Wer wählt was – und wie? Verfahren und Wählerstruktur
Die thailändische Nationalversammlung besteht aus zwei Kammern, von denen das Oberhaus, der Senat, erst im Jahr 2029 zur Neubildung ansteht. Gewählt wird das Unter- bzw. Repräsentantenhaus mit insgesamt 500 Sitzen. Diese werden über zwei Stimmen vergeben: 400 über Direktmandate im Wahlkreis und die restlichen 100 über eine Parteienliste. Einen Mindestanteil für den Einzug der Parteien ins Parlament gibt es nicht.
Eine Sperrklausel hingegen besteht für die Nominierung des Premierministers: So darf eine Partei nur dann Kandidaten für dieses Amt vorschlagen, wenn sie mindestens 5 % der Sitze im Repräsentantenhaus gewonnen hat (was aktuell 25 Abgeordneten entspricht). Um schließlich gewählt zu werden, benötigt der Kandidat eine absolute Mehrheit. In diesem Jahr greift dabei erstmals eine Neuerung, die sich als entscheidend erweisen könnte: Bisher war die absolute Mehrheit der Stimmen der gesamten Nationalversammlung (Repräsentantenhaus und Senat gemeinsam) erforderlich, was dem Senat ein Mitspracherecht einräumte. Diese durch das Militär 2014 eingeräumte Befugnis wurde jedoch nur für zehn Jahre gewährt, so dass die Wahl inzwischen ausschließlich beim Repräsentantenhaus liegt. Entscheidend ist diese Neuerung deshalb, weil Senatoren in der Vergangenheit pro-demokratische Wahlsieger oftmals blockierten. Dieses Szenario ist nun – zumindest offiziell – nicht mehr möglich. [ii]
Gleichzeitig wird auch eine Volksabstimmung zu der Frage durchgeführt, ob die thailändische Verfassung von 2017 reformiert werden soll, was auf einem separaten Wahlzettel mit ja, nein oder einer Enthaltung markiert werden kann. Ein „Ja“ wäre der Startschuss für einen Reformprozess und das Mandat für eine stärkere demokratische Legitimation.
Von den insgesamt rund 65 Millionen thailändischen Staatsbürgern sind etwa 53 Millionen wahlberechtigt [iii] und dazu aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – entweder per Briefwahl oder im zuständigen Wahllokal. Die Wählerstruktur weist auch in Thailand Bruchlinien auf, die entlang der Generationen sowie einem Stadt-Land-Gefälle verlaufen. Während die junge, städtische Bevölkerung überwiegend reformorientierten Kräften zuneigt, zeigen ältere Wähler und jene auf dem Land eine eher konservative Orientierung. Die Mehrheit der Wähler sind Arbeitnehmer mittleren Alters (28 bis 59 Jahre), die mit rund 30,9 Millionen Menschen fast 60 % der Wahlberechtigten stellen; thematisch sind sie auf „bread-and-butter“-Anliegen wie Lebenshaltungskosten und Haushaltsverschuldung fokussiert.
Wähler über 60 bilden mit ca. 12 Millionen einen stabilen Block, der traditionell eine hohe Wahlbeteiligung aufweist und vorrangig Wert auf Sicherheit und Stabilität legt. Spannend wird das Wahlverhalten der Erstwähler sein: Die Gruppe der 18-20jährigen kommt auf ca. 3,2 bis 3,4 Millionen, sie zeigt sich weniger parteigebunden, dafür veränderungswillig mit Blick auf alte Strukturen, was sie zu einer begehrten Zielgruppe vor allem progressiver Kräfte macht. [iv]
Deren erfolgreichster Vertreter, die People's Party (PPLE), führt mit ca. 30-34% ungebrochen in allen Umfragen. [v] Sie dominiert in der urbanen Mittelschicht und bei jüngeren, reformwilligen Wählern. Die vom Shinawatra-Clan geführte, ehemalige Regierungspartei Pheu Thai (PTP) sowie die derzeit amtierende, konservative Bhumjaithai (BJT) konkurrieren um die nachfolgenden Plätze. Dabei hat Letztere die Nase vorn und gilt als Hauptkonkurrent der Reformer. Wie stellt sich die Parteienlandschaft vor den Wahlen dar?
Progressiv, populistisch, konservativ – aktuelle Grundzüge der Parteienlandschaft
Von den 57 Parteien, die zur Wahl antreten, fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die genannten größten „Player“, die sich von ihrer ideologischen Ausrichtung her in drei Lager einteilen lassen – progressiv-reformorientiert, populistisch und konservativ. Beachtung findet auch eine vierte, konservative Partei (die sogenannte „Demokratische Partei“, DP), deren Umfragewerte zwar im einstelligen Bereich liegen, die aber bei der Regierungsbildung zum Zünglein an der Waage werden könnte.
Die führende People´s Party (PPLE) ist die Nachfolgepartei der Mitte 2024 aufgelösten Move Forward Party (MFP) und der zuvor ebenfalls verbotenen Future Forward Party (FFP). Bei den Wahlen 2023 hatte die MFP mit einem beachtlichen Sieg über die etablierten Kräfte überrascht, wurde jedoch durch den vom Militär dominierten Senat an einer Regierungsbildung gehindert und durch das Verfassungsgericht letztlich verboten. [vi] Als PPLE wiedergeboren, führte sie die progressiv-liberale Agenda weiter und stellte die größte Oppositionspartei im Repräsentantenhaus, wo sie sich trotz Gegenwinds als wichtigste politische Kraft positionieren und bis heute an ihrem reformistischen Ansatz festhalten konnte.
Wenngleich mit Abstrichen – die Aura der Aufbruchstimmung hat im politischen Alltag inzwischen an Glanz verloren: Während der Regierungskrise nach Absetzung der Premierministerin verhalf die PPLE den konservativen Kräften der BJT als Minderheitsregierung ins Amt. Dies zwar im Gegenzug für Zusagen zur Verfassungsreform und der (nun eingehaltenen) Verpflichtung zu vorgezogenen Neuwahlen, doch hat der Pakt mit dem ideologischen Gegner zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit geführt.
Zudem wird die Reform des Majestätsbeleidigungsgesetzes, dem strengsten seiner Art weltweit, nicht mehr thematisiert, obwohl dies zu den Kernbemühungen der Vorgängerpartei gehörte. Dies ist strategisch klug und rechtlich geboten – bereits 2023 wertete das Verfassungsgericht deren erklärtes Ziel, den Majestätsbeleidigungsparagraphen 112 des Strafgesetzbuches zu reformieren, als Umsturzbestreben und verbannte führende MFP-Mitglieder samt ihrem damaligen Vorsitzenden Pita Limjaroenrat für 10 Jahre von der politischen Bühne. [vii] Der jetzige Anführer der PPLE, Natthaphong Ruengpanyawut, gehörte damals nicht zur Führungsspitze und wurde nicht mit einem Bann belegt, doch läuft vor diesem Hintergrund gegen ihn und 43 weitere derzeitige Parteimitglieder unter dem Vorwurf „ethischen Fehlverhaltens“ ein noch offenes Verfahren. [viii] Die Streichung einer Reform der „Lèse Majesté“ aus dem Parteiprogramm ist somit für die PPLE existentiell, hat dem Biss der früheren Agenda aber den entscheidenden Zahn gezogen.
Auch durch Ausbruch des Grenzkonflikts mit dem Nachbarland Kambodscha ist die PPLE in ein Dilemma geraten: Der von der Bevölkerung überwiegend als „erfolgreiche Verteidigung“ empfundene Einsatz des Militärs hat dessen Image aufpoliert und nationalistischen Tendenzen Aufwind gegeben, so dass ihre einst militärkritische Haltung die PPLE in die Defensive brachte und auf der patriotischen Welle mitreiten ließ.
Die inzwischen erkennbar gemäßigte Haltung der PPLE zu Monarchie und Militär mag die Regierungs- und Koalitionsfähigkeit der Partei erhöhen, hat aber Zuspruch gekostet. Trotz allem ist die PPLE der treibende Motor für demokratische Reformen geblieben und die einzige Partei, die einen Bruch mit dem Establishment und ernsthaften Richtungswechsel herbeiführen kann.
Abgeschlagen, aber dynamischer als erwartet zeigt sich die Pheu-Thai-Partei (PTP), der nach zahlreichen Rückschlägen schon das Ende vorhergesagt wurde. Ihre Abwärtsspirale begann nach den Wahlen 2023, und auch hier war es ein Pakt, der vielen missfiel: Die damalige Entscheidung, den Wahlsieger MFP abzuweisen und stattdessen eine Koalition mit dem „Erzfeind“ einzugehen – militärnahe Parteien und die BJT, wurde als Verrat an ihrer pro-demokratischen Haltung betrachtet, was Teile der Kernwählerschaft entfremdete. Der erzwungene Rücktritt von Premierminister Sretta Thavisin nach einem Jahr Amtszeit und die fragwürdigen Vorgänge zu Beginn der Spannungen mit Kambodscha, die kurz darauf zur Absetzung seiner Nachfolgerin Paetongtarn Shinawatra führten, ruinierten das Image der Partei darüber hinaus. Die Inhaftierung ihres Vaters Thaksin, langjähriger Premierminister, Oberhaupt der Shinawatra-Dynastie und spiritus rector der Partei, haben deren Niedergang beschleunigt. Hinzu kommt ein Mangel an Erfolgen – unter ihrer zweijährigen Führung konnte die PTP kaum eines ihrer politischen Vorhaben umsetzen.
Doch die Partei hat nicht nur überlebt, sondern ist sich auch treu geblieben. Zumindest darin, erneut ein Familienmitglied zum Oberhaupt zu nominieren: Yodchanan Wongsawat, ein Neffe von Thaksin und Sohn des früheren Premierministers Somchai Wongsawat. Der demonstrative Nepotismus und das offene Bestreben, die Partei auch weiterhin in den Händen der Familie zu lassen, wirkt sich eher positiv aus: Unterstützer schätzen das „Branding“, die „Thaksin-DNA“ als das, was die Partei trägt und ihren Identifikationskern bestimmt. Zugleich schwingt etwas Frische mit: der Neffe ist auf politischer Bühne ein „Newcomer“, der auch dem gängigen Muster widerspricht, ein erfolgreicher Großunternehmer – und stattdessen Professor – zu sein. Mit 46 Jahren noch relativ jung, bringt der Ingenieur und Wissenschaftlicher Innovationskompetenz und Expertise mit, gepaart mit dem Vorzug, in ein Familiensystem eingebettet zu sein, welches das fehlende politische Gespür ersetzt. Diese Mischung aus Kontinuität und Neuerfindung hat die Partei vor der Bedeutungslosigkeit bewahrt, doch hat auch sie an Aufschwung verloren: 2023 lag sie mit rund 28% auf Platz zwei, derzeit käme sie nur noch auf den dritten Platz und mit ca. 16% auf etwas mehr als die Hälfte. [ix]
Der lachende Dritte und eindeutige Gewinner der derzeitigen Gemengelage ist die Bumjaithai-Partei (BJT), die aktuell die Regierungsgeschäfte unter Premierminister Anutin führt. Die Vermutung, dass dieser seine Position zu nutzen weiß und sich und seine Partei geschickt in Stellung bringen würde, hat sich bestätigt: Mit ihrem Regierungsantritt hat die BJT zahlreiche politisch einflussreiche Familien und Persönlichkeiten für sich gewinnen können, wodurch sie zu einer bedeutenden Kraft in der von Patronage geprägten thailändischen Politik geworden ist. Auch kam ihr der harte Kurs zugute, den Anutin im Konflikt mit Kambodscha verfolgte, der dem landesweiten Anstieg nationalistischer Gesinnung entsprach. Zwar brachte sie sich auch die eine oder andere Schramme bei – etwa durch das Versagen bei der Bewältigung der Folgen der Flutkatastrophe in den südlichen Provinzen, oder auch durch angebliche Verbindungen einiger Minister zu transnationalen Betrugssyndikaten – doch hat sie das nicht ausgebremst. Im Gegenteil: Das Wahlergebnis 2023 von lediglich 3% hat sich in aktuellen Beliebtheitswerten rasant vervielfacht und die BJT mit etwa 22% auf den zweiten Platz katapultiert.
Wofür stehen die Parteien?
Wofür die Parteien inhaltlich stehen, lässt sich zwar entlang ideologischer Grundzüge skizzieren, doch mangelt es an programmatischer Schärfe: Insgesamt zeichnen sie sich nicht durch überzeugende Programme, konzeptionelle Analysen, argumentative Herangehensweisen oder nachhaltige Lösungsvorschläge aus. Die jeweiligen Wahlversprechen setzen (mit unterschiedlicher Gewichtung) an aktuellen Herausforderungen an – wirtschaftliche Stagnation, Haushaltsverschuldung, infrastrukturelle, soziale und demographische Probleme, Reformen der öffentlichen Verwaltung, Korruptions- und Betrugsbekämpfung – beschränken sich aber auf überwiegend kurzfristige, populistische Wahlversprechen oder Appelle. Wirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen stehen trotz unterschiedlicher Ansätze ganz oben auf der Agenda, zielen jedoch überwiegend auf inländische Maßnahmen ab, die das Alltagsleben der Bürger (Zuzahlungssysteme, Senkung der Strom- und Transportkosten, Schuldenerlasse), oder die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des privaten Sektors mit besonderem Schwerpunkt auf kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) betreffen.
Konzepte für außenpolitische Herausforderungen – ob für die thailändische Wirtschaft oder auf geopolitischer Ebene – sucht man vergebens. Die Bedeutung einer Positionierung in den kommenden Jahren, insbesondere im Zeichen geopolitischer Spannungen und Handelskriege der Großmächte, werden von Analysten zwar thematisiert, von der Politik aber kaum aufgegriffen, trotz einiger Ansätze zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Förderung des Wirtschaftswachstum, insbesondere durch neue Technologien und Innovation. [x] [xi] Sicherheits- und Verteidigungspolitik haben aufgrund der Konfliktsituation mit Kambodscha zwar an Bedeutung gewonnen, beschränken sich aber auf Grenzfragen und regionale Aspekte, ohne übergeordneten strategischen Herangehensweisen oder Allianzen – etwa im Indo-Pazifik – nennenswerte Beachtung zu schenken.
Noch weniger als bisher finden sich Abgrenzungs- und Alleinstellungsmerkmale. Das progressive Lager hat Kernforderungen zurückgefahren, und auch bei der PTP hat sich der Ton entschärft. Nachdem diese im Laufe ihrer jeweiligen Regierungszeiten sechs Premierminister kommen und kurz danach erzwungenermaßen wieder gehen sah, zeigt auch sie sich gezähmt und flexibel.
Neben der Entschärfung potenzieller Angriffsflächen und verschwimmenden Abgrenzung der ideologischen Blöcke voneinander – früher ein Kernmerkmal thailändischer Politik – ist ein weiterer „Trend“ sichtbar, der die Wahlkampfstrategie betrifft: Die Ernennung von Experten und Technokraten ins jeweilige Schattenkabinett. So hat die BJT drei „Professionals“ mit der Leitung der Schlüsselressorts Handel, Finanzen und Auswärtige Angelegenheiten betraut und sie für die Fortsetzung ihrer Tätigkeit in diesen Ämtern nominiert. Die „Volkspartei“ (PPLE) zog mit einem „Volksteam“ („People´s Government“) [xii] nach, bestehend aus einer langen Liste bekannter Fachleute und Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen. Und auch die PTP hat in Gestalt ihres Parteivorsitzenden und Kandidaten für das Premierministeramt einen Akademiker und Ingenieur an ihrer Spitze, wenngleich dies nicht taktisch begründet ist.
Das Heranziehen von Fachleuten zur Bereitstellung von Expertise ist zwar nicht überraschend, zumal bei der Komplexität anstehender Aufgaben, für die Bekleidung von Ministerposten aber eher ungewöhnlich. Dies insbesondere in einer politischen Kultur, die mehr auf Personen statt auf Inhalte setzt.
Wer sind und welche Rolle spielen die Spitzenkandidaten?
Nicht nur die PPLE, sondern auch ihr Kandidat führt in den Umfragen: Natthaphong Ruengpanyawut (37). [xiii] Der frühere Softwareingenieur sitzt seit 2019 im Parlament und wurde 2024 zum Vorsitzenden gewählt, nachdem sein Vorgänger, Pita Limjaroenrat, durch das Verfassungsgericht suspendiert worden war. Zwar reicht sein Charisma nicht an die Starqualitäten des smarten Harvard-Absolventen Pita heran, doch hat er an Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit gewonnen. Als Anführer der Opposition im Parlament konnte er Einfluss und Führungsqualitäten beweisen und spricht als jüngster der Kandidaten vor allem die Jugend an.
Prof. Dr. Yodchanan Wongsawat (46), der Spitzenkandidat der PTP, hat politisch zwar wenig Erfahrung, punktet jedoch mit Professionalität und seinem familiären Hintergrund. Im Vergleich zum Konkurrenten von der PPLE, dessen Anziehungskraft in einer reformistisch-konfrontativen Herangehensweise liegt, gilt Yodchanan als die ruhigere, sachlichere Alternative. Dies ist vor allem für Wähler attraktiv, die nicht konservativ wählen, aber auch nicht allzu reformfreudig sind.
Anutin Charnvirakul (59) von der BJT wiederum, derzeit amtierender Regierungschef, ist ein erfahrenes politisches Schwergewicht und hat schon zahlreiche Spitzenämter bekleidet, u.a. als Gesundheits- und Innenminister. Auch er ist Ingenieur, zudem Baulöwe und Geschäftsmann. Zwar konservativer Royalist und Anhänger des Militärs, ist Anutin weniger für eine ideologische Ausrichtung als vielmehr für Pragmatismus bekannt. Er gilt als „Macher“, dessen Stärken im Aufbau von Netzwerken liegen. Anutin hat beste Kontakte in alle Bereiche hinein und es in seiner kurzen Amtszeit geschafft, zahlreiche Überläufer aus namhaften Familien für sich zu gewinnen. Genutzt hat ihm der Grenzkonflikt mit Kambodscha, in dem er sich – besonders im Kontrast zu seiner weiblichen, kompromissbereiten Vorgängerin – als „starker Mann“ und Hüter der nationalen Souveränität zu präsentieren wusste.
Da seine Partei die Einzige unter den Favoriten ist, die reformskeptische, konservative Kreise repräsentiert, stehen seine Chancen gut. Doch auch darüber hinaus gilt er als Anker und Garant einer gewissen Stabilität, was für viele an erster Stelle steht.
Szenarien nach der Wahl
Allen Meinungsumfragen nach hat die PPLE die besten Chancen, die Wahl zu gewinnen. Dass sie allerdings auch eine absolute Mehrheit und damit das alleinige Mandat zur Regierungsbildung erringen kann, gilt als sehr unwahrscheinlich.
So scheint es notwendig zu werden, Koalitionen zu bilden. Um die Fronten im Vorfeld zu klären und den Wählern Unsicherheiten zu nehmen, haben die großen Parteien direkt oder indirekt Bedingungen für Koalitionsgespräche dargelegt. Die PPLE hat deutlich gemacht, dass sie Anutin nicht erneut als Premierminister unterstützen werde [xiv] und dass Sondierungen mit der BJT davon abhängen würden, ob diese die politischen Standards der PPLE akzeptiere. [xv] Die BJT hingegen zeigt sich für Parteien offen, die ihre Agenda zur Korruptionsbekämpfung mittragen, was bei der PPLE, nicht aber der PTP der Fall wäre. [xvi] Dass die BJT sich allerdings mit der ideologisch am gegensätzlichsten PPLE zusammentun könnte, ist kaum vorstellbar. Und die PTP steht vor noch größeren Herausforderungen, nachdem sie ihre Allianz mit dem Vorgänger der PPLE, der MFP, 2023 aufgegeben hatte und die Koalition mit der BJT 2025 zerbrach.
Dennoch gelten die Fronten inzwischen, wie beschrieben, als weniger verhärtet. Zwar schüren ideologische Differenzen und tiefsitzende Konflikte auch weiterhin das gegenseitige Misstrauen, doch wurden traditionelle rote Linien bereits überschritten (etwa durch den „Verrat“ der PTP an den demokratischen Kräften nach der kompromittierten Wahl 2023, oder die „Beihilfe“ der PPLE für die BJT als Minderheitsregierung 2025). Auch sind besonders strittige Punkte entfallen, wie die Reform des Majestätsbeleidigungsgesetzes oder eine starke Gewichtung von Menschenrechten, so dass vieles möglich erscheint, was noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Ein Szenario könnte somit sein, dass die BJT, sofern sie einen signifikanten Stimmenanteil erhält, eine Koalition aus mittleren und kleinen konservativen Parteien unter ihrer Führung anstrebt. Anutin könnte Premierminister bleiben, möglicherweise mithilfe der sogenannten „Demokratischen Partei“ (DP), die mit ihrem ehemaligen Vorsitzenden Abhisit Vejjajiva gerade ein Comeback feiert. Sollte dies nicht gelingen, ist eine von der BJT geführte Regierung mit der PPLE oder PTP trotz aller Differenzen nicht auszuschließen. Gerade Letztere könnte sich dafür erneut empfänglich zeigen, zumal der Tabubruch einer gemeinsamen Koalition schon erfolgt und Thaksin noch in Gefangenschaft ist, was in die Verhandlungsmasse einfließen könnte.
Eine progressive Allianz zwischen PPLE und PTP hingegen würde beiden mehr entgegenkommen und politisch ein „Gamechanger“ sein, wäre aber in ihrer Stabilität bedroht. Eine Regierung unter der Führung der PPLE stünde unter dem Damoklesschwert besagten laufenden Verfahrens, das unter der Anklage „ethischer Verfehlung“ gegen 44 Parteimitglieder inclusive ihrem Vorsitzenden erst 2026 abgeschlossen werden soll. Diese Karte liegt noch in der Hinterhand und eröffnet die Möglichkeit, gespielt zu werden, um den potenziellen Wahlsieger erneut auf juristischem Wege („Lawfare“) auszuschalten.
Thailand am Scheideweg – Fazit und Ausblick
Vorhersagen sind dieses Mal besonders schwierig und hängen auch von der Wahlbeteiligung ab. Doch unabhängig davon steht fest: Thailand steht an einem Scheideweg. Sollte das progressive Lager es schaffen, den Bann zu brechen, und nicht nur den Wahlsieg, sondern auch Regierungsverantwortung erlangen, würde dies einen Paradigmenwechsel bedeuten. Wie die konservativen Eliten darauf reagieren, wird sich dann zeigen. Ein Ausbooten der Bewegung könnte sich als kontraproduktiv erweisen und ihr ein neues Momentum verschaffen. Es könnte aber auch zu Resignation führen und den Reformwillen abebben lassen. Kompromisse hingegen eröffnen die Möglichkeit, ihre Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und alternative Wege zum Establishment aufzuzeigen.
Der Ausgang aus diesem Dilemma ist ungewiss. Gewiss scheint hingegen die Instabilität der künftigen Regierung, wer auch immer sie stellen mag. Für die Demokratie ist ein langwieriger Stresstest zu erwarten, der sich nicht in radikalen Brüchen oder großen Umwälzungen vollzieht, sondern als schrittweiser, prozesshafter Verlauf. Der Spannungsbogen zwischen dem Mandat des Volkes und fest verankerten Strukturen wird immer wieder neu zu kalibrieren sein. Und nicht zuletzt wird auch der Ausgang der Volksabstimmung zur Verfassungsreform über die politische Stabilität und den künftigen Kurs des Königreichs entscheiden.
[i]Länderbericht, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., “Machtwechsel in Thailand“, 26.09.2025, https://www.kas.de/th/web/thailand/laenderberichte/detail/-/content/machtwechsel-in-thailand-1
[ii]Thai PBS, “The claim that “senators still have the power to vote for the prime minister in 2026” is misleading”, 24.12.2025, https://www.thaipbs.or.th/verify/en/content/7941?utm_source
[iii]The Government Public Relations Department, “Upcoming General Election in Thailand Scheduled for 8 February 2026”,21.12.2025, https://thailand.prd.go.th/en/content/category/detail/id/48/iid/457218
[iv]Nation Thailand, “Election 2026: a three-way generational tug-of-war for Thailand’s future“, 30.12.2025, https://www.nationthailand.com/news/politics/40060527
[v]Thai PBS World, “People’s Party, Natthaphong lead in NIDA, Rajabhat polls”, 30.01.2026, https://world.thaipbs.or.th/detail/peoples-party-natthaphong-lead-in-nida-rajabhat-polls/60298
[vi]Länderbericht, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., “Thailands neue Regierung – Koalition der Erzfeinde gegen politischen Wandel, 11.09.2023, https://www.kas.de/th/web/thailand/laenderberichte/detail/-/content/thailands-neue-regierung-koalition-der-erzfeinde-gegen-politischen-wandel
[vii]Länderbericht, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., “Thailands Streben nach Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“, 09.07.2023, https://www.kas.de/th/web/thailand/laenderberichte/detail/-/content/thailands-streben-nach-demokratie-und-rechtsstaatlichkeit
[viii]Bangkok Post, “44 MPs from defunct MFP face ethics probe”, 17.08.2024, https://www.bangkokpost.com/thailand/politics/2848568/44-mps-from-defunct-mfp-face-ethics-probe
[ix]NIDA Poll: “Second Round of the 2026 Election’s Trend (in Thai)”, 30.01.2026, https://nidapoll.nida.ac.th/polls/election-2026-round2-trends/
[x]Policy Watch, “Analysis on Economic Policies of the 2026 Election (in Thai)”, 29.12.2025, https://policywatch.thaipbs.or.th/article/economy-211
[xi]Nation Thailand, “Election 2026: five parties lay out competing industrial roadmaps”, 19.01.2026, https://www.nationthailand.com/news/politics/40061420?utm_source
[xii]Bangkok Post, “People's Party optimistic on forming govt”, 13.01.2026,
https://www.bangkokpost.com/thailand/politics/3174288/peoples-party-optimistic-on-forming-govt
[xiii]Reuters, “Thailand’s Reformist Natthaphong is Frontrunner ahead of February Vote, Polls show”, 30.01.2026, https://www.reuters.com/world/asia-pacific/thailands-reformist-natthaphong-is-frontrunner-ahead-february-vote-polls-show-2026-01-30/
[xiv]Bangkok Post, “People Party ‘won’t support Anutin’”, 09.01.2026, https://www.bangkokpost.com/thailand/politics/3171638/peoples-party-wont-support-anutin
[xv]Bangkok Post, “ PP opens doors to coalition talks with Anutin’s party”, 28.12.2025, https://www.bangkokpost.com/thailand/politics/3165043/pp-opens-door-to-coalition-talks-with-anutins-party
[xvi]Spring News, “Conditions revealed: which political parties will join the government—and which will not—with whom? (in Thai)”, 20.01.2026, https://www.springnews.co.th/news/infographic/861613
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