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Blinder Frieden

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Eine Nachschrift zum Irak-Krieg / Von Hans Magnus Enzensberger

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. April 2003

  1. Eine der wenigen tiefen Freuden, welche die Geschichte bereithält, ist das Ende eines Gewaltherrschers, gleichgültig, ob es sich um den Verlust seiner Macht handelt oder um seinen Tod. Der Sturz seiner Statuen, die Zerstörung seiner Bilder symbolisiert diesen Moment. Hitler, Stalin, Franco, Pinochet, Ceausescu, Mobutu, Milosevic, Saddam - die Liste nimmt kein Ende. Absehbar ist das Ende von Castro, Mugabe, Kim Jong-Il und einem Dutzend anderer; jeder Tag, an dem sie weiter herrschen, kostet Menschenleben.

    Die triumphale Freude, die man empfindet, wenn wieder eine dieser Figuren krepiert, beruht darauf, daß man sie überlebt hat. Was Canetti über das wichtigste Motiv des Gewaltherrschers sagt: daß er möglichst viele Menschen sterben sehen will, bevor er selbst an der Reihe ist, das findet hier seine Widerspiegelung bei denen, die ihn verabscheuen. Insofern haftet selbst diesem wunderbaren Gefühl noch etwas Barbarisches an, obwohl es sich gegen die Feinde der Menschheit richtet.

  2. Darf man sich also freuen, oder darf man es nicht? Die Bilder vom Sturz Saddam Husseins sind, wenn nicht gefälscht, so doch höchst verdächtig. Erleichterung ist eine Regung, der man besser nicht nachgibt. Verdienstvoller ist es, zu warnen und zu mahnen, und wenn sich die Friedensbewegten ein Wort über den Sieg abringen, so klingt es gepreßt. Irgendwie peinlich, daß es Irakis gibt, die ihre Okkupanten begrüßen! Niemand liebt es, als der Blamierte dazustehen.

    Es ist nicht die erste Blamage der Warner und Mahner; nicht zum ersten Mal haben sich die Sorgenfalten, welche die deutsche Stirn furchen, als voreilig erwiesen. Es ist noch nicht sehr lange her, da galt die DDR hierzulande als unerschütterlich; sie wurde für eine der erfolgreichsten Industrienationen der Welt gehalten; die Sozialdemokratie tat alles, um mit der SED ins einvernehmliche Gespräch zu kommen; die polnische Solidarnosc wurde dabei als gefährlicher Störenfried betrachtet. Stabilität war alles, die Sowjetunion ein unbesiegbarer Koloß, den nur die Amerikaner und andere kalte Krieger reizten, während die heroischen Belagerer von Mutlangen sich gegen die provozierende Nachrüstung der Vereinigten Staaten ins Zeug legten. Sonderbar und für viele Linke höchst ärgerlich, daß der Koloß auf tönernen Füßen stand!

    Auch das Serbien des Slobodan Milosevic hätte man um des lieben Friedens willen eher wie ein rohes Ei behandeln sollen, drohte doch jede Intervention auf dem Balkan einen Flächenbrand von unkalkulierbaren Ausmaßen hervorzurufen. Und die Taliban erst! Wer die angriffe, brächte die ganze islamische Welt gegen sich auf, eine apokalyptische Vorstellung.

    Ein ähnliches Unisono der Überschätzung war im Hinblick auf den Irak zu hören. Man übte sich in einer Art von Schreckstarre - der Friedensfreund nahm die Haltung des Kaninchens vor der Schlange an: "Der Bundesregierung liegen verschiedene Studien vor, darunter UN-Dokumente. Danach wird mit 40 000 bis 200 000 Opfern von militärischen Aktionen gerechnet. Es wird befürchtet, daß bis zu 200 000 weitere Menschen an den mittelbaren Folgen des Krieges sterben" (Jürgen Trittin). "Die Iraker hatten ein Jahr lang Zeit, sich auf den Krieg vorzubereiten. Und man sieht ja auch, wie gut sie sich vorbereitet haben . . ., so daß ein solcher Versuch sicherlich in einer großen Schlacht um Bagdad enden würde" (Stig Förster, Militärhistoriker). "Ein Angriff hätte zur Folge, daß der Mittlere und Nahe Osten explodiert" (Angelika Beer, Vorsitzende der Grünen).

  3. Nach irakischen Angaben hat es in diesem Feldzug 1300 zivile Opfer gegeben; 153 Soldaten sollen auf seiten der Koalition gefallen sein. Man muß solche Zahlen nicht für bare Münze nehmen. Fest steht aber, daß noch nie ein Krieg von solcher Dimension so wenige Opfer gefordert hat wie dieser. Noch nie wurden diese Opfer mit so großer Emphase in allen Weltmedien, die der Sieger eingeschlossen, gezeigt.

    Dieses Mitgefühl steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Ausblendung anderer Tatsachen: Während des Irak-Konflikts sind im Kongo mindestens tausend Zivilisten in sogenannten Stammeskriegen ermordet worden - für die großen Medien ein Fait divers. Dreißig andere, oft weit grausamere Kriege in aller Welt führen ein Schattendasein. Auch scheinen sich die Deutschen an Hamburg, Köln, Nürnberg, Berlin und Dresden nicht zu erinnern - vielleicht, weil jeder Vergleich zeigen würde, wie vorsichtig die anglo-amerikanische Koalition diesmal vorgegangen ist.

    Allgemein herrscht bei den Friedensbewegten die merkwürdige Vorstellung, daß es bei einem Krieg, den sie verhindern wollten, wenn er dennoch stattfinde, auf keinen Fall Tote geben dürfe, eine Forderung, die man rührend nennen könnte, wenn sie nicht auf einen Realitätsverlust schließen ließe, der im politischen Sinn nichts Gutes verheißt. Übertroffen wird er nur von der Realitätsverweigerung der arabischen Welt, wo die liebste aller Gewohnheiten die Selbsttäuschung ist. Der Wunsch als Vater des Gedankens scheint dort unbeschränkt zu herrschen, und je fataler ein Vorbild, desto eifriger hängt man ihm an: Nasser, Arafat, Gaddafi, Bin Ladin, Saddam Hussein . . .

  4. Wie oft - und wie folgenlos - ist es schon gesagt worden: Der Code der Politik ist mit dem der Moral nicht deckungsgleich. Vielen Empörten gelingt es nicht, diese Unterscheidung zu treffen. Ihre eigentümlich geduckte Haltung geht einher mit einer moralischen Erhabenheit, die wundernimmt. Vielleicht ist das der Grund, warum ihrer Kritik eine spezifische Geruchsnote anhaftet. Pharisäertum und Heuchelei holen die meisten Protestierer früher oder später ein. "Kein Blut für Öl!" - ein wirksamer Slogan, auch wenn er im Munde von Leuten ertönt, die auf ihr Auto, ihre Heizung, ihre Ferienreisen den größten Wert legen und deren Empörung rasch ein anderes Ziel fände, wenn die Tankstellen leer wären, das Thermometer auf Minusgrade sänke und die Flüge nach Mallorca storniert würden.

    Das die "Achse" Paris-Berlin-Moskau angeht, so werden zwar den Amerikanern niedrige, materielle, gewinnsüchtige Motive unterstellt, die eigenen bleiben jedoch ausgeblendet. Rußland und Frankreich haben enorme ökonomische Interessen im Irak, nicht zuletzt im Öl- und im Waffengeschäft, und die Bundesrepublik hat sich mit Rüstungsexporten in den Irak jahrzehntelang hervorgetan.

    Es ist eine Tatsache, daß die von den Vereinten Nationen verhängten Sanktionen für die Bevölkerung des Iraks weit verheerendere Folgen hatten als der Krieg; Schätzungen der Opfer gehen in die Hunderttausende. Von den Friedensfreunden wurden sie aus diesem Grund stets angeprangert. Wäre es nach ihnen gegangen, so wäre das Regime geblieben und mit ihm die von der UN beschlossenen Sanktionen.

  5. Ein frommerer Wunsch als der nach der größtmöglichen Schonung des irakischen Gewaltregimes ist es, in jenem Land demokratische Verhältnisse zu schaffen. Dagegen wird eingewandt, daß die religiösen und politischen Traditionen der Region dies zu einer Illusion machen. Abgesehen davon, daß solche Argumente von kolonialem Hochmut nicht ganz frei sind, unterschlagen sie, daß ein Regime wie das irakische mit den hergebrachten Herrschaftsformen der islamischen Welt wenig gemein hat; es ist im fatalsten Sinn modern und verdankt Entscheidendes dem Vorbild Nazi-Deutschlands und der Sowjetunion.

    Es gibt aber nichts, was einer Gesellschaft teurer zu stehen käme als ein totalitäres System. Der Terror, den es übt, ist nicht nur physischer Art; er beschränkt sich nicht auf Folter und Mord. Eine derartige Herrschaft führt nämlich Verluste an menschlicher Substanz herbei, die noch jahrzehntelang nach ihrem Ende spürbar sind. Das beginnt mit der Vertreibung und der Flucht der Besten, ein Verlust, von dem sich eine Gesellschaft nie wieder ganz erholt. (Rußland 1917 bis, Deutschland 1933 bis, Spanien 1936 bis, Iran 1953 bis, Argentinien 1976 bis, Jugoslawien 1991 bis und so weiter; auch diese Liste ließe sich beliebig verlängern.) Die Mentalität der verbliebenen Mehrheit verändert sich um so nachhaltiger, je länger die Gewaltherrschaft andauert. Zivilisatorische Defizite, Recht- und Verantwortungslosigkeit nehmen überhand, es kommt zu Wahrnehmungsstörungen und zur Senkung aller Hemmschwellen. Erst nach dem Zusammenbruch solcher Regimes zeigen sich diese langfristigen Schäden. Die Resozialisierung ganzer Völker ist, was gerade den Deutschen nicht entgangen sein dürfte, ein äußert langwieriger und komplizierter Prozeß.

    Man kann fest damit rechnen, daß jedes Problem, das in solchen Fällen auftaucht, denen angelastet wird, die das Regime beseitigt haben. Selbst wenn die Amerikaner und die Briten im Irak Wunder bewirken würden, gälte dies nur als ein weiterer Beweis für ihre Hinterlist.

  6. Das Haßobjekt der Kriegsgegner in dem gegenwärtigen Konflikt ist nicht Saddam Hussein, sondern G.W. Bush - eine Tatsache, die immerhin erklärungsbedürftig ist. Die radikaleren Wortführer der Linken, der Islamisten und des arabischen Nationalismus sprechen, wenn man sie nach dem Diktator fragt, denn von selber kommen sie nur ungern auf ihn und sein Werk zu sprechen, von einer vollkommenen Symmetrie zwischen Bush und Saddam; gefährlicher, sagen sie, sei jedenfalls der erste.

    Dasselbe Manichäertum, das seine Kritiker dem amerikanischen Präsidenten vorwerfen, zeichnet sie selber aus. Beide möchten das Böse eindeutig lokalisieren, die einen im Irak, die andern in den Vereinigten Staaten. Daß Gut und Böse anthropologisch stets in ein und derselben Brust wohnen, können sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Die Differenz zwischen den politischen Systemen der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik Irak scheint ihnen unbekannt zu sein, oder sie halten sie für irrelevant. Kein Wunder, daß die Osteuropäer mit dieser Gleichsetzung wenig anfangen können. Ihnen kommt die Phantasielosigkeit der Kriegsgegner grotesk vor; ihre historischen Erfahrungen erleichtern es ihnen, Nuancen wie den Unterschied zwischen Leben und Tod zu bemerken. Besonders merkwürdig ist der Umstand, daß auch viele Deutsche der Rhetorik des Appeasement anhängen, ganz so, als hätten sie nie unter einem totalitären Regime gelebt. Hinreichende Gründe, der Gewaltherrschaft im Irak ein Ende zu machen, konnten die meisten nicht erkennen; nicht daß sie ihr ein ewiges Leben wünschten, das wäre zuviel gesagt, doch jeder entschiedene Schritt, der dazu dienen konnte, sie zu beseitigen, wurde mißbilligt. Trotz der deutschen Erfahrungen oder am Ende gar ihretwegen?

    Vielleicht ist es erlaubt, daran zu erinnern, wie schwer es den Deutschen fiel und fällt, die Niederlage des Nazi-Regimes als Befreiung aufzufassen - sie hieß "der Zusammenbruch", und die Alliierten waren "die Besatzung". Zu den frühesten Graffiti der Nachkriegszeit gehört der Spruch "Ami go home". Auch das Ende der ostdeutschen Diktatur kam nicht allen Bewohnern des Landes gelegen.

    Zugegeben, Dankbarkeit ist keine politische Kategorie. Die Tatsache, daß Deutschland von den Westalliierten gerettet worden ist und daß ohne sie die Mauer heute noch stünde, läßt infolgedessen keinerlei Dank erwarten. Allerdings überrascht der Gedächtnisverlust, der sich hier zeigt. Ein wenig mehr Mut zur Freiheit, eine Spur weniger Überheblichkeit könnte in diesem Zusammenhang womöglich nicht schaden.

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