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Der Irak gehört zu jenen Ländern, die gemeinhin als Wiege der Christenheit bezeichnet werden. Seit 2003 ist die Zahl der Iraker christlichen Glaubens allerdings dramatisch zurückgegangen. Ob das Christentum im Irak überhaupt eine Zukunft hat, steht derzeit in den Sternen.

Eine beschädigte Statue der Jungfrau Maria.© Goran Tomasevic, Reuters

Protestantische und evangelische (Frei-)Kirchen zählen rund 5.000 Gläubige. Geht man von rund 250.000 im Irak verbliebenen Christen aus, dann kann man mit rund 125.000 (entspricht 50 Prozent) bzw. 166.650 (entspricht zwei Drittel) bis 200.000 (entspricht 80 Prozent) chaldäisch-katholischen Christen, rund 100.000 syrisch-katholischen bzw. syrisch-orthodoxen und rund 25.000 assyrischen Christen (entspricht zehn Prozent) rechnen. Sollte man von nur noch 200.000 Christen im Irak ausgehen können, dann wären rund 100.000 (entspricht 50 Prozent) bzw. 133.333 (entspricht zwei Dritteln) bis 160.000 (entspricht 80 Prozent) chaldäische Christen, rund 80.000 syrisch-katholische bzw. syrisch-orthodoxe und rund 20.000 assyrische Christen (entspricht zehn Prozent). Die überwiegende Mehrheit der Christen im Irak lebt heute im Nordirak, und dort vor allem in der Autonomen Region Kurdistan (ARK). In Bagdad sollen höchstens noch 25.000 Christen leben – Zahlenangaben des chaldäischen Patriarchen Louis Sako, wonach in Bagdad noch bis zu 150.000 Christen leben sollen, entbehren jeder Grundlage.

Christliche Kirchen im Irak
Bis zu 80 Prozent der Christen im Irak – nach anderen Quellen zwei Drittel, vielleicht auch nur 50 Prozent – sollen der chaldäisch-katholischen Kirche angehören, gut ein Fünftel der autokephalen Heiligen Apostolischen Katholischen Assyrischen Kirche des Ostens, eventuell auch nur zehn Prozent den beiden assyrischen Kirchen. Weitere Kirchen im Irak sind die syrisch-katholische und die syrisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-orthodoxe und die armenisch-katholische Kirche, die griechisch-orthodoxe und die griechisch-melkitisch-katholische Kirche. Geht man davon aus, dass der chaldäischen Kirche etwa 50 Prozent aller Christen im Irak angehören, den assyrischen Kirchen rund zehn Prozent, dann entfallen die verbleibenden rund 40 Prozent auf die syrisch-orthodoxe und die syrisch-katholische Kirche.

Christen im Vielvölkerstaat Irak – eine abnehmende Minderheit

Wie groß der Bevölkerungsanteil der Christen im Irak in der Vergangenheit war, lässt sich nicht klären. Eine Quelle nennt für das Jahr 1980 einen Anteil von 1,4 Millionen Christen (entspricht 10,25 Prozent der Gesamtbevölkerung), eine andere gibt einen Bevölkerungsanteil von sieben Prozent an. Laut Sarkis Aghajan Mamendo war die Zahl der Christen im Irak schon vor der Invasion im April 2003 auf 800.000 (3,1 Prozent der Gesamtbevölkerung) zurückgegangen, mit weiter abnehmender Tendenz in den Folgejahren. Es wäre deshalb überraschend, wenn im Jahr 2006 noch immer 800.000 (2,96 Prozent) bzw. 700.000 (2,59 Prozent) Christen im Irak gelebt hätten. Vielleicht waren es tatsächlich noch 500.000 (1,85 Prozent), von denen die Hälfte in Bagdad ansässig gewesen sein soll. Auch nach 2006 hat der Bevölkerungsanteil der Christen weiter stark abgenommen. Dem widersprechende Angaben sind nicht glaubhaft. Gleichwohl wird 2011 in einem Bericht behauptet, der genannte Bevölkerungsanteil habe noch drei Prozent betragen (956.032 von 31.867.758 Einwohnern). Die United States Commission on International Religious Freedom (USCIRF) spricht 2012 in ihrem Bericht zur Religionsfreiheit im Irak unter Verweis auf christliche Führer im Irak von 400.000 bis zu 850.000 (1,21 Prozent bzw. 2,57 Prozent) Christen. Demgegenüber sollen nach Aussage des Vorsitzenden der Chaldäisch Demokratischen Unions Partei, Ablahad Afraim, 2013 nur noch weniger als 400.000 (1,17 Prozent) Christen im Irak gelebt haben, und USCIRF berichtet unter Verweis auf einige christliche Führer, der Anteil bewege sich nun nur noch zwischen 300.000 und 250.000 (0,79 Prozent bzw. 0,55 Prozent). Irakische Bischöfe wollten dagegen schon Ende 2015 nicht ausschließen, dass die Zahl der im Irak verbliebenen Christen nur noch rund 200.000, wenn nicht gar weniger betrage. Diese Zahlen wurden Ende 2016 von irakischen Bischöfen bestätigt, wobei allerdings auch deutlich gemacht wurde, dass mit einem weiteren – unter Umständen sogar beschleunigten – Exodus von Christen zu rechnen wäre, sofern die von ihnen als Voraussetzung für eine Rückkehr in ihre vormaligen Siedlungsorte genannten Bedingungen nicht erfüllt werden würden.

Ursache: Die Folgen der Invasion von 2003

Die irakische Verfassung von 1970 sah zwar keine Religionsfreiheit im Sinne des Artikels 18 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (IPbpR) vor, es gab aber vor 2003 – unter dem Diktator Saddam Hussein – teils beachtliche Spielräume für die nicht-muslimischen Minderheiten, soweit sie sich strikt auf die Glaubensausübung beschränkt haben. Die starke Abnahme dieses Bevölkerungsteils seit der Invasion 2003 hängt nicht zuletzt mit der allgemeinen Entwicklung im Irak nach 2003 zusammen.

Terror radikal-islamischer Gruppen wie al-Qaida in den Jahren 2003 bis 2010

Zwischen 1970 und 1990 gab es eine starke Abwanderung vom Nordirak in die Ballungszentren Basra, Bagdad, Kirkuk und Mosul als Folge der Entwicklung der Erdölindustrie. Gewalttätige Übergriffe durch al-Qaida und Gruppen aus deren Umfeld zwischen 2003 und 2009 lösten eine Rückwanderung in den Nordirak aus. Viele christliche Rückkehrer haben aufgrund der Perspektivlosigkeit in ihren angestammten Siedlungsgebieten in der Ninive-Ebene und in der ARK jedoch schon bald in großer Zahl den Irak auf Dauer verlassen.

Nach dem Sturz Saddam Husseins drohte der Irak in einem Bürgerkrieg zu versinken, in dem radikal-islamische Gruppen aus dem Umfeld von al-Qaida nicht nur gegen die westlichen Invasoren vorgingen, sondern auch gegen die einheimischen Christen, denen sie Kollaboration unterstellten. Tatsächlich wurden viele Christen wegen ihrer guten Bildung und Sprachkenntnisse von den Invasoren gerne in Dienst genommen und wurden dadurch zwangsläufig als „Kollaborateure der christlichen Invasoren“ zur Zielscheibe der erwähnten radikal-islamischen Gruppen. Nicht zuletzt aus Selbstschutz begann in dieser Situation ein Teil der muslimischen Bevölkerung des Irak, Christen, aber auch Angehörige anderer religiöser Minderheiten, zu drangsalieren, zu verfolgen und sich deren Besitz anzueignen. Eine massive Fluchtbewegung unter anderem von Christen aus dem Irak war die Folge, obwohl die Führer der christlichen Kirchen im Irak – allen voran der damalige Patriarch der chaldäischen Kirche, Emmanuel III. Kardinal Delly – dagegen Position bezogen haben und sogar das Recht auf die freie Entscheidung ihrer Gläubigen, das Land zu verlassen, zunächst nicht akzeptieren wollten. Im Vordergrund stand dabei die Sorge um den Fortbestand der im Irak präsenten autochthonen christlichen Kirchen wie etwa der assyrischen, chaldäischen oder syrisch-orthodoxen Kirche, die in den säkularisierten Aufnahmeländern Europas keine oder zumindest keine adäquaten Strukturen vorfinden würden. Man befürchtete, die irakischen Christen könnten sich dort anderen Kirchen anschließen oder sich nach dem Vorbild der säkularisierten Bevölkerung dieser Länder gänzlich von den Kirchen abwenden. Ein Teil der irakischen Kirchenführer denkt inzwischen jedoch vorsichtig optimistisch, nachdem z. B. in Deutschland die Entwicklung entsprechender kirchlicher Strukturen zu beobachten ist. Die syrisch-orthodoxen Christen können eine neue geistliche Heimat in den zahlreichen syrisch-orthodoxen Gemeinden finden, die schon seit den späten 1980er Jahren von Flüchtlingen aus der Türkei gegründet wurden. Und mittlerweile gibt es auch schon einige chaldäische Gemeinden, z. B. in Essen, Stuttgart und München.

Vertreibung durch die Terrormiliz Islamischer Staat 2014

Die Vertreibung der Christen aus ihren ange-stammten Siedlungsgebieten in der Ninive-Ebene und aus Mosul im Zuge der Eroberungs-feldzüge des sogenannten Islamischen Staats (IS) im Sommer 2014 hat den Exodus der Christen aus dem Irak beschleunigt. Die Ninive-Ebene gehört zu jenen Gebieten, die seit Jahrzehnten zwischen der irakischen Zentralregierung und der Regierung der ARK strittig sind. Kontrolliert wurde sie gleichwohl schon seit Langem von den kurdischen Peschmerga. Diese haben sich jedoch beim Anrücken des IS im Sommer 2014 zurück-gezogen, was von den Christen als Verrat angesehen wird. Allerdings hatten die Christen – anders als die Jesiden – das Glück, dass ihnen ausreichend Zeit blieb, sich in der ARK in Sicherheit zu bringen, wo sie auch Aufnahme fanden.

Rund 100.000 christliche Flüchtlinge aus dem Irak leben nach Angaben des chaldäischen Erzbischofs von Erbil, Bashar Matti Warda, gegenwärtig als Flüchtlinge in Jordanien, dem Libanon und der Türkei. In Jordanien lebten Mitte 2016 insgesamt rund 18.500, im Libanon rund 4.200 Familien (entspricht bis zu 42.000 Personen). In der Türkei waren Ende 2015 beim UNHCR und KADER rund 48.000 christliche Flüchtlinge aus dem Irak (über 90 Prozent) und Syrien (unter zehn Prozent) registriert, Ende 2016 rund 50.000. Es ist davon auszugehen, dass sowohl 2015 als auch 2016 eine jeweils mindestens gleich große, wahrscheinlich aber sogar weitaus größere Zahl christlicher Flüchtlinge die Türkei passiert hat, ohne sich dort registrieren zu lassen, wobei in den letzten Jahren deren Verweildauer auch bis zu mehrere Jahre betragen hat, bei stark fluktuierenden Zahlen aufgrund illegaler Weiterreise oder als Folge von Umsiedelungsprogrammen nach Australien, Kanada und in die USA, zuletzt auch nach Neuseeland, die vom UNHCR und IOM durchgeführt wurden.

Die Eroberungsfeldzüge des IS haben den Exodus der Christen aus dem Irak beschleunigt.

Perspektiven

Veränderung des konfessionellen Machtgefüges in Bagdad nach 2003

Nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein hat sich die konfessionelle Grundlage des Machtgefüges in Bagdad umgekehrt. Hatte sich das Regime Saddams – selbst ein Sunnit – auf die kleinere der beiden großen ethnisch-religiösen Bevölkerungsgruppen, die sunnitischen Muslime mit einem Bevölkerungsanteil von geschätzt 17 Prozent, stützen müssen, basiert die heutige Zentralregierung nun auf der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung mit einem Anteil von 58 bis 63 Prozent. Während Saddam Hussein zur Absicherung seiner Macht die Christen an sich gebunden und in seinen Machtapparat eingegliedert hatte (ohne dass die Christen deshalb tatsächlich politischen Einfluss gehabt hätten), benötigen die schiitisch dominierten Regierungen die Unterstützung der Christen und der anderen nicht-muslimischen Minderheitengruppen nicht. Dennoch scheinen die Führer der sogenannten christlichen Parteien im Irak die veränderten Rahmenbedingungen nicht wahrhaben zu wollen. Die Christen belegen im irakischen Parlament (328 Sitze) zwar fünf Sitze, sind aber völlig uneins. Bei den Wahlen zum irakischen Parlament am 30. April 2014 waren sieben christliche Parteien auf fünf Listen und zudem noch zwei unabhängige christliche Kandidaten aufgestellt. Unter diesen Voraussetzungen können die christlichen Abgeordneten im Parlament keinerlei Einfluss haben und werden deshalb seitens der irakischen Kirchenführer auch nicht ernst genommen.

Mit Schutz und Rücksichtnahme wie unter Saddam Hussein können die Christen im Irak in ihrer politischen Bedeutungslosigkeit also heute nicht mehr rechnen.

Das Verhältnis der Christen zu den Arabern bzw. Kurden

Das Verhältnis zwischen Christen und Kurden ist ambivalent. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass die in der ARK lebenden Kirchenführer sich öffentlich regelmäßig in den höchsten Tönen über die dortige Regierung äußern – das gehört zum Geschäft. Umgekehrt hat sich die von der Demokratischen Partei Kurdistans unter Masud Barzani geführte bzw. dominierte Regierung der ARK regelmäßig als die Schutzherrin auch der Christen nicht nur in der ARK, sondern z. B. auch in der Ninive-Ebene präsentiert. Der vormalige christliche Finanzminister (2006 bis 2009) der ARK, Sarkis Aghajan Mamendo, hat diese Position mit dem Einsatz beachtlicher Geldmittel aus den USA und den Niederlanden zugunsten der christlichen Kirchen unterstützt. Daraus Nutzen gezogen haben wohl beide Seiten, sowohl die Regierung der ARK, die gegenüber dem Westen als Schutzherrin der Christen auftreten konnte, als auch die christlichen Kirchen, die von den Zuwendungen profitiert haben.

Trotz aller negativen Erfahrungen mit Kurden haben die Christen in der ARK und der Ninive-Ebene in den letzten Jahren auf Nachfrage immer betont, dass sie lieber unter der Kontrolle der kurdischen Regierung leben wollen als unter derjenigen der Araber bzw. der irakischen Zentralregierung. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass die von der Demokratischen Partei Kurdistans unter Masud Barzani geführte bzw. dominierte Regierung der ARK als säkulare Regierung galt, während die irakische Zentralregierung als eine von den Schiiten bzw. dem schiitischen Islam dominierte Regierung gesehen wird, der von vielen Christen unterstellt wird, sich der Islamisierung des Irak verschrieben zu haben. Das wird auch den nachgeordneten staatlichen Vertretern im Nordirak – etwa dem Gouverneur von Mosul und den Vertretern des Governorats Ninive (Mosul) – zugeschrieben, die ausnahmslos sunnitische Muslime sind. Vor diesem Hintergrund ist auch die christliche Parole zu verstehen: „Wenn Masud Barzani nicht mehr Präsident der ARK ist und die Barzanis in der ARK nichts mehr zu sagen haben, bin ich innerhalb von 24 Stunden weg.“ Ob der Rücktritt Masud Barzanis von seinem Amt als Präsident der ARK die Abwanderung der Christen beschleunigen wird, lässt sich noch nicht sagen.

Die Christen würden eine kurdische Regierung der irakischen Zentralregierung vorziehen.

Unabhängig davon haben Christen im Irak immer gemeinsam mit schiitischen und sunnitischen Arabern oder sunnitischen Kurden und Angehörigen anderer, kleinerer ethnisch-religiöser Gruppen in Nachbarschaft am gleichen Ort oder in der gleichen Region gelebt. Das gilt auch für die Ninive-Ebene. Dennoch wird von Christen über die Lebensumstände in diesen Gebieten häufig so berichtet, als ob dort nur Christen gelebt hätten. Jedoch war die Ninive-Ebene immer auch Siedlungsgebiet von Muslimen und Angehörigen anderer ethnisch-religiöser Gruppen, wie z. B. der Schabak. So sollen bereits vor der Eroberung der christlichen Siedlungsorte in der Ninive-Ebene durch IS-Milizen im Sommer 2014 nur 22 bis 23 Prozent – andere meinen rund 40 Prozent – der Bevölkerung Christen gewesen sein. Für die Zukunft wird unter günstigsten Bedingungen mit einem Anteil der Christen von maximal zehn Prozent gerechnet.

Zerstörung und Wiederaufbau christlicher Siedlungsorte in der Ninive-Ebene

Die Hoffnung der Christen auf eine mögliche Rückkehr war durch die Rückeroberung bzw. Befreiung der christlichen Siedlungsorte Bartella, Karakosch und Karamles Ende Oktober 2016 geweckt worden. Allerdings war sie schon damals nur von kurzer Dauer, nachdem Kirchenvertreter, die sich in Karakosch und in Bartella ein Bild von der Lage gemacht hatten, berichteten, dass zwischen 75 und 85 Prozent der Gebäude in den beiden Orten durch Kampfeinwirkung und Luftschläge soweit zerstört seien, dass sie wahrscheinlich abgerissen werden müssten. Auch viele äußerlich weitgehend unversehrte Gebäude seien ausgebrannt, und es sei fraglich, ob die Bausubstanz erhalten werden könne. Nach Einschätzung des syrisch-katholischen Bischofs von Mosul, Yohanna Petros Mouche, war die Brandschatzung eine eindeutige Botschaft an die Christen, nicht zurückzukommen. In jedem Fall würde der Wiederaufbau wenigstens drei bis vier Jahre dauern, Unsummen verschlingen und könnte von der örtlichen christlichen Bevölkerung ohne fremde Hilfe nicht bewerkstelligt werden. Christliche Diasporagruppen, vor allem in den USA, aber auch kirchliche Hilfswerke wie „Kirche in Not“ haben sich von den fragwürdigen politischen Perspektiven in der Region nicht davon abhalten lassen, einen Beitrag zum Wiederaufbau der zerstörten christlichen Siedlungsorte in der Ninive-Ebene zu leisten.

Tatsächlich ist ein Teil der Christen bereits zurückgekehrt. Die Rahmenbedingungen haben sich nach dem Referendum vom 25. September 2017 aber so verändert, dass viele ihre Rückkehrabsicht nun noch einmal grundlegend überdenken werden.

Das kurdische Unabhängigkeitsreferendum hat die Rahmenbedingungen für eine Rückkehr der Christen in die Ninive-Ebene noch einmal grundlegendverändert.

Schwelende und potenzielle Konflikte

Schon vor der Rückeroberung Mosuls 2016/17 haben sich zahlreiche Konflikte im Nordirak angekündigt, die nun jederzeit ausbrechen könnten. Der erste, schon lange schwelende Konflikt zwischen Bagdad und Erbil um strittige Gebiete – unter anderem um die auch von Christen besiedelte Ninive-Ebene –, bei dem es vor allem um den Wunsch der irakischen Kurden nach Unabhängigkeit geht, ist unmittelbar nach dem Referendum vom 25. September 2017 bereits akut geworden. Davon betroffen sind vor allem jene Christen, die in ihre angestammten Siedlungsorte in der Ninive-Ebene östlich von Mosul zurückkehren woll(t)en. Betroffen wären Christen jedoch auch von möglichen Konflikten, die sich aus Interessen des Iran (Landbrücke Iran-Nordsyrien) und der Türkei (PKK, Mosul, Sunniten) im Nordirak ergeben könnten.

Rückkehr in die Ninive-Ebene – eine Frage der Sicherheit

Die Ninive-Ebene gehört zu den Gebieten des Irak, die außerhalb Kurdistans liegen und zwischen der Zentralregierung und der kurdischen Regionalregierung strittig sind. Eine Grundvoraussetzung für die Rückkehr der Christen in dieses Gebiet ist die Garantie ihrer Sicherheit dort. Dafür zuständig ist eigentlich die Zentralregierung, die dort aber bislang keinerlei Präsenz gezeigt hat, im Gegensatz zu den kurdischen Peschmerga. Nach dem Referendum vom 25. September 2017 sind die Peschmerga jedoch von der irakischen Armee und den mit ihnen verbündeten schiitischen Milizen zum Rückzug gezwungen worden. Ob nun die Zentralregierung für Ordnung und Sicherheit vor Ort sorgt, wird sich zeigen. Für internationale Sicherheitsgarantien – von irakischen Christen oft gefordert – gibt es keine rechtliche Grundlage, denn der für den Schutz zuständige Irak ist ein souveräner Staat. Ebenso unrealistisch ist die Erwartung, christliche Milizen könnten den Schutz garantieren, denn sie sind dafür zu klein, kaum ausgebildet und schlecht ausgerüstet. Und von den Regierungen in Bagdad und Erbil werden sie am Einsatz gehindert. Zudem sind sie Verbündete teils der irakischen Armee, teils der schiitisch dominierten Volksmobilisierungs-Milizen bzw. der kurdischen Peschmerga und folglich uneins.

Hat die Präsenz von Christen im Nordirak eine Zukunft?

Eine eindeutige Antwort lässt sich kaum geben. Doch die Perspektiven haben sich durch das Referendum vom 25. September 2017 sicher nicht verbessert. Die Oberhäupter der christlichen Kirchen in der Region Kurdistan haben in einer gemeinsamen Erklärung vom 1. Oktober 2017 zur prekären Lage nach dem Referendum Stellung genommen. Sie werben im Hinblick auf die aktuellen Probleme für einen Dialog zwischen der irakischen Zentralregierung und der Regierung der ARK. Gleichzeitig werfen sie beiden Regierungen vor, die Interessen der Christen nicht verteidigt und ihre Rechte nicht gewahrt zu haben, was zur Auswanderung vieler Christen geführt habe. Die Bischöfe beklagen, es gäbe keine Anhaltspunkte dafür, dass im Irak, wo das Christentum seit dem ersten Jahrhundert existiert, die christliche Präsenz eine Zukunft habe. Die Lage der Christen sei sehr schwer geworden und die Gemeinden seien nicht mehr in der Lage, sich der Emigration derer entgegenzustellen, die bisher noch geblieben sind. Sollten die aktuellen Auseinandersetzungen andauern, würden sich Christen erst recht für die Abwanderung entscheiden, was dazu führen könnte, dass es schließlich gar keine Christen mehr im Irak gibt.

Demnach wäre nicht auszuschließen, dass wir zeitnah das Ende christlicher Präsenz im Irak erleben werden.


Dr. Otmar Oehring ist Koordinator für internationalen Religionsdialog im Team Politikdialog und Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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