Länderberichte

Bulgarischer Journalist fast zu Tode geprügelt

von Dr. Dirk Förger
Ausgerechnet am 22.9., am Tag der Unabhängigkeit, wurde in Sofia eine brutale Attacke gegen den Journalisten Ognjan Stefanov verübt: Nach Verlassen des Restaurants „Kiparis“ im Sofioter Viertel Ivan Vazov wurde der Chefredakteur und Mitbesitzer der Nachrichtenseite www.frognews.bg zusammengeschlagen.

Augenzeugin des Angriffs war Stefanos Ehefrau, die kurz nach ihm das Restaurant verlassen hatte. Ihren Worten zufolge sei er von vier Personen in dunkler Bekleidung und Mützen überfallen worden. Die Angreifer schlugen mit Metallstöcken, Hämmern und Schlaghölzern zu. Der Journalist wurde in lebensgefährlichem Zustand in die Militärmedizinische Akademie eingeliefert. Er hatte schwere Verletzungen am Kopf und Rücken. Beide Beine und eine Hand waren ihm gebrochen worden.

Mittlerweile bestehe keine Lebensgefahr mehr, so General Stojan Tonev, Leiter der Akademie. Sein Zustand sei stabilisiert worden. „Jetzt steht eine Rehabilitationsperiode von circa drei bis sechs Monaten bevor“, sagte Tonev. Er schloss aus der Art der Attacke und den gezielten Schlägen, dass der Zweck des Überfalls augenscheinlich die Ermordung des Journalisten gewesen sei.

Zweiter Mitbesitzer der Nachrichtenseite „FrogNews“ ist der Unternehmer Mladen Mutaftschijski. Dieser soll sein Vermögen zuerst mit mehr oder wenige legalem Waffenhandel und später als Besitzer einer Hotelkette verdient haben, heißt es in den bulgarischen Medien.

Der Überfall wurde inzwischen von viele Zeitungen Bulgariens mit der Website „Opasnite Novini“ („Gefährliche Nachrichten“) in Verbindung gebracht. Dabei handelt es sich um einen Web-Auftritt, in dem neben unumstrittenen auch viele unbewiesene Behauptungen aufgestellt werden. Hinzu kommen schwere Vorwürfe gegen Personen – wobei die Autoren völlig anonym sind. Einige Publikationen hatten sich auch mit dem Privatleben des Staatspräsidenten Georgi Parvanov befasst. Auch Ivan Draschkov, der stellvertretende Direktor des bulgarischen „FBIs“ (Staatsagentur für nationale Sicherheit, DANS), war Ziel von Angriffen. Hinzu kommen schillernde Persönlichkeiten wie der Unternehmer Alexej Petrov, der vom Ex-Innenminister Rumen Petkov als geheimer Mitarbeiter der DANS enttarnt wurde.

Beim Versuch festzustellen, wer hinter „Opasnite Novini“ steckt, war DANS auf die Namen von Stefanov und Mutaftschijski gestoßen. Allerdings gab es dafür keine stichfesten Beweise. Nachdem die Herausgeber der Internetseite von DANS beschuldigt worden waren, dass sie gegen die nationalen Interessen Bulgariens und dessen Sicherheit arbeiteten, wurde der Web-Auftritt gesperrt. Vor zwei Wochen hatte man Stefanov außerdem zu einem Gespräch in DANS „eingeladen“. Danach verbreitete die Staatsagentur die Pressemitteilung, dass Stefanov und Mutaftschijski angeblich hinter der Internetseite steckten.

Zu den Vorgängen schreibt Peter Boitschev in der Zeitung „Standart“: „Stefanov selbst hat nie zugegeben, dass er der Autor der betreffenden Berichte ist. Doch dies ist im konkreten Fall auch gar nicht so wichtig. In einem freien Staat darf jeder frei seine Meinung äußern und niemand darf einem anderen seinen eigenen Standpunkt aufzwingen. Wenn aber eine Website als eine Bedrohung für die nationale Sicherheit empfunden wird und wenn sie den gesamten Staat erschüttern kann, dann ist es um diesen Staat schlecht bestellt.“

Wie Ermittler dem „Standart“ mitteilten, soll Stefanov wenige Minuten vor dem Überfall im Restaurant an einem Tisch mit Evelin Banev gesessen haben. Banev, der wegen des Verdachts auf Geldwäsche Objekt von Ermittlungen sei, habe das Restaurant vor dem Journalisten verlassen. Nach einigen unbestätigten anonymen Zeugenaussagen soll Banev selbst Opfer der Täter gewesen sein, als er versuchte, Stefanov zu helfen. Er sei aber möglichst schnell von seinem Leibwächter vom Tatort weggebracht worden, hieß es.

Alexander Ivanov, einer der Redakteure von „FrogNews“, sagte in einem Zeitungsinterview, Stefanov habe in Privatgesprächen geäußert, dass er am Telefon mehrmals anonym wegen seiner Artikel bedroht worden sei. Dies ist auch die Hauptversion, an der die Polizei zurzeit arbeitet und die in fast allen Zeitungen als Tatmotiv genannt wir: Stefanov sei von Leuten zusammengeschlagen worden, die sich wegen seiner Artikel „beleidigt“ fühlten. Eine zweite Version lautet, dass laufende, noch nicht veröffentlichte Recherchen bei den Betroffenen große Angst ausgelöst hätten. Nach einer anderen Variante hat der Anschlag mit dem Waffenhandel von Mutaftschijski zu tun und kann als eine Warnung ihm gegenüber betrachtet werden.

Mutaftschijski selbst äußerte gegenüber dem Radiosender „Darik“: „Der Angriff auf Stefanov ist zweifellos mit seiner Arbeit verbunden. Er ist investigativer Journalist und hat mir gegenüber häufiger geäußert, dass es noch sehr viele Themen gibt, über die er schreiben will. Sein Kerngebiet ist die Korruption.“

Das Restaurant „Kiparis“, vor dem der Angriff auf Stefanov verübt wurde, hat bereits vor einigen Monaten durch Interviews und Büchern des kürzlich ermordeten „Schriftstellers der Mafia“, Georgi Stoev, Berühmtheit erlangt. In diesem Restaurant hat angeblich der berüchtigte „Kreis Monterei“ seine Treffen. Der Zirkel sei laut Stoev der „eigentliche Machthaber im politischen und wirtschaftlichen Leben Bulgariens“. Mutmaßliche Mitglieder seien ehemalige und gegenwärtige Politiker sowie Vertreter der Mafia, heißt es.

Stoev wurde Anfang April 2008 auf offener Straße erschossen, nachdem bekannt geworden war, dass er gegen Mladen Mihalev (laut diverser Zeitungsartikel einer der bekanntesten Mafiosi Bulgariens), vor Gericht aussagen wollte. Über Mihalev wird vermutet, dass er in Korruptionsschemen mit hochrangigen Politikern der Regierung und speziell dem Innenministerium verwickelt sei.

„Der Angriff auf Ognjan Stefanov ist ein unheimliches Ereignis. Er zeigt, dass Journalisten in Bulgarien enormer Druck gemacht wird. Insbesondere die investigative Journalistik, die die ‚Mächtige im Hintergrund’ angreift, ist betroffen. Und die Betroffenen setzen alle Kräfte ein, um die investigative Journalistik zu vernichten“, so der Medienexperte Georgi Lozanov.