„Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen,
dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will ...“ (Michel de Montaigne)
Die Frage nach dem „Wer bin ich?“ stellt sich jedem von uns, vor allem den Heranwachsenden, und sie ist durch den Bestsellerautor Richard David Precht im Titel eines seiner Bücher nur halb im Scherz um gleich zwei weitere Fragestellungen verkompliziert worden: „ ... und wenn ja, wie viele?“ Die eigene Identität zu finden ist sicherlich eine der großen Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Die heutige Pluralität der Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, macht es spannender, aber gewiss auch schwieriger als früher, die eigene Persönlichkeit, die Identität auszubilden.
Nicht wenige halten die Fragen aus dem Buchtitel Prechts auch für bestens geeignet, um sie an unsere deutsche Gegenwartsgesellschaft zu richten. Muss sich nicht auch die deutsche Zuwanderungsgesellschaft die Frage stellen, wer sie ist, wer wir sind und wer alles dazugehören soll? Zumindest erwecken manche Äußerungen durchaus den Eindruck, dass es da eine Gesellschaft gibt, die noch dabei ist, eine neue soziale Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen und sich dazu zu positionieren. Diese neue Wirklichkeit, die so neu gar nicht ist, ergibt sich zu einem erheblichen Teil aus der Tatsache, dass annähernd zwanzig Prozent der Einwohner Deutschlands eine Zuwanderungsgeschichte haben.
Nun sind weder Gesellschaften noch Personen frei, die eigene Identität uneingeschränkt zu gestalten. Niemand ist ein weißes Blatt, das nach Herzenslust beschrieben werden könnte. Vielmehr ist vieles schon eingeschrieben, manches davon unauslöschlich, was prägt und definiert. Elternhaus und Familienverhältnisse, frühe Prägungen, das soziale Umfeld – all diese Faktoren haben schon Spuren in unserer Persönlichkeit hinterlassen, bevor wir wissen oder zu wissen glauben, wer wir sind.
Das gilt natürlich für jeden jungen Menschen. Für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kommt allerdings ein weiterer Faktor hinzu: Zuschreibungen, sowohl der Mehrheitsgesellschaft wie auch der eigenen Herkunftsgruppe, die identitätsbildend sind. Im Amtsdeutsch ist es das Etikett „Zuwanderungsgeschichte“. Die Umgangssprache ist da etwas weniger distanziert, und so werden auch Kinder und Jugendliche, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, zu Türken, Russen, Afrikanern oder Aussiedlern.
Zwei Sprachen, zwei Identitäten?
Für die Zuwanderer der ersten Generation war die Sache klar – für sie wie für die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Es ist eine Generation von Männern und Frauen, die lange Zeit „Gastarbeiter“ genannt wurden. Gäste sind Anwesende auf Zeit. Es ist gar keine Frage, dass sie auch wieder gehen. Daher erschien es weder der Generation meiner Eltern noch den Deutschen sinnvoll oder erforderlich, dass Gastarbeiter Deutsch lernten. Wozu, wenn der Aufenthalt, der im Wesentlichen aus Arbeiten bestand, alsbald wieder beendet sein würde?
Die Identität dieser Generation war lange klar definiert und ist es im Grunde bis heute, auch wenn viele aus dieser Altersgruppe nicht in das Ursprungsland zurückgegangen sind. Besonders spannend ist vielmehr ein Blick auf die zweite und die dritte Generation der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Die Mehrzahl der Jüngeren, die heute üblicherweise als Migranten bezeichnet werden, wurde, anders als ihre Eltern und Großeltern, in Deutschland geboren und ist hier aufgewachsen, hat Schulen in Deutschland besucht, hier eine Ausbildung gemacht oder studiert oder ist noch damit beschäftigt. Ist ihre Identität auch klar – so klar wie die ihrer Verwandten einerseits oder ihrer Mitschüler, Freunde ohne Zuwanderungsgeschichte, andererseits?
Für die heutigen jungen Menschen aus Zuwandererfamilien in Deutschland dürfte es in vielerlei Hinsicht komplizierter sein. Deutlich wird das, wenn man sich ihr Kommunikationsverhalten einmal genauer anschaut.
Bei der jüngsten Mehrthemenbefragung der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung ging es unter anderem um die Frage, welche Sprache von aus der Türkei stammenden Zuwanderern benutzt wird. Es zeigte sich, dass auch bei der zweiten und dritten Zuwanderergeneration in der Familie zwei Drittel der Befragten und im Freundeskreis fast die Hälfte überwiegend Türkisch sprachen.
Nun sei vor Kurzschlüssen gewarnt! Aus diesen Daten lässt sich keineswegs ein Integrationsproblem ableiten. Weil aber Sprache Identität prägt und formt – und um Identität soll es hier vorrangig gehen –, deutet das Vermögen, in zwei Sprachen zu sprechen, auch darauf hin, dass Identitätsbildung wirklich kompliziert sein kann. Hier konkretisiert sich, was der Philosoph Michel de Montaigne bereits im sechzehnten Jahrhundert als „buntscheckig“ bezeichnete, als er von Identität sprach.
Christen und Muslime – Nähe im Glauben
Ein weiterer prägender Faktor für die Identität ist die Religion. Die vielfach diskutierte Frage lautet: „Islam und Europa – passt das?“ Man kann in diesem Zusammenhang froh darüber sein, dass der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble mit seinem Satz, der Islam sei ein Teil Deutschlands, der integrationspolitischen Debatte erheblichen Schub gegeben hat. Armin Laschet schrieb dazu 2009 in seinem Buch Die Aufsteigerrepublik, warum gerade die CDU als wertorientierte und religionsfreundliche Partei den Kurs der nachholenden Integration einschlagen konnte. Für mich nachvollziehbar schrieb er, dass er sich als Christ einem gläubigen Muslim näher fühle als demjenigen, der nicht glaube und Religion aus dem öffentlichen Leben herausdrängen wolle. Dass Thilo Sarrazin demgegenüber die Ursachen für die in Teilen unzureichende Integration von Migrantinnen und Migranten muslimischen Glaubens in der „Kultur des Islam“ begründet sah, hat ihn seinerzeit zu Recht das Amt des Bundesbankvorstands gekostet.
Zu guter Letzt tritt auch der deutsche Staat mit seinem Streben nach Klarheit und Ordnung auf dem Feld der Identitätsbildung auf. Dabei fragt er nicht explizit nach Identität, sondern nach Zugehörigkeit, genauer nach der Staatsangehörigkeit.
Für junge Menschen, die ab 1990 geboren sind und deren Eltern beide eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit haben, sieht das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht seit 2000 die sogenannte Optionspflicht vor. Mit Erreichen der Volljährigkeit, spätestens aber mit Vollendung des 23. Lebensjahres, müssen sich die sogenannten Optionskinder zwischen der Staatsangehörigkeit ihrer Eltern und der deutschen entscheiden. Wer das nicht tut, verliert den deutschen Pass.
Emotionale Bindung und Staatsangehörigkeit
Montaignes „Buntscheckigkeit“ wird hier konkret erlebt in den Landesfarben, zwischen denen sich die jungen Menschen nunmehr entscheiden sollen. Da ist die Mehrheitsgesellschaft, die neuerdings fest davon ausgeht, dass sich der junge Migrant, der bis dahin weitgehend unhinterfragt auf Distanz gehalten wurde, nun ebenso selbstverständlich für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheidet. Vielen fällt diese Entscheidung emotional schwer. Dennoch haben sich über neunzig Prozent der Optionskinder, die sich jetzt entscheiden müssen, für die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden. Aus rationalen Gründen.
Das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht erlaubt „Buntscheckigkeit“ nicht – zumindest nicht den Drittstaatlern. Es verlangt von ihnen eine exklusive Identität, ein klares Entweder-oder. Dabei ist nicht minder realistisch, dass sich die Zugehörigkeit der jungen Zugewanderten der zweiten und dritten Generation additiv („sowohl-als auch“) oder transitiv („weder-noch“) entwickeln könnte.
Wie auch immer man zur Optionspflicht steht, klar ist, dass sie junge Menschen vor eine schwere Lebensentscheidung stellt. Eine Entscheidung, die überwiegend aus rationalen und weniger aus emotionalen Gründen zugunsten der deutschen Staatsbürgerschaft ausfällt. Aber genau Letzteres sollte das Ziel sein: diese jungen Menschen emotional an sich zu binden!
Ziel: bunt und gebildet
Womit wir wieder auf die Identität der deutschen Gegenwartsgesellschaft zurückkommen: Wohin soll sich Deutschlands Identität entwickeln? In den 1970er- und 1980er-Jahren der Bundesrepublik war die „Bewahrung der Herkunftsidentität“ der Ausländer das bildungs- und ausländerpolitische Ziel. Dabei ging es den einen darum, die Rückkehr ins Heimatland „sicherzustellen“, den anderen um den Schutz vor einer vermeintlichen „Zwangsgermanisierung“. Im Ideal einer multikulturellen Gesellschaft klingt der zuletzt genannte Gedanke noch immer durch. Dabei wird allerdings übersehen, dass für viele Jugendliche das zentrale Problem der Wirklichkeit vor allem vieler Großstädte nicht darin besteht, ihre Identität nicht hinreichend entwickeln zu können, weil sie zwischen ethnischen, kulturellen und religiösen Ansprüchen zweier Gesellschaftsteile hin- und hergerissen sind. Das zentrale Problem ist vielmehr, dass es zu vielen nicht gelingt, sich in Bildungssystem und Arbeitsmarkt der Aufnahmegesellschaft zu integrieren. Bildungspolitik ist und bleibt daher eine der zentralen integrationspolitischen Aufgaben unserer „buntscheckigen“ Gesellschaft. Eine „Bildungsrepublik Deutschland“ (Angela Merkel) wäre zugleich auch eine integrative Nation.
Serap Güler, geboren 1980 in Marl, integrationspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.