Veranstaltungsberichte

"Wir waren euch zu unbequem, ihr wart uns zu angepasst"

von Frank Priess
Der Rolle der Kirche in einem totalitären Staat widmete sich jetzt ein Forum von Konrad Adenauer Stiftung und Fundación Rafael Preciado Hernandez in Kooperation mit der Evangelisch-Lutherischen deutschen Gemeinde in Mexiko-Stadt.

Vor rund 70 interessierten Zuhörern in der Casa Lamm erläuterte Pfarrer Thomas Stahlberg dabei zunächst die Rahmenbedingungen der Kirchenlandschaft in Deutschland und speziell das Grundverständnis der evangelischen Kirche. Besonderes Augenmerk richtete er dabei auf aktuelle Daten des Instituts für Demoskopie Allensbach, das die Bundesbürger gefragt hatte, welche gesellschaftlichen Kräfte das Land wohl besonders vorangebracht hätten. Während 80 Prozent dabei die Bürgerschaft selbst nannten, über 60 Prozent Unternehmer, Wissenschaftler und Ingenieure und immerhin noch rund 40 Prozent die Politik, sei die Bilanz für die Kirchen erstaunlich ausgefallen. Trotz ihrer besonderen Relevanz für die friedliche Revolution in der DDR hätten nur acht Prozent der Westdeutschen und sechs Prozent der Ostdeutschen sie für die Entwicklung des Landes für besonders wichtig gehalten.

In ihrem Zeitzeugenbericht zeichnete Pfarrerin Annemarie Schönherr - sie hatte an der Seite ihres Mannes, des im vergangenen Jahr verstorbenen langjährigen Vorsitzenden der Evangelischen Kirchen in der DDR, Albrecht Schönherr, bis zur Wende im Osten Deutschlands gelebt - den "vierzigjährigen Weg der Kirche in einer Diktatur des Proletariats" nach, wie sich die DDR selbst verstanden habe. Schon Anfang der fünfziger Jahre, so Schönherr, habe der direkte Druck auf die Kirche begonnen, speziell mit "Schauprozessen" gegen Angehörige der evangelischen Studentengemeinden. Atheistische Propaganda, das Verbot des Religionsunterrichts in den Schulen und die vom Staat promovierte Jugendweihe als Beitrag zur Herausbildung einer "sozialistischen Persönlichkeit" hätten anschließend dafür gesorgt, die "Kirche auf den Status eines Vereins zu reduzieren." Die Kirche sei speziell eine "Kirche der kleinen Leute" geworden, da vor allem Menschen in wichtigen gesellschaftlichen Funktionen auf Karriere und einen Eintritt in die Einheitspartei gesetzt und sich von der Kirche distanziert hätten.

Mehr Spielraum habe es erst in Zeiten der Ostpolitik gegeben. Später seien dann vor allem neue Generationen in die Kirchen gekommen, die von Themen wie Menschenrechten, Frieden und Umwelt inspiriert gewesen seien und die Kirche vor allem als Schutzraum genutzt hätten. Dies sei für die Gemeinden nicht immer einfach gewesen, sagte Schönherr und verdeutlichte dies an der Vorbereitung des Kirchentages 1987 in Berlin. "Wir waren euch zu unbequem, ihr wart uns zu angepasst", habe eine Teilnehmerin ihr später als ihre Perzeption der kirchlichen Wirklichkeit dieser Zeit vermittelt. Gleichwohl habe die Kirche aktiv zur Vorbereitung der friedlichen Revolution beigetragen. Die Wiedervereinigung selbst, so Schönherr, sei dann auch kirchenintern nicht ganz reibungslos verlaufen und habe in der Form ihres Vollzuges - trotz aller sichtbaren Erfolge - gerade bei den ehemaligen DDR-Bürgern manch bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Das Kirchenverständnis einer "kritischen unterscheidenden Mitarbeit" an Dingen des Staates sei auch heute noch aktuell, wie die Debatte um den Afghanistan-Einsatz der Bundewehr zeige.