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„Was in Kairo geschah, ist eine ernstzunehmende Warnung“

von Michael Mertes

Interview mit Dominique Moïsi

Am 9. September brach eine große Gruppe ägyptischer Demonstranten in die israelische Botschaft in Kairo ein. Dieser gewaltsame Vorfall scheint die Ansicht derjenigen zu bestätigen, die vor den Risiken des „Arabischen Frühlings“ gewarnt hatten. Wir baten Professor Dominique Moïsi, Autor des international beachteten Buches „Kampf der Emotionen: Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen“, uns seine Sichtweise darzulegen.

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Professor Moïsi, vor ein paar Monaten nannte der ehemalige sowjetische Dissident Natan Sharansky den „Arabischen Frühling“ ein „Fenster der Hoffnung“ - aber er fügte hinzu, dass es viele Kräfte gebe, die es wieder zuschlagen möchten (The Stakes in the Middle East). Werden wir nun Zeugen davon, dass die „Arabische Straße“ selbst zu diesen destruktiven Kräften gehört?

Es ist viel zu früh, um das zu sagen. Um zu verstehen, was heute in der arabischen Welt geschieht, ist der Vergleich mit der französischen Revolution die beste Methode. Revolutionen sind vom Wesen her lang andauernde und unübersichtliche Prozesse. Es wäre viel zu einfach zu sagen: „Siehst Du, ich habe dir doch gesagt, dass von dieser Revolution nichts Gutes kommen konnte!” Was in Kairo geschehen ist, ist eine ernstzunehmende Warnung, eine Erinnerung daran, dass die Ägypter schnelle Veränderungen wollen und Fortschritte in ihrem täglichen Leben erwarten. Gleichwohl machen sie ihrem Ärger Luft, indem sie die israelische Botschaft angreifen und die israelische Flagge verbrennen. Die “Arabische Straße” ist instabil und wechselhaft, aber lasst uns nicht voreilig eine Niederlage ausrufen. Zwar werden die Islamisten bei den nächsten Wahlen gut abschneiden, doch sollte man die Muslimbrüder nicht mit Al Qaida verwechseln.

Aus den „Arab Human Development Reports“ der Vereinten Nationen wissen wir, dass die internen Probleme der arabischen Staaten überwiegend hausgemacht sind. Wie erklären Sie sich, dass dennoch ein explosiver Antisemitismus und Hass auf Israel Teile der „Arabischen Straße“ antreibt?

Je freundlicher oder passiver arabische Regime gegenüber Israel waren – meistens um die Gunst Amerikas zu gewinnen – desto feindlicher waren die arabischen Gesellschaften Israel gesinnt. Sie wurden von ihren Regierungen gedemütigt und von deren „Distanz“ für die palästinensische Sache. Für diese Gesellschaften liegt das deutlichste Zeichen für Veränderung – weil sie von der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen enttäuscht sind – nur in der Außenpolitik, d.h. in der Beziehung ihres Landes zum jüdischen Staat. Selbstverständlich wäre es naiv, die Augen davor zu schließen, dass in der islamischen Kultur eine starke antisemitische Strömung existiert.

Was kann der Westen, was kann Israel gegen dieses Gefühl der Wut und des Hasses tun? Sind wir einfach hilflos?

Was Israel betrifft, so hat es einen „autistischen” Weg eingeschlagen, der den jüdischen Staat in einen Prozess der Selbstisolierung geführt hat. Aber auch die Palästinenser tragen eine große Verantwortung für diese Entwicklung, die auf folgende Art beschrieben werden kann: „Da sie mich nicht mögen, da sie mich niemals mögen und auch niemals akzeptieren werden, warum sollte ich also versuchen, nett zu ihnen zu sein?” Die israelische Unnachgiebigkeit basiert auf einer Kombination aus Pessimismus und nationaler – wenn nicht für einige auch religiöser - Ideologie. Natürlich war die zweite Intifada eine absolute Tragödie und ein großer Fehler. Eine Revolte nach dem Vorbild Ghandis, ein gewaltfreies Vorgehen, wäre nicht nur menschlicher, sondern höchst wahrscheinlich auch effizienter gewesen. Aber der Westen und Israel sollten überzeugt bleiben, dass eine Zwei-Staaten-Lösung, trotz aller bleibenden Schwierigkeiten, die Lösung, vielmehr die einzige Lösung ist. Langfristig ruht die Sicherheit Israels auf seiner Legitimität genau wie auf seiner militärischen Überlegenheit. Eine Wiederherstellung eines Gerechtigkeitssinns gegenüber den Palästinensern mag nicht ausreichend sein, ist aber trotzdem absolut notwendig, wenn die „Arabische Straße“ eines Tages die Existenz Israels anerkennen soll. Der Weg zum diesem Szenario führt über eine Zwei-Staaten-Lösung. Kurz vor einer symbolisch wichtigen Abstimmung in den Vereinten Nationen sollten sich alle westlichen Staaten fragen, welches Votum das Beste ist, um eines Tages eine Zwei-Staaten-Lösung zu erreichen.

Vielen Dank, Dominique Moïsi.

Die Fragen stellte Michael Mertes.

Übersetzung: Julia Bayer

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Dominique Moïsi MEDEF via Wikimedia Commons

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