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Arktische Verbannung

Lesung zur Biografie und zum Verbannungsschicksal von Dalia Grinkevičiūtė

Bewegend – so lassen sich die Eindrücke bei der Lesung „Eine litauische Jugend in der arktischen Verbannung“ beschreiben, die einige der zahlreich erschienenen Gäste gar zu Tränen rührten. Erzählt wurde das Verbannungsschicksal von Dalia Grinkevičiūtė, die 1941 – als junges Mädchen von gerade einmal vierzehn Jahren – mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem von den Sowjets annektierten Litauen nach Sibirien an den Polarkreis deportiert wird.

Frank Priess, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der KAS, erinnerte in seiner Begrüßung an die spektakuläre Geschichte der lange Zeit verschollenen Aufzeichnungen. Nach einer gelungenen Flucht schreibt Dalia Grinkevičiūtė ihre Erinnerungen in großer Eile auf und vergräbt sie aus Angst vor Entdeckung 1950 in einem Einmachglas im elterlichen Garten. Kurz darauf wird sie vom KGB verhaftet und erneut deportiert. Erst nach Dalia Grinkevičiūtės Tod (1987) werden die Papiere wie durch ein Wunder 1991 unter dem Wurzelballen einer Pfingstrose gefunden.

Der Botschafter der Republik Litauen in Deutschland, Deividas Matulionis, unterstrich in seinem Grußwort die herausragende Bedeutung dieser 229 Blätter für die Nationalliteratur seines Landes. Für viele Litauer sei ihr Wert vergleichbar mit dem Tagebuch der Anne Frank. Die literarische Qualität der Aufzeichnungen zeigte sich in der szenischen Lesung: Vytenė Muschick, Übersetzerin und Herausgeberin der deutschsprachigen Fassung „Aber der Himmel – grandios“, las verschiedene Passagen, die einen beklemmenden Einblick in das menschenverachtende Gulag-System der totalitären Sowjetunion gaben. Atmosphärisch unterstützt wurde sie hierbei durch den Saxophonisten Martin Muschick und die Geräuschemacherin Friederike Kenneweg, die auch das anschließende Podiumsgespräch zwischen Prof. Dr. Jörg Baberowski, Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Vytenė Muschick moderierte.

Prof. Baberowski ordnete die Deportationen im Baltikum in ihren historischen Zusammenhang ein und wies auf Spezifika des sowjetischen Totalitarismus hin. Zwar stünden stalinistische und nationalsozialistische Gewaltherrschaft durch unzählige Todesopfer und Deportierte in ihrer Unmenschlichkeit und moralischen Verwerflichkeit auf einer Stufe, gleichwohl gebe es auch Unterschiede. Die Auswahlkriterien, die zu einer Verbannung nach Sibirien führen konnten, seien weitaus willkürlicher gewesen als im Nationalsozialismus. In den sowjetischen Lagern hätten unter den Lagerinsassen auch überzeugte Kommunisten sein können, aber in den Konzentrationslagern fanden sich hierunter keine Nationalsozialisten, erläuterte Prof. Baberowski.

Vytenė Muschick berichtete von der erschütternden Wirkung der Aufzeichnungen auf ihre litauischen Landsleute. Ihr besonderer historischer und literarischer Wert liege darin, dass es sich bei den Erinnerungen um authentische zeitgenössische Dokumente handelt, die später nicht noch einmal redigiert wurden, sondern unter der Gefahr der Entdeckung verfasst wurden. Um so beeindruckender sei die Sprachgewalt, mit der Dalia Grinkevičiūtė sie verfasst hat. Dies wurde für alle Teilnehmer der Lesung spürbar, die mittels der musikalischen Umrahmung ein lebendiges Bild einer schrecklichen zeitgeschichtlichen Epoche bekamen.

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Berlin Deutschland