Veranstaltungsberichte

Simulationsworkshop zu NATO und Energiesicherheit

KAS/HKI Workshop

Am 20. Juni 2008 nahmen 26 Studenten der Hebräischen Universität sowie zwei Gäste aus Deutschland und Großbritannien an der Simulation einer Sitzung des Nordatlantikrates der NATO zur Energiesicherheit teil. Die NATO-Botschafter traten zusammen, um über eine mögliche Reaktion der NATO auf Terrorangriffe gegen die Baku-Tiflis-Ceyhan- Pipeline (BTC) zu beraten. Die Regierung von Aserbaidschan hatte die NATO um Unterstützung bei der Sicherung dieser wichtigen Pipeline im Sinne der gemeinsamen Interessen von Produzenten, Transitstaaten und Verbrauchern gebeten.

Die Studenten des Europäischen Forums der Hebräischen Universität hatten zuvor an einem einmonatigen Onlinevorbereitungs- und Intensivkurs zu NATO und zum Thema Energiesicherheit teilgenommen. Der Fokus lag dabei auf der Rolle, welche die NATO in diesem Feld spielen könnte. Vorbereitungskurs und Workshop wurden von Tamir Sinai, Politikberater und regelmäßiger Gastreferent an der Hebräischen Universität, geleitet.

Das Thema, das eine der aktuell wichtigsten Herausforderungen für die NATO repräsentiert, wurde in Vorbereitung auf das Planspiel von den Studenten intensiv studiert. Die Studenten befassten sich eingehend mit den Positionen ihrer Länder zur Energiepolitik sowie mit deren Sichtweisen hinsichtlich der Frage, welche zusätzliche besondere Rolle die NATO in den bereits bestehenden Bemühungen anderer Foren wie etwa der EU spielen könne.

Am 12. Juni 2008 versammelten sich schließlich die Studenten, unter Beteiligung von Caroline Summers vom Selwyn College der Universität Cambridge und Sebastian Schäffer von der Universität Regensburg, in Beit Meiersdorf an der Hebräischen Universität in Jerusalem um die Situation in Aserbaidschan sowie allgemeine Themen zur Energiesicherheit zu diskutieren. Die Veranstaltung wurde offiziell von Elisheva Moatti, der Verwaltungsdirektorin des Europäischen Forums eröffnet. Sie begrüßte die Studenten und verdeutlichte die enorme Relevanz dieses Themas in einer globalisierten Welt, welche von einem freien und ausreichenden Energiefluss im Zuge des stetig anwachsenden Energiebedarfs abhängig ist.

Im Namen der Konrad-Adenauer-Stiftung Israel, die den Workshop gemeinsam mit der Hebräischen Universität organisiert hatte, begrüßte Catherine Hirschwitz die Teilnehmer und betonte das nachhaltige Interesse der Stiftung daran, den Meinungsaustausch zu beidseitig relevanten Themen zwischen israelischen und europäischen Studenten zu fördern. Anschließend begann das Planspiel und der „Generalsekretär“ erklärte die Sitzung für eröffnet.

Die Botschafter hatten zunächst die Gelegenheit, eine Eröffnungsrede zur Situation im Kaukasus zu halten, welche sich durch den Einmarsch russischer Truppenkontingente in die quasi-unabhängigen Republik Homia im Südosten Georgiens weiter verkomplizierte. Dieser Schritt verstieß gegen das Mandat der russischen Friedenstruppen in der Region. Diese Entwicklung, welche sich nur wenige Tage vor Beginn der Sitzung ereignete, erweiterte die Diskussion um einen geo-strategischen Faktor: Die Interessen Russlands konnten nicht ignoriert werden und sollten in hohem Maße die Verhandlungen des Tages beeinflussen.

Von Beginn an wurde deutlich, dass die Einstellungen unter den NATO-Staaten weit auseinander driften würden, wenn es um ihre Energieinteressen und deren Wahrung geht. Während einige der Botschafter ein entschiedenes Vorgehen - ungeachtet des russischen Säbelrasselns - vertraten, waren andere der Meinung, dass Energiesicherheit in der Region nicht ohne Einbeziehung Russlands erreicht werden könne.

Die Diskussionen wurden über den ganzen Tag weitergeführt, sogar während der Mittagspause. Formell wie informell wurde heiß debattiert bis der Generalsekretär, um starrsinnige Positionen und nebensächliche Detaildiskussionen einiger Bündnispartner zu überwinden, die Ultima Ratio der NATO-Entscheidungsfindung ausrief: die "silent procedure". Wenn bis zu einem festgelegten Zeitpunkt keiner der Bündnispartner eine schriftliche Ablehnung gegen den vorliegenden Erklärungsentwurf einreichte, würde der Generalsekretär verkünden, dass ein Konsens gefunden wurde. Mit der Billigung des Entwurfs entschieden sich die Bündnispartner für eine Sicherheitsunterstützende Mission in Aserbaidschan einschließlich Beratern, Aufklärungs- und Geheimdienstpersonal. Darüber hinaus wurden dringende und intensive Konsultationen im NATO-Russland-Rat vereinbart, um die Intentionen der NATO in der Region offenzulegen und Moskaus Befürchtungen zu beschwichtigen.

Nach der erfolgreichen Beendigung der Simulation nahmen die Studenten an einer Auswertungssitzung teil, um ihre gewonnenen Erkenntnisse zu dem Thema und der Methode der Simulation darzulegen und zu vertiefen. Die einhellige Meinung war, dass das zu Beginn eintönig wirkende Thema Energiesicherheit sich als äußerst herausfordernde und interessante Materie entpuppte. Desweiteren wurde die Gelegenheit, die Einstellung eines europäischen Landes zu Sicherheit und speziell zu Energiesicherheit zu erforschen, als spannend wahrgenommen. Die Möglichkeit die Simulation in Englisch und mit Kommilitonen aus Europa durchzuführen, wurde wiederholt begrüßt.

Insgesamt ermöglichte die Simulation den teilnehmenden Studenten ihr angeeignetes Wissen aus Online-Tutorium, Vorlesungen und selbstständiger Forschung aktiv zu nutzen und dabei ihre theoretischen Kenntnisse über die NATO, die Interessen seiner Mitglieder und das Fachgebiet Energiesicherheit in all seinen Facetten zu vertiefen. Es bleibt abzuwarten, ob und wenn ja wie die NATO reagiert, falls sie je dazu herausgefordert wird, eine Position zu diesem Thema einzunehmen, die über die jüngste Deklaration bei ihrem Gipfeltreffen in Bukarest hinausgeht.

Tamir Sinai, Politikberater, München

(Übersetzung: Jenny Hoffmann)