Die auf freien und regelbasierten Handelsbeziehungen beruhende internationale Wirtschaftsordnung der vergangenen 50 Jahre hat sich als Wachstumsmotor für Deutschland, Saudi‑Arabien sowie andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und des Golf-Kooperationsrates (GCC) erwiesen. Zudem galt sie als zentraler Antreiber des wirtschaftlichen Wohlstandes weltweit: Seit 1976 ist das globale Bruttoinlandsprodukt um das 17‑Fache gestiegen. Ein vergleichbarer Zuwachs hatte zuvor mehr als 100 Jahre in Anspruch genommen.
Heutzutage zeichnet sich wirtschaftliches Wachstum durch eng verflochtene Liefer- und Wertschöpfungsketten aus, die den Globus durchqueren und auf offene Handelsbeziehungen zwischen Staaten beruhen. Gleichwohl mehren sich die Bedrohungen für diesen prosperierenden Status quo – von den durch die Trump‑Administration in den Vereinigten Staaten angekündigten und umgesetzten Zöllen bis hin zu stockenden multilateralen Fortschritten bei der globalen Handelsliberalisierung im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO).
Um dieser schädlichen Dynamik entgegenzuwirken, organisierten die Konrad‑Adenauer‑Stiftung (KAS) und das Prince Saud Al Faisal Institute for Diplomatic Studies (IDS) einen zweitägigen Workshop, bei dem Perspektiven der deutsch-saudischen Zusammenarbeit zur Stärkung des multilateralen, regelbasierten Handelssystems sowie der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und dem GCC diskutiert wurden. An dem Workshop, der vom 26. bis 27. Januar 2026 in Riad stattfand, nahmen 30 Offizielle und Experten aus Deutschland, Saudi‑Arabien sowie weiteren europäischen und GCC‑Staaten teil.
Der erste Tag des Workshops ermöglichte einen Austausch von Perspektiven zu aktuellen Debatten über Globalisierung und Protektionismus, das multilaterale Handelssystem sowie über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und den Golf-Staaten. Diese Diskussionen dienten dazu, eine Basis des gemeinsamen Verständnisses aufzubauen sowie Meinungsunterschiede zu erläutern – beginnend mit globalen Entwicklungen und endend mit den EU‑GCC‑Beziehungen.
Aufbauend auf den Diskussionen des ersten Tages standen am zweiten Veranstaltungstag zwei strukturierte Ideenaustauschrunden im Mittelpunkt, die darauf abzielten, Ansätze zu erarbeiten, wie das saudisch‑deutsche Führungspotenzial bei Handelsfragen genutzt werden kann, um die multilaterale Wirtschaftsordnung zu stärken. Außerdem entwickelten die Teilnehmer Politikempfehlungen für die Vertiefung der blockübergreifenden Wirtschaftsbeziehungen, die über reine Zollsenkungen zwischen EU- und GCC-Staaten hinausgehen.
Der Workshop verdeutlichte das Versprechen eines umfassenden EU‑GCC‑Freihandelsabkommens (FTA), das ein deutliches Signal zugunsten liberalisierten Handels, regelbasierter Beziehungen und internationaler wirtschaftlicher Integration in der aktuellen geoökonomischen Lage setzt. Auf dem Weg zu einem künftigen FTA kann darüber hinaus die im EU‑Kontext häufig diskutierte Logik der „differenzierten Integration“ genutzt werden. Beispielsweise können bilaterale oder minilaterale Kooperationen in Bereichen wie der regulatorischen Angleichung, der Investitionsförderung, der sektoralen Zusammenarbeit sowie der Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) kurzfristig vertieft und mittel- und langfristig in ein umfassendes, blockübergreifendes Abkommen aufgenommen werden. Schließlich unterstrichen die Diskussionen den Mehrwert institutionalisierter Gesprächsformate auf der Track-1,5-Ebene – wie des KAS‑IDS‑Workshops –, um zukunftsgerichtete, innovative Ideen zu entwickeln, welche die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der EU, dem GCC und den Staaten in ihrer geteilten Nachbarschaft stärken und neu beleben.
Aus diesen Ergebnissen und Erkenntnissen leitete die KAS vier politische Handlungsempfehlungen ab:
- Die Unterstützung für freien Handel in politischen Kreisen sowie in der europäischen Öffentlichkeit stärken. Angesichts der Anfälligkeit von Ideen der globalen wirtschaftlichen Integration und Handelsliberalisierung für protektionistische Narrative populistischer Akteure müssen Befürworter der Globalisierung ihre Argumente direkt an die europäische Bevölkerung herantragen. Diese Aufgabe fällt in erster Linie nationalen Politikern sowie den Mitgliedern des Europäischen Parlaments zu. Im Kontext der EU‑GCC‑FTA‑Gespräche können GCC-Vertreter diese Bemühungen unterstützen, indem sie ihre Öffentlichkeitsarbeit über die Europäische Kommission hinaus auf das Europäische Parlament ausweiten.
- Plurilaterale WTO‑Mechanismen nutzen, um „Koalitionen regelgebundener Staaten“ unter EU-GCC-Führung zu bilden. In Abwesenheit eines FTA können eine stärkere EU‑GCC‑Beteiligung und/oder Führungsrolle in Initiativen wie dem Abkommen über Investitionserleichterungen für Entwicklung (Investment Facilitation for Development – IFD), der Mehrparteien-Interimsvereinbarung zur Beilegung von Handelsstreitigkeiten (Multi‑Party Interim Appeal Arbitration Arrangement – MPIA) sowie anderen plurilateralen WTO‑Mechanismen dazu beitragen, Fortschritte bei der Harmonisierung von Regeln und Streitbeilegungsmechanismen zu erzielen.
- Die Einbindung von KMU in die Vertiefung der EU‑GCC‑Wirtschaftsbeziehungen priorisieren. Eine stärkere Beteiligung von KMU kann durch die Einrichtung eines spezifischen EU‑GCC‑Dialogs zu diesem Thema, die Einbindung von KMU‑Vertretern in künftige KAS‑IDS‑Dialoge, die Schaffung bilateraler Investitionsförderinstrumente und/oder die Ermöglichung trilateraler Kooperationen erreicht werden, die bei Projekten in Drittstaaten – insbesondere Entwicklungsländern – deutsche KMU‑Expertise mit Golf-Kapital und politischem Einfluss verbinden.
- Sektorale Partnerschaften auf bilateraler, minilateraler und multilateraler Ebene vorantreiben – auch ohne EU‑GCC‑FTA. Besonders vielversprechende Branchen sind unter anderem grüner Wasserstoff, grüner Stahl und grüner Zement. Mögliche Kooperationsinstrumente umfassen langfristige Abnahmeverträge, gezielte Subventionen auf Angebots- und Nachfrageseite sowie den Abbau bürokratischer Hürden beim Import dieser Güter im Rahmen des neu eingeführten CO2-Grenzausgleichsmechanismus der Europäischen Union (CBAM).