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"Der Andere könnte Recht haben, das war unser Motto"

Lukas Axiopoulos

Für ihr Dialog-Format "Chemnitz diskutiert" bekommt die Freie Presse Chemnitz den Lokaljournalistenpreis 2018

Nachdem in Chemnitz ein junger Mann erstochen worden und es danach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen war, hatten viele Bürger in der Stadt Redebedarf. Die regionale Tageszeitung Freie Presse wollte in dieser Situation nicht nur über das berichten, was passiert ist. Mit ihrem Format "Chemnitz diskutiert" lud sie zum Dialog ein. Dafür wurde sie jetzt mit dem Lokaljournalistenpreis 2018 ausgezeichnet.

Am 26. August 2018 wird ein 35-jähriger Mann mitten in Chemnitz erstochen. Nach der Tat kommt es zu Kundgebungen mit zum Teil gewalttätigen Ausschreitungen. Bilder von Demonstranten, die ihre Arme zum Hitlergruß heben, gehen um die Welt. In dieser extrem aufgeheizten Situation entwickelt die Redaktion der örtlichen regionalen Tageszeitung Freie Presse das ungewöhnliche Dialog-Format „Chemnitz diskutiert“. Ergänzt wird es durch ein großes Leserforum mit der Bundeskanzlerin.

Chemnitz sei in dieser Zeit sehr verunsichert gewesen, so Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der Zeitung. Man habe nicht mehr nur darüber berichten wollen, was passiert ist. „Die Chemnitzer kamen auf uns zu, sie wollten diskutieren. Es war niemand da, der herausgetreten wäre und gesagt hätte, ich stelle ein Forum zur Verfügung. Und da haben wir gesagt, wenn da niemand ist, wer soll es dann machen wenn nicht wir.“ Die Gespräche hätten das Ziel gehabt, den eigenen Standpunkt zu überprüfen. „Der Andere könnte Recht haben, das war unser Motto“, so Kleditzsch.

Für dieses Leserdebatten-Format wurde die Freie Presse aus Chemnitz jetzt mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Die Jury-Vorsitzende Heike Groll sagte zur Begründung: „Der Redaktion gelingt, was in polarisierenden Debatten oft untergeht: Auch der verunsicherten, schweigenden Mitte Gehör zu verschaffen. Unter dem Leitgedanken ´Der andere könnte recht haben´ diskutieren Akademiker und Arbeiter, Rentner und Unternehmer, Flüchtlingshelfer und Gegner der Migrationspolitik miteinander über das, was geschehen ist und darüber, wie es weitergehen kann in der Stadt, um die tiefen Gräben zu überwinden. Insbesondere in einer Zeit, da sich immer mehr Menschen von klassischen Medien abwenden, zeigt die Freie Presse in herausragender Weise, was Lokaljournalismus unverzichtbar macht.“

Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Prof. Dr. Norbert Lammert, erklärte dazu: „Nirgends kann der Leser leichter Unabhängigkeit, Aktualität und Qualität einer Redaktion prüfen als bei Lokalzeitungen. Sie sind dafür prädestiniert, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Das gilt in besonderem Maße für die Auseinandersetzung mit dem Thema Integration und den damit verbundenen Herausforderungen für unsere Gesellschaft, die wir alle spüren, in den Gemeinden und Städten, wo der Lokaljournalismus zu Hause ist.“

Die Auszeichnung der Freien Presse Chemnitz mit dem Lokaljournalistenpreis 2018 nannte Ralph Burghart, Bürgermeister für Bildung, Soziales, Jugend, Kultur und Sport in Chemnitz, einen „Ritterschlag“. Nach den Ausschreitungen 2018 seien in seiner Stadt viele Vorurteile bedient worden. „Da hilft nur Reden“, so Burghard. Mit ihrem Dialog-Format habe die Freie Presse Verantwortung übernommen.

„Wer nicht miteinander spricht, schließt jede Chance auf Veränderung oder auf einen Kompromiss von vornherein aus“, hob Werner Schulz, DDR-Bürgerrechtler, Mitglied des Deutschen Bundestages von 1990 bis 2005 und Mitglied des Europäischen Parlaments von 2009 bis 2014, in seiner Rede hervor. Ohne sachlichen Diskurs würden Gräben entstehen. „Hier ist die Freie Presse als Vermittler, als Brückenbauer eingetreten, damit aus Unmut Klarheit und Mut für Veränderung erwächst“, so Schulz weiter.

Den Deutschen Lokaljournalistenpreis verleiht die Konrad-Adenauer-Stiftung seit 1980. Für den diesjährigen Wettbewerb gab es insgesamt 390 Einsendungen. Zweiter Preisträger ist die Pforzheimer Zeitung für das crossmediale Projekt „50 Jahre Tornado“, in dem mit textlichen, optischen und audiovisuellen Mitteln an eine Naturkatastrophe aus dem Jahr 1968 erinnert wird. Der dritte Preis wurde der Lokalredaktion Rhein-Main-Zeitung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die investigative Recherche zu Pannen bei der Landtagswahl in Hessen zuerkannt. Den Volontärspreis erhält Katia Henriette Backhaus von der Kreiszeitung Syke für das Projekt „Klimawandel in der Region. Wie sich die Umwelt in Niedersachsen verändert“.

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