Veranstaltungsberichte

Christen im Irak

von Dr. Silke Bremer
Veranstaltungsbericht

Wie ist gegenwärtig die Situation der irakischen Christen? Wie hat sich ihre Lage nach dem us-amerikanischen Einmarsch von 2003, der zum Sturz des Diktators Saddam Hussein führte, verändert? Welche Chancen haben Christen, die aus dem Irak fliehen? Diese Fragen standen im Zentrum einer hoch interessanten Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Referenten

Dr. Otmar Oehring

. Herr Oehring ist als Menschenrechtler für die internationale katholische Hilfsorganisation missio tätig.

Zunächst wurde die Situation vor 2003 in den Blick genommen. Die irakische Diktatur unter dem Diktator Saddam Hussein, der mit absoluter Willkür, Repression und Verfolgung herrschte, wurde in Erinnerung gerufen. Da die Christen eine Minderheit bildeten und Hussein seinerseits auch einer Minderheit (der sunnitischen) angehörte, seien christlichen Gruppen relativ viele Freiheiten eingeräumt worden. Hussein habe außerdem Koalitionäre gebraucht. Schwieriger sei die Situation etwa für die schiitische Bevölkerungsgruppe (ca. 60%) und auch für die Kurden gewesen. Andere Minderheiten, zumal wenn sie politisch nicht weiter in Erscheinung getreten waren, seien eher in Ruhe gelassen bzw. ‚nur’ von den allgemeinen Maßnahmen des Unterdrückungsstaates bedrängt worden.

Nach 2003 habe sich die Situation radikal gewandelt. In Folge der us-amerikanischen Invasion sei mehr und mehr ein Bürgerkrieg entstanden. Durch Infiltrationen, die durch offene Landesgrenzen möglich wurden, hätten sich islamistische Terroristen im Land etablieren können. Für sie sei es wichtig gewesen, die Besatzermacht und ihre Verbündeten anzugreifen und sich an den führenden Schichten des alten Regimes zu rächen. Vor diesem Hintergrund seien fatalerweise die Christen mit in die Schusslinie geraten. Ihnen sei eine Unterstützung nicht nur des alten Regimes sondern auch der neuen Machthaber angelastet worden. Christen hätten nicht selten aufgrund sehr guter Ausbildungen z. B. als Dolmetscher oder Ingenieure im Dienste der Amerikaner gestanden. Außerdem hatten sie denselben Glauben. Da die Islamisten große Zustimmung im Land fanden, hätten sich große Teile der Bevölkerung mehr und mehr von ihren christlichen Nachbarn abgewandt, mit denen sie zuvor jahrzehntelang friedlich zusammengelebt hatten.

In dramatischer Weise habe sich in der Folge die Situation der Christen verändert. Man habe von ihnen verlangt, sich zum Islam zu bekehren oder das Land zu verlassen, die Frauen hätten sich verschleiern müssen, Häuser und Wohnungen seien ausgeraubt worden, Drohungen, etwa Kinder zu entführen, seien nicht nur ausgesprochen sondern auch umgesetzt worden.

Als Folge dieser Bedrängnisse seien viele Christen in den Norden des Landes gegangen oder in die Nachbarländer - nach Syrien, Jordanien, in die Türkei, auch nach Ägypten und in den Libanon - geflohen. Diejenigen, die sich früh auf den Weg gemacht hatten, hätten noch die besten Chancen gehabt, Teile ihres Vermögens zu bewahren. Später sei dies nicht mehr möglich gewesen. Im Verlauf des Krieges hätten ca. 2,5 mio Menschen das Land verlassen. Der Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen schätze die Zahl der Flüchtlinge in den Nachbarländern auf ca. 4,5 mio.

Wie ist aktuelle die Situation der Flüchtlinge? Überaus problematisch sei, dass in keinem der genannten Zufluchtsländer die Genfer Flüchtlingskonvention gelte. Dies habe zur Folge, dass Flüchtlinge nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, sondern vielmehr ihre schnelle Rückkehr erwartet werde. Zunehmend entstünden mit der heimischen Bevölkerung Probleme. Da die Flüchtling häufig in Gebieten mit den ärmsten einheimischen Bevölkerungsgruppen lebten, würde dies als Raub des eigenen Wohnraumes empfunden werden. Zunehmend fehlten die einfachsten Lebensgrundlagen. Aufgrund eines nicht zugestandenen Bleiberechtes sei die eigene Erarbeitung eines Einkommens kaum möglich. Oft lebten die Flüchtlinge von Transferleistungen derjenigen, denen eine Flucht in den Westen gelungen war. Kinderarbeit sei Gang und Gäbe, Frauen drohten in die Prostitution zu geraten. Aufgrund der fehlenden Arbeitserlaubnis sei es zu gefährlich, eine Arbeit aufzunehmen.

In der abschließenden Diskussion wurde gemahnt und gefordert, dass die internationale Gemeinschaft nicht nachlassen dürfe, sich für die irakischen Christen und nichtmuslimischen Irakflüchtlinge zu engagieren. Die Aufnahme von Flüchtlingen, die bereits seit geraumer Zeit Gegenstand von Verhandlungen auf europäischer wie auf nationaler Ebene sei, müsse weitergeführt werden. Die äußerst schwierige Situation müsse, nachdem sie seit Beginn der revolutionären Bewegungen im arabischen Raum 2011 weitestgehend verdrängt worden sei, wieder zu einem Thema der öffentlichen Diskussion gemacht werden.

Kontakt

Dr. Silke Bremer

Silke Bremer

Landesbeauftragte und Leiterin Politisches Bildungsforum Mecklenburg-Vorpommern

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