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Länderberichte

Indonesien: Kabinettsumbildung soll Pandemiebekämpfung verbessern

von Jan Senkyr
Indonesien wurde von der COVID-19-Pandemie hart getroffen. Die Infektionszahlen sind in den letzten Wochen rasant angestiegen, die Positivrate bei Testungen und die Zahl der durch das COVID-19-Virus verursachten Todesfälle sind die höchsten in Südostasien. Präsident Joko Widodo will nun mit einer Kabinettsumbildung die Regierung besser für die Bewältigung der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Folgen aufstellen.
Impfung StaatspräsidentJoko Widodo ANTARA FOTO/HO/Setpres/Agus Suparto/wpa/wsj
Staatspräsident Joko Widodo erhielt am 13. Januar die erste Impfdosis zu Beginn der nationalen Impfkampagne gegen Covid-19 in Indonesien.

Ende Dezember erreichte die Positivrate bei Testungen auf das COVID-19-Virus 22 Prozent, womit Indonesien an vierter Stelle im weltweiten Vergleich liegt. Insgesamt wurden bislang ca. 780.000 Infektionen und 23.000 Todesfälle registriert, die tägliche Zahl an Neuinfektionen liegt bei 9000. Die Kapazität für Testungen ist sehr beschränkt, mit 260.000 Tests wöchentlich erreicht Indonesien (269 Mio. Einwohner) gerade knapp die von der WHO empfohlene Mindestrate von 1 Test pro 1000 Einwohner. Experten gehen deshalb von deutlich höheren realen Infektionszahlen aus.

Eine besondere Schwachstelle bei der Bekämpfung der Pandemie ist das in vielen Teilen des Landes unzureichend entwickelte Gesundheitssystem. Die Bettenbelegung in den Krankenhäusern (bed occupancy rate – BOR) hat im Dezember im landesweiten Vergleich 64 Prozent erreicht, in der bevölkerungsreichsten Stadt Jakarta liegt sie mittlerweile bei 85 Prozent. Damit ist die Grenze der Belastbarkeit des Gesundheitssystems fast erreicht.

Zur Eindämmung der Virusverbreitung wurden in ganz Indonesien Mobilitätseinschränkungen eingeführt. Die Hauptstadt Jakarta, aber auch weitere bevölkerungsreiche Provinzen auf der Insel Java und auf Bali haben teilweise Ausgangssperren verhängt, die Grenzen zum Ausland wurden bis auf weiteres geschlossen.

Präsident Joko Widodo stellt Kabinett um

Mit Blick auf die kritische Lage hat Staatspräsident Joko Widodo zum Ende des Jahres 2020 sein Regierungsteam neu aufgestellt. Es wurden sechs Minister ausgetauscht und eine Reihe von stellvertretenden Ministern neu ernannt. Mit der Kabinettsumbildung reagiert der Präsident, der sich in seiner zweiten und letzten Amtszeit befindet, aber auch auf einige Korruptionsskandale und auf Fehler im Umgang mit radikalen Islamistengruppen.

Als wichtigste Personalie wird von den indonesischen Medien die Auswechslung des Gesundheitsministers bewertet. Der bisherige Amtsinhaber Terawan Putranto, ein pensionierter Armeegeneral und Militärarzt, hat mit einer schwachen Leistung und mangelnder Kompetenz die Corona-Krise nicht in den Griff bekommen. Verärgert war Präsident Widodo zudem über die langsame und unzureichende Beschaffung von Impfstoff für die Immunisierung der 269 Millionen Indonesier. Zum neuen Ressortchef wurde deshalb der bisherige Vizeminister für Staatliche Unternehmen, Budi Gunadi Sadikin, ernannt. Mit seiner Erfahrung als ehemaliger Topmanager im Bankwesen und Leiter der nationalen Task Force für die Wirtschaftsbelebung wird seine Aufgabe vor allem die erfolgreiche Durchführung des nationalen Impfungsprogramms sowie die Verbesserung der infrastrukturellen Ausstattung der Krankenhäuser sein. Er ist der erste Nichtmediziner auf diesem Ministerposten.

Für mediale Aufmerksamkeit sorgte die Ernennung von Tri Rismaharini zur neuen Ministerin für Soziale Angelegenheiten. Die äußerst populäre bisherige Bürgermeisterin der zweitgrößten Stadt Indonesiens Surabaya ersetzt Juliari Batubara, der im Dezember 2020 von der Antikorruptionsbehörde KPK wegen angeblicher Veruntreuung von Hilfsgeldern für die Folgen der Corona-Krise verhaftet worden ist. Tri Rismaharini wird als mögliche Kandidatin für die nächste Präsidentschaftswahl 2024 gehandelt und gehört wie Präsident Widodo der PDI-P-Partei (Demokratische Partei des Kampfes Indonesiens) an. Ihre Beförderung auf den Ministerposten wird in den Medien positiv kommentiert.

Ebenfalls mit einem Korruptionsskandal verbunden ist der Personalwechsel an der Spitze des Fischereiministeriums. Der bisherige Amtsinhaber Edhy Prabowo wurde im November 2020 von der KPK wegen angeblicher Annahme von Bestechungsgeldern für die Vergabe von Exportlizenzen für Hummerlarven – einen wichtigen Exportartikel Indonesiens – in Haft genommen. Er gilt als enger Vertrauter von Verteidigungsminister Prabowo Subianto, der zweimal erfolglos als Herausforderer von Joko Widodo für das Amt des Staatspräsidenten kandidierte. Ex-General Prabowo – nicht verwandt mit Edhy Prabowo - ist Vorsitzender der Gerindra-Partei.  Nach der Wahlniederlage 2019 wechselte Gerindra ins Regierungslager und unterstützt nun die breite Koalition von Präsident Widodo.  Der neue Fischereiminister Sakti Wahyu Trenggono war zuvor Vizeminister im Verteidigungsministerium unter Prabowo und kommt aus der Unternehmerbranche.

An die Spitze des Handelsministeriums rückt der bisherige Botschafter Indonesiens in den USA, Muhammad Lutfi, auf. Er löst nach einem Jahr den erfolglos agierenden Agus Suparmanto von der PKB-Partei (Nationale Erweckungspartei) ab. Als aufstrebender Nachwuchspolitiker bekleidete er bereits für kurze Zeit das Amt des Handelsministers 2014 unter dem damaligen Staatspräsidenten Susilo Bambang Yudhoyono. Lutfi ist eng mit der Businessbranche verknüpft, was möglicherweise zu Interessenskonflikten führen könnte.

Ein weiterer prominenter Vertreter der jungen Businesselite, Sandiaga Uno, ist neuer Minister für Tourismus und Kreativwirtschaft geworden. Er ersetzt den Journalisten und Medienexperten Wishnutama, der die Erwartungen des Präsidenten vor allem bei der Stützung des für Indonesien wichtigen und von der Corona-Krise stark betroffenen Tourismussektors nicht erfüllt hat. Sandiaga Uno hat als Stellvertreter an der Seite von Anies Baswedan 2017 erfolgreich gegen den damaligen Gouverneur von Jakarta Basuki Purnama, genannt Ahok, kandidiert. Der Wahlkampf wurde seinerzeit von islamistischer Propaganda und Protestaktionen gegen den ethnischen Chinesen und Christen Ahok überschattet. Nach einer Verurteilung wegen angeblicher Blasphemie musste Ahok schließlich eine zweijährige Haftstrafe absitzen. Derzeit ist Basuki Purnama Aufsichtsratschef des staatseigenen Ölkonzerns Pertamina.

Sandiaga Uno zog sich aus dem Amt des Vizegouverneurs von Jakarta nach nur einem Jahr zurück, um als Juniorpartner von Prabowo Subianto bei den Präsidentschaftswahlen 2019 anzutreten. Er ist Vizevorsitzender der Gerindra-Partei und gehört zu den Topunternehmern des Landes. Sandiaga Uno wird ebenfalls als möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2024 gehandelt.

Die umstrittene und von islamischen Organisationen stark kritisierte Besetzung des Postens des Religionsministers mit einem Ex-Militär (Ex-General Fachrul Razi) wurde nun von Präsident Widodo durch eine Neubesetzung korrigiert. Mit Yaqut Cholil Quoumas als neuen Minister für Religiöse Angelegenheiten kehrt dieses Amt in den Einflussbereich der islamischen Organisation Nahdlatul Ulama (NU) zurück. Quoumas war bislang Vorsitzender der Jugendorganisation der NU und ist Mitglied der PKB-Partei (Nationale Erweckungspartei, der politische Flügel der NU). Die NU ist mit geschätzten 40 Mio. Mitgliedern die größte islamische Nichtregierungsorganisation der Welt und vertritt einen toleranten und gemäßigten Islam.

Neujustierung des Umgangs mit radikalen Islamgruppen

Die Neubesetzung an der Spitze des Religionsministeriums geht einher mit einer Neujustierung der Regierungspolitik im Umgang mit radikalislamischen Gruppen in Indonesien. Vor allem die militante islamische Massenorganisation FPI (Front Pembela Islam) ist dabei in den Fokus der indonesischen Sicherheitskräfte gerückt. FPI war maßgeblich an den Massendemonstrationen gegen den christlichen Gouverneur Ahok während der Jakarta-Gouverneurswahlen 2016/17 beteiligt und ist für zahlreiche militante und teilweise gewaltsame Aktionen gegen den Staat verantwortlich. Sie kämpft für die Einführung der Scharia und lehnt das demokratische System Indonesiens ab. Mitbegründer und geistiger Anführer der FPI ist der arabischstämmige Islamgelehrte Habib Rizieq Syihab. Nachdem gegen ihn mehrere Strafverfahren eröffnet wurden, floh Rizieq Syihab Mitte 2017 ins Exil nach Saudi-Arabien. Am 10. November 2020 kehrte er nach Jakarta zurück und wurde von Tausenden von Anhängern in einem Triumphzug empfangen, dabei wurden Ausgangsperren und Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 massiv missachtet. Bei der Zustellung einer Vorladung für Rizieq Syihab Anfang Dezember kam es zur Konfrontation mit der Polizei, dabei wurden sechs FPI-Mitglieder erschossen. Die Umstände werden von der nationalen Menschenrechtskommission Komnas HAM untersucht. Am 29. Dezember 2020 wurde die FPI durch einen Regierungserlass offiziell verboten, die FPI-Führung kündigte jedoch die Gründung einer neuen Organisation an.

Nationales Impfprogramm startet in Januar

Die wichtigste Aufgabe der neuen Regierung werden die erfolgreiche Durchführung des nationalen Impfprogramms gegen das Covid-19-Virus sowie die wirtschaftliche Wiederbelebung sein. Indonesien hat bereits 3 Millionen Dosen des chinesischen Impfstoffs Corona Vac erhalten, mit dem Beginn der Impfungen wird in der zweiten Januarwoche gerechnet. Um ausreichend Immunität für die 269 Millionen Indonesier zu gewährleisten, müssen mindestens 181 Millionen Menschen geimpft werden. Der neue Gesundheitsminister rechnet deshalb mit einem Bedarf von mindestens 426 Millionen Impfstoff-Dosen. Bislang wurden jeweils 100 Millionen Dosen von vier Impfstoff-Herstellern verbindlich bestellt: Pfizer-BionTech, AstraZeneca, Novavax und Sinovac. Hinzu kommen 16 Millionen Dosen über das internationale Verteilungssystem Covax-Gavi. Der staatseigene Pharmakonzern Bio Farma will wöchentlich 16 bis 17 Millionen Impfdosen des chinesischen Herstellers Sinovac produzieren.  Präsident Joko Widodo hofft, dass die Impfung der gesamten Nation bis März 2022 abgeschlossen werden kann.

Ansprechpartner

Jan Senkyr

Jan Senkyr bild

Leiter des Auslandsbüros Indonesien und Ost-Timor

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