Inne publikacje

Kultur Macht Ideen

z Michael Braun

Was gibt es Neues von den KAS-Literaturpreisträgern?

Vom 16.10. bis zum 20.10. findet die Frankfurter Buchmesse statt. Prof. Dr. Michael Braun, Leiter Referat Literatur der KAS, fasst in seinem saisonalen Rapport das heutige Wirken von einigen KAS-Literaturpreisträgern zusammen.
„Ideen, die die Welt bewegen“, so lautet das Motto der Frankfurter Buchmesse, der weltweit größten Drehscheibe für die Publishing- und Medien-Branche. Wo sonst sollen die Ideen schlummern als in Büchern, die wenigstens die literarische, aber auch die politische Welt bewegen? In diesen Tagen gilt das in besonderem Maße. Die Nobelpreis-Entscheidungen für Olga Tokurczek (nachträglich für 2018) und für Peter Handke (2019) haben für Aufsehen gesorgt. Die polnische Autorin Olga Tokarczuk, die 1993 ihren ersten Roman „Reise der Buchmenschen“ veröffentlichte und jetzt die „Jakobsbücher“, erzählt intensiv von der Geschichte des osteuropäischen Judentums und übt Kritik am homogenen Polenbild. Dem aus Kärnten stammenden Peter Handke, der in den 1960er Jahren als enfant terrible der deutschen Literatur begann und sich dann mehr und mehr in literaturreligiöse Regionen zurückzog, wird immer noch seine politische Fehldiagnose zum Balkankrieg („Gerechtigkeit für Serbien“, 1996) vorgeworfen. Handke verstelle, so der jüngst gekürte Buchpreisgewinner Sascha Stanišić, der von seiner bosnischen Kindheit, Migration und Sozialisation in Deutschland in seinem neuen Roman „Herkunft“ erzählt, die Tatsachen mit Erfindungen. Und welche Ideen entwickeln die Literaturpreisträger der Stiftung?

 

Hiob in Berlin: ein hochpolitischer Roman von Burkhard Spinnen

 

Wieviel Schicksal verträgt ein Mensch? Wie wird man mit Hiobsbotschaften fertig in Zeiten, die auf Resilienz statt auf religiöse Instanzen schwören? Burkhard Spinnens Roman „Rückwind“ baut dazu eine bemerkenswerte epische Versuchsanordnung auf. Sie ist feinsinnig in der Struktur, verwinkelt, aber nicht verwickelt, außerdem hochgradig spannend und mit Figuren besetzt, die wie am Schnürchen agieren: als „Handpuppen aus dem Material der Gegenwart“, wie Spinnen (Literaturpreis der KAS 1999) bei einem Gespräch mit KAS-Stipendiaten in der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln sagte. Es geht um einen Unternehmer, der auf einmal alles verliert, Frau, Kind, Haus, Firma – und es geht um seine Produktion einer Fernsehserie über eine fiktionale rechtsextreme Partei. Burkhard Spinnen erzählt realistisch und hintergründig vom Zustand unserer Demokratie zwischen Parlamentarismus und Populismus. Und von der neuen Sehnsucht, das „große Ganze“ und „ewige Wahrheiten“ im Namen des Volkes aussprechen zu können. Am 18.11. liest der Autor an der Universität Bonn in der Autorenreihe der Stiftung (veranstaltet von BK und PB).

 

Crime Fiction: Louis Begley wechselt das Genre

 

Louis Begley (Literaturpreis der KAS 2000) hat, nach seinem Debüterfolg mit „Lügen in Zeiten des Krieges“ (1993), eine Reihe spannender Romane über die bessere amerikanische Gesellschaft geschrieben. Für eine solche Suspense-Technik ist das neue Genre, der Kriminalroman, wie geschaffen. Louis Begley setzt seinen Ex-Marine und Bestsellerautor Jack Dana gekonnt in Szene. In dem dritten Dana-Roman hat der Held seinen Erzfeind besiegt. Sein Liebesleben ist glücklich, sein neues Buch in Vorbereitung. Doch dann werden ein guter Freund und dessen Frau brutal ermordet. Dana vermutet alte Rachepläne seiner Gegner. Er wird Opfer von Hackern und auf Leib und Leben bedroht. Die deutsche Übersetzung erscheint mit dem Originaltitel der amerikanischen Ausgabe „Killer's Choice“ im November.

 

Epigraphiker des Glücks: Mathias Énards neue Gedichte

 

„Letzte Mitteilungen an die Proust-Gesellschaft von Barcelona“ ist ein ziemlich barocker Titel für einen Lyrikband. In diesem Genre hat sich der als Erzähler gerühmte Mathias Énard (Literaturpreis der KAS 2018) bislang nicht getummelt. Aber er stürzt sich mit der gleichen Verve in epische Langzeilen, strophische, freimetrische und kurzzeilige Formen wie in seine vorhergehenden Romane. Und auch der Stoff bleibt gleich. Es geht um Fundsachen aus der arabischen und der europäischen Geschichte, um Entdeckungsreisen von Beirut bis Sarajevo, von Polen bis Spanien, um das Echo vergangener Kriege und um das Mitteilenswerte vom Schönen in dieser Welt. Mathias Énard, der auch einen packenden Berlin-Plot zu den Comic-Panels von Zeina Abirached („Zuflucht nehmen“) geliefert hat, ist stolz auf seinen Beruf: „Epigraphiker des Glücks“ zu sein.  

 

Nachwendiges: Ein Romantipp von Gregor Sander

 

Gregor Sander (Else-Heiliger-Stipendiat der KAS) wurde 1968 in Schwerin geboren, studierte Medizin in Rostock, Germanistik und Geschichte an der Humboldt-Universität und besuchte 1996/97 die Berliner Journalistenschule. Mit der Titelerzählung seines Erzählbandes "Winterfisch" gewann er 2009 den 3 sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb. Aktuell erschienen ist der Roman "Alles richtig gemacht". Es ist ein Buch über eine ungleiche Männerfreundschaft, in der sich gebrochene DDR-Biographien spiegeln. Der Weltenbummler Daniel und der Anwalt Thomas sind in Rostock aufgewachsen, haben nach der Wende in Berlin eine Makrelen-Bar betrieben, mit gefälschter Kunst einen Millionendeal gemacht und sich um die rechtsradikalen Ausschreitungen in ihrer Heimatstadt gesorgt.  Dann gingen ihre Wege auseinander, 25 Jahre später kommen sie wieder zusammen. Haben sie alles richtig gemacht? Der Roman ist ebenso packend wie anrührend erzählt und erlaubt einfache Blicke auf komplexe Lebensläufe. Ein Stoff für einen Film womöglich? Die Verfilmung von Gregor Sanders' Roman „Was gewesen wäre“ läuft ab dem 21.11. im Kino und wird am 2.12. exklusiv von der KAS im B-Part im Gleisdreieck präsentiert.

 

Kultur in Konferenzen

 

Wenn die Autoren nicht schreiben, reisen sie – und reden. So Michael Kleeberg (Literaturpreis der KAS 2017) im Oktober auf der Jahreskonferenz der German Studies Association in Portland, Oregon, auf einem Podium: über die Begegnung zwischen Orient und Okzident und über ein notwendiges Einschreiten gegen Hasskommunikation. Husch Josten (Literaturpreis der KAS 2019) sprach im September auf einer Lesung im Pariser Goethe Institut, veranstaltet gemeinsam mit dem dortigen Büro der Stiftung, über die Bedrohung des Terrorismus in Europa. Und zu Ehren von Walter Kempowskis 90. Geburtstag (Literaturpreis der KAS 1994) fand ein Symposium in der Berliner Akademie der Künste statt, auf dem neue Seiten des Autors abgewonnen wurden: über sein verfahrensgetriebenes Schreiben im „Echolot“ etwa oder über sein Konzept einer lehrbaren Literatur.   

 

Michael Braun

Zeina Abirached, Mathias Énard: Zuflucht nehmen. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Berlin: Avant-Verlag, 2019.
Louis Begly: Killer's Choice. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2019.
Mathias Énard: Letzte Mitteilung an die Proust-Gesellschaft von Barcelona. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Berlin: Hanser, 2019.
Husch Josten: Hier sind Drachen. Roman. München: Piper, 2017.
Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan. Berlin: Galiani, 2018.
Gregor Sander: Alles richtig gemacht. Roman. München: Penguin, 2019.
Burkhard Spinnen: Rückwind. Roman. Frankfurt am Main: Schöffling, 2019.

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