Veranstaltungsberichte

"Wenn sich der Untergrund bewegt - Lieder zwischen Liebe und Rebellion"

von Elisabeth Helbig
Liederkonzert und Vortrag

Am 05. Und 06.11.2014 veranstaltete das Politische Bildungsforum Thüringen zusammen mit dem Liedermacher und Arzt Dr. Karl-Heinz Bomberg, sowie der Musik- und Theater-pädagogin Erika J. Kunz insgesamt drei Konzerte mit Vorträgen. Während die Abendveranstaltungen jeweils frei zugänglich waren und den Titel „Wenn sich der Untergrund bewegt – Lieder zwischen Liebe und Revolution“ trugen, versammelten sich am Morgen des 6. Novembers etwa 60 Oberstufenschüler des Gustav-Freytags-Gymnasiums Gotha, um Bomberg zuzuhören. Nach jeweils kurzen Begrüßungsreden durch die Vertreters des PBF Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung, Maja Eib, Daniel Braun und Helmut Kranz, berichtete Karl-Heinz Bomberg über die prägenden Momente seines Lebens während der SED-Diktatur und seiner Tätigkeit als Arzt, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. Der regionale Abgeordnete Gerold Wucherpfennig sprach in seinem Grußwort in Bad Sooden-Allendorf auch von der Bedeutung der Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur, die durch solche Veranstaltungen zum Ausdruck gebracht werden kann.

Bomberg versuchte während seinen Vorträgen immer wieder, dem Publikum auf eine humoristische Art und Weise sein damaliges Leben bis hin zu seiner Inhaftierung zu skizzieren. So verglich er die Staatsgrenzen der DDR hin zu Westdeutschland beispielsweise mit einer semipermeablen Membran aus dem Biologierunterricht, um den Schülern und Schülerinnen die Grenzsituation zu verdeutlichen. Denn diese Grenze, so Bomberg, war nicht einfach nur eine Spaltung zweier Länder, sondern führte auch zu einer Spaltung der Seele. Sein Programm in der Schule unterschied sich etwas von den Abendveranstaltungen. So erzählte er den Schülern und Schülerinnen von seinem Weg zur Musik, der ihn durch viele Länder Osteuropas reisen ließ. Bepackt mit einem Rucksack und immer an der Grenze zum Verbotenen, reiste er durch Russland, Ungarn, Polen oder Kasachstan, um sich eine eigene kleine Freiheit zu ermöglichen. Anfänglich der SED noch nicht ganz abgeneigt, öffneten ihm diese Reisen schließlich die Augen und er erkannte, dass das System der DDR doch gar nicht so gut war, wie es ihm immer verinnerlicht werden sollte. Er beschloss, dass das Reisen nicht mehr genügen konnte, um seinen Drang nach Freiheit zu befriedigen und er begann, systemkritische Lieder zu schreiben und auch in Westdeutschland zu veröffentlichen. Es dauerte nicht lang, bis die Staatssicherheit auf ihn aufmerksam wurde und ihn schließlich ins Untersuchungsgefängnis Keibelstraße in Berlin bringen ließ. Erst dort wurde ihm bewusst, in was für einer gefährlichen Situation er sich befand. Auf den Verstoß der staatsfeindlichen Hetze standen zu dieser Zeit zwei bis 10 Jahre Haft. Bomberg wurde abgeführt und bezeichnet die ersten Tage seiner Gefangenschaft als unbeschreiblich schrecklich. Ohne Kontakt zur Familie oder zu Mitinhaftierten und ohne wirklich das Tageslicht sehen zu können, befand er sich in dieser Zeit in einem inneren Kampf, der ihn immer wieder daran zweifeln ließ, ob seine Veröffentlichungen richtig waren. Denn Bomberg war zu dieser Zeit schon Vater und fühlte sich schuldig seine Kinder im Stich gelassen zu haben. Dennoch kam er immer wieder zu der Überzeugung, dass es nicht nur richtig war diese Lieder geschrieben zu haben, sondern sogar notwendig. Während der Zeit im Gefängnis wusste nicht einmal seine Frau, wo er sich befand und veröffentlichte eine Vermisstenanzeige. Nach drei Monaten Haft, wurde Bomberg aufgrund von Demonstrationen und dem Druck Seitens der Kirche und auch westlicher Menschenrechtler freigelassen. Damit endete zwar sein Martyrium im Untersuchungsgefängnis, die Haft hinterließ jedoch Spuren und Wunden, mit denen er noch heute zu kämpfen hat.

Aufgrund dieser persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen hat der Psychotherapeut und Psychoanalytiker seine Arbeit den Menschen mit Traumata gewidmet. Anhand einiger Auszüge aus seinem im Frühjahr 2015 erscheinenden Buch und eines Fallbeispiels versuchte er zu verdeutlichen, wie er die seelischen Folgen, die die SED-Diktatur hinterlassen hat, versucht zu erkennen und zu behandeln. Viele Menschen aus der ehemaligen DDR wurden Opfer von Inhaftierungen, Zersetzungsmaßnahmen, Enteignungen, Zwangsadoptionen und vielem mehr. All dies hinterließ Spuren bei ihren jeweiligen Opfern. Viele dieser Menschen leiden noch heute unter den Folgen, die sich sowohl psychisch, als auch physisch bemerkbar machen können.

Um die Thesen und Methoden Bombergs zu ergänzen und zu unterstützen, war die Musik- und Theaterpädagogin Erika J. Kunz als Begleitung mitgereist. Sie sprach über die von ihr entwickelte Inhärenz-Methode, die das Zusammenspiel von Stimme, Körper und Psyche erklären soll. In Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen versucht sie wieder ein gewisses Selbstvertrauen aufzubauen, das den Menschen ermöglicht mit ihrem Schicksal zurechtzukommen. Auch sie rezitierte einige von ihr veröffentlichte Beiträge, zeigte aber auch ganz praxisnah physische Übungen, die innere Blockaden aufzeigen sollen. Denn diese so Kunz, seien meist der Auslöser für psychische und physische Probleme.

Als Ergänzung zu diesen sehr persönlichen Einblicken in die Arbeitsgebiete der beiden Referenten, sang der Liedermacher jeweils vier bis fünf selbstkomponierte Lieder, bei denen er sich selbst mit der Gitarre begleitete. Die Lieder handelten von seinem Weg zur Inhaftierung oder auch von der ersten Begegnung mit seiner Frau in der Untersuchungsanstalt. Im Anschluss an die Vorträge war das jeweilige Publikum eingeladen Fragen zu stellen. Ein Schüler fragte beispielsweise, welche Themen er denn nach der Wende für seine Lieder fand, wo doch die Systemkritik nun wegfiel. Bomberg gab zu, dass es ihm anfänglich schwer fiel, mit dieser neu erworbenen Freiheit umzugehen und er lange Zeit gebraucht hätte, um neue Themen für sich zu finden. Doch nach einiger Zeit kamen die Ideen wieder und er baute darauf auf, den zwischenmenschlichen Witz in seinen Liedern zu besingen.

Eine andere Frage bezog sich auf den Moment des Mauerfalls und wie Bomberg diesen erlebt habe. Er antwortete, dass er gejubelt und fieberhaft versucht habe, seine Freunde zu mobilisieren, mit ihm über die Grenze zu gehen, doch niemand wollte so recht. Danach sei er ins Bett gegangen, weil er ja schließlich am nächsten Tag wieder arbeiten musste. Erst am Folgetag realisierten er und seine Freunde dann allmählich, was an diesem Abend des 09. November wirklich geschehen war.

Zum Abschluss seiner Vorträge wählte er jeweils zwei Lieder seiner aktuellen CD: „Wenn sich der Untergrund bewegt“ und „Kommt ein warmer Wind“. Frau Bomberg, stellvertretende Direktorin des Gustav-Freytag Gymnasiums sprach von einer „anschaulichen Möglichkeit nachzuerleben, wie Andersdenkende trotz erlaubter Repressalien ihren Zielen treu blieben und diese Haltung auch heute an nachfolgende Generationen weitergeben“. Karl-Heinz Bomberg trägt mit seinen Vorträgen und Konzerten ein großes Stück dazu bei, dass die Erinnerungskultur am Leben gehalten wird und auch der jüngeren Generation eindrucksstark vermittelt werden kann, was sie sonst vielleicht nur aus Büchern oder den Medien erfährt.

Ansprechpartner

Maja Eib

Maja Eib bild

Landesbeauftragte und Leiterin Politisches Bildungsforum Thüringen

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