Veranstaltungsberichte

Perspektiven der Erinnerungskultur in Europa

von Mark Alexander Friedrich

Roland Jahn an der AUB

Am 25. April veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Andrássy Universität Budapest (AUB) eine Fachtagung über die „Perspektiven der Erinnerungskultur in Europa.“ Die Veranstaltung fand im Spiegelsaal der AUB statt.

Hauptredner der Veranstaltung, an der rund 80 Gäste und viele renommierte Experten teilnahmen, war der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Roland Jahn.

Im Mittelpunkt des Gedankenaustausches stand der Nationalsozialismus und Kommunismus in Deutschland und Ungarn. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Frank Spengler, Leiter des Auslandsbüros Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung, und Dr. Hendrik Hansen, Leiter der Professur für Politikwissenschaft an der Andrássy Universität Budapest

Referenten des ersten Panels, das von Professor Dr. Manfred Wilke moderiert wurde, waren Professor Dr. Hans-Joachim Veen, Vorsitzender der Stiftung Ettersberg, der Historiker Dr. Krisztián Unváry und Dr. Hendrik Hansen. Sie verglichen den Stellenwert von Nationalsozialismus und Kommunismus in der deutschen und ungarischen Erinnerungskultur.

Das zweite Panel behandelte die Erinnerung an Nationalsozialismus und Faschismus. Es wurde von dem. ehemaligen Leiter des Auslandsbüros Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans Kaiser (Minister a.D.) moderiert und Referent war Dr. Peter März vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus.

Das dritte Thema, die Erinnerung an den Kommunismus, wurde unter der Moderation von PD Dr. Hendrik Hansen erörtert. Referenten waren Professor Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer, Péter Eötvös, Leiter der Arbeitsgruppe „Verbrechen des Kommunismus“, KDNP, und Professor Dr. Manfred Wilke, Berlin.

Das abschließende Panel beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Politik und Erinnerungskultur. Roland Jahn hielt eine Grundsatzrede, die von Professor Dr. Attila Horváth, Professor für Rechtsgeschichte an der ELTE/PPKE Budapest und PD Dr. Csaba Szabó, stellvertretender Direktor des Collegium Hungaricum Wien ausführlich kommentiert wurde. Moderiert wurde diese Runde von Dr. Peter März. In seinem Vortrag spannte Jahn den Bogen von seinen persönlichen Erfahrungen mit der zweiten Diktatur auf deutschem Boden, über die Folgen eines Lebens in Unfreiheit im allgemeinen bis hin zu den Lehren, die heute aus dieser Zeit gezogen werden können. Ferner ging er auf die Aufgaben seiner Behörde ein. Zentrale Aspekte waren dabei das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit und die Frage, wie sich Menschen sich mit der Diktatur arrangieren oder auch nicht. Jahn wies dabei darauf hin, dass die meisten Menschen, auch er selber, Angst gehabt hätten ihre Meinung offen auszusprechen. "Es bedurfte geeigneter Anlässe - manchmal außergewöhnlicher - um die Angst zu überwinden". Es sei jedoch letztendlich jedem möglich gewesen, sich zu widersetzen, ohne sein Leben auf das Spiel zu setzen. Es kostete „das Wohlleben - und manchmal nicht einmal das". Nichtsdestotrotz zeigte sich Jahn versöhnlich mit jenen, die sich anpassten, denn sie müssten nun mit ihrem Gewissen leben. Er betonte und begrüßte, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat für alle gelte, für die, die sich widersetzt haben, für die, die sich angepasst haben und für jene, die sich schuldig gemacht hätten. Für Jahn trägt die Stasi-Unterlagenbehörde zur Festigung der Demokratie bei. "Je besser wir das Handeln der Diktatur begreifen, desto besser können wir die Demokratie gestalten." Die sei der Antrieb für seine Arbeit.

In der auf den Vortrag folgenden Diskussion gingen die Teilnehmer vermehrt auf die Frage es Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit in Ungarn ein. Hierbei betonte PD Dr. Csaba Szabó, dass persönliche Erinnerungen zuweilen ein falsches Bild von der Vergangenheit liefern könnten und dass Ungarn seine Vergangenheit noch immer nicht verarbeitet habe. Dr. Attila Horváth sprach über die Sozialisierung im Ungarn unter Kádár und die Erziehung zu politischer Apathie. Dieses Problem würde ebenso nachwirken, wie die fehlende Rückgabe zuvor verstaatlichten Privatbesitzes nach der Wende. Zudem sei es ein großes Problem, dass die heutige Jugend in Ungarn zu wenig über die Zeit des Krieges und die direkte Nachkriegszeit wissen würde und im Zweifel das glaube, was ihr als erstes halbwegs plausibel erzählt würde.

Auf Anregung des im Publikum anwesenden Botschafters der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Matei I. Hoffmann, gingen die Teilnehmer tiefer auf die Frage der Offenlegung von Akten nach deutschem Vorbild ein, was in Ungarn nur in sehr beschränktem Umfang erfolgt ist. Abschließend wies Jahn noch einmal darauf hin, auch in der Demokratie Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. So gebe es "auch in der Demokratie zu oft Anpassung." Abgeschlossen wurde der Tag durch eine Abschlussbemerkung von Frank Spengler, der ein positives Fazit der Veranstaltung zog und an den Satz von Roland Jahn erinnerte, dass Demokratie auch auf der „Anerkennung von Verantwortung“ aufbaue.

Mark Alexander Friedrich