Die maritime Sicherheit rund um die Arabische Halbinsel steht vor den größten Herausforderungen seit Jahrzehnten. Im Roten Meer bleibt die Lage angespannt. Trotz zweier internationaler Missionen – der von den USA angeführten Prosperity Guardian, die darauf abzielt, die Huthis militärisch abzuschrecken, sowie der EU‑Operation EUNAVFOR Aspides, die den zivilen Schiffsverkehr durch Bab al‑Mandab zu schützen versucht – setzen die Huthis ihre Angriffe fort. Dem Handelsverkehr bleibt daher keine andere Wahl, als die Wasserstraße weiterhin weitgehend zu umschiffen.
Am gegenüberliegenden Ende der Arabischen Halbinsel stellt Iran die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus beständig infrage. Wiederholte Militärmanöver und eine Parlamentsresolution, die dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat das Recht einräumt, die Meerenge jederzeit zu schließen, sorgen dafür, dass die Drohung einer Blockade dauerhaft präsent bleibt.
Während sich diese Risiken vervielfachen, zieht sich der traditionelle Garant der maritimen Sicherheit – die Vereinigten Staaten – zunehmend auf seine eigene Hemisphäre zurück. Damit liegt die Verantwortung, die Schifffahrt durch Bab al‑Mandab und die Straße von Hormus zuverlässig zu sichern, immer stärker bei betroffenen regionalen Akteuren. Für Europa und die Golfstaaten bedeutet die strategische Neuausrichtung Washingtons zweierlei: Die Freiheit der Schifffahrt in wirtschaftlich essenziellen Wasserwegen wie dem Golf und dem Roten Meer ist keine Selbstverständlichkeit mehr – und gleichzeitig stellt sich die Frage, wer künftig jenes globale Sicherheitsverständnis verteidigen wird, das lange als gesetzt galt.
Um diese weltweit relevante Herausforderung im Kontext Europas, der Arabischen Halbinsel und der gemeinsamen Nachbarschaft, die beide Regionen verbindet, zu diskutieren, organisierten die Konrad‑Adenauer‑Stiftung (KAS), das Gulf Research Center (GRC) und das King Faisal Center for Research and Islamic Studies (KFCRIS) einen Workshop unter dem Titel „Shared Interests, Shared Actions in Maritime Security: Securing the waterways around the Arabian Peninsula“. An der zweitägigen Veranstaltung vom 5. bis 6. November in Riad, Saudi-Arabien, nahmen 72 Fachleute aus den saudischen und deutschen Regierungen und Streitkräften, dem Golf‑Kooperationsrat (GCC), der NATO sowie aus führenden Thinktanks der Golf-Region, Europas und Ostafrikas teil. Gemeinsam analysierten sie die zentralen Ursachen der Bedrohungen für die maritime Sicherheit und diskutierten Wege für ein koordiniertes, kooperatives Vorgehen.
Am ersten Workshop‑Tag kristallisierte sich rasch ein breiter Konsens zu den Ursachen der maritimen Risiken rund um die Arabische Halbinsel heraus. Im Roten Meer haben die Bedrohungen auf See ihre Wurzeln an Land. Persistente politische Instabilität und geschwächte Staatlichkeit im Jemen, Sudan, Somalia und weiteren Anrainerstaaten schaffen ein Umfeld, in dem bewaffnete Gruppen wie die Huthis die Freiheit der Schifffahrt im Bab al‑Mandab und im schmalen Seebecken dahinter gefährden können. In Bezug auf die Ostküste der Arabischen Halbinsel herrschte auch Einigkeit darüber, dass das iranische Regime mehr Nutzen daraus zieht, mit einer Schließung der Straße von Hormus zu drohen, als sie tatsächlich umzusetzen. Gegenwärtig konzentrieren sich reale maritime Gefahren eher auf GPS‑Spoofing und Cyberangriffe gegen kritische Infrastruktur. Gleichzeitig wiesen saudische Teilnehmer darauf hin, dass ein Zusammenbruch des iranischen Regimes Dynamiken geschwächter Staatlichkeit hervorrufen könnte, die bereits im Roten Meer die Schifffahrt bedrohen.
Am zweiten Tag diskutierten die Teilnehmer Vorschläge zur Bewältigung der dauerhaften Bedrohungen für die Sicherheit im Roten Meer und im Golf – mit einem besonderen Fokus auf Initiativen der EU‑GCC‑Kooperation. In Bezug auf beide maritimen Nadelöhre identifizierten die Diskutanten einen Mangel an militärischer Ausrüstung als zentralen Faktor, der ein stärkeres europäisches und Golf‑Engagement vor Ort limitiert. Vor diesem Hintergrund wurden potenzielle Kooperationsfelder sichtbar: militärisch‑industrielle Partnerschaften zur Herstellung von Schiffen, U‑Booten und Technologien zur Abwehr hybrider Bedrohungen wie GPS‑Spoofing; verbesserter nachrichtendienstlicher Austausch; und die koordinierte Präsenz europäischer und Golf‑Marinen, um den gemeinsamen Fußabdruck zu erweitern und Doppelstrukturen zu vermeiden. Ein vielversprechender Anknüpfungspunkt ist hierbei die EU‑Initiative „Coordinated Maritime Presences“ (CMP).
Über die sicherheitspolitischen Maßnahmen zur Stabilisierung im maritimen Raum hinaus betonten die Teilnehmer die Bedeutung präventiver Schritte an Land. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle Saudi-Arabiens bei der Stärkung von Staaten und Staatlichkeit entlang der Rotmeerküste – ein Vorhaben, das durch eine intensivere Zusammenarbeit mit der EU weiter gestützt werden könnte. Die Unterbrechung von Versorgungslinien nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen, etwa durch die Stärkung lokaler Küstenwachen, gilt ebenfalls als naheliegende Maßnahme – insbesondere, wenn bestehende Mechanismen wie der UN‑Verifikations- und Inspektionsmechanismus für den Jemen (UNVIM) stärker priorisiert werden.
In einem breiteren Kontext wurde zudem die Vertiefung der deutsch-saudischen Kooperation im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als lohnenswert hervorgehoben. Wie die vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung betonte Bedeutung von „neue[n] Allianzen, zum Beispiel mit den Golf-Staaten“ zeigt, stößt dieser Ansatz in europäischen Hauptstädten auf zunehmendes Interesse. Die Überführung dieses Gedankens in konkrete Praxis eröffnet eine vielversprechende Perspektive für eine engere EU‑GCC‑Partnerschaft. So können gemeinsame Interessen durch gemeinsames Handeln gestärkt werden – zur Verbesserung der maritimen Sicherheit und darüber hinaus.