Veranstaltungsberichte

Politik aus christlicher Verantwortung

von Janina Grimm-Huber

Ein Vortrag von Dr. Margot Käßmann, Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017

Am 21. Februar 2017 organisierte die KAS Mexiko gemeinsam mit dem IMDOSOC und der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Mexiko ein Frühstück für rund vierzig Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Zivilgesellschaft. Anlass dazu gab der Besuch von EKD-Botschafterin Margot Käßmann in Mexiko. Sie hielt im Rahmen dieses Frühstücks einen Vortrag über die christliche Verantwortung in der Politik und nahm somit rückblickend auf das Themenjahr 2014 „Reformation und Politik“ Stellung zu Fragen über die politischen Implikationen, die die Reformationsbewegung mit sich brachte.

In Frau Käßmanns Anrede betonte sie die Bedeutung Martin Luthers für die gesellschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands, Europas und der Welt. Sie erklärte dem überwiegend mexikanischen katholischen Publikum, dass sein Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 der Auslöser für die Reformation gewesen sei, die von Beginn an auch politisch gewirkt hätte. So habe Martin Luther gemeinsam mit den anderen Reformatoren das Verhältnis von politischer Gewalt und Kirche neu definiert, indem sie unter anderem ihre Aufgaben neu bestimmten, die wiederum bis heute gesellschaftliche Relevanz entfalten, wie z.B. im Verständnis von Bildung als staatliche Aufgabe oder in der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Sie wies im weiteren Verlauf aber auch darauf hin, dass Martin Luther bei aller Kooperation mit den politischen Mächten bei seiner Überzeugung verblieben sei, dass zwischen weltlichem und kirchlichem Regiment zu unterscheiden ist. Es sei ihm um die Trennung des Weltlichen und des Göttlichen gegangen, und zwar in dem Sinne, dass der Staat nicht in die Kirche hinein regieren dürfe. Im Umkehrschluss sollte es der Kirche ebenso nicht erlaubt sein, Einfluss auf staatliche Angelegenheiten auszuüben, insbesondere im Sinne eines Gottesstaates etwa mit Berufung auf göttliches oder religiöses Recht.

Doch was bedeute diese Trennung für die Rolle eines evangelischen Christen im öffentlichen, politischen Raum, fragte die Referentin das Publikum. Mit Sicherheit nicht, dass er sich ins „berühmte private Kämmerlein“ verbannen lassen sollte. Frau Käßmann untermauerte ihre Aussage, indem sie erklärte, dass nach Luther beide Regimente von Gott eingesetzt worden seien und sich daher gleichermaßen zu verantworten hätten. Weil Gott demnach auch das weltliche Regiment wolle, dürfe der Protestantismus nicht ängstlich und stumm werden, wenn es um Fragen, die die Welt und Gesellschaft betreffen gehe. Frau Kässmann bekräftigte an dieser Stelle, dass eine Religionsgemeinschaft sich zu öffentlichen Belangen sehr wohl äußern und das Gewissen aller schärfen sollte, indem sie ermahne und die Missstände deutlich mache.

Mehr noch, fuhr Pfarrerin Käßmann fort, habe der Protestantismus dazu beigetragen, die Menschen dazu zu ermutigen, widerständing zu sein, insbesondere dann, wenn Freiheit und Frieden gefährdet sei. Vorbild seien in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Protestanten, die aus Glaubens- und Gewissensgründen im Dritten Reich Widerstand geleistet hatten, oder diejenigen, die in der DDR für freie Rede, Auseinandersetzung und Kritik einstanden, und somit eine friedliche Revolution möglich gemacht hatten. Die Suche nach gewaltfreien Lösungen für Konflikte, sei dabei und mit Blick auf die Lehren der Reformation immer Pflicht.

Am Ende ihres Vortrags kam Frau Käßmann auch auf aktuelle Themen zu sprechen. Die Flüchtlingswellen nach Europa und die damit verbundenen Herausforderungen für Kirche und Politik standen hierbei im Vordergrund. Migration sei eine globale Herausforderung, die daher alle etwas anginge, vor allem aber den Christen und ihren kirchlichen Amtsträgern. Die Bibel sei nämlich voller Migrationsgeschichten, angefangen bei den Wirtschaftsflüchtlingen Abraham und Sarah bis hin zum Flüchtlingskind Jesus selbst, der mit seiner Familie nach Ägypten geflohen sei, weshalb er später selbst gesagt habe, dass wir ihm begegnen, wo wir Fremde aufnehmen würden. Folglich könnten die Kirchen nicht angesichts der aktuellen Lage schweigen. Sie sollten verkünden, reden und nach christlichen Maßstäben handeln. Das bedeute, sich im täglichen Leben solidarisch zu verhalten, den Schwachen zu helfen, Integration aktiv mitzugestalten, politische Entscheidungen auf Grundlage des christlichen Werteverständnisses kritisch und konstruktiv zu kommentieren und Chancengleichheit zu fördern.

Im Anschluss an ihren Vortrag, nutzten die Teilnehmer die Chance, zahlreiche Fragen an die Referentin zu stellen. Themen, die hierbei angesprochen wurden, waren u.a. die Stellung der evangelischen Kirche zu Papst Franziskus, zum Weltwirtschaftssystem und sozialer Marktwirtschaft, Bildung sowie Korruptionsbekämpfung.