Die Konferenz wurde von Prof. Dr. Željko Holjevac, Direktor des Instituts Ivo Pilar, und Dr. Norbert Eschborn, Direktor des KAS-Auslandsbüros Kroatien-Slowenien, eröffnet. Dr. Eschborn betonte, dass Kroatien sich vom Auswanderungsland zu einem wichtigen Zielstaat für Arbeitsmigration entwickelt habe. Diese Entwicklung eröffne neue wirtschaftliche Chancen, erfordere aber zugleich eine vorausschauende Migrations- und Integrationspolitik. Migration könne nur durch internationale Zusammenarbeit und evidenzbasierte Ansätze nachhaltig gestaltet werden. Die Konferenz solle hierfür einen Beitrag zum fachlichen und politischen Austausch leisten. Dazu bot sie ein Forum, um wirtschaftliche Interessen der Zielländer mit den Bedürfnissen der Herkunftsländer und den Rechten der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten in Einklang zu bringen. Dabei standen neben der Gewinnung dringend benötigter Arbeitskräfte auch deren Beschäftigungsbedingungen und Zukunftsaussichten im Mittelpunkt.
In ihrer Einführung beleuchteten Dr. Caroline Hornstein-Tomić, Forschungsberaterin am Institut Ivo Pilar, und Prof. Dr. Ulf Brunnbauer vom Leibniz-Institut die Entstehung eines neuen Migrationsraums. Die demografischen Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung des Themas: 2024 verzeichneten alle untersuchten Länder mehr Zu- als Abwanderung. Während Kroatien, Österreich und Tschechien dadurch ihren natürlichen Bevölkerungsrückgang ausgleichen konnten, schrumpfte die Bevölkerung in Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei weiter. Am Beispiel Kroatiens zeigte Hornstein-Tomić, wie Arbeitskräftemangel, eine alternde Bevölkerung und die Abwanderung Erwerbstätiger den Bedarf an ausländischen Arbeitskräften erhöhen. Seit 2022 übersteigt die Zuwanderung die Abwanderung. Im Jahr 2025 wurden mehr als 170.000 Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen erteilt, wobei diese Zahl nicht der Anzahl einzelner Personen entspricht. Ausländische Arbeitskräfte sind insbesondere im Tourismus, in der Gastronomie und im Baugewerbe, zunehmend aber auch in der Industrie und im Transportwesen unverzichtbar.
Die Vorträge des ersten Panels verdeutlichten die unterschiedlichen Reaktionen Rumäniens, Polens und Ungarns auf die wachsende Arbeitsmigration. Prof. Dr. Remus Anghel und Dr. habil. Agnieszka Fihel beleuchteten die Entwicklungen in Rumänien und Polen, während Dr. Fanni Beck den ungarischen Umgang mit Arbeitsmigration untersuchte. In Polen waren Ende 2025 rund 1,29 Millionen ausländische Staatsangehörige im Sozialversicherungssystem registriert. Neben ukrainischen Beschäftigten nahm auch die Zuwanderung aus Indien, den Philippinen, Nepal und Kolumbien zu. Restriktive Visabestimmungen, lange Verwaltungsverfahren und Defizite bei der Arbeitsaufsicht erschweren jedoch eine wirksame Steuerung. Ungarn ist aufgrund der alternden Bevölkerung und des Ausbaus der Automobil- und Batterieindustrie ebenfalls auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Gleichzeitig stehen der wirtschaftlichen Nachfrage eine migrationskritische politische Rhetorik sowie begrenzte Aufenthaltsmöglichkeiten und ein eingeschränkter Familiennachzug gegenüber. Damit wurde die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem Arbeitskräftebedarf und politischer Migrationssteuerung deutlich.
Dr. Zsuzsanna Árendás vom Centre for Social Sciences in Budapest und dem CEU Democracy Institute untersuchte die Arbeitsmigration aus Nicht-EU-Staaten in die Slowakei, insbesondere den Einsatz indischer Beschäftigter in der Automobilindustrie. Im August 2026 waren dort insgesamt 121.443 Menschen aus Nicht-EU-Staaten beschäftigt, darunter 11.611 indische Staatsangehörige. Da diese Zahlen alle Branchen umfassen, lässt sich der Anteil der indischen Beschäftigten in der Automobilindustrie nicht genau bestimmen. Árendás zeigte, dass die häufig über Vermittlungs- und Leiharbeitsagenturen organisierte Rekrutierung mit erheblichen Abhängigkeiten verbunden sein kann. Vermittlungsgebühren, unklare Verträge, Unterkunftskosten und eingeschränkte Arbeitgeberwechsel schwächen die Position der Beschäftigten. Zudem werden migrantische Arbeitskräfte im Alltag häufig als Außenstehende wahrgenommen. Daher müssten Aufenthaltsrecht, Beschäftigungsverhältnisse und tatsächliche Arbeitsbedingungen gemeinsam betrachtet werden.
Das zweite Panel richtete den Blick auf die Herkunftsländer und die transnationalen Verbindungen zwischen Asien und Europa. Prof. Dr. Mizanur Rahman von der Qatar University untersuchte insbesondere die Migration aus Bangladesch nach Mittel- und Osteuropa und hob die Rolle der Golfstaaten als Zwischenstationen hervor. Dort sammeln Arbeitskräfte häufig erste Berufserfahrungen, Ersparnisse und Rekrutierungskontakte, bevor sie ihre Migration nach Europa fortsetzen. Zudem verwies Rahman auf den deutlichen Anstieg der Geldüberweisungen nach Asien. Zwischen 2019 und 2024 stiegen diese beispielsweise aus Kroatien von 28 auf rund 201 Millionen Euro und aus Polen von 46 auf rund 177 Millionen Euro. Gleichzeitig wies er auf erhebliche Datenlücken bei der Erfassung von Migration und Geldflüssen hin. Er betonte, dass Migrantinnen und Migranten nicht allein als Arbeitskräfte oder Geldsender betrachtet werden dürften, da hohe Rekrutierungskosten, Verschuldung und unsichere Aufenthaltsbedingungen ihre Lebenssituation erheblich belasten können.
Dr. Aurora S. Llige von der University of the Philippines erläuterte in ihrem Online-Beitrag die Bedeutung der Philippinen als Herkunftsland internationaler Arbeitsmigration. Die Rücküberweisungen philippinischer Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten erreichten 2025 rund 35,6 Milliarden US-Dollar. Zugleich stärkt der Staat ihren Schutz durch das Department of Migrant Workers sowie bilaterale Abkommen und Qualifizierungsprogramme. Initiativen wie BaLinkBayan und das Balik Scientist Program fördern zudem die Beteiligung der Diaspora an Entwicklungsprojekten und den Wissenstransfer. Dr. Olga Wanicka von der Kozminski-Universität in Warschau stellte das Forschungsprojekt Link4Skills vor. Sie verwies auf den starken Anstieg der Arbeitsgenehmigungen für philippinische Beschäftigte in Polen von rund 2.000 im Jahr 2018 auf fast 38.000 im Jahr 2024. Sprachbarrieren und die fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse erschweren jedoch eine qualifikationsgerechte Beschäftigung. Sie hob deshalb transparente Rekrutierungsverfahren, faire Arbeitsbedingungen und eine bessere Nutzung vorhandener Kompetenzen hervor.
Weitere Länderanalysen verdeutlichten, dass die Herausforderungen über Kroatien hinausreichen. In Rumänien sank die Bevölkerung zwischen 1992 und 2021 von 22,8 auf rund 19 Millionen Menschen. Gleichzeitig besaßen 2026 etwa 243.000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten einen gültigen Aufenthaltstitel, von denen rund 190.000 beschäftigt waren. Arbeitskräfte aus Nepal, Sri Lanka und Indien sind insbesondere im Bauwesen, in der Industrie und im Gastgewerbe tätig. Der Forscher Dr. Remus Gabriel Anghel wies auf Defizite bei der Integration sowie beim Schutz vor Ausbeutung und Diskriminierung hin. Auch in Kroatien können die institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen mit der wachsenden Zuwanderung bislang nur bedingt Schritt halten. Die Länderbeispiele zeigten, dass die öffentliche Debatte häufig von Sicherheitsfragen und Ängsten vor gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist, während die Perspektiven der Migrantinnen und Migranten wenig Beachtung finden.
Den Abschluss der Konferenz bildete eine internationale Diskussionsrunde zur besseren Abstimmung der Migrationspolitik über Ländergrenzen hinweg. Daran nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und internationalen Organisationen teil, darunter das kroatische Innen- und Arbeitsministerium, das Migrant Workers Office der philippinischen Regierung, die Weltbankgruppe, Manpower und die Internationale Organisation für Migration (IOM). Die Runde zeigte, dass nachhaltige Arbeitsmigration mehr erfordert als die Anwerbung zusätzlicher Arbeitskräfte. Entscheidend sind faire Rekrutierungsverfahren, gute Arbeits- und Lebensbedingungen, sichere Aufenthaltsmöglichkeiten sowie der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Sprachförderung. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- und Zielländern sowie zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und migrantischen Gemeinschaften. Die Konferenz „A New Migration Space?“ machte deutlich, dass internationale Arbeitsmigration für Mittel- und Osteuropa zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Damit diese Entwicklung langfristig gelingt, müssen die Rechte und Bedürfnisse der Beschäftigten ebenso berücksichtigt werden wie der wirtschaftliche Bedarf an Arbeitskräften.