidungsprozessen, die direkt ihre Lebensrealität betreffen.

Für DEF bedeutet Inklusion, Barrieren auf allen Ebenen abzubauen, vom Klassenzimmer bis in die Führungsetagen von Unternehmen. Zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember 2025 bekräftigen wir unser Verständnis, dass wirtschaftliche Teilhabe die Grundlage echter Gleichberechtigung ist. Wir setzen uns für ein Südafrika ein, in dem gehörlose Jugendliche nicht nur Empfänger guter Absichten sind, sondern als Führungskräfte, Innovatoren und aktive Gestalter einer inklusiven Wirtschaft auftreten.

Damit diese Vision Wirklichkeit werden kann, braucht es eine deutlich stärkere Zusammenarbeit zwischen Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, um bestehende Rechte in konkrete Ergebnisse zu übersetzen. Wir laden Partner in allen Bereichen ein, diesen Weg gemeinsam mit uns zu gehen und ein Südafrika zu schaffen, das wirklich niemanden zurücklässt.

 

Ausblick auf unsere zukünftige Arbeit

Das Gespräch mit Sikelelwa Alex Msitshana verdeutlicht, dass die Lebensrealität vieler Menschen mit Behinderungen in Südafrika weiterhin von tiefgreifenden strukturellen Barrieren geprägt ist. Trotz bestehender politischer Rahmenwerke bleiben zentrale Herausforderungen bestehen, insbesondere im Bildungsbereich, beim Zugang zu qualifizierten Unterstützungsdiensten und auf dem Arbeitsmarkt. Die sehr geringe Erwerbsbeteiligung gehörloser Menschen zeigt, wie groß die Lücke zwischen gesetzlicher Zielsetzung und praktischer Umsetzung noch ist.

Gleichzeitig macht die Arbeit von Organisationen wie der Deaf Empowerment Firm deutlich, dass Veränderung möglich ist, wenn betroffene Gemeinschaften aktiv eingebunden werden und konkrete Unterstützungsangebote bereitgestellt werden. Qualifizierungsprogramme, Kooperationen mit Arbeitgebern und politisches Engagement haben bereits spürbare Wirkung gezeigt und eröffnen neue Chancen für eine selbstbestimmte wirtschaftliche Teilhabe.

Für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Südafrika bestätigt dies die Relevanz, Inklusion weiterhin als Querschnittsthema zu fördern. Die Zusammenarbeit mit DEF hat gezeigt, dass Dialogformate und praxisorientierte Ansätze wirksame Impulse setzen können. Der weitere Weg erfordert jedoch kontinuierliches Engagement aller gesellschaftlichen Akteure, um politische Verpflichtungen in nachhaltige Verbesserungen zu übersetzen und Menschen mit Behinderungen gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.

Verfasst von: KAS Südafrika, im Januar 2026

 


 

[1] From the desk of the President - Monday, 2 December 2024 | The Presidency

[2] National Development Plan 2030: Our future - make it work

[3] Child Protection Week 2025: Spotlight on Education Access for Children with Special Needs | Statistics South Africa

[4] Child Protection Week 2025: Spotlight on Education Access for Children with Special Needs | Statistics South Africa

[5] Stats SA Strategic Plan 2025_26 - 2029_30.pdf

[6] Remarks by President Cyril Ramaphosa at the Transport Summit on Universal Accessibility, Birchwood Conference Centre, Ekurhuleni | The Presidency

[7] Overview – DWYPD

[8] Disability Rights Awareness Month | Government Communication and Information System (GCIS)

[9] State of the Nation Address by President Cyril Ramaphosa, Cape Town City Hall, 6 February 2025 - DIRCO

[10] From the desk of the President - Monday, 2 December 2024 | The Presidency

[11] From the desk of the President - Monday, 2 December 2024 | The Presidency,

[12] White Paper on the Rights of Persons with Disabilities: Fifth Annual Progress Report: April 2020 to March 2021

[13] Disability Rights Awareness Month | Government Communication and Information System (GCIS)

[14] From the desk of the President - Monday, 2 December 2024 | The Presidency

[15] From the desk of the President - Monday, 2 December 2024 | The Presidency

[16] G20 Presidency – G20 South Africa

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