Veranstaltungsberichte

SEEMF 2021: Lektionen aus der Pandemie - bessere Kommunikation, Überwindung von Desinformation, mehr Qualitätsjournalismus

von Ralitsa Stoycheva
3-4 November 2021
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Die Überwindung von Desinformation gerade in Krisenzeiten, Kommunikation zwischen Medien und Regierung sowie Druck auf Journalisten und SLAPP-Fälle gehörten zu den wichtigsten Themen des 15. South East Europe Media Forum (SEEMF) am 3. und 4. November in Belgrad. Zur diesjährigen Konferenz, die pandemiebedingt kleiner organisiert wurde, kamen rund 150 Teilnehmer – Journalisten, Medienexperten, Politiker und NGO-Vertreter. Das KAS-Medienprogramm Südosteuropa veranstaltet das Medienforum jährlich gemeinsam mit der Südosteuropäischen Medienorganisation (SEEMO) und der Zentraleuropäischen Initiative (CEI).

Das diesjährige SEEMF stand unter dem Thema “Lektionen aus der Pandemie - bessere Kommunikation, Überwindung von Desinformation, mehr Qualitätsjournalismus”. Das Forum wurde von Oliver Vujovic, Generalsekretär von SEEMO, Hendrik Sittig, Leiter des KAS-Medienprogramms, und Barbara Fabro, CEI, eröffnet. „Medien leben noch – trotz Corona! Ich würde sagen: Medien sind lebendiger als je zuvor. Gerade in Krisenzeiten müssen die Bürgerinnen und Bürger korrekte Informationen erhalten. Journalisten und Medien spielen daher eine entscheidende Rolle“, so Hendrik Sittig. „Gerade jetzt sind seriöse und verlässliche Medien umso wichtiger, da die aktuelle Pandemie auch eine ‚Infodemie‘ ist, in der viele Falschinformationen verbreitet werden.“ Es gab auch eine Video-Begrüßung von Noel Curran, Generaldirektor der European Broadcasting Union (EBU), und am zweiten Tag von Vera Jourova, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission und Kommissarin für Werte und Transparenz.

An der Eröffnung nahm auch Slavica Trifunovic aus dem serbischen Ministerium für Kultur und Information teil. Sie verwies auf den Aktionsplan für die Strategie zur Entwicklung des öffentlichen Informationssystems im Zeitraum 2020 bis 2025.

 „Jede Regierung hat den Wunsch, Einfluss auf die Medien zu nehmen“

Traditionell war das Eröffnungspanel den Medien und der Politik in Serbien gewidmet. Moderiert von Veran Matic, Vorsitzender der Kommission zur Untersuchung von Morden an Journalisten in Serbien, unterstrich die Diskussion die aktuellen Entwicklungen und Defizite im Medienbereich. Im Mittelpunkt der Debatten stand die Dynamik der Kommunikation zwischen Medien und Regierungsvertretern. Laut den meisten Diskussionsteilnehmern sei derzeit eines der größten Probleme in Serbien die Präferenz von Regierungsbeamten, Interviews nur mit ausgewählten Journalistinnen und Journalisten zu führen. Diesbezüglich behauptete Gordana Predic, Sonderberaterin des serbischen Ministeriums für Kultur und Information, dass „jede Regierung den Wunsch hat, Einfluss auf die Medien zu nehmen“. Eine der Schlussfolgerungen aus dieser Diskussion war die Schlüsselrolle der Medien als Hüter des öffentlichen Interesses.

Am zweiten Tag des Forums hatten die Diskussionsrunden drei Kernpunkte. Erstens, wie könnte der Dialog zwischen Journalisten und Entscheidungsträgern sowie die Tendenzen der einseitigen Kommunikation verbessert werden. Als logische Fortsetzung des Panels am ersten Tag beleuchteten die Panelisten die Polarisierung – nicht nur in der Region, sondern auch weltweit, nicht nur medial, sondern auch zwischen den Gesellschaften. Darüber hinaus wurden die Medien als Spiegel der Gesellschaft beschrieben und sollten eher der Öffentlichkeit als den herrschenden Eliten dienen. Es folgte ein Panel über Desinformation und Fake News in Zeiten der globalen Krise. Einige Teilnehmer äußerten die Erfahrung, dass die Menschen oft nicht auf Fakten hören wollten. Darüber hinaus waren sie sich einig, dass die aktuelle COVID-Krise die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Desinformation zeige. Viele würden daher heute auch von einer „Infodemie“ sprechen.

Das letzte Panel beschäftigte sich mit anhaltendem vielfältigem Druck auf recherchierende Journalisten. Wirtschaftliche Abhängigkeit der Medien sowie einige andere Faktoren machten Medienschaffende anfälliger für Druck und (Selbst)-Zensur. Investitionen in Qualitätsjournalismus seien dringend nötig, sagten einige Panelisten, allerdings sei dafür nicht genügend Geld vorhanden. In diesem Sinne habe die Pandemie auch die Tendenz beschleunigt, dass das Geschäftsmodell der Medien auseinanderbricht – es könne nicht nur durch Crowdfunding nachhaltig sein. Andererseits neigten private Investitionen in Medien dazu, die Transparenz zu überschatten und so die Objektivität der Medien zu beeinflussen. Medienfreiheit könne daher weder verhandelt noch abgelehnt werden. Ein Hauptproblem bleibt – es gibt eine Zunahme von Hassreden und Propaganda und die Pandemie erschwert es Journalisten, ihre Rechte zu verteidigen. Die Podiumsteilnehmer kamen zu dem Schluss, dass Journalisten und Medien keinen besseren Partner als die Öffentlichkeit haben. Daher lautete ein zentrales Zitat aus der Diskussion: „Wenn jemand Sie zum Schweigen auffordert, seien Sie lauter!“

Einen besonderen Platz im diesjährigen SEEMF nahm der „Wake-up Talk“ zum Thema „Storytelling mit 360-Grad-Videos und Virtual Reality“ ein. Durch den Einsatz von VR-Technologien, sagte Referentin Christianne Wittenbecher, könnten Journalisten ihre Geschichten nicht nur präsentieren, sondern für das Publikum erlebbar machen. „Wenn du es nicht fühlst, wirst du dich nicht daran erinnern“ - stellte sich als passender Slogan heraus.

Zum Abschluss verkündeten die Organisatoren, dass das SEEMF im kommenden Jahr in Sarajevo stattfinden soll.