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de Christopher Beckmann

Neuere Literatur zum Deutsch-Französischen Krieg und zur Reichsgründung vor 150 Jahren – Teil I

Tillmann Bendikowski: 1870/71. Der Mythos von der deutschen Einheit, Bertelsmann, München 2020, 400 Seiten, 25,00 Euro. || Klaus-Jürgen Bremm: 70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019, 335 Seiten, 25,00 Euro. || Michael Epkenhans: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 (Kriege der Moderne, hrsg. vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr), reclam, Stuttgart 2020, 160 Seiten, 14,95 Euro. || Hermann Pölking / Linn Sackarnd: Der Bruderkrieg 1870/71. Deutsche und Franzosen, Herder, Freiburg i. Br. 2020, 688 Seiten, 38,00 Euro.

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Weiter zurückliegende Phasen der deutschen Geschichte geraten über die historische Forschung hinaus am ehesten dann in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit, wenn „runde“ Jahrestage anstehen. Das zeigte sich bei der einhundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs. Ähnliches lässt sich – wenn auch in geringerem Umfange – hinsichtlich des 150-jährigen Gedenkens an den in der Öffentlichkeit weitgehend vergessenen Deutsch-Französischen Krieg und die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1870/71 beobachten.

Wer sich zuverlässig über den Kriegsverlauf, die Vorgeschichte und die unmittelbaren Auswirkungen informieren will, ist mit dem knappen Überblick von Michael Epkenhans und der ausführlicheren Darstellung von Klaus-Jürgen Bremm gut bedient. Beide führen aus, dass sowohl in Frankreich als auch in Preußen angesichts der politischen Spannungen, etwa um die Kandidatur eines Prinzen aus einer Nebenlinie der Hohenzollern für den vakanten spanischen Thron, Präventivkriegspläne ventiliert worden seien. In Paris habe bereits vor der berüchtigten „Emser Depesche“ eine kriegsbereite Stimmung geherrscht. Das Vorgehen des deutschen Reichskanzlers, Otto von Bismarck, hatte vor allem den Zweck, Frankreich in den Augen der europäischen wie auch – wichtig für die Beteiligung der süddeutschen Staaten am Krieg – der deutschen Öffentlichkeit als Aggressor erscheinen zu lassen. Tatsächlich hatte das französische Kabinett, worauf Epkenhans hinweist, bereits vor Bekanntwerden der „Emser Depesche“ die Mobilmachung beschlossen.

Anders als allgemein erwartet, eilten die preußisch-deutschen Truppen in den ersten Kriegswochen von Sieg zu Sieg. Ein Faktor dafür war, wie Epkenhans und Bremm darlegen, dass deren Aufmarsch, vor allem mittels der Eisenbahn, weitaus besser organisiert war als der französische, der teilweise chaotisch und zu langsam verlief. Eine entscheidende Rolle spielte zudem die deutsche Überlegenheit bei der Artillerie, die Vorteile aufseiten der Franzosen bei den Handfeuerwaffen kompensieren konnte.

 

Taktische Fehlentscheidungen

 

Zudem sei der preußische Generalstab an strategischer Kompetenz überlegen gewesen und habe die Kommandeure auf den Schlachtfeldern zur Eigenverantwortlichkeit angehalten, während die französischen Generale an detaillierte Vorgaben gewöhnt gewesen seien. Gerade dies führte auf deutscher Seite aber auch zu taktischen Fehlentscheidungen mit der Folge hoher Verluste. Nicht wenige Generale hätten sich, so Bremm, in den ersten Schlachten als „tumbe Haudraufs“ erwiesen, die ihre Männer in verlustreiche Sturmangriffe trieben. Sogar der keineswegs zimperliche Bismarck beklagte die „Verschwendung der besten Soldaten Europas“. Manche Offiziere seien „nur Faust, kein Kopf“ und würden in ihrer „Sucht nach dem Eisernen Kreuz“ sogar die Köpfe in die französischen Kanonen stecken. König Wilhelm unterstrich in einem Befehl vom 21. August 1870 seine Erwartung, dass eine gründlichere Vorbereitung es möglich machen werde, künftig ähnliche Erfolge mit weniger eigenen Opfern zu erreichen.

Während Epkenhans den Kriegsalltag der kämpfenden Truppen nur in einem knappen Überblick thematisiert, widmet Bremm den „Soldaten im Feld“ immerhin ein sechzehnseitiges Kapitel, in dem die Betroffenen jedoch nur selten selbst zu Wort kommen. Das Bemühen, auch die einfachen Menschen in der kämpfenden Truppe wie in der Heimat in den Blick zu nehmen, ist dagegen das Verdienst der voluminösen Darstellung von Hermann Pölking und Linn Sackarnd. Sie zitieren ausgiebig aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen von Offizieren und Soldaten unterer Ränge, von Ehefrauen und Familienangehörigen.

 

„Hungrig, frierend, ahnungslos“

 

Erfreulicherweise werden auch die Auswirkungen des Krieges auf französischer Seite thematisiert, sowohl politisch als auch hinsichtlich des Alltags in der Bevölkerung. So bezweifeln die Autoren, dass Frankreich – im Gegensatz zu Deutschland längst ein einheitliches Staatswesen – zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns eine gemeinsame Identität besaß. Nur eine gebildete städtische Schicht habe eine „Vorstellung von Frankreich als Nation“ gehabt, während der Großteil der Bevölkerung in den Traditionen und Vorstellungen ihrer begrenzten regionalen Lebenswelt verwurzelt und Französisch für fünfzig Prozent nicht die Muttersprache gewesen sei. Auch in Frankreich führte der Krieg – in diesem Fall die als Katastrophe empfundene Niederlage – zu einem Vereinheitlichungs- und Identitätsbildungsschub. Eindrücklich sind die Stimmen einfacher Soldaten, die die strategischen Überlegungen ihrer militärischen und politischen Führer kaum kannten und „hungrig, frierend, ahnungslos“ (Bremm) der Kriegswalze ausgeliefert waren. Pölking und Sackarnd zitieren einen französischen Unteroffizier, dem es nach eigenem Bekunden „unmöglich zu sagen“ war, was „auf dem Schlachtfeld von Sedan vor sich ging“: „Beim Kommando ‚Halt!‘ hielt ich an, beim Kommando ‚Niederlegen!‘ warf ich mich hin, beim Kommando ‚Marsch!‘ marschierte ich, beim Kommando ‚Feuer!‘ bediente ich den Abzug. Alles andere bekam ich nicht mit.“ Auch die deutschen Soldaten erfuhren wenig über die Kriegslage und waren zumeist auf schon veraltete Zeitungsartikel aus der Heimat angewiesen. So notwendig diese Perspektive „von unten“ ist: Nicht selten ist die Entdeckerfreude mit den Autoren durchgegangen. Die ausführliche Schilderung auch kleinerer Scharmützel anhand privater Quellen ist bisweilen ermüdend und erschwert es dem Leser, den Überblick zu behalten. Der Band ist somit vor allem als begleitende und veranschaulichende Lektüre zu den Büchern von Epkenhans und Bremm geeignet.

 

Erfüllung eines historischen Erbes?

 

Anders als den vorgenannten Autoren geht es Tillmann Bendikowski weniger um den Kriegsverlauf oder dessen Auswirkungen auf Soldaten und Bevölkerung. Sein Hauptanliegen ist die Dekonstruktion der mit dem preußisch-deutschen Sieg und der Reichsgründung einhergegangenen Mythenbildung. So sei die Reichsgründung 1871 weder die „Geburtsstunde einer Nation“, da es diese schon zuvor auch ohne einen Nationalstaat gegeben habe, noch die Erfüllung eines historischen Erbes gewesen, weil das neue Reich wenig mit dem vergangenen mittelalterlichen zu tun gehabt habe. Zudem habe die nationale Einigung nicht dem Willen aller Deutschen entsprochen.

Bendikowski lässt ausführlich die zeitgenössischen Gegner der Reichseinigung zu Wort kommen, schildert etwa die zum Teil erbitterten Diskussionen in Bayern. Die Zustimmung des bayerischen Landtags zu den die Reichsgründung besiegelnden Verträgen sei eine „Mischung aus bewusster Überzeugung, aus zähneknirschender politischer Einsicht, aber auch aus Resignation und Furcht vor möglichen Konsequenzen“ gewesen. Der militärisch herbeigeführten äußeren hätte daher die innere Einigung folgen müssen: „In dem Waffenrock ist Deutschland einig, aber im Fracke hat der Schneider wohl noch zu arbeiten“, schrieb ein Soldat im Dezember 1870.

 

Protestantische Gotteskrieger?

 

Mit Blick auf die innere Einigung sieht der Autor erhebliche Defizite, etwa hinsichtlich der Konfessionen. Die nationale Einigung sei „ein protestantischer Sieg“ gewesen, ein Triumph – so eine durchaus kritikwürdige Formulierung – „selbsternannter protestantischer Gotteskrieger“. Die in eine Minderheitenposition geratenen Katholiken habe man – wie auch die Sozialisten oder die polnische Minderheit – als „Reichsfeinde“ diffamiert und so die politische Kultur nachhaltig belastet. Das alles ist zutreffend, allerdings nicht wirklich neu. Zudem vernachlässigt Bendikowski gegenläufige Tendenzen, etwa, wenn er den Reichstag als „vergleichsweise schwaches Parlament“ bezeichnet, dabei aber weder das im internationalen Vergleich außerordentlich demokratische Wahlrecht erwähnt noch die Tatsache, dass gerade das Zentrum und die SPD als politische Vertretungen vermeintlicher „Reichsfeinde“ die Parlamentsbühne nutzten, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen.

 

„Zeitalter der Millionenheere“

 

Klaus-Jürgen Bremms Urteil, es führe „keine direkte Linie“ von 1871 zum Ersten Weltkrieg und die Reichsgründung sei ein „europäischer Glücksfall“ gewesen, weil sie 43 Jahre lang für Stabilität gesorgt habe, ist sicherlich diskussionsbedürftig. Sie zeugt aber von dem Bemühen, Geschichte als offenen Prozess zu begreifen. Indes stellte der Deutsch-Französische Krieg jenseits teleologischer Betrachtungsweisen durchaus ein Menetekel für den künftigen Verlauf von Kriegen dar.

So überstieg im Verhältnis zu Dauer und räumlicher Ausdehnung die Zahl der eingesetzten Soldaten und der Verluste auf beiden Seiten alles bis dahin Bekannte: „Das Zeitalter der Millionenheere […] hatte begonnen“ (Epkenhans). Dies wurde auch dadurch gefördert, dass der preußische Erfolg einen weltweiten Siegeszug der allgemeinen Wehrpflicht auslöste.

Nach dem raschen Vorrücken der deutschen Truppen in den ersten Wochen wurde aus dem Bewegungs- ein Stellungskrieg um belagerte Festungen und Städte wie Metz, Straßburg oder Paris – eine Vorhersicht auf die erstarrten Fronten des Ersten Weltkriegs. Immer stärker wurde zudem die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen: in den belagerten und beschossenen Städten, aber auch im Umland, das die Belagerungstruppen zu versorgen hatte. Die Beschießung von Wohnbezirken sollte den Leidensdruck der Bevölkerung erhöhen und so die Verteidiger zum Aufgeben zwingen – ein Kalkül, das im Zweiten Weltkrieg, etwa durch die Belagerung Leningrads oder den alliierten Bombenkrieg der letzten Kriegsphase bis hin zu Hiroshima und Nagasaki, auf eine furchtbare Spitze getrieben wurde.

 

Verhängnisvoller Militarismus

 

Nach dem Sturz des französischen Kaisertums am 4. September 1870 wurde aus dem Kabinettsein Volkskrieg, da die neue, republikanische Regierung die Bevölkerung dazu aufrief, den Krieg „à outrance“, also bis zum Äußersten fortzusetzen. Die Folge waren Angriffe durch Freischärler und Nichtkombattanten, auf die die deutschen Truppen mit Hinrichtungen und dem Niederbrennen von Dörfern reagierten – eine Entgrenzung, die in späteren Zeiten ebenfalls ihre um ein Vielfaches radikalisierte Fortsetzung finden sollte. Nie zuvor gerieten so viele Soldaten der unterlegenen Armeen in Kriegsgefangenschaft und wurden von der siegreichen Macht in Lagern auf dem eigenen Territorium untergebracht.

Auf preußisch-deutscher Seite gab es permanente Reibereien zwischen der Militärführung und der politischen Leitung in Gestalt Otto von Bismarcks. Während sich Erstere nicht in die Kriegsführung hineinreden lassen wollte, beharrte Letzterer auf dem Primat der Politik. Die Folge war, dass Bismarck wiederholt ein rücksichtsloseres und brutaleres militärisches Vorgehen gegen den Feind im Interesse eines raschen Kriegsendes forderte, um einer Einmischung der anderen europäischen Großmächte zuvorzukommen. Im Gegenzug war die Annexion Elsass-Lothringens ein politisch heikles Zugeständnis an strategische Überlegungen des Generalstabs. Das sich so abzeichnende – nach der Entlassung Bismarcks 1890 endgültig zum Tragen kommende – Primat des Militärs wurde eines der zentralen Probleme des deutschen Kaiserreichs und trug nach dem Urteil von Christopher Clark maßgeblich zur Entstehung des Ersten Weltkrieges bei. Hinzu kam ein gesellschaftlicher Militarismus als Folge der auf militärischen Erfolgen beruhenden Reichsgründung, verkörpert etwa durch den gerade im Bürgertum vielbegehrten Titel eines Reserveoffiziers. Als Konrad Adenauer nach dem Zweiten Weltkrieg über die Ursachen für die deutsche Katastrophe nachdachte, betrachtete er die Überhöhung des Militärischen infolge der Einigungskriege als eine der verhängnisvollsten geschichtlichen Fehlentwicklungen in Deutschland.

 

Christopher Beckmann, geboren 1966 in Essen, Historiker, Referent Wissenschaftliche Dienste / Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung.