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Senegal gilt als stabile Demokratie und Beispiel für religiöse Toleranz in Westafrika. 90 Prozent der Senegalesen sind Muslime und in einer der vier Bruderschaften des Landes organisiert. Diese prägen seit jeher das politische, wirtschaftliche und soziale Gefüge des Landes. Seit Jahren werden die Bruderschaften politisch einflussreicher.

Schüler einer senegalesischen Koranschule (Daara).© Sebastian Gil Miranda

„Arbeitet für mich, ich bete für euch“, lautete 1985 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ der Titel eines Artikels über den Islam in Senegal. Der von Hille van Eist verfasste Beitrag trug den Untertitel „Gegen den Einfluss der religiösen Bruderschaften ist auch der Präsident machtlos“ und bezog sich damals auf Abdou Diouf, den zweiten Staatspräsidenten des westafrikanischen Landes seit dessen Unabhängigkeit von Frankreich 1960. Der senegalesische Islam wird traditionell mit machtbewussten Bruderschaften, also islamischen Glaubensgemeinschaften, und ihrem auf die politische Klasse ausstrahlenden Einfluss in Verbindung gebracht. Heute, mehr als drei Jahrzehnte danach, ist der politische, wirtschaftliche und soziale Einfluss der Bruderschaften in Senegal unumstritten und ihre landesweite Präsenz ein eindeutiges Zeichen für ihre in der Bevölkerung tief verankerte Akzeptanz.

In allen Städten Senegals finden sich Hinweise auf die öffentliche Präsenz islamischer Bruderschaften. In der Hauptstadt Dakar prägen bunte Kleinbusse, die cars rapides, mit religiösen Aufschriften das Stadtbild. In Städten wie Mbour, Thies, St. Louis, Kolda oder Kedougou tragen Straßenhändler Halsketten mit Porträtbildern von Kalifen, also hohen muslimischen Geistlichen, und Taxis schmücken sich mit den Konterfeis von Heiligen der Bruderschaften auf ihren Scheiben oder Nummernschildern. In den Innenstädten machen Gruppen junger Männer, gekleidet in lange bunte Gewänder und begleitet von Koransuren und religiösen Gesängen aus Transportern, auf sich aufmerksam. Es sind die Baye Fall, die Almosen für die Organisation religiöser Kundgebungen der in Senegal begründeten und im Land wichtigsten Bruderschaft der Muriden einsammeln. Neuerdings sind in den Großstädten auch Graffitis mit dem Abbild senegalesischer Kalifen an Brücken, Häuserwänden und frei stehenden Mauern zu sehen.

Die unübersehbare Präsenz religiöser – vornehmlich islamischer – Devotionalien im öffentlichen Raum mag überraschen, zumal Senegal auf eine jahrzehntelange Tradition des Säkularismus zurückblickt. Doch wie das amerikanische Forschungsinstitut PEW im Dezember 2015 veröffentlichte, nimmt die Religion innerhalb der senegalesischen Bevölkerung eine entscheidende Schlüsselfunktion ein. 97 Prozent der von PEW befragten Senegalesen geben in der repräsentativen Studie an, dass Religion eine sehr wichtige Rolle in ihrem Leben einnehme. Damit belegt Senegal Platz Zwei auf der PEW-Skala direkt nach Äthiopien und gefolgt von Indonesien, Uganda und Pakistan. Atheisten oder Agnostiker stoßen auf großes Unverständnis. Die große Religiosität der Senegalesen wird auch in einer im Herbst 2016 vom Timbuktu-Institut veröffentlichten Studie dokumentiert. Demnach kennt eine Mehrzahl der befragten Senegalesen im Alter von 18 bis 35 Jahre die Ideengeschichte der Scharia besser als die des Säkularismus.

Die wesentlichen Ergebnisse der Timbuktu-Studie lassen aufhorchen, unterstreichen sie doch, dass religiöse Autoritäten inzwischen eine höhere Anerkennung in der jungen Bevölkerung Senegals genießen als staatliche Institutionen. Der Imam als religiöser Vorsteher einer Gemeinde wird von zahlreichen Befragten für glaubwürdiger gehalten als Vertreter staatlicher Einrichtungen. Es sei überdies der Staat selbst, der junge Menschen zur Radikalisierung bewege. Dessen Vertreter agierten korrupt und arbeiteten nicht wirksam auf eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der Armut hin, so die Auffassung zahlreicher Befragter des Timbuktu-Instituts. Die Studie schließt mit dem Fazit, dass sich die junge senegalesische Bevölkerung zunehmend vom Staat distanziere und sich religiösen Bewegungen zuwende. Dabei nehmen die Bruderschaften eine entscheidende Rolle ein, da knapp 90 Prozent der Senegalesen in ihnen die passenden Vertreter des Islam sehen, so die Studie. Es verwundert daher wenig, dass der seit 2012 regierende Staatspräsident Macky Sall die Rolle der Religion offensiv hervorhebt und die religiösen Autoritäten adelt, zumal er im Juni 2017 konstatierte: „Der Staat kann ohne Religion nicht funktionieren.“

Quelle: © Sebastian Gil Miranda.
Quelle: © Sebastian Gil Miranda.

Säkularismus unter Druck?

Wie säkular ist ein Staat noch, dessen erster Bürger die Rolle der Religion derart prononciert, ja gar politisiert? Wie erklärt sich der starke Einfluss der Religionen auf die senegalesische Gesellschaft sowie die politische und wirtschaftliche Entfaltung des Landes? Und welche Besonderheiten prägen den senegalesischen Islam und dessen Vereinbarkeit, so scheint es, mit der demokratischen Geschichte des westafrikanischen Landes? Der vorliegende Artikel widmet sich der Beantwortung dieser Fragen und beschreibt die Besonderheiten Senegals und dessen wesentlichster dem Gemeinwesen zugrunde liegender Komponente – der Religion. Dabei liegt der Fokus vor allem auf dem Islam und weniger auf dem Einfluss der christlichen Kirchen in Senegal.

Interreligiöse Ehen zwischen Muslimen und Christen sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Neben der ethnischen und sprachlichen Diversität – es werden sieben Lokalsprachen und Französisch als Amtssprache gesprochen – weist das Land auch eine religiöse Vielfalt auf. Mindestens 90 Prozent der 14,5 Millionen Senegalesen sind sunnitische Muslime, angesichts einer großen libanesischen Diaspora gibt es jedoch auch einige schiitische Gemeinden im Land. Offiziell sind fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung Christen, mehrheitlich Katholiken. Weitere ein bis drei Prozent der Senegalesen sind Anhänger traditioneller afrikanischer (Natur-)Religionen. Diese sind besonders stark in der Casamance verankert und pflegen eine starke Nähe zur Natur, dabei haben sie oft lokale Könige als spirituelles Oberhaupt.

Senegal ist ein gutes Beispiel für praktizierte religiöse Toleranz. Muslimische und christliche Feiertage sind gleichermaßen gesetzliche Feier-tage und Vertreter beider Religionsgemeinschaften besuchen sich gegenseitig bei hohen religiösen Festen, wie Weihnachten oder Tabaski, dem muslimischen Opferfest. Während in der Vergangenheit interreligiöse Ehen kein großes Aufsehen erregten, nehmen Berichte über Probleme bei der Anbahnung interreligiöser Ehen zu. Nach islamischer Lehrmeinung dürfen zwar muslimische Männer christliche Frauen heiraten, allerdings müsste ein christlicher Ehemann zum Islam konvertieren, ehe er eine muslimische Frau heiraten dürfte. Diese in nahezu allen muslimischen Ländern der Welt praktizierte Regel wurde bisher in Senegal nicht allzu streng genommen. Inzwischen werden hingegen immer mehr Männer dazu bewegt, vor der Ehe mit einer muslimischen Frau zum Islam überzutreten.

Der senegalesische Islam gilt gemeinhin als liberal, durch externe Einflüsse gewinnt jedoch eine orthodoxere Lehrmeinung des Islam zunehmend an Boden. Da in Senegal die nach islamischem Recht vorgesehene polygame Ehe zulässig ist und muslimische Männer bis zu vier Frauen heiraten können, werden Männer, die sich gegen die Polygamie aussprechen, in bestimmten Kreisen zunehmend ausgegrenzt. Während nicht alle muslimischen Frauen in der Hauptstadt Dakar ein Kopftuch tragen, nimmt in ländlichen Regionen die Anzahl junger Mädchen im Kindesalter, die nur mit Kopfbedeckung in die Öffentlichkeit dürfen, stark zu. Gleichzeitig hadern viele Muslime mit der Einhaltung aller religiösen Vorschriften. Obwohl etwa das Fasten im Fastenmonat Ramadan als eine der fünf Säulen des Islam für jeden Muslim obligatorisch ist, gibt es in Senegal zahlreiche Muslime, die dem Fastengebot nicht nachkommen. Solche Muslime geraten neuerdings aus konservativen Kreisen und von bestimmten Imamen zunehmend unter Druck und werden als weniger aufrichtige Muslime dargestellt. Sie werden in ihrem direkten Umfeld stigmatisiert und teilweise gesellschaftlich ausgegrenzt.

Demokratie und Islam – in Senegal gelebte Wirklichkeit

Die senegalesische Bevölkerung ist stolz auf ihre demokratische Tradition der Offenheit. Der erste Staatspräsident nach der Unabhängigkeit, Léopold Sédar Senghor, wurde als Katholik in einem mehrheitlich muslimischen Land gewählt und regierte bis 1980 für 20 Jahre das Land. Noch heute genießt Senghor ein hohes Ansehen. Seine Wahl ist nicht zuletzt dem Wohlwollen der senegalesischen Bruderschaften zu danken, die sich in Senegal nie für die Einführung einer Gottesherrschaft aussprachen, sondern stets eine weltliche Gesetzgebung akzeptierten. Der Dichter-Präsident, wie er gerne bezeichnet wird, suchte bewusst die Nähe zu den einflussreichen Bruderschaften und hielt sich oft in ländlichen Landesteilen auf – wohlwissend, dass jenseits der politischen Elite in Dakar Wahlen entschieden werden. Während sein Nachfolger als Staatspräsident, der anfangs erwähnte Abdou Diouf, als Technokrat bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2000 eher mit den Bruderschaften fremdelte, waren diese unter seinem Nachfolger Abdoulaye Wade (2000 bis 2012) so einflussreich wie selten zuvor. Wade, der als Président talibé bezeichnet wurde, zeigte sich gerne mit einem Boubou, dem traditionellen Gewand, in der Öffentlichkeit und stilisierte offensiv seine Zugehörigkeit zur Muriden-Bruderschaft. In seiner Amtszeit erhielten Marabuts Diplomatenpässe, um einfacher reisen zu können, wurden von ihrer Steuerpflicht befreit und konnten Ländereien zu stark vergünstigten Preisen erwerben.

Sein Nachfolger, der seit 2012 amtierende, vierte Präsident Senegals, Macky Sall, kündigte vor seiner Wahl an, die einflussreichen Marabuts während seiner Präsidentschaft zu „normalen Bürgern“ werden zu lassen. Wie es scheint, folgen dem Versprechen keine Taten mehr. Wie sein Vorgänger sucht Macky Sall die Nähe zu den Bruderschaften und hat im Rahmen des von ihm initiierten senegalesischen Entwicklungsplans (Plan Sénégal Émergant, PSE) 2015 gar ein gesondertes Projekt zur Modernisierung religiöser Stätten durch staatliche Mittel eingeführt. Seither werden für mehrere Millionen Euro Kirchen, jedoch besonders Moscheen, im ganzen Land staatlich renoviert oder neu gebaut. Die Gunst der Marabuts ist ihm seither gesichert. Im September 2017 sorgte die Ernennung des Präsidentenbruders, Aliou Sall, zum höchsten Verwalter der staatlichen Steuereinnahmen für erhebliche politische Diskussionen. Seither wird gemutmaßt, welche Rolle dabei Thierno Madani Tall einnimmt, der als einflussreicher Marabut landesweit bekannt ist und der persönliche Marabut des Präsidenten sein soll. Er habe in seiner Predigt vor der Ernennung in der größten Moschee Dakars nicht zufällig darauf hingewiesen, dass „aufrichtige Barmherzigkeit in der Familie beginne“, so die Kritiker dieser Ernennung.

Der erste Artikel der Verfassung Senegals ist eindeutig: „Die Republik Senegal ist laizistisch, demokratisch und sozial. Sie garantiert die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, ohne Unterscheidung von Herkunft, Rasse, Geschlecht und Religion. Sie respektiert alle Glaubensformen.“ Diese klare Aussage, die in Anlehnung an die französische Verfassung zu verstehen ist, begründet auch, weshalb religiös konnotierte Parteien in Senegal unzulässig sind und keine Parteien entlang religiöser oder ethnischer Linien gegründet werden dürfen. Im Sinne einer religiösen Äquidistanz müssten der Staat und seine Institutionen demnach Abstand zu allen Religionen wahren und sich nicht in religiöse Belange einmischen. Die Realität hingegen offenbart anderes. Zwar bleibt der Grad der praktizierten Anwendung des Laizismus in verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich und geht nur in wenigen Staaten so weit wie in Frankreich selbst, wo keinerlei religiöse Symbole in staatlichen Einrichtungen geduldet sind. Dennoch lässt die Melange von staatlichen und religiösen Aktivitäten, wechselseitigen Abhängigkeiten und die gegenseitige Legitimation staatlicher und religiöser Autoritäten in Senegal die Frage immer drängender werden, ob der senegalesische Staat dem ersten Artikel seiner Verfassung tatsächlich gerecht wird. In einem laizistischen System finanziert der Staat keine Kirchen und Moscheen. Laizismus – wie er in Frankreich philosophisch als antiklerikale und nicht a priori als antireligiöse – Trennung von Staat und Religion begründet wurde, erfährt in Senegal derzeit keine konsequente Anwendung. Der Einfluss der Bruderschaften auf die politische Klasse des Landes ist derart ausgeprägt, dass ohne deren Wohlwollen politische Persönlichkeiten nur eine begrenzte Aussicht auf Erfolg haben. Die wechselseitige Machtsicherung von Politik und Islam wird im Folgenden näher beleuchtet.

Quelle: © Sebastian Gil Miranda.
Quelle: © Sebastian Gil Miranda.

Arabisch als Sprache in Westafrika auf dem Vormarsch

Die geografische Verbreitung des Islam von Westafrika bis Südostasien erklärt auch dessen kulturelle und sprachliche Heterogenität. Die heilige Sprache des Islam, Arabisch, ist ebenfalls auf dem afrikanischen Kontinent auf dem Vormarsch. Eine erkennbare Tendenz ist die Ausweitung der arabischsprachigen Koranschulen sowie franko-arabischer Schulen in Senegal. 28 Prozent der Befragten der zitierten Timbuktu-Studie sind bereits heute der Ansicht, eine ausschließliche Unterrichtung ihrer Kinder in einer Koranschule reiche aus.

In Zukunft könnte eine arabischsprachige Elite die wichtigsten Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Senegal bekleiden.

Knapp 90 Prozent der Senegalesen befürworten einen Mix aus staatlicher Schule (Curriculum nach französischem Vorbild) und Koranschule. Immer mehr Eltern senden ihre Kinder auf die vom Staat seit 2002 eingerichteten franko-arabischen Schulen. Dort wird neben dem eigentlichen Lehrinhalt auf Französisch auch Arabisch gelehrt. Noch sind die Arabischkenntnisse vor allem auf das Auswendiglernen von Koransuren begrenzt und erreichen nur in seltenen Fällen ein gutes Kommunikationsniveau. Zahlreiche Beobachter mutmaßen, dass in einigen Jahren eine arabischsprachige Elite die wichtigsten Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Senegal bekleiden wird. Diese, so befürchten einige, könnten sich langfristig gezielt gegen Französisch als Amtssprache entscheiden und sich somit auch für das in arabischen Ländern vorherrschende Gesellschaftsmodell entscheiden – auch um symbolhaft mit der Sprache und den Sitten der früheren Kolonialmacht zu brechen. Unterschwellig unterstreicht diese Diskussion die Sorge mancher, dass die als liberal geltende sufische Auslegung des Islam in Senegal durch das arabische Gesellschaftsmodell abgelöst und sich das Land somit langfristig einer orthodoxeren Religionsauslegung verschreiben könnte. Der im August 2017 wiederernannte Premierminister Mohamed Ben Abdallah Dionne betont wiederholt die Bedeutung des Arabischen für den Senegal und kündigte eine Ausweitung von Arabischkursen an allen staatlichen Universitäten des Landes an.

Das Talibé-System.
Wahrscheinlich 80.000 Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren sind auf Senegals Straßen als Bettler unterwegs. In Lumpen gekleidet, barfuß und nur mit einem Behälter zum Geldsammeln ausgestattet, betteln die zumeist in Gruppen auftretenden Kinder mehrere Stunden täglich. Viele von ihnen kommen aus den angrenzenden Ländern Guinea, Guinea-Bissau oder Mali und wurden wie ihre senegalesischen Altersgenossen von ihren Eltern in Koranschulen (Daaras) geschickt, um dort von Marabuts im Koran und einer gottgefälligen Lebensführung unterwiesen zu werden. Nicht alle Marabuts, die in den landesweit ca. 6.000 Daaras den Koran lehren, senden die Kinder zum Almosensammeln auf die Straßen. Doch noch immer zu viele Marabuts schicken die Kinder auf die Straße, damit sie für ihr eigenes Durchkommen sowie für den Erhalt der Daara und den Verdienst des Marabuts Geld einsammeln. Nachdem UNICEF auf die Missstände in den genannten Schulen aufmerksam machte, kündigte die Regierung 2002 Maßnahmen an, um die Situation der Talibé zu verbessern. Seither widmet sich das Erziehungsministerium verstärkt den Daaras, um das perfide System der Kinder­ausbeutung in Senegal durch Marabuts zu beenden.

Bruderschaften prägen den senegalesischen Islam

Auffälligstes Merkmal des senegalesischen Islam ist seine Verfasstheit in vier prägenden sufischen Bruderschaften. Diese Glaubensgemeinschaften „sind mehr als Ethnie und Bildungsgrad ein Identifikationsparameter in Senegal“ und hierarchisch klar strukturiert. An der Spitze jeder Bruderschaft steht ein General-Kalif als religiöses Oberhaupt. Ihm folgen sein Sprecher und etliche als Heilige verehrte Würdenträger auf lokaler Ebene, die Marabut oder Scheich genannt werden. Die Marabuts sind auf Spenden ihrer Anhänger und die gesammelten Almosen ihrer religiösen Schüler, der Talibé, angewiesen und fungieren als religiöse Autoritätspersonen in der Gesellschaft. Sie werden im Vorfeld beruflicher oder privater Entscheidungen um Rat gebeten, schlichten Streitigkeiten und gelten als Vermittler religiösen Wissens und lokaler Traditionen. In Senegal gibt es mehrere Kalifen und tausende Marabuts. Viele Muslime außerhalb des Landes kritisieren diese Anhäufung religiöser Würdenträger, da der Islam eigentlich keinen Klerus (mit Ausnahme der Schiiten) bzw. keine Hierarchie kennt.

In der Vergangenheit übten die Bruderschaften ihre politische Macht vor Wahlen über ausgesprochene Kandidatenempfehlungen an ihre Anhänger aus. Das System des Ndigël (Wolof für Anweisung) veranlasste über Jahrzehnte politische Mandatsträger, um das Wohlwollen der Kalifen und Marabuts zu buhlen. Diese wechselseitige Abhängigkeit zwischen staatlichen und religiösen Vertretern kann als besonderer senegalesischer Sozialvertrag betrachtet werden. Mit der religiösen Empfehlung der wichtigsten Kalifen gelang den meisten Präsidentschaftskandidaten ein Wahlerfolg. Seit den 1990er Jahren sind Veränderungen erkennbar. Seither verlassen sich die Bruderschaften nicht mehr allein auf Wahlempfehlungen für ihnen nahe stehende Kandidaten, sondern werden zunehmend selbst zu politischen Akteuren und stellen bei Wahlen eigene Kandidaten für politische Mandate auf.

Der Sufismus stellt eine besondere Strömung innerhalb des Islam dar und wird durch asketische, spirituelle und mystische Bestandteile gekennzeichnet. Ein Sufi ist auf der Suche nach dem inneren Sinn des Korans und versucht durch stundenlange tägliche Meditationen, die Dhikr, durch Tanz und Ekstase Gott so nahe wie möglich zu kommen. Die individuelle und direkte Beziehung zu Gott steht im Mittelpunkt allen Handelns eines Sufi, weshalb persönliche Wünsche zurückgestellt und ein rein gottgefälliges Leben geführt wird. Die Liebe – auch gegenüber anderen – nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und erklärt die pazifistische Grundeinstellung sufischer Muslime. Bruderschaften kennen Heiligenverehrungen und zelebrieren die Tradition ihrer Scheichs, die nach Überzeugung der Sufis eine direkte familiäre Verbindung bis hin zum islamischen Propheten Muhammad aufweisen. Neben der spirituellen Komponente bilden Bruderschaften ein enges soziales Netzwerk, das gegenseitige (finanzielle) Hilfen einschließt und ein gesellschaftliches Kontroll- und Absicherungsnetz darstellen kann. Die vier wesentlichen Bruderschaften Senegals sind:

Die Älteste

Die älteste der in Senegal aktiven Bruderschaften ist zugleich weltweit mit am stärksten vertreten. Sie findet ihre Anhänger nicht nur in West- und Nordafrika, sondern auch auf dem Balkan und in Südostasien. Die Quadiriyya-Bruderschaft wurde im elften Jahrhundert in Bagdad begründet, wo sich bis heute ihr Zentrum befindet. Sie etablierte sich über arabischsprachige Händler – vor allem aus Mauretanien kommend – in Senegal. Ihre Anhänger finden sich besonders im Norden des Landes, rund um St. Louis, die ehemalige Hauptstadt Französisch-Westafrikas. Circa zehn Prozent der senegalesischen Muslime gehören dieser Bruderschaft an.

Die Kleinste

Die Anhänger der Layenne stellen die kleinste Bruderschaft in Senegal dar. Sie wurde 1884 vom Fischer Libasse Thiaw, bei seinen Anhänger besser bekannt als Seydina Limamou Laye, als „Imam von Gottes Gnaden“, gegründet. Die Anhänger dieser Bruderschaft verehren Libasse Thiaw als die Reinkarnation des Propheten Muhammad. Er sei als Mahdi, als der wiedergeborene Prophet, erschienen, um die Muslime in die endzeitliche Erlösung zu führen. Sein Sohn wird als Wiedergeburt Jesu Christi verehrt, weshalb die Layenne Weihnachten als wichtiges religiöses Fest feiern und neben dem Koran auch Bibelgeschichten in ihre Religionsausübung integrieren. Der synkretistische Charakter dieser Bruderschaft lässt sie in den Augen zahlreicher Muslime in anderen Ländern als Häretiker erscheinen. Die Bruderschaft findet ihre Anhänger vor allem bei der Ethnie der Lebou in der Hauptstadt Dakar.

Die Größte

Die größte der vier wichtigsten Bruderschaften ist die Tidianyya. Sie versammelt etwa 50 Prozent der sunnitischen Muslime des Landes. Ihre Entstehungsgeschichte beginnt 1780 in Algerien, wo sie von Sidy Ahmed Al-Tijani begründet wurde und sich später in ganz Westafrika ausbreitete. Während die Bruderschaft anfangs eine antikoloniale und zeitweise gewaltbereite Ausprägung fand, wurde sie unter Führung des Senegalesen El Hadj Malick Sy (1855 bis 1922) zu einer friedlichen und bis heute dialogbereiten Bruderschaft. Ihre Anhängerschaft reicht von nahezu allen Ländern Westafrikas über den Nahen Osten bis nach Indonesien. Sie gilt als größte Bruderschaft Westafrikas.

Neben Koran und Sunna, den Überlieferungen der Taten und Aussprüche des Propheten Muhammad (570 bis 632), setzen Anhänger der Tidianyya-Bruderschaft den Dienst an der Gemeinschaft in den Mittelpunkt ihrer Lehre. Askese wird abgelehnt, allerdings stellt die Rezitation bestimmter religiöser Formeln nach den eigentlichen fünfmaligen täglichen Gebeten eine wichtige Besonderheit der Bruderschaft dar. In Senegal hat die Bruderschaft mehrere familiäre Zweige, die in unterschiedlichen Städten mit Kalifen vertreten sind. Die Familie Sy gilt als wichtigste Instanz der Tidianyya, da deren Vertreter als die legitimierten Erben des ersten Senegalesen an der Spitze der Bruderschaft gelten. Nach dem Ableben des 91-jährigen General-Kalifen, Scheich Ahmed Tidiane Sy „Al-Makhtoum“, wurde sein Bruder, Abdoul Aziz Sy „Al Amine“, im Frühjahr 2017 zum neuen General-Kalifen und Oberhaupt der Bruderschaft berufen. Seit dem überraschenden Tod „Al Amines“ im September 2017, nur sechs Monaten nach dem Hinscheiden seines Bruders, führt nun der 85-jährige Cousin, Mbaye Sy Mansour, die Bruderschaft als siebter Kalif. Staatspräsident Macky Sall, nahezu das gesamte Kabinett sowie eine Delegation des Königs von Marokko reisten direkt nach dem Ableben der Kalifen an den Hauptsitz der Familie nach Tivaouane und unterstrichen somit die Wichtigkeit der Familie.

Mehrere hunderttausend Pilger reisen jährlich nach Tivaouane, um den Geburtstag des Propheten Muhammad mit Koranrezitationen und Lobpreisungen des Propheten zu begehen. Das Spektakel, bei den Tidianen als Gamou bezeichnet, stellt eines der wichtigsten religiösen Feste des Landes dar. Neben der Familie Sy in Tivaouane sind die bedeutendsten Familienzweige Tall und Niasse, letztere mit ihrem Hauptsitz in Kaolack. Ein Zweig in Medina Gounass gilt als besonders orthodox, da er strikt das islamische Recht anwendet. Frauen und Männer leben im Alltag streng voneinander getrennt und geben sich zur Begrüßung nicht die Hand.

Die Einflussreichste

Die einflussreichste der vier Bruderschaften ist zweifelsfrei die 1883 von Scheich Ahmadu Bamba in Senegal begründete Bruderschaft der Muriden. Zwar gehören ihr nur ca. 35 Prozent der Muslime des Landes an, doch aufgrund ihres wirtschaftlichen, politischen und sozialen Einflusses stellt die Bruderschaft einen elementaren Machtfaktor des Landes dar. Der in Mbacké geborene Bamba gründete 1887 in Touba seine eigene „heilige“ Stadt, die seither einen Sonderstatus in Senegal genießt. Im Mittelpunkt der Muriden-Ideologie stehen die Verherrlichung der Arbeit und der Glaube, durch harte körperliche Arbeit Gott näher zu kommen. Ein bekanntes Sprichwort der Muriden lautet: „Arbeite, als ob Du niemals, und bete, als ob Du morgen sterben müsstest.“

Der General-Kalif der Muriden, seit 2010 Scheich Sidy El Mokthar Mbacké, gilt als einflussreichste Persönlichkeit des Landes. Selbst der Staatspräsident kniet öffentlich vor ihm nieder und lässt somit ein Bild der absoluten Untergebenheit bereitwillig medial transportieren. Seit jeher kooperierten die Muriden eng mit staatlichen Institutionen – während der Kolonialzeit nutzen die Kolonialherren die Arbeitsmoral der Muriden, um sie für den Erdnussanbau einzusetzen. Heute dominieren Anhänger dieser Bruderschaft praktisch das gesamte nicht-staatliche Transportwesen des Landes, ein großes Netzwerk an Unternehmen und mit Touba Oil sogar eine eigene Tankstellenkette.

Vor dem General-Kalif der Muriden, Scheich Sidy El Mokthar Mbacké, kniet selbst der Staatspräsident öffentlich nieder.

Senegals Islam – Sufismus oder Salafismus?

Seit den 1990er Jahren und verstärkt seit der Jahrtausendwende geraten sufische Bewegungen weltweit – auch in Senegal – unter den Druck salafistischer Prediger. Das wahhabitische Königshaus in Saudi-Arabien und weitere Golfstaaten werden seit den 2000er Jahren in zahlreichen muslimisch geprägten Ländern Afrikas immer präsenter, vor allem durch den Bau von Moscheen und Koranschulen sowie die Vergabe von Stipendien. Auch Iran verstärkt seine Präsenz in Senegal, obschon lediglich 30.000 bis 50.000 der 14,5 Millionen Senegalesen als Schiiten gelten. Die von Iran finanzierte Al-Mustafa-Universität in Dakar vergibt jährlich 150 Stipendien an junge Senegalesen und erhofft sich durch deren Förderung eine Stärkung der Schia und des iranischen Einflusses in Senegal.

Saudi-Arabien und andere Golfstaaten intensivieren bereits seit Jahren ihr finanzielles Engagement in Senegal. Die von Saudi-Arabien wesentlich beeinflusste Islamische Entwicklungsbank unterstützt zahlreiche Infrastrukturprojekte in Senegal und investierte bis 2016 etwa 200 Milliarden US-Dollar im Land. Gleichzeitig werben saudi-arabische Banken in Senegal für die Eröffnung islamkonformer Bankkonten – da die Hälfte der senegalesischen Bevölkerung noch über kein Bankkonto verfügt, gilt der senegalesische Markt mittelfristig als besonders attraktiv.

Saudische und andere golfarabische Vereinigungen vergeben in Senegal außerdem jährlich mehrere hundert Stipendien. Die Vereinigung Islamischer Predigten für die Jugend (APIJ), die 1986 von aus Saudi-Arabien in den Senegal zurückgekehrten Studenten gegründet wurde, wird aus Saudi-Arabien finanziert und betreibt heute mehr als 200 Moscheen in allen Regionen Senegals. Die Vereinigung wurde 1999 vom Staat anerkannt und gilt als salafistisch orientiert. In den APIJ-Moscheen werden wahhabitische Schriften verteilt und ein salafistisches Gedankengut gepredigt. Neben den Moscheen und Koranschulen werden allzu oft auch ultraorthodoxe Prediger finanziert, die einer salafistischen Ideologie folgen und in senegalesischen Moscheen um Anhänger werben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich zahlreiche Senegalesen in der Vergangenheit international operierenden terroristischen Vereinigungen, wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) oder Boko Haram und der „al-Qaida im Islamischen Maghreb“, angeschlossen haben.

Im Kern handelt es sich bei der zunehmenden Tendenz iranischer und golfarabischer Investitionen in muslimisch geprägten Staaten Westafrikas um die Erlangung der ideologischen Vorherrschaft und die Deutungshoheit über den praktizierten Islam. Während die zwölferschiitische Auslegung des Islam, wie in Iran als Staatsideologie praktiziert, in Senegal keine große Anhängerschaft findet, verbirgt sich hinter der wahhabitisch geprägten Islamauslegung Saudi-Arabiens ein ultraorthodoxes Weltbild, das sich an den Ursprüngen des Islam zu orientieren vorgibt und jede Veränderung dieser ur-salafistischen Zeit als unzulässige Neuerung ablehnt. Beide Gesellschaftsmodelle entsprechen nicht der seit Jahrhunderten tolerant gelebten Islamauslegung im heutigen Senegal, die vielerorts eine synkretistische Interpretation mit Elementen afrikanischer Lokalreligionen kennt. Da die senegalesische Bevölkerung allerdings mehrheitlich sunnitisch geprägt ist, versuchen wahhabitisch bzw. salafistisch orientierte sunnitische Prediger gezielt für ihre Ideologie zu werben und den in Senegal vorherrschenden Islam als von den Kolonialmächten verdorben und nicht authentisch zu stigmatisieren.

Iranische und golfarabische Investitionen in Staaten Westafrikas zielen im Kern auf die ideologische Vorherrschaft und die Deutungshoheit über den praktizierten Islam ab.

Der Salafismus ist die am stärksten anwachsende islamistische Bewegung unserer Zeit und in sich äußerst vielschichtig. Während die politische und dschihadistische Variante des Salafismus (bisher) in Senegal keine erkennbare Relevanz besitzt, nehmen puristische salafistische Strömungen deutlich zu. Puristische Salafisten sind antimilitant und folgen keiner offensiven Strategie der unmittelbaren politischen Transformation. Sie folgen allerdings ebenso der salfistischen und somit die Gottes- über die Volkssouveränität setzenden Ideologie und lehnen eine weltliche Gesetzgebung, die den Grundzügen der Scharia widerspricht, kategorisch ab. Die Übergänge vom puristisch bis hin zum dschihadistisch ausgelegten Salafismus können fließend sein, was auch erklären mag, weshalb 15 Imame wegen der Propagierung islamistischer Inhalte bereits in senegalesischen Gefängnissen inhaftiert sind.

Salafistische Prediger setzen die sufischen Bruderschaften zunehmend unter Druck, indem sie deren Heiligenverehrung sowie das Tragen von Devotionalien und den Dhikr mit Gesängen und Tänzen als „unislamisch“ diffamieren. Der senegalesische Staat handelt und stellt sich hinter die sufischen Bruderschaften. 2016 wurden gemeinsam mit Frankreich ein Aktionsplan gegen den Terrorismus (Plan d´action contre le terrorisme, PACT) verabschiedet, Grenzkontrollen zu den Nachbarländern – vor allem zu Mauretanien und Mali – verstärkt und von Staatspräsident Macky Sall der Vorschlag eingebracht, die Burka als Vollverschleierung der Frau gesetzlich verbieten zu lassen. Letztere passe nicht zur senegalesischen Kultur.

Die Bruderschaften positionieren sich unmissverständlich gegen die Anwendung von Gewaltim Namen des Islam.

Die senegalesische Regierung ist sich der Risiken und sicherheitspolitischen Herausforderungen durch den internationalen Terrorismus bewusst und veranstaltet seit 2014 jährlich die Sicherheitskonferenz Dakar International Forum on Peace and Security in Africa. Hierbei beraten hochkarätige Experten aus Politik, Wissenschaft und Militär über die Abwehr terroristischer Gefahren. All die Maßnahmen belegen, wie nervös die senegalesische Regierung inzwischen auf mögliche terroristische Bedrohungen reagiert. Noch gilt Senegal als Stabilitätsanker in Westafrika. Die Regierung bekennt sich zu den friedvoll agierenden sufischen Bruderschaften und unterstreicht somit ihre Verbundenheit zu den traditionell in dem Land einflussreichen Bruderschaften. Diese positionieren sich ihrerseits unmissverständlich und nicht zum ersten Mal gegen die Anwendung von Gewalt im Namen des Islam und stellen sich ihrer Verantwortung beim Kampf gegen gewaltsame islamistische Gruppierungen. Im März 2017 wurde daher ein „Islamisch-afrikanisches Forum zum Kampf gegen Terrorismus“ gegründet, dem die wichtigsten Bruderschaften des Landes angehören.

Quelle: © Sebastian Gil Miranda.
Quelle: © Sebastian Gil Miranda.

Demokratie oder Marabukratie?

Senegal ist ein stabiles, demokratisches Land in Westafrika, das unter unterschiedlichen Ethnien und Religionen ein beachtliches Maß an Harmonie verankern konnte. Dazu leisten die sufischen Bruderschaften einen wichtigen Beitrag. Gleichzeitig ist das Land zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt. Der internationale Terrorismus ist in der Region längst angekommen, Armut, Perspektivlosigkeit und korrupte Eliten führen auch in Senegal zur Auswanderung und Radikalisierung junger Menschen.

Die Vitalität der senegalesischen Demokratie wurde zuletzt bei der Parlamentswahl am 30. Juli 2017 unter Beweis gestellt. Mit einer Wahlbeteiligung von 54 Prozent haben so viele Senegalesen wie seit fast 20 Jahren nicht mehr von ihrem Bürgerrecht Gebrauch gemacht. Gleichzeitig wurde mit der Partei der Einheit und Versammlung (PUR) eine religiös konnotierte Partei zur vierten Kraft im Lande gewählt. Die Partei betont, keine religiösen Ziele zu verfolgen, bekennt sich allerdings offen zur 1979 im Zuge der Islamischen Revolution in Iran gegründeten Moustarchidine-Bewegung. Noch ist die Partei klein und hat keinen allzu großen Einfluss, für die Präsidentschaftswahl 2019 präsentiert sie sich jedoch bereits siegessicher. Es wird aufmerksam zu verfolgen sein, wie sich die Partei in der 13. Legislaturperiode des Parlaments inhaltlich einbringen wird.

Noch nie in der Geschichte Senegals seit der Unabhängigkeit sind so viele Marabuts auf den 47 Listen für einen der 165 Abgeordnetenplätze in der Nationalversammlung angetreten wie bei der zurückliegenden Wahl. Dies ist ein eindeutiger Beleg für das erstarkende Selbstbewusstsein und den inzwischen auch durch politische Funktionen offenbarten Gestaltungswillen zahlreicher Vertreter der Bruderschaften. Einige der Marabuts wurden zu Abgeordneten gewählt und werden zukünftig noch direkter die Interessen ihrer Bruderschaften im Parlament durchzusetzen wissen. Sie werden dabei von einer Vielzahl neu gegründeter islamischer Vereinigungen und Medienportale begleitet.

Die Motivation und Agenda der Marabut-Politiker kann dabei sehr unterschiedlich sein. Erkennbar ist jedenfalls der eindeutige politische Gestaltungswille der Marabuts, um die Interessen ihrer jeweiligen Bruderschaft zu vertreten. Sie verlassen sich nicht mehr nur auf ihren indirekten politischen und wirtschaftlichen Einfluss, sondern werden selbst zu Akteuren des politischen Prozesses. Mansour Sy Jamil, ein einflussreicher Marabut der Tidianyya-Bruderschaft und Parteigründer, weist etwa eine populistisch anmutende Anti-Establishment-Rhetorik auf und setzt sich vor allem für Landrechte der Anhänger seiner Bruderschaft ein. Andere Marabut-Politiker, wie die drei gewählten Abgeordneten der PUR, fordern die Wiederherstellung von öffentlichen (islamischen) Moralvorstellungen, treten gegen den Konsum von Alkohol ein und unterstreichen den Wert der Familie in der Gesellschaft.

Neben sozio-ökonomischen und geopolitischen Herausforderungen stellt die ideologische Dimension einen weiteren Aspekt auf der Liste möglicher Gefahren für die Stabilität Senegals dar. Die jahrzehntelange, von wechselseitigem Profit geprägte Kooperation zwischen Politik und Bruderschaften könnte zu einer Verselbstständigung der religiösen Klasse Senegals führen. Inzwischen wird nicht mehr nur die Ehrerbietung politischer Entscheidungsträger gegenüber den Marabuts, die Instandhaltung von Moscheen und die Aufrechterhaltung erstandener Privilegien der Bruderschaften gefordert. Die Marabuts werden selbst politisch aktiv, bilden Parteien oder Vereinigungen, organisieren sich und formulieren religiös konnotierte politische Botschaften. Die Bruderschaften fordern somit das laizistische System des Landes heraus – wohlbemerkt ohne offen die Vision eines auf islamischer Rechtsgrundlage basierten Systems zu formulieren.

Die enge Kooperation zwischen Politikern und Bruderschaften könnte zu einer Verselbstständigung der religiösen Klasse Senegals führen.

Die weitaus größere ideologische Herausforderung stellen jedoch islamistische Strömungen dar, die den Staat bedrohen und sufische Bruderschaften unter Druck setzen. Die Regierung unter Macky Sall lässt keinen Zweifel daran, dass sie entschlossen gegen islamistische Protagonisten vorgeht. Durch das starke finanzielle Engagement der Golfstaaten beim Bau von Moscheen und Koranschulen sowie der Vergabe von Stipendien zum Studium in arabischsprachigen Ländern entsteht allerdings eine arabischsprachige Elite, die sich langfristig auch ideell anti-westlich positionieren könnte. Bisher gelten die Bruderschaften noch als Puffer gegen den Einfluss islamistischer Gruppierungen und garantieren die soziale Stabilität des Landes. Ihre Rolle ist bisher (noch) als positiv zu bewerten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Verständnis des Islam und zum Religionsdialog und sind der Garant des sozialen Zusammenhalts in Senegal.

Die Bruderschaften mit ihrer synkretistischen und mystischen Orientierung sind in Senegal so einflussreich wie in keinem anderen westafrikanischen Land. Dieser starke Einfluss hat Vor- und Nachteile. Bedenklich ist der Einfluss der Marabuts, da sie als religiöse Vertreter zunehmend politisch agieren und das laizistische System des Landes somit langfristig Risse bekommt. Dennoch gelang der Demokratisierungsprozess Senegals in den zurückliegenden Jahrzehnten auch deshalb so erfolgreich, weil die friedliebenden sufischen Bruderschaften entschlossen an der Seite des Staates standen – natürlich auch, um von staatlichen Privilegien zu profitieren.

Da in einer Welt mit multidimensionalen Herausforderungen allerdings verlässliche Partner wichtig sind und die Bruderschaften bei der Eindämmung islamistischer Ideologien die nötige Autorität besitzen, wird ihr weiteres Engagement aufmerksam zu verfolgen und nicht voreilig zu verurteilen sein. Senegal besitzt mit seiner demokratischen Kultur eine Vorbildfunktion in Westafrika. Der Schulterschluss mit den friedliebenden Bruderschaften hat sich im Kampf gegen destabilisierende Faktoren bisher bewährt. Der Garant für Freiheit und Sicherheit liegt in der Demokratie begründet – und nicht in einer Herrschaft der Religiösen, der Marabukratie.


Thomas Volk ist Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Senegal.

Die Bilder zu diesem Beitrag sind Teil der Reportage In the name of Koran des Fotografen Sebastian Gil Miranda. Sie zeigen den Alltag der Jungen und Mädchen in Koranschulen, den Daaras. Die ganze Fotostrecke findet sich unter: http://www.sebastiangilmiranda.com/in-the-name-of-koran-talibes-in-senegal.

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