Gemeinsam mit dem Middle East Council on Global Affairs organisierten die KAS und der Atlantic Council am 4. Dezember 2025 ein Diskussionsforum in Doha, Katar. Ziel war es zu beleuchten, wie die USA und die EU – ebenso wie China, Russland und weitere einflussreiche Akteure – die Großmachtdynamiken auf der Arabischen Halbinsel einschätzen und ihre Positionen in Bezug auf sicherheitspolitische Fragestellungen am Golf sowie ihre Beziehungen zu anderen geopolitischen Schwergewichten neu justieren. Zudem bot der Dialog katarischen Vertretern die Gelegenheit darzulegen, mit welchen Strategien Doha seine Macht über die eigenen Grenzen hinaus projiziert, die Souveränität des Golf-Emirats verteidigt und regionale wie globale politische Entwicklungen mitgestaltet.
An der Diskussion nahmen 38 hochrangige Fachleute und Entscheidungsträger aus Deutschland, EU-Mitgliedstaaten, Brüsseler Institutionen, den Vereinigten Staaten und Katar teil. Zunächst konzentrierte sich der Austausch auf den aktuellen Stand des Großmachtwettbewerbs in Katar und am Golf, bevor er sich Dohas regionaler Rolle im Nahen Osten und in Afrika zuwandte. Den Abschluss bildete eine Sitzung über mögliche Ansatzpunkte für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Europa, den Vereinigten Staaten und Katar – insbesondere in Hinblick auf Dohas Engagement in umliegenden Entwicklungsländern – um das gemeinsame Ziel einer sicheren, stabilen und prosperierenden Region voranzutreiben.
Durch die Anwesenheit von US-Teilnehmern konnten Aspekte der internationalen Beziehungen der GCC-Staaten diskutiert werden, die in bilateralen Golf EU Formaten häufig kaum zur Sprache kommen. Angesichts der traditionell starken Abhängigkeit sowohl des GCC als auch Europas von Washington als Sicherheitsgarant ermöglichte dieses trilaterale Format offene Debatten über die sich wandelnde militärische Präsenz der USA im Nahen Osten – und über jene Chancen für eine Golf EU Partnerschaft, die sich daraus ergeben. Gleichzeitig wurde deutlich, dass mögliche europäische und arabische Reaktionen auf Washingtons Pivot to Asia – oder möglicherweise seine „Hinwendung zur westlichen Hemisphäre“ – letztlich dem Ziel dienen, die gemeinsamen strategischen Interessen aller drei Machtblöcke zu sichern.
Der konstruktive Austausch blieb jedoch nicht frei von Kritikpunkten und unbequemen Wahrheiten. Katar wurde darauf hingewiesen, seine Politik der Multi-Alignment nicht zu weit zu treiben: Washington würde eine uneingeschränkte Offenheit Dohas gegenüber fortgeschrittenen chinesischen Technologien als Bedrohung deuten – zumal eine Vielzahl amerikanischer Verteidigungsanlagen in Katar stationiert sind. Die Europäer wiederum sahen sich mit Kritik an der langsamen Arbeitsweise der Brüsseler Bürokratie konfrontiert, die zahlreiche Aspekte der strategischen EU GCC Partnerschaft verlangsamt. Gleichzeitig wurde Europas Verlässlichkeit als regelbasierte Macht ausdrücklich hervorgehoben – eine Eigenschaft, die tiefere Beziehungen mit Brüssel zu einer attraktiven „Versicherung“ gegen das zunehmend erratische und transaktionale Verhalten anderer Großmächte macht. Allerdings muss Europa hierfür seine eigenen militärischen Fähigkeiten konsequent ausbauen.
Gerade nach den aufeinanderfolgenden Angriffen Irans und Israels auf katarisches Hoheitsgebiet zeigte die Diskussion deutlich, dass für Doha in Sicherheitsfragen das Zeitalter des transaktionalen Ausbalancierens vorbei ist – und dass nun regelbasierte Partnerschaft den Ton angibt. Vor diesem Hintergrund kann der Wert Deutschlands und der EU erheblich steigen, da sie zu den wenigen geopolitisch relevanten Akteuren zählen, die konsequent auf verlässliche Allianzen setzen. Voraussetzung dafür ist, dass Brüssel sein anderes Image überwindet – nämlich verlässlich langsam zu agieren. In diesem Zusammenhang ist die jüngste Entscheidung der EU, Gespräche mit Katar über eine bilaterale Partnerschaft für regionale Stabilität aufzunehmen, ein wichtiger Schritt nach vorn, der die strategischen Beziehungen der EU mit dem GCC ergänzt.