„Das individuelle Verhalten ist der Lackmustest einer Gesellschaft“, stellte Joachim Klose fest und bereitete damit die Bühne für eine Diskussion über Fairen Handel und persönlichen Konsum. „Fairer Handel zwischen Alibi und Protektionismus“ lautete das Thema am dritten Abend der Vortragsreihe „Globale Welt – Globale Aufgaben“.
Sussan Ipaktschi ist im konfessionellen Hilfswerk MISEREOR tätig im Fairen Handel. Sie konstatierte, mit Blick auf die globalen Entwicklungszusammenhänge, dass der Hunger ungerecht verteilt sei. Von der einen Milliarde chronisch unterernährten Menschen lebte nicht nur die Mehrheit im globalen Süden, sondern über 80% auf dem Land. Letzterer Umstand sei umso weniger zu begreifen, als der Weltagrarbericht von Weltbank und Vereinten Nationen die Landwirtschaft als größten Entwicklungsfaktor für die arme Bevölkerung ausmacht. Dem Bericht zu Folge habe die Weltmarktorientierung in vielen so genannten Entwicklungsländern sozial und ökologisch nachhaltige Strukturen aus dem Gleichgewicht gebracht. Gezielte und lokal spezifische Lösungen könnten das soziale Kapital in solchen Ländern stärken.
Die vorherrschende Wirtschaftsordnung der Welt, laut Ipaktschi vertreten durch Weltbank, den Internationalen Währungsfond und die Welthandelsorganisation, laufe diesem lokal orientierten Ansatz zuwider. Die rasche Öffnung der Märkte und die Überschwemmung mit export-subventionierten Produkten aus dem Ausland bedrohten kleinbäuerliche Strukturen. Heute seien mehr als zwei Drittel der Entwicklungsländer Nettoimporteure von landwirtschaftlichen Produkten.
Die europäische Agrarpolitik habe zwar ihre Exportsubventionen mittlerweile um ca. 90% gekappt. Allerdings sei der Agrarhaushalt der EU noch immer einer der größten Posten des Budgets und bevorzuge in seinen Ausschüttungen gezielt die industrialisierte Agrarproduktion. Die Erzeugerpreise europäischer Bauern lägen nur noch knapp über den Weltmarktpreisen. Dadurch gingen beispielsweise mehr als zwei Drittel der europäischen Milchproduktion ins Ausland und verdrängten vielmals die einheimischen Produzenten.
Sussan Ipaktschi forderte, die Überproduktion in Europa zurückzufahren. Exportsubventionen gehörten vollständig abgeschafft. Vielfach sollten Direktsubventionen der EU stärker von sozialen und ökologischen Kriterien abhängig gemacht werden.
Claudia Greifenhahn leitet seit vielen Jahren das Ladencafé aha in Dresden, das sich auf den Verkauf fair gehandelter und ökologisch angebauter Produkte spezialisiert. In ihrem Beitrag ging Greifenhahn sowohl auf die Entwicklung der Fair-Trade-Bewegung als auch auf die mögliche Zukunft des gerechten Handels ein. Die Idee des fairen Handels stamme ursprünglich aus Brasilien, wo der Erzbischof Dom Hélder Câmara schon in den 1960er Jahren forderte, die Entwicklungsländer müssten gerechte Preise für ihre Erzeugnisse gezahlt bekommen, um der Armut entfliehen zu können. Heute gäbe es in Deutschland über 800 Fair-Trade-Läden. Das Ziel des fairen Handels sei, eine funktionierende Partnerschaft zwischen Produzenten und Konsumenten aufzubauen. Alternative Handelsorganisationen fungierten häufig auch als Vorfinanzierer für wirtschaftliche Vorhaben der Kleinbauern vor Ort.
Der Faire Handel könne den globalen Blick der Konsumenten in den westlichen Ländern öffnen und über umfassende Bildungsarbeit auch letztlich dazu führen, den eigenen Lebensstil kritisch zu hinterfragen. Ganz offensichtlich sei ein weiterer Vorteil von Fair Trade, dass gerechte Preise gezahlt und soziale Arbeitsbedingungen dadurch erst ermöglicht würden.
Angesichts der Ausweitung des Fairen Handels auch auf große Supermarktketten fürchtet Greifenhahn, dass die Transparenz der Handelsbeziehungen leiden könnte. Der Trend, Produkte mit Fair-Trade-Siegeln zu deklarieren, verteuere nicht nur Produkte, sondern führe auch heute schon zu einer Verwässerung der Standards, die an die Siegelvergabe geknüpft sind. Deshalb prognostizierte Greifenhahn zwar einen rasanten Anstieg der Verkaufszahlen von so genannten Fair-Trade-Produkten, der allerdings von einem Rückgang gefolgt würde. Das absehbare Glaubwürdigkeits- und Transparenzproblem des aufgeblähten Fair Trade sei für diesen Rückgang verantwortlich.
Fair Trade dürfe nicht nur Alibi für einen wenig nachhaltigen Lebensstil sein. Das eigene Konsumverhalten sei letztlich entscheidend für das Überleben der Erde.
Tagungsleiter: Friedemann Brause