Veranstaltungsberichte

„Reden, unterstützen, weitergeben“

von Julia Rieger

Wer sind wir in einer Pandemie? Jugend und Corona: eine vergessene Generation?

Wie wirkt sich die Pandemie auf Jugendliche aus? Dieses Thema diskutierten wir in der vierten Ausgabe von „Wer sind wir in einer Pandemie?“ in Kooperation mit dem Jugendbeirat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Folgen von Corona treffen uns alle, doch für eine Vielzahl von Jugendlichen waren die letzten Monate besonders belastend – und das in unterschiedlichsten Bereichen. Welche Perspektive haben junge Menschen und wurden ihre Interessen ausreichend berücksichtigt?

Gemeinsam mit den Zuschauerinnen und Zuschauern sprechen Johanna Börgermann von der Landesschüler*innenvertretung NRW, Kai Lanz, Mitgründer und CEO von krisenchat.de und der Politikwissenschaftler Prof. Mathias Albert über diese Fragen. In ihrem Grußwort betont die Leiterin des Regionalbüros Rheinland, Simone Gerhards, wie wichtig es ist, direkt mit Jungen zu sprechen: „Junge Menschen sind nicht nur in ihrer Rolle als Schülerinnen und Schüler, Studierende oder Auszubildende getroffen: Für sie sind soziale Kontakte und öffentliche Rückzugsräume häufig sehr wichtig.“ Benedikt Jäger, Sprecher des Jugendbeirates des KAS, ergänzt: „Corona trifft junge Menschen besonders hart. Weil es uns in einer Phase trifft, die die Weichen stellt – in einem Alter, das uns besonders prägt.“

Schule: Immenser Druck, wenig Vorbereitung

Kai Lanz hat mit Krisenchat.de ein gemeinnütziges Unternehmen mitgegründet, das jungen Menschen psychosoziale Beratung per Chat anbietet. Ein Großteil der Probleme, mit denen sich junge Menschen an sie wenden, seien unabhängig von Corona: „Da sieht man einfach eine unglaubliche Versorgungslücke, die es in dem Bereich gibt.“ Dass es vor der Pandemie schon Ungleichheiten gab, bestätigt Jugendforscher Mathias Albert: „Die Pandemie hat ja nicht nur Probleme erzeugt, sondern auch bestehende Probleme offengelegt.“ So werde der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg durch die Pandemie verstärkt. Johanna Börgermann, die sich in der Landesschüler*innenvertretung NRW engagiert, spricht den Druck an, unter dem viele Schülerinnen und Schüler stehen: „Das ist sehr frustrierend, wenn Präsenzunterricht mit Distanzunterricht gleichgesetzt wird, weil das einfach nicht klappt.“ Sie sieht dahinter ein strukturelles Problem: Es sei vorher zu wenig in Bereichen wie Digitalisierung, Sozialarbeit in Schulen und Weiterbildung von Lehrkräften getan worden.

„Du machst trotz allem weiter – das ist eine riesige Leistung“

Albert ergänzt, es gebe zudem eine große Bandbreite von Schulen – je nachdem, wie diese reagierten, sei nicht alles auf die Digitalisierung zu schieben. Eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern fühlen sich stark unter Druck gesetzt, berichten alle Diskussionsteilnehmenden. „Viele haben das Gefühl, nicht allen Erwartungen gerecht werden zu können – eigentlich sollte die Gesellschaft die Selbstwirksamkeit von Jugendlichen bestärken, aber das macht sie nicht“, sagt Lanz. Anerkennung finden Jugendliche normalerweise in verschiedenen Kontexten wie in der Schule oder bei Hobbies, ergänzt Albert: „Durch die Pandemie wird einer Menge Jugendlichen ihre Selbstwirksamkeitserfahrung genommen.“ Börgermann erzählt von Gesprächen mit Freundinnen und Freunden, die sich verloren fühlen: „Viele haben Sachen aufgegeben. Ich habe auch jetzt erst realisiert, wie wichtig Schule für mich ist.“

„Krisen haben keine Sprechzeiten“

Der Kontakt zu Gleichaltrigen sei wichtig für die Sozialisation, sagt Albert – vor allem für kleinere Kinder, die im Kindergarten das erste Mal lernen sollten, mit anderen Kindern umzugehen. Eine Hilfe – jedoch kein Ersatz – seien für ältere Kinder und Jugendliche ihre Smartphones, mit denen sie in Kontakt bleiben könnten – „die gleiche Situation vor 20 Jahren wäre nicht auszudenken.“ Die Erreichbarkeit über Chat und SMS ist ein wichtiger Baustein von krisenchat.de, erzählt Lanz: Durch die Chatfunktion könnten Jugendliche sich zu jeder Tageszeit melden und so „lautlos laut werden.“

Anliegen junger Menschen – wie ernst werden sie genommen?

In einer Umfrage unter den Zuschauerinnen und Zuschauern zeigt sich, dass der Großteil findet, dass die Interessen von Jugendlichen nicht ausreichend beachtet wurden. Das sieht Johanna Börgermann ähnlich: „Solange man uns nicht als Personen wahrnimmt, die nicht nur Bildung erfahren, sondern auch ein Recht darauf haben, diese zu gestalten, wird sich nichts ändern.“ Kai Lanz plädiert dafür, dass es „mehr Politiker*innen gibt, die kreieren statt reagieren. Ich habe das Gefühl, dass das Verantwortungsgefühl fehlt.“ Aber: Durch die aktuelle Situation würden sich viele junge Menschen mit Demokratie beschäftigen, sagt Börgermann. Zuletzt fragt eine Zuschauerin, wie man Schülerinnen und Schüler gerade unterstützen könne. Lanz empfiehlt, diese Frage direkt zu stellen und Personen im Umfeld zu fragen, was man für sie tun könne. Börgermann ergänzt, es sei wichtig, Verständnis zu zeigen, sich hinter die Schülerinnen und Schüler zu stellen und die Missstände weiterzutragen.

Ansprechpartner

Simone Gerhards

Simone Gerhards Passfoto

Leiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

Simone.Gerhards@kas.de +49 211 8368056-0 +49 211 8368056-9
Ansprechpartner

Frauke Kracht

Kracht-Homepage

Sachbearbeiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

frauke.kracht@kas.de 0211 8368056 - 7 0211 8368056 - 9

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.