Veranstaltungsberichte

Aufarbeitung oder Verdrängung

Gesellschaftliche und politische Prozesse in der Nachkriegszeit

Mit einem Vortrag von Prof. Patzelt wurde die Reihe "Wie schmeckte die Bundesrepublik" fortgesetzt.

„Wahrheit, die frei macht“

Werner Patzelt in der Vortragsreihe „Wie schmeckte die Bundesrepublik?“ zur Aufarbeitung und Verdrängung in der Nachkriegszeit

Am 14. April 2015 hat das Politische Bildungsforum Sachsen in den Festsaal des Stadtmuseums geladen. Hier fand die zweite Veranstaltung der Reihe „Wie schmeckte die Bundesrepublik?“ statt. Diesmal referierte Professor Dr. Werner Patzelt, Politikwissenschaftler der TU Dresden, über das Thema „Aufarbeitung oder Verdrängung – Gesellschaftliche und politische Prozesse in der Nachkriegszeit“. Das Thema bewegt offensichtlich viele Dresdner. Anders als bei der Auftakt-Veranstaltung der Reihe am 31. März war dieses Mal der Festsaal nahezu komplett gefüllt. Auch in der anschließenden Diskussion, gab es eine große Beteiligung des Publikums. Die Veranstaltung wurde von Joachim Klose, Leiter des Politischen Bildungsforums Sachsen, moderiert.

Der Geschmack der Bundesrepublik im Wandel der Zeit

„Wie schmeckte die Bundesrepublik?“ – Heute schmecke sie reich und nach einem der beliebtesten Länder der Erde, so Patzelt zu Beginn seines Vortrags. Aber das sei nicht immer so gewesen. In der frühen Nachkriegszeit hätte die junge Bundesrepublik vor allem nach einem kaputten und verachteten Land ohne Perspektive geschmeckt und nach Leichen und Brand gerochen.

Verdrängen und Vergessen

Kein Wunder also, dass sich damals kaum ein Deutscher mit der Vergangenheit beschäftigen wollte. Während die Deutschen heute von Aufarbeitung sprechen, haben sie nach dem zweiten Weltkrieg von Bewältigung der Vergangenheit gesprochen. Aufarbeitung der Vergangenheit ist heutzutage eng verknüpft mit Begriffen wie Erinnerungskultur oder Vergangenheitspolitik. Dabei gehe es darum tabuisiertes, wie Schuld, aufzubrechen, so Patzelt.

Zwei weitere geläufige Begriffe im Zusammenhang mit der Vergangenheit sind Verdrängung und Vergessen. Während Vergessen ein passives, unbewusstes Verblassen von Erinnerungen meint, ist Verdrängen ein aktiver Prozess. Der Begriff stammt aus der Psychoanalyse und bezeichnet einen psychischen Abwehrmechanismus von tabuisierten Sachverhalten.

Deutschland 1945

1945 war Deutschland ein zerstörtes Land: Die Kriegs-Niederlage, die Kriegstoten, die Konzentrationslager in der Tagesschau – all das war unübersehbar. Dazu kam, dass die Siegermächte im Zuge der Entnazifizierung die Deutschen dazu gezwungen haben, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. So wurden beispielsweise die Nürnberger Prozesse, bei denen Hauptkriegsverbrecher des Nationalsozialismus vor Gericht gestellt wurden, bewusst in die Öffentlichkeit getragen. Dennoch fand eine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit nicht statt. Allein schon die Bewältigung des Alltags der Gegenwart war für die Deutschen eine große Herausforderung auf vielen Ebenen.

Eines von vielen Problemen stellten die Kriegsheimkehrer dar. Viele der Männer waren traumatisiert und sollten nun nach ihrer Rückkehr in ihren Familien die Vaterrolle wieder einnehmen. Dabei hatten sie nie wirklich gelernt, was das bedeutet. So kam es dazu, dass diese Männer anfingen, ihre Kinder wie Rekruten zu disziplinieren, erklärte Patzelt. Hinzu kam, dass die Frauen und Kinder, die bisher ihren Alltag alleine organisiert haben, die Männer oft nicht wiedererkannten.

Ein weiteres Problem mit dem sich die Bevölkerung konfrontiert sah, waren die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen, die nach Deutschland kamen und mit denen sich die Deutschen den Wohnraum teilen mussten.

Neben diesen sozialen Konflikten existierte eine große Armut in der Bevölkerung. Es galt die Wirtschaftsproduktion wieder hochzufahren.

In einer solchen Lage sei die Aufarbeitung des Nationalsozialismus kein drängendes Thema gewesen, erklärte Patzelt. Man hätte ohnehin mit diesen Leuten kooperieren müssen. Tatsächlich wurden für den Wiederaufbau Deutschlands alle Hände gebraucht. Deshalb wurde mit ehemaligen Nationalsozialisten teilweise nach dem Motto verfahren: „Wer sich an die neuen Spielregeln hält, soll mitmachen können.“, so Patzelt. Mit dem Straffreiheitsgesetz vom November 1949 fand die Entnazifizierung durch die Siegermächte ein Ende.

Der Grundgeschmack der Nachkriegszeit

Der Grundgeschmack der Nachkriegszeit war: „es hat funktioniert“, erklärte Patzelt. Gemeint ist damit, dass es funktioniert hat, mit ehemaligen Nationalsozialisten einen demokratischen Staat mit florierender Wirtschaft aufzubauen. Aber nicht alle waren der Meinung. Der Geschmack hatte viele Nuancen. Während die Funktions-Eliten aus Verwaltung und Wirtschaft mit Stolz auf die Leistung der Nachkriegsjahre zurückblickten, warfen ihnen die Eliten aus Kunst und Kultur vor, die ethische und intellektuelle Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit nicht wichtig genug zu nehmen.

Eine weitere Geschmacks-Nuance war das Gefühl von Normalität. Die Deutschen hatten Reparationen an die Siegermächte zu zahlen. Das kannten sie schon aus der Weimarer Republik und das war für sie Normalität.

Etwas bitter dagegen schmeckte der schwelende Generationenkonflikt: Auf der einen Seite waren die Väter, die zu streng mit ihren Kindern umgingen, ihnen die Gründe dafür aber nicht nannten, auf der anderen Seite die Kinder, die ihren Vätern mit Angst und Verachtung begegneten. Es herrschte also nur eine „oberflächlich hergestellte Normalität“, betont Patzelt.

In seinem Vortrag gab Patzelt auch eine Antwort auf die Frage: „Wann endete die Nachkriegszeit?“. Im Jahr 1969, das Jahr in dem Willy Brandt deutscher Bundeskanzler wurde, wird erstmals von einem Ende der Nachkriegszeit gesprochen. Wirklich vorbei war die Nachkriegszeit spätestens mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990.

Fußball-Weltmeisterschaften

Ein guter Indikator für die Stimmungen und den Geschmack der Bundesrepublik seien auch die Fußball-Weltmeisterschaften gewesen. Während sich die Deutschen 1974 geniert hätten, die Nationalhymne zu singen, habe sich die WM 2014 für die Deutschen rundum gut angefühlt, stellte Patzelt fest.

Zum Schluss betonte er, dass in Deutschland seit Beginn der Bundesrepublik eine Erinnerungskultur entstanden ist, die es nirgendwo sonst so gäbe. Mit den Worten „Es ist die Wahrheit, die frei macht“ machte er deutlich, warum eine Aufarbeitung der Vergangenheit nötig ist.

Autor: Deborah Manavi

Ansprechpartner

Dr. Joachim Klose

Dr

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Sachsen

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