Veranstaltungsberichte

Internationale und Arabische Perspektiven zur aktuellen Wirtschaftskrise

Veranstaltungsformat: Internationaler WorkshopDatum/Ort: 19. Juni 2010, American University of BeirutKonzeption: Dr. Marcus Marktanner, Dr. Martin Beck Organisation: KAS Amman, American University of Beirut – Institute of Financial Economics

1. Programmübersicht

Samstag, 19. Juni 2010

Eröffnung

Dr. Simon Neaime - Geschäftsführender Direktor desInstitut für Wirtschaftswissenschaften, American University of BeirutBeirut – Libanon

PD Dr. Martin Beck - Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-StiftungAmman – Jordanien

Erste Sitzung: Die Wirtschaftskrise im Globalen Kontext

Die Wirtschaftskrise im Rückblick

Dr. Ibrahim Hassan Seif - Generalsekretär Rat für Wirtschaft und Soziales, Jordanien

Die heutige Schuldenkrise

Dr. Darius Martin - Professor, Institut für WirtschaftswissenschaftenAmerican University of Beirut, Beirut – Libanon

Moderator

Dr. Samir Makdisi - Professor, American University of Beirut,Beirut – Libanon

Zweite Sitzung: Nachwirkungen der Globalen Krise in der Arabischen Welt

Die Globale Finanzkrise und die Dubaikrise

Dr. Mohamed Ramady - Institut für WirtschaftswissenschaftenKing Fahd University of Petroleum and Minerals Dhahra – Saudi-Arabien

Wurde der Libanon von der Schuldenkrise verschont?

Dr. Youssef Khalil - Seniorchef Financial Operations Department, Banque du Liban, Beirut – Libanon

Dritte Sitzung: Perspektiven, Staaten, Märkte und Krisen

Die ordoliberale Perspektive

Dr. Marcus Marktanner - Professor,Institut für Wirtschaftswissenschaften,American University of Beirut,Beirut – Libanon

Herausforderungen für das Krisenmanagement in der Wirtschaft der Arabischen Welt

Prof. Dr. Fouad Hamadi Beseiso - Professor für internationale Wirtschaftswissenschaften, University of International Islamic Sciences,Amman – Jordanien

PD Dr. Martin Beck

Moderator, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-StiftungAmman - Jordanien

2. Zielsetzung

Während des von der KAS Amman und dem Institut für Wirtschaftswissenschaften der AUB am 19. Juni 2010 veranstalteten Workshops diskutierten Akademiker und Vertreter des Finanzsektors internationale und arabische Perspektiven der internationalen Finanz und Wirtschaftskrise. Hervorgehoben wurde die Fragestellung, ob die Krise auf ein Markt- oder Staatsversagen zurückzuführen sei.

Nach drei Jahrzehnten marktorientierter Reformen und Liberalisierungsbestrebungen weisen viele Entwicklungsländer effizientere Allokationsstrukturen auf, während soziale Entwicklungen auf der Strecke bleiben. Vielerorts stellt die ungleiche soziale Entwicklung wirtschaftliche Reformen in Fra-ge und führte zu politischer Instabilität. Die Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben diesen Prozess intensiviert.

Vor dem Hintergrund des weltweiten Konjunkturrückgangs, dem Versagen bestimmter Wirtschaftsbereiche, des Rückgangs des Konsumentenwohlstands, des Zusammenbruchs des US-Amerikanischen Subprime-Hypothekenmarktes und großer Finanzinstitute sowie der Baisse an den Aktienmärkten, mussten auch die Regierungen der Industrieländer Rettungsmaßnahmen zum Schutz ihres Finanzsystem ergreifen.

Nachdem die heftigste Phase der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise vorüber ist, ergreifen auch Staaten des Nahen Ostens Notfall- und langfristige Maßnahmen, um die Auswirkungen der Krise auf ihre Volkswirtschaften zu entschärfen.

An dem Workshop nahmen sowohl hochrangige Experten aus Theorie und Praxis als auch Journalisten, Analytiker und Studenten teil, die die Reaktionen verschiedener arabischer Länder auf die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise diskutierten.

3. Ablauf

Dr. Simon Naeime, geschäftsführender Direktor des Institutes für Wirtschaftswissenschaften der der AUB, und Dr. Martin Beck, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman, begrüßten die Experten und Teilnehmer. Sowohl Dr. Naeime als auch Dr. Beck betonten die Tatsache, dass die AUB als akademische Einrichtung zu kritischem Denken und öffentlicher Debatte in hohem Maße beitrage. Dr. Beck stellte heraus, dass der Workshop für ein besseres Verständnis der Gründe und Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen auf den arabischen Raum von Bedeutung sei. KAS Amman und AUB hätten besonderen Wert darauf gelegt, akademi-schen Experten der AUB und Entscheidungsträger des Finanzsektors zusammenzubringen.

In der ersten Sitzung gab Dr. Ibrahim Seif einen kurzen Überblick über die verschiedenen Reaktionen arabischer Länder auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Zu Beginn erklärte er, dass die arabischen Staaten aufgrund ihrer heterogenen Wirtschaftsstrukturen verschiedene Steuer-, Finanz-, Geld- und Fachpolitiken ergriffen hätten, um wirtschaftliches Wachstum zu sichern und die Auswirkungen der Krise abzuschwächen. Obschon die Krise die arabischen Staaten besonders in deren Außenhandelsvolumen, Heimatüberweisungen der Arbeitsemigranten, ausländischen Direktinvestitionen, Hilfszahlungen und Darlehen sowie in der Realwirtschaft und bei den Rohstoffpreisen getrof-fen habe, sei der Banksektor stabil und aufgrund der geringen Einbindung in die globalen Finanz-märkte wenig betroffen gewesen. Dr. Seif betonte, dass sich die Reaktionen der arabischen Länder mit Überschuss in der Handelsbilanz unterschieden hätten von den Reaktionen derjenigen Länder mit Defizit. Die Öl exportierenden Staaten des Golfko-operationsrates (GCC) wie Saudi-Arabien, Katar, Bahrain oder die VAE begegneten der Krise angesichts ihrer hohen Finanzkraft und relativ kleinen Bevölkerung in einer außergewöhnlich starken Position.

Weniger wohlhabende Länder wie Iran, Algerien oder Syrien sahen sich aufgrund ihrer schwächeren Haushalts- und Außenwirtschaftslage einem starken Rückgang ihrer Haushalts- und Handelsbilanzüberschüsse gegenüber. Länder, die vom Import, Export, ausländischen Direktinvestitionen und Tourismus abhängig seien, wären am stärksten von der Krise getroffen worden.

Angesichts dieser verschiedenen Ausgangspositionen seinen die Reaktionen der arabischen Länder auf die Krise sehr unterschiedlich und unkoordiniert ausgefallen. Regierungen hätten sich bei den Rettungsmaßnahmen auf nur wenige Sektoren konzentriert und den privaten Sektor kaum miteinbezogen. Dr. Seif folgerte, dass eine bessere Koordination der Finanz- und Geldpolitik seitens der Regierungen in Zukunft nötig sei, um sich den Herausforderungen der Finanzkrise stellen zu können.

Im Anschluss sprach Dr. Darius Martin in seinem Vortrag über den Zusammenbruch des US-Marktes für Subprime-Hypotheken und die wirtschaftliche Rezession. Ausgangpunkt seines Vortrages war die Annahme, dass die Krise der Subprime-Hypotheken durch neue Finanzinstrumente wie die Verbriefung von Kreditrisiken und Forderungen, d.h. deren Einkleidung in Wertpapiere, die dann am Kapitalmarkt platziert werden, ausgelöst wurde.

Bei der Verbriefung würden Banken Pools gleichartiger Aktiva, wie Hypothekenkredite, in handelbare Wertpapiere umwandeln und diese an eine allein für diese Transaktion gegründete Zweckgesellschaft (structured investment vehicle) veräußern. Die Zweckgesellschaft würde den Forderungsankauf (assets) durch die Emission von Wertpapieren (securities), die mit den Zahlungsansprüchen aus den Krediten besichert (backed) seien (Asset-Backed Securities), finanzieren. Zu diesen forderungsabgesicherten Papieren, die durch Vermögenswerte wie Hypotheken gesichert würden, gehörten unter anderem CDOs (Collateralised Debt Obligations). Dr. Martin verdeutlichte, dass Banken mit diesen neuen Finanzinstrumenten, die hypothekarisch forderungsbesicherte Wertpapiere beinhalteten (mortgage backed securities - MBS), Kreditrisiken auf eine Vielzahl von Investoren mittels durch die Aktiva gedeckte Wertpapiere verteilt hätten.

In 2005 erreichten US-Immobilenpreise ihren Höhepunkt und sanken anschließend rapide ab. Die fristengerechte Refinanzierung der Hypotheken sei mit den sinkenden Immobilienpreisen insbesondere für Einfamilienhaushalte schwierig geworden, da die variablen Hypotheken (adjustable-rate mortgages), den durch die veränderte Marktsituation bedingten Zinssteigerungen ausgesetzt gewesen seien. Dies habe zu Ausfällen im US-Markt für SubprimeHypotheken geführt und bedingt, dass die Indizes der mit diesen Hypotheken verbundenen Wertschriften massiv gefallen seien. Viele Banken, die CDOs besessen hätten, seien deshalb in Liquiditätsprobleme geraten.

Im Folgenden ging Dr. Martin auf die originate-to-ditribute Strategie ein und diskutierte die Grün-de der Initiatoren der Hypothekentransaktionen (mortgage originators), den Kreditnehmern das Geld nicht leichtfertig zu liehen. Zum einen müssten die Kreditinstitute die Kredite bis zur Erreichung eines für die Verbriefung notwendigen Um-fangs lagern. Zum anderen könnten Kreditinstitute die Kreditsachbearbeitung und das Management von Darlehen an ein unabhängiges Unternehmen (mortgage servicer) abgeben, das für eine bestimmte Gebühr die Kreditüberwachung, den Einzug von Tilgungen und Zinsen, das Mahnwesen und die Verwertung der Forderungsportfolios übernehme.

Dr. Martin verdeutlichte, dass das Risiko, das Kreditnehmer mit geringer Bonität (subprime bor-rowers) ihre Hypothekendarlehen nicht mehr vertragsgemäß bedienen könnten, seit dem Immobi-lienboom in den USA zwar gestiegen sei. Diese Risikosteigerung sei aber nicht der eigentliche Grund für die globale Finanz- und Wirtschaftskrise gewesen. Stattdessen, so Dr. Martin, sei die Krise durch einen Ansturm auf Repurchasement-Geschäfte Ende 2007 ausgelöst worden. Als die Komplexität der Verbriefungstransaktionen zunahm, seien sich Investoren unklar darüber gewesen, in wie weit sie dem Subprime-Risiko ausgesetzt gewesen seien. Dies führte zu einem Zusammenbruch der Zweckgesellschaften und einem massiven Anstieg der Repruchasement Geschäfte. Bei einem Repo-Geschäft handele es sich um den Verkauf von Wertpapieren zwischen zwei Parteien, der an eine gleichzeitige Rückkaufvereinbarung zu höherem Preis dieser gleichen Wertpapiere zu einem bestimmten vereinbarten Termin gebunden sei. Das Repo-Geschäft sei eine Art Kreditvergabe gegen ein liquides Instrument als Sicherheit mit einer Laufzeit von häufig nicht mehr als einer Nacht. Es bestehe jedoch das Risiko, dass der Wertpapierverkäufer oder Pensionsgeber (seller/borrower) zum Fälligkeitszeitpunkt in Zahlungsverzug geriete. In diesem Fall würde der Käufer, auch Pensionsnehmer (buyer/lender) genannt, die Wertpapiere behalten und diese liquide machen, um das geliehene Geld zurück zu gewinnen. Die Wertpapiere könnten indes seit Beginn des Repo-Geschäfts an Wert verloren haben, da diese der Marktvolatilität ausgesetzt seien. Nicht nur das Gegenpartei-Ausfallrisiko, also die Zahlungsfähigkeit des Repo-Sellers, sondern auch der mögliche Anteil an Subprime-Papieren des Repo-Sellers in der Rückkaufvereinbarung sei für die Pensionsnehmer problematisch gewesen. Dr. Martin folgerte, dass diese Risiken dazu geführt hätten, dass so genannte Repruchasement Haircuts, Sicherheitsabschläge auf die geliehene Summe, zugenommen hätten und die Banken mit massiven Barabhebungen belastet worden seien. Die starke Zunahme dieser Barabhebungen sei nach Ansicht Dr. Martins ein wichtiger Faktor gewesen, der die Wirtschaftskrise ausgelöst habe.

In der anschließenden Diskussion betonte Dr. Beck, dass der Staat eine wesentliche Rolle in der Bestimmung von Regulierungsmechanismen spiele, um Wirtschaftskrisen zu vermeiden. Er stellte Dr. Martins Ansatz in Frage, da er die Natur der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise als unvermeidbar interpretiere.

Dr. Ramady eröffnete die zweite Sitzung mit einer Präsentation über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die GCC-Staaten und Dubai. Obschon die meisten GCC-Staaten die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich spürten, hätten sie von ihren während des Ölpreisbooms von 2003-2008 angesparten Reserven profitiert und die anfänglichen Auswirkungen ignoriert. Die Rohölpreise erreichten im Juli 2008 ein Rekordhoch von 147 US-Dollar pro Barrel, während sie ab August 2008 drastisch abfielen. Die arabischen Ölexportländer würden nun unter einem spürbaren Rückgang des Wirtschaftswachstums und einer geringeren Ölnachfrage leiden.

Angesichts mangelnder Koordination hinsichtlich geldpolitischer Maßnahmen und staatlicher Hilfeleistungen für Investoren seien die GCC-Staaten von den Folgen der internationalen Krise nicht ver-schont worden. Die staatlichen Interventionen hätten sich deutlich in den einzelnen GCC-Staaten voneinander unterschieden und meist zu einer Umstrukturierung und zum Stillstand des Bankensektors geführt. Da viele Regierungen und Institutionen der GCC-Staaten in westliche Märkte investiert hätten, seien diese aufgrund der Vernetzung mit den westlichen Märkten von der Krise stark getroffen worden.

Dr. Ramady erklärte, dass insbesondere Dubai den Veränderungen internationaler Finanzmärkte am stärksten ausgesetzt sei und dass sich Dubais Instabilität auf die Situation anderer GCC-Staaten auswirke. Die Erklärung Dubais vom 25. November 2009 zeige deutlich, wie stark Dubai die Auswirkungen der internationalen Finanzmarktkrise wahrgenommen habe. Als sich die Märkte stabilisierten, sei zwischen einem Dubai-Risiko und dem Risiko anderer GCC-Staaten unterschieden worden. Diese Antwort auf Dubais Krise habe sich anschließend im Anstieg der Dubai Credit Default Spreads widergespiegelt, die um 160 Basispunkte anstiegen, als Abu Dhabis Banken mit Finanzhilfen Dubai vor dem Ruin retteten.

Dr. Ramady verdeutlichte, dass die finanzielle Reputation Dubais stark von einem Mangel an Transparenz in der Zusammenarbeit zwischen Abu Dhabi und Dubai gelitten habe. So seien in den Darlehensberichten nur fünf anstelle von zehn Milliarden US-Dollar vermerkt worden, was das Vertrauen der Investoren und anderer GCC-Staaten stark beeinträchtige. Dr. Ramady hob hervor, dass aufgrund der Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise die GCC-Staaten aktiveren Staatsinterventionismus und die Regulierungsfunktion des Staates unterstützen würden. Die GCC-Staaten müssten von einer Laissezfaire-Wirtschaftspolitik zu einer transparent regulierten Politik übergehen.

Zuletzt betonte Dr. Ramady die Bedeutung der wirtschaftlichen Verflechtung der GCC-Staaten mit Ostasien. Nachdem die VAE im Mai 2009 aus der geplanten Währungsunion am Golf ausgestiegen seien und die gemeinsame Währungsunion gescheitert sei, würden sich die GCC-Staaten nun mehr auf eine Zollunion, Vereinbarungen zur Arbeitsmobilität und die Regulierung der Finanzinvestitionen konzentrieren.

Dr. Youssef Khalil, Seniorchef des Financial Ope-rations Department der Banque du Liban, sprach im Anschluss an Dr. Ramadys Vortrag über die Situation der libanesischen Wirtschaft seit Beginn der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die libanesische Wirtschaft sei in der Lage gewesen, den Auswirkungen der Krise trotz p olitischer und finanzieller Instabilität entgegenzuwirken. Angesichts der vorsichtigen Geldpolitik habe der Libanon ein außergewöhnlich hohes Wirtschaftswachstum, eine solide Preisstabilität, einen beispiellosen Zuwachs in Bankeinlagen und Rekordüberschüsse in der Zahlungsbilanz erlebt. Zudem seien ausländische Direktinvestitionen im Libanon auf 3,61 Milliarden US-Dollar 2008 angestiegen, was im Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg von 32% entspreche. Auch nach dem Konkurs von Lehman Brothers seien weitere Investitionen im Libanon getätigt worden.

Dr. Khalil erklärte, dass der Schlüssel zum Vertrauen der Investoren im bemerkenswert sicheren Investitionsumfeld und angesehenen Bankensektor liege. Die Zentralbank würde außerdem über hohe Währungsreserven verfügen und den Bankensektor streng kontrollieren. Die Zentralbank schätze das Wirtschaftswachstum für 2011 auf 6%, während 2010 sogar 8% erreicht wurden. Aufgrund des steigenden Misstrauens gegenüber internationalen Banken profitiere die Volkswirtschaft zusätzlich von hohen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland. Des Weiteren habe die libanesische Zentralbank verboten, in strukturierte Finanzprodukte zu investieren, um die heimischen Banken vor einer Kreditkrise zu schützen. Die Banken hätten während der Krise hohe Profitraten verzeichnen können, da sie aufgrund des Verbots nicht in Hedge Fonds und andere strukturierte Finanzprodukte investieren konnten.

Dr. Khalil bemerkte, dass die Zentralbank für 2010 einen weiteren Rückgang der öffentlichen Verschuldung voraussage, da die Zinsen gefallen und die Wirtschaft weiter gewachsen sei. Die Staatsverschuldung sei von 170% des BIP 2007 auf 140% 2010 gesunken. Die absolute Summe der Staatsschulden würde nun nur noch 49,5 Milliarden US-Dollar ausmachen.

Er beendete seinen Vortrag mit der Aufzählung einiger wichtiger struktureller Probleme, wie zum Beispiel die geringe Produktivitätsrate, die veraltete Infrastruktur und den hohen Anteil des Bauwesens am öffentlichen Sektor. Dr. Khalil kam zu dem Schluss, dass der Libanon trotz jener strukturellen Probleme die Fähigkeiten besitze, die Schulden des öffentlichen Haushaltes zu bewältigen.

Dr. Markus Marktanner eröffnete die dritte Sitzung mit einem Vortrag über die grundlegenden Ideen des Konzepts des Ordoliberalismus als philosophisches Fundament der Sozialen Marktwirtschaft. Er gründete seine Analyse auf die Hypothese, dass Wirtschaftskrisen nicht durch Marktversagen ausgelöst würden. Vielmehr gehe einem Versagen des Marktes ein Versagen des Staates voraus. Deshalb sei eine gut konzipierte Marktstruktur (wie es der Ordoliberalismus vorgibt) von zentraler Bedeutung.

In seinem Vortrag konzentrierte sich Dr. Markus Marktanner auf die Hauptpunkte ordoliberalen Denkens. Er erklärte, dass dem Ordoliberalismus zufolge der Staat die notwendigen Voraussetzun-gen für einen konkurrenzfähigen freien Markt schaffen und aufrechterhalten müsse. Durch einen staatlich nominierten Ordnungsrahmen sichere der Staat die Aufrechterhaltung und den Schutz des freien Wettbewerbs, indem die Konzentration von Marktmacht sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich verhindert werde.

Zusätzlich zu dieser Monopolverhinderung würde die Wirtschaftspolitik des Staates ein stabiles Preissystem und eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes generieren.

Der Ordoliberalismus verbinde daher konstitutive Prinzipien (Geldwert- und Preisniveaustabilität, offene Wettbewerbsmärkte, Privateigentum, Vertragsfreiheit, Haftung und konstante Wirtschaftspolitik) und regulative Prinzipien (Monopolüberwachung, Umverteilung, Internalisierung von externen Effekten, Anti-Trust-Gesetze und staatliche Maßnahmen gegen ein nicht normales Arbeitsangebot). Das Konzept beinhalte des Weiteren staatlich regulierende Prinzipien, die die Organisation des Staates definierten sowie zusätzliche Prinzipien für die Interaktion von Staat und Privatwirtschaft.

Anhand der weltweiten Nahrungsmittelkrise, die 2007 in Südasien, Afrika und dem Nahen Osten ausgebrochen ist, erklärte Dr. Marktanner das staatliche Versagen, das der Krise vorangegangen sei. Mit Agrar-Subventionen hätten Staaten die Preise ihrer Waren gesenkt, um die Agrarindustrie vor Konkurrenz von außen zu schützen. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe seien aus dem Markt gedrängt worden, da die Weltmarktpreise für Agrarprodukte künstlich niedrig gehalten und nicht subventionierten Produkte anderer Länder konkurrenzunfähig gemacht worden seien.

Dasselbe gelte auch für die Subventionierung von Biokraftstoff. Landwirte seien aufgrund der Subventionen dazu gebracht worden, ihre Produktion von Lebensmittel auf Ethanol umzustellen. Dies habe zu einer massiven Verringerung des Lebensmittelangebots und zu einer Steigerung der Lebensmittelpreise geführt. Dr. Marktanner erklärte weiter, dass die Krise ohne Landwirtschafts-und Biokraftstoffsubventionen nicht dasselbe Ausmaß angenommen hätte. Er schlussfolgerte, dass der Ordoliberalismus wichtige wirtschaftspolitische Prinzipien mit gesellschaftspolitischem Grundlagenanspruch biete und die Schwächen staatlichen Handelns und Staatsversagen identifiziere.

Im Anschluss sprach Dr. Beseiso über die Herausforderungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, denen sich die arabischen Volkswirtschaften zu stellen haben. Er betonte zu Beginn, dass sich die Krise von einer Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise und schließlich zu einer entwicklungspolitischen Krise entwickelt hätte.

Danach ging er auf verschiedene Probleme der ESCWA-Mitgliedsstaaten (Ägypten, Bahrain, Irak, Jemen, Jordanien, Katar, Libanon, Oman, Palästina, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate) ein. Besonders soziale und politische Stabilität, eine gute und effektive Regierungsführung und Umweltmanagement sowie finanzielle und strukturelle Schwächen hätten einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg einer nachhaltigen Entwicklung in der Region. Arabische Staaten hätten im letzten Jahrzehnt große Anstrengungen zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung unternommen und hätten diverse Maßnahmen ergriffen, um leistungsfähigere Institutionen und Instrumente zu schaffen.

Viele Indikatoren zeigten jedoch auf, dass die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftsstrukturen der arabischen Staaten gehabt hätte. Das Wirtschaftswachstum sei von durchschnittlich 6% 2008 auf 2-9% 2009 herabgesunken. Die Privatwirtschaft sehe sich aufgrund eines neuen Trends konservativer Kreditvergaberichtlinien und des von Mitte bis Ende 2008 von 150 auf 40 US-Dollar gefallenen Ölpreises Finanzierungsproblemen gegenüber.

Dr. Beseiso fügte hinzu, dass die ausländischen Direktinvestitionen 2009 um 32% auf 19,2 Milliarden US-Dollar zurückgegangen seien und die diversifizierteren Volkswirtschaften wie Ägypten, Jordanien, Libanon, Marokko und Tunesien unter der Rezession in den Exportmärkten der Europäi-schen Union gelitten hätten.

Dr. Beseiso zitierte anschließend den geschäftsführenden Direktor des IWF, Dominique Strauss-Kahn, der auf die Tatsache hingewiesen habe, dass die Wirtschaftskrise eine Chance für Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik sei, um ein Klima des Friedens und des Wohlstandes zu schaffen und Konflikte und Stagnation vorzubeugen, indem die zentralen Schwächen des Finanzsektors behoben würden.

Dr. Beseiso folgerte, dass die arabischen Entscheidungsträger multisektorale und nachhaltige Entwicklungsstrategien umsetzen müssten, um eine nachhaltigere Entwicklung zu fördern. Außerdem müssten Politikstrategien, die die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Region berücksichtigten, zur Bekämpfung struktureller Probleme im Bereich der menschlichen Entwicklung formuliert werden.

In der abschließenden Diskussionsrunde diskutierten die Experten die Rolle und die Methoden des IWF. Einige Experten merkten kritisch an, dass obschon viele der IWF Hilfsmaßnahmen nicht auf die Bedürfnisse aller Länder gleichermaßen zuge-schnitten seien, der IWF dennoch behaupte, seine Vorgehensweisen seien überall effektiv.

4. Fazit

Der Workshop der KAS in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftswissenschaften der American University of Beirut zeigte, dass unter den Experten keine Einigkeit darüber besteht, ob die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise durch ein Markt- oder Staatsversagen ausgelöst wurde. Einige Experten, wie Dr. Marktanner, argumentierten, dass es keine Wirtschaftskrise ohne vorhergehende Verletzungen der Prinzipien des Ordoliberalismus gebe und Krisen auf mangelhafte Regulierung des Staates zurückgeführt werden könnten. Andere, wie Dr. Martin, verwiesen auf die Tatsache, dass die Finanzkrise hauptsächlich durch neue Finanzinstrumente (mortgage backed securities, collateral debt obligations, credit default swaps), die den US-Börsenhandel zum Einsturz brachten und anschließend andere Volkswirtschaften weltweit ansteckten, ausgelöst wurde. Dr. Martin zufolge seien die Gründe und Auswirkungen von Krisen unausweichlich und müssten als solche akzeptiert werden.

Der Workshop brachte Experten aus akademischen Bereichen und Experten aus dem Finanzsektor zusammen. Das Publikum umfasste Wissenschaftler anderer akademischer Einrichtungen, Vertreter wichtiger Interessengruppen, Analytiker, Journalisten sowie Studenten der AUB, die sich aktiv mit Fragen zu den Gründen und Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise in den arabischen Ländern an der Veranstaltung beteiligten. Die Experten boten den Teilnehmern wichtige Hintergrundinformationen über die Krise und Krisenstrategien verschiedener arabischer Länder.Der Workshop hob die Bedeutung solch eingehender Diskussionen über die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hervor. Vertiefende Diskussionen über die Ursachen und Hintergründer der Krise dienen nicht nur zur Beurteilung der Auswirkungen auf die Region, sondern auch zur Erörterung möglicher Politikstrategiewechsel, um die Probleme globaler Ungleichgewichte bearbeiten zu können.

Die Gesamteinschätzung des Workshops war sehr positiv und sowohl die Teilnehmer als auch die Experten schätzten die offene Debatte über die Ursachen, Hintergründe und Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise.