Fast acht Monate nach Beginn des Krieges zwischen Iran, den Vereinigten Staaten und Israel sehen sich die Golfstaaten mit den Folgen eines Konflikts konfrontiert, der den Seehandel beeinträchtigt, Schwachstellen in der Infrastruktur offengelegt und das Vertrauen in die regionalen Sicherheitsstrukturen erschüttert hat. Für Staaten, deren wirtschaftliche Ambitionen auf Stabilität und internationaler Vernetzung beruhen, wirft der Krieg eine grundlegende Frage auf: Wie können die Golfstaaten größeren Einfluss auf ihre strategische Zukunft nehmen, wenn ihre Sicherheit weiterhin eng mit externen Mächten verknüpft ist?
Am 1. Oktober 2026 veranstalteten das Regionalprogramm Golf-Staaten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und die Scowcroft Middle East Security Initiative des Atlantic Council in Zusammenarbeit mit der Anwar Gargash Diplomatic Academy (AGDA) ein nichtöffentliches Rundtischgespräch, das politische Entscheidungsträger und Experten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Europa und den Vereinigten Staaten zusammenbrachte. Die Veranstaltung in Abu Dhabi bildete die dritte Ausgabe der Dialogreihe „State of Play“, nachdem zuvor Treffen in Doha im Jahr 2025 und in Brüssel im Juni 2026 stattgefunden hatten. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen die maritime Sicherheit und die Straße von Hormus, die Zukunft regionaler Verteidigungspartnerschaften sowie die Auswirkungen des zunehmenden technologischen Wettbewerbs auf die Golfregion.
Der Krieg mit Iran stand im Zentrum der Gespräche. Trotz der erheblichen Schwächung der konventionellen iranischen Seestreitkräfte verdeutlicht Teherans anhaltende Fähigkeit, die Schifffahrt durch die Straße von Hormus zu bedrohen, die Grenzen militärischer Macht bei der Sicherung der für die Region lebenswichtigen Seewege. Der Austausch beleuchtete die Schwierigkeiten einer möglichen diplomatischen Einigung, insbesondere das Risiko eines Abkommens, das zwar den Schiffsverkehr wiederherstellt, die Freiheit der Schifffahrt jedoch nicht ausreichend gewährleistet. Die Teilnehmer hinterfragten, ob die Golfstaaten angesichts ihrer unterschiedlichen sicherheitspolitischen Prioritäten und ihrer fortbestehenden Abhängigkeit von externen Mächten genügend Einfluss auf die Bedingungen einer Nachkriegsordnung nehmen könnten. Insgesamt unterstrich die Diskussion die Notwendigkeit einer regionalen Sicherheitsarchitektur, die über kurzfristiges Krisenmanagement hinausgeht und auf langfristig tragfähige und durchsetzbare Vereinbarungen setzt.
Die Debatte verdeutlichte zugleich die Grenzen regionaler Handlungsfähigkeit: Zwar streben die Golfstaaten zunehmend danach, die Nachkriegsordnung aktiv mitzugestalten, doch bleibt ungewiss, inwieweit sie diese Ambitionen in verbindliche und durchsetzbare Sicherheitsvereinbarungen überführen können.
Im militärischen Bereich spiegelte die Diskussion über Verteidigungspartnerschaften ein ähnliches Spannungsverhältnis zwischen Diversifizierung und Abhängigkeit wider. Die Golfstaaten erweitern ihr Netzwerk an Sicherheitspartnern und investieren in eigene Verteidigungsfähigkeiten. Dennoch bleibt die von den USA geführte integrierte Luft- und Raketenabwehr ein zentraler Bestandteil der regionalen Sicherheitsarchitektur. Der Ansatz der VAE wurde dabei weniger als Abkehr von Washington verstanden, sondern vielmehr als Versuch, ein breiteres Netzwerk interoperabler Partnerschaften aufzubauen und gleichzeitig mehr Kontrolle über die beschafften und eingesetzten Systeme zu erlangen. Darüber hinaus wurden neue Sicherheitspartnerschaften zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan erörtert, wobei die Teilnehmer deren Bedeutung und möglichen Beitrag zur regionalen Stabilität unterschiedlich bewerteten. Während einige darin Chancen für eine engere regionale Zusammenarbeit sahen, stellten andere die praktischen Auswirkungen infrage. Vor diesem Hintergrund wurde diskutiert, inwieweit eine gezieltere Zusammenarbeit, insbesondere im Bereich der Luftverteidigung, eine wirksamere Antwort auf gemeinsame sicherheitspolitische Herausforderungen bieten könnte als umfassendere formelle Bündnisse.
Die Gespräche befassten sich zudem mit der sich wandelnden Rolle externer Sicherheitspartner, insbesondere der USA und Europas. Während die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten für die Sicherheitsarchitektur der Golfregion weiterhin unverzichtbar sind, hat die Unsicherheit über Washingtons langfristige Verpflichtungen die Bemühungen der Golfstaaten um eine Diversifizierung ihrer Partnerschaften verstärkt. Auch die potenzielle Rolle Europas wurde diskutiert. Dabei wurden die Einschränkungen hervorgehoben, die ein stärkeres sicherheitspolitisches Engagement Europas trotz seiner erheblichen Interessen in der Region begrenzen. Eine gezieltere Zusammenarbeit, insbesondere in den Bereichen maritime Sicherheit, Verteidigungsindustrie und kritische Infrastruktur, wurde als möglicher Ansatz zur Stärkung der Beziehungen zwischen Europa und den Golfstaaten identifiziert.
Die abschließende Sitzung untersuchte, wie der zunehmende technologische Wettbewerb die strategischen Entscheidungen der Golfstaaten verändert. Jüngste Angriffe auf Rechenzentren rückten die Verwundbarkeit digitaler Infrastruktur stärker in den Fokus und warfen die Frage auf, wie Staaten digitale Souveränität mit der Notwendigkeit größerer Resilienz in Einklang bringen können. Auch die Ambitionen der VAE im Bereich der künstlichen Intelligenz wurden vor dem Hintergrund des Wettbewerbs zwischen den USA und China erörtert. Dabei stand insbesondere die wachsende Bedeutung von Sicherheitsgarantien und vertrauenswürdigen Partnerschaften für den Zugang zu fortschrittlichen Technologien im Mittelpunkt. Der Austausch warf grundsätzliche Fragen nach den Grenzen einer strategischen Mehrfachausrichtung (Multi-Alignment) auf und danach, ob technologische Souveränität durch größere Eigenständigkeit oder vielmehr durch eine gezielt gestaltete internationale Interdependenz erreicht werden kann.
Über alle drei Sitzungen hinweg erwies sich Resilienz als wiederkehrendes Leitmotiv und wurde sogar als „neue Abschreckung“ bezeichnet. Sie verband den Schutz maritimer Handelswege, die Diversifizierung von Verteidigungspartnerschaften und die Sicherheit kritischer technologischer Infrastruktur. Der Abu Dhabi Dialogue verdeutlichte die Herausforderungen, vor denen die Golfstaaten stehen, wenn sie angesichts des Großmächtewettbewerbs und des Krieges mit Iran größeren Einfluss auf ihre strategische Zukunft gewinnen wollen, während sie zugleich weiterhin auf externe Partner angewiesen sind. Darüber hinaus lieferte der Dialog wertvolle Perspektiven für Deutschland und Europa, ihr Engagement in der Region durch eine stärker fokussierte und praxisorientierte Zusammenarbeit zu vertiefen.