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Länderberichte

Der Anfang vom Ende der FARC?

von Dr. Carsten Wieland

Kolumbiens Guerilla steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte

Einige sehen schon das Ende der Guerilla nahe. Ideologisch ist sie völlig ausgehölt. Doch letztendlich wird eine politische Lösung gefunden werden müssen. Die Regierung hat in den vergangenen Monaten kreative Vorschläge auf den Tisch gelegt.

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Von Dr. Carsten Wieland,

Landesbeauftragter der Konrad Adenauer Stiftung in Kolumbien

Der März 2008 war der schwärzeste Monat in der 44-jährigen Geschichte der FARC. Nur innerhalb von 26 Tagen verloren die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens fast die Hälfte ihrer historischen Führungsfiguren; allen voran ihren Gründer und Anführer alias Manuel Marulanda, daneben ihre Nummer zwei und Pressesprecher, alias Raúl Reyes, und ein weiteres Mitglied des siebenköpfigen Sekretariats, alias Iván Rios. Zudem ergab sich im Mai alias Karina den kolumbianischen Behörden, eine der meistgesuchten und gefürchteten Guerilla-Kommandantinnen, die für zahlreiche Massaker und Entführungen verantwortlich gemacht wird. Nach Regierungsangaben haben sich alleine in den ersten Monaten dieses Jahres mehr als 1500 FARC-Kämpfer ergeben. Seit 2002 sollen es insgesamt mehr als 9000 sein.

Marulanda, der Ende der 90er Jahre von den kolumbianischen Medien noch als einer der zehn mächtigsten Männer des Landes bezeichnet wurde, starb mit geschätzten 76 Jahren während der tiefsten Krise seiner Bewegung einsam in einer Kampfzone im Urwald im Süden des Bundesstaates Meta. Ob der schon häufig tot Gesagte am 26. März einem Infarkt erlag, wie die Guerilla mitteilte, oder während eines Bombardements der Armee fiel, was die Regierung für möglich hält, spielte am Ende keine Rolle mehr. Zum Zeitpunkt seines Todes war Marulanda (auch bekannt unter „Tirofijo“: Sicherer Schuss) bereits eine verklärte, mythische Figur, welche die FARC nur noch symbolisch zusammen hielt. Und er war heftigen Angriffen der kolumbianischen Armee ausgesetzt.

Raúl Reyes wurde in einem Nachtangriff des kolumbianischen Militärs knapp jeneits der Grenze in Ekuador am 1. März getötet, was zu einer regionalen Krise zwischen Kolumbien einerseits und Ekuador und Venezuela andererseits führte. Iván Rios wurde am 3. März von seinem eigenen Vertrauten und Leibwächter umgebracht, der sich anschließend den Behörden stellte.

Während der gescheiterten Friedensverhandlungen mit der konservativen Regierung Andrés Pastrana (1998-2002) erlebten Marulanda und andere Führungspersonen wie Reyes ihren politischen Zenith in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Die Chance, Einfluss auf die politischen Entwicklungen in Kolumbien zu nehmen, hat Marulanda damals verpasst. Das Blatt Papier, das ihm der verzweifelte Präsident Pastrana kurz vor dem Scheitern der Verhandlungen in San Vicente del Caguan auf den Plastiktisch im Dschungel legte mit der Bitte, doch endlich seine konkreten politischen Forderungen an den kolumbianischen Staat aufzuschreiben, ist bis heute leer geblieben. Ähnlich wie Yassir Arafat starb der Guerilla-Führer isoliert und ohne einen eigenen Staat in Reichweite. Im Juni 2001 wurde Marulanda zum letzten Mal öffentlich gesehen, als er mit der Regierung Pastrana einen Gefangenenaustausch aushandelte.

Marulanda hatte schon einmal als Wortführer der FARC nach außen Friedensverhandlungen geführt unter der Regierung Belisario Betancourt 1982-84. Damals gründeten ehemalige FARC-Kämpfer die Union Patriotica als politische Partei. Ihre Existenz wurde jedoch durch gezielte Morde von Seiten der Paramilitärs in den folgenden Jahren ausgelöscht.

Das Denken Marulandas, der inmitten von Kolumbiens Kaffee-Plantagen aufwuchs, stammte aus den Rebellen-Kämpfen Chinas und Vietnams. Geprägt wurde es auch durch die Violencia, den Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen von 1948 bis 1958 in Kolumbien. Mit einigen loyalen Bauernfamilien zog er sich nach den blutigen Konfrontationen in die Berge von Tolima südlich von Bogotá zurück. Als 1964 die Armee in einer überhasteten Aktion das Dorf Marquetalia bombardierte, in dem sich Marulanda aufhielt, gründete Marulanda die FARC für den Kampf gegen Großgrundbesitzer und die ungerechte Landverteilung. Nach dem Tod des politischen Ideologen Jacobo Arenas wurde der stämmige Guerillero in den 90er Jahren der unangefochtene Anführer, der die FARC über den Zerfall des real existierenden Sozialismus hinaus rettete als bis zur Unkenntlichkeit verwässerte Version der Rebellengruppe von 1964.

Angesichts der erlittenen Schläge vom März 2008 teilte die FARC überraschend schnell zwei Monate später einen Nachfolger mit. Alias Alfonso Cano (59), Soziologe und bisheriger Chef-Ideologe, gehört zu den Marxismus-Studenten aus der Mittelklasse Kolumbiens, die sich der Guerilla aus ideologischer Überzeugung anschlossen. Er wurde als Sohn eines Agraringenieurs und einer Lehrerin geboren und stieß Anfang der 80er Jahre zur FARC.

In der Bewertung von Marulandas Nachfolger sind sich die Experten uneinig. Die einen sehen in seiner Ernennung eine Hoffnung auf einen politischen Dialog, der mit dem Bauernführer Marulanda und dem militärischen Flügel der FARC nicht möglich war und mit dem noch lebenden Hardliner und der jetzigen Nummer zwei, alias Mono Jojoy, ebenso wenig denkbar erscheint. Andere berufen sich auf frühere Interviews Canos (z.B. in The Economist im Jahr 2001), in denen er sich als steinharter Marxist gerierte mit dem Ziel, den kolumbianischen Staat gänzlich zu besiegen und abzuschaffen. Eine politische Lösung schloss er damals aus.

Canos Herausforderung wird sein, den Zerfall der FARC-Fronten aufzuhalten, nachdem die Autorität des alten Patrons Marulanda fehlt. Die Regierung traut Cano zu, politische Führungsstärke zu zeigen, die der Greise Marulanda am Ende seiner Tage vermissen ließ. „Deshalb müssen wir unsere Anstrengungen im Kampf gegen die FARC noch verstärken“, sagte Präsidentenberater José Obdulio Gaviria Ende Mai in der Diskussion mit Deserteuren der FARC in der Konrad Adenauer Stiftung in Bogotá. Seiner Ansicht nach könne nicht mehr von der FARC als Ganzes die Rede sein, sondern nur noch von verschiedenen Fronten.

Einige Analysten vergleichen die Situation der FARC mit der des Leuchtenden Pfads (Sendero Luminoso) in Peru. Nach militärischer Härte der Regierung Fujimori und schließlich der Verhaftung des historischen Anführers Abimael Guzmán 1992 fiel die Guerilla-Gruppe auseinander. Zwar gebe es Unterschiede zwischen beiden Rebellen-Gruppen, wie die traditionelle militärische Stärke der FARC in den Regionen unabhängig vom Charisma des Guerilla-Chefs. Doch könne ein mögliches Szenario dem Perus ähneln, in dem ein paar hundert versprengte Guerilleros weiterhin im Urwald ihr Unwesen treiben, jedoch für die Politik des Landes und das Leben der Menschen nicht mehr viel Bedeutung haben, schrieb Román Ortiz der Stiftung Ideas para la Paz in der Zeitschrift Semana.

Seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres haben die FARC einen Schlag nach dem anderen hinnehmen müssen. Die regionalen Anführer alias Acacio und alias Martín Caballero fielen im Kampf mit der Armee, und alias Martin Sombra wurde verhaftet. Einige der rund 50 Fronten sind kopflos oder in Auflösung begriffen. Die Politik der Demokratischen Sicherheit des Präsidenten Alvaro Uribe zeigt nach sechs Jahren ihre greifbarsten Erfolge. Während Uribe in seiner ersten Amtszeit fast ausschließlich auf eine militärische Schwächung der Guerilla setzte, und gleichzeitig mit den Paramilitärs eine kollektive Entwaffnung aushandelte, setzt der Präsident nun aus einer Position der Stärke heraus zunehmend „Soft-Power“ ein. Er hat Anreize geschaffen, um Guerilleros einen Ausstieg zu ermöglichen oder Angebote an die FARC-Spitze gemacht, eine temporäre Begegnungszone einzurichten, um Friedensverhandlungen auszuloten. Er hat Bereitschaft gezeigt, die FARC bei ernsthaften Friedensgesprächen nicht mehr als Terroristen zu bezeichnen und sich mit ihren Führern sogar im Urwald zu treffen. Uribe II zeigt deutlich mehr Kreativität im Bemühen um eine endgültige – auch politische - Lösung des Konflikts als Uribe I, dessen harte Hand den Weg zu diesem Spielraum ermöglicht hat.

Zu den wachsenden Desertierungen von FARC-Mitgliedern im Feld kommt ein weiteres, im Ausland weniger beachtetes Phänomen. Mehrere hundert Ex-Kämpfer der FARC in den Gefängnissen des Landes haben erklärt, sie wollten nicht mehr in die Reihen der Guerilla zurückkehren. Die meist jungen Männer möchten auch nicht gegen FARC-Geiseln ausgetauscht werden, sollte es zu einem solchen Deal mit der Regierung kommen. Diese Bewegung der FARC-Häftlinge nennt sich „Manos por la Paz.“ Vertreter von ihnen wurden in den vergangenen Wochen zu Podiumsdiskussionen der Konrad Adenauer Stiftung in Bogotá eingeladen, um den heutigen Charakter der FARC zu skizzieren. Ihre Innensicht der ältesten Guerilla-Gruppe des Kontinents offenbart tiefe Risse in der Organisation, die auch zunehmend in der Presse Kolumbiens analysiert werden.

Ehemalige FARC-Kämpfer, darunter regionale Führer, bestätigen, dass es innerhalb ihrer Reihen nie einen politischen Diskurs gegeben habe. In der Guerilla, die sich nach eigenem Selbstverständnis als revolutionär marxistisch betrachtet, herrscht ideologische Leere bis auf einige Artikel auf der FARC-Website mit veralteten marxistischen Diskursen. Die Maske ist gefallen. Drogenhandel, Erpressung und Entführungen haben die FARC von einer Bewegung mit durchaus sozialem und politischem Anliegen in den 1960er Jahren zu einer terroristischen Bewegung verkommen lassen, der die inhaltliche Orientierung fehlt. Immer mehr Angehörige der Guerilla verlieren Glauben und Sinn ihres aufopfernden Kampfes im Urwald. Ihr Alltag wird zunehmend rauer, nachdem die Regierungstruppen die Guerilla-Fronten weitab in hohe Gebirge oder tiefen Urwald verdrängt haben.

Deserteure berichten von Hunger und Angst, selbst in die nächstgelegenen Dörfer zu gehen, um Essen zu besorgen. Denn ein weiterer Faktor schwächt die FARC: Sie hat jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verloren und kann daher nicht mehr auf eine Zusammenarbeit mit Dorfbewohnern setzen. Selbst mit Drohungen können sie nicht mehr ausschließen, dass Spitzel sie verraten. Die Kolumbianer in den Städten haben zuletzt in einem Marsch von mehreren Millionen Menschen am 4. Februar deutlich gemacht, dass sie die Gewalt der FARC und anderer illegaler Gruppen verabscheuen. Laut Umfragen haben nur ein Prozent der Kolumbianer ein positives Bild von der FARC. Gruppen in anderen Teilen der Welt wie im Nahen Osten, die auf der internationalen Liste der Terroristen stehen, können meist auf einen größeren Rückhalt in der Zivilbevölkerung zählen als die Guerilla im ältesten Binnenkonflikt Lateinamerikas.

Alleine die Zahlen legen offen, wie es im Innern der Guerilla bestellt sein muss. In der Zeit ihrer Blüte in den 90er Jahren wurden der FARC an die 20.000 Kämpfer zugeschrieben. Inzwischen sind einige Schätzungen auf bis zu 8000 Mann gesunken (exakte Zahlen sind offensichtlich schwer festzumachen). Betrachtet man die Zahl der Deserteure von etwa 9000 seit dem Amtsantritt von Uribe 2002 und zählt man die 3840 gefallenen FARC-Kämpfer in den vergangenen drei Jahren hinzu, wird klar, welch starke Fluktuation in den Rängen der Guerilla herrschen muss. Zwangsrekrutierungen von Teenagern gehören zum Alltag und sind für die Gruppe unentbehrlich geworden. Das geht auf Kosten der internen Kohärenz und Loyalität.

Hinzu kommt, dass die Kommunikation zwischen den FARC-Fronten lebensgefährlich geworden ist und kaum noch auf der Ebene von Satelliten-Telefonen stattfinden kann. Auch Raul Reyes konnte wegen seiner Telefongespräche (und mit Hilfe von lokalen Spitzeln) geortet werden. Sein letztes Satellitengespräch führte er nach Angaben der kolumbianischen Regierung zwei Tage zuvor mit Venezuelas Präsident Hugo Chavez. FARC-Führer Ivan Rios, der von seinem eigenen Vertrauten nach auszehrenden Kämpfen mit der Armee ermordet wurde, hatte zwei Jahre keinen physischen Kontakt mehr mit den anderen Mitgliedern des FARC-Sekretariats, behauptet die Regierung nach Auswertung der Daten aus Rios’ Laptop.

Präsidentenberater José Obdulio Gaviria ist der Meinung, die FARC seien nach außen hin in den vergangenen Jahren mehr oder minder eine Show des getöteten Pressesprechers Raul Reyes gewesen, der selbst E-Mails im Namen des greisen Anführers Marulanda verfasst haben soll. Welche Details sich auch immer bewahrheiten mögen und aus den sicher gestellten Laptops von Reyes und Rios ans Tageslicht treten, kaum zu leugnen ist die Tatsache, dass die FARC heute aus einer Zahl versprengter Fronten besteht, die um ihr Leben kämpfen, kaum Kontakt zueinander haben und sich teilweise nur noch auf venezolanischem und ekuadorianischem Territorium sicher fühlen können.

Die FARC sind nach den Worten des ehemaligen Friedensunterhändlers der Regierung Pastrana, Camilo Gómez, eine Kampftruppe, die mit Mitteln des 19. Jahrhunderts gegen eine moderne Armee des 21. Jahrhunderts kämpft. Der kolombianische Staat besitzt zwar, anders als zum Beispiel Venezuela, keinen einzigen Panzer, ist aber mit Helikoptern, Nachtsicht- und Abhörgeräten aus den USA gut für den asymmetrischen Kampf gegen die illegalen Gruppen im Land gerüstet. Uribe hat seit seinem Amtsantritt die Sicherheitskräfte um ein Drittel auf 270.000 aufgestockt, einschließlich 80.000 professionellen Elite-Soldaten zum Teil in mobilen Einheiten. Das Land ist der drittgrößte Empfänger von US-Hilfe nach Israel und Ägypten.

International ist es Uribe gelungen, die FARC zu isolieren und US-Amerikaner sowie Europäer davon zu überzeugen, die Guerilla-Gruppe auf die internationale Liste der Terroristen zu setzen. In seinem letzten Kommuniqué an seine Truppen vom 24. Dezember 2007 hatte Marulanda genau dies zum Thema gemacht. Die FARC müssten wieder als Kriegspartei anerkannt werden, eine Forderung die Venezuelas Präsident Hugo Chávez im folgenden Januar auf Bitten Marulandas aufgriff. Doch kein einziges Land (außer Nikaragua) unterstützte dies. Bisher hat auch nur Nikaraguas Präsident Daniel Noriega den Tod Marulandas offiziell bedauert. Chávez, der eine enge Verbindung zu Marulanda hatte und durch Informationen aus den Laptops von Reyes der Zusammenarbeit mit der FARC international überführt worden ist, hielt sich auffällig bedeckt.

Rätselhaft bleibt, wie die Guerilla in ihrem derzeitigen Zustand hunderte von Geiseln in ihrer Gewalt halten kann. Immer noch steht die Zahl von 700 FARC-Geiseln im Raum. Angesichts der Tatsache, dass laut Experten etwa 20 Guerilleros nötig sind, um eine Geisel zuverlässig zu bewachen und in tagelangen Märschen durch den Urwald zu führen, scheint diese Zahl jedoch etwas hoch gegriffen. Wahrscheinlich ist, dass einige Geiseln in Haft gestorben, auf anderem Weg verschollen oder frei gekommen sind. Steigendes Misstrauen der FARC-Kämpfer untereinander macht eine hohe Zahl von Bewachern nötiger denn je.

Mit Desertierungen müssen die FARC täglich rechnen, besonders nach der gestiegenen Anstrengung der Regierung, höhere Belohnungen für Verrat auszuschreiben, einen sanften Ausstieg zu ermöglichen und Wiedereingliederungshilfen anzubieten. Hinzu k ommt, dass Kolumbien heute ein weitaus sicheres Land geworden ist, in dem ehemalige Kämpfer zwar weiterhin von ihren eigenen Reihen bedroht werden können, die Möglichkeit eines „normalen Lebens“ jedoch wahrscheinlicher geworden ist als früher. Zumindest aus den Städten ist der Konflikt verbannt, während vor sechs Jahren noch die FARC bei der Vereidigung von Präsident Uribe Granaten auf den Regierungspalast in Bogotá abfeuern und die Berghänge um Bogotá bedrohlich belagern konnten. Auch die urbanen Zellen der FARC scheinen nicht mehr zu funktionieren. Heute können sich die meisten Kolumbianer zumindest auf den Hauptstraßen wieder frei in ihrem Land bewegen. In einigen Gebieten sind es jetzt eher Landminen, die von der FARC gelegt werden und Dorfbewohner bedrohen, als die physische Präsenz der Guerilla.

Die Regierung hat als zusätzlichen Demobilisierungsanreiz im März angekündigt, das Gesetz Gerechtigkeit und Frieden auch auf ehemalige FARC-Kämpfer anzuwenden. Dieses Gesetz wurde ursprünglich für den Demobilisierungsprozess der Paramilitärs geschaffen. Danach erhalten Mitläufer Straffreiheit, die keine größeren Verbrechen begangen haben. Die Anführer und Verantwortlichen für Massaker und Entführungen bekommen eine Maximalstrafe von acht Jahren Gefängnis, sofern sie mit den Justizbehörden kooperieren, die Wahrheit sagen und den Opfern Entschädigung aus ihrem angehäuften Vermögen zukommen lassen. Wer nicht kooperiert, muss damit rechnen, aus der Transitionsjustiz ausgeschlossen zu werden. Erst im Mai ließ Präsident Uribe 14 Ex-Paramilitärs in die USA ausweisen, die nicht zufriedenstellend kooperierten und von den US- Behörden wegen Drogenhandels gesucht werden.

Prominentester Fall eines FARC-Kämpfers im Prozess Gerechtigkeit und Frieden ist nun Karina. Die 45-Jährige ist das bisher höchstrangige Mitglied der FARC, die sich am 19. Mai freiwillig den Behörden gestellt hat. Sie habe diese Art von Leben satt, sagte Karina den Medien und beklagte sich über zunehmenden Druck von Seiten des Militärs. Karina wird zum Test für die Glaubwürdigkeit der Regierung und ihrer Absichten werden. Ihr Fall und selbstverständlich der Tod der historischen Respektperson Marulanda werden die Moral der restlichen Truppe zusätzlich erodieren. Die größte Herausforderung der Regierung ist nun, die mögliche Welle von FARC-Deserteuren in die Gesellschaft einzugliedern und das Abwandern in die anwachsenden neuen illegalen Gruppen wie die Agilas Negras zu stoppen.

Seit Beginn des Gesetzes Gerechtigkeit und Frieden im Jahr 2005 haben sich laut Regierungszahlen etwa 47.000 Personen demobilisiert, davon die meisten Paramilitärs. Ihre Resozialisierung und Wiedereingliederung als Bürger, die legalen Geschäften nachgehen, ist mit vielen Problemen behaftet und wird mehrere Jahre dauern. Doch die Waffen abzugeben erscheint im Kolumbien von heute weitaus weniger riskant als vor einigen Jahren.

Die Demobilisierung der Paramilitärs als politischer Akteur in Kolumbiens Binnenkonflikt entkräftet das Argument, entwaffnete FARC-Kämpfer würden zwangsläufig dem gleichen Schicksal erliegen wie ihre Kollegen der Union Patriotica aus den 80er Jahren. Die FARC-Deserteure müssen heute ihre eigenen Reihen mehr fürchten als die Rache von Paramilitärs. Stattdessen ist der Staat besser in der Lage, Alternativen zu bieten und ehemalige Kämpfer zu schützen.

Hinzu kommt: In Kolumbien hat sich seit der Verfassung von 1991 das politische System geöffnet. Es ist partizipativer geworden und neue Parteien haben sich etabliert. Auch Ex-Guerilleros haben im heutigen Kolumbien erfolgreich politische Karriere gemacht – ohne Waffen. Einer von ihnen, der scharfe Uribe-Kritiker und Senator Gustavo Petro vom Polo Democratico Alternativo, sagte zum Tod Marulandas der New York Times: „Im 20. Jahrhundert haben Krieger Geschichte gemacht, und im 21. Jahrhundert werden diejenigen Geschichte machen, die Kolumbien aus dem Krieg herausbringen. Marulanda hat diese Veränderung nicht begriffen.“

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