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Wenn der japanische Kaiser Akihito 2019 zugunsten seines Sohnes, Kronprinz Naruhito, zurücktritt, wird das das erste Mal in über 200 Jahren sein, dass ein Kaiser noch zu Lebzeiten abdankt. Der Rücktritt Akihitos, der „überall Frieden“ bei Amtsantritt zu seiner Regierungsdevise gemacht hatte, fällt in eine Phase, in der sich Japan zunehmend von seiner pazifistischen Identität entfernt. Zeit die Vergangenheit ruhen zu lassen?

Japans Kaiser Akihito neben seiner Frau Michiko und anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie zeigen sich der Öffentlichkeit während einer Feier im Garten des Akasaka-Palasts.© Toru Hanai, Reuters

Für uns im Westen wohl eher eine Randnotiz, für die Japaner dagegen absolutes Novum und bewegende Schlagzeile: Aller Wahrscheinlichkeit nach darf der 125. japanische Himmelsherrscher (Tennō) Akihito, 84, zum 30. April 2019 noch zu Lebzeiten abdanken, um seinem Sohn, Kronprinz Naruhito, 58, den staatssymbolischen Chrysanthementhron zu überlassen.

Dann wird ein neuer innerjapanischer Kalender in Kraft treten und die seit Akihitos Thronbesteigung im Januar 1989 gültige Regierungsdevise Heisei („überall Frieden“) ablösen. Das hat es 200 Jahre lang nicht mehr gegeben. 1817 trat Kaiser Kõkaku zurück. Seitdem verlief und endete die jeweilige Abfolge kaiserlicher Regentschaft stets nach biologischer Gesetzmäßigkeit.

Eigentlich ist der japanische Tennō, anders als etwa der thailändische König, im alltäglichen Bewusstsein der Menschen wenig präsent. Doch wenn es um den sichtbaren Beweis einer kontinuierlichen Geschichte Nippons geht, steht der Kaiser – er repräsentiert die älteste Monarchie der Welt – an erster Stelle. Der Stolz auf und das Wissen um die Bedeutung des Staatsoberhauptes sind erhalten geblieben. Unter dem geschichtlichen, absoluten Kaisertum war der Tennō in persona Inhaber der militärischen und politischen Macht und stellte zudem die physische Inkarnation einer religiösen, rituellen Autorität dar.

Mit dem Tod des sogenannten Kriegskaisers Hirohito (1901 bis 1989, er regierte 63 Jahre lang) gingen repräsentativer Einfluss und neue Zeitrechnung auf Akihito über, dessen Schicksal am 1. Dezember 2017 in einer in Tokio gespannt verfolgten Ausnahmesitzung des kaiserlichen Hofamtes (Teilnehmer war neben dem Obersten Richter des Landes und Akihitos Familie auch Premier Shinzō Abe) entschieden wurde. Um den reibungslosen Übergang in die neue Ära zu gewährleisten und an eine Reihe von Feiertagen Anfang Mai 2019 anzuknüpfen, sollen der Bevölkerung – laut Medien – dann insgesamt zehn arbeitsfreie Tage am Stück zuerkannt werden.

Mehr als nur Gesundheitsgründe?

Als offizieller Grund für die beabsichtigte Abdankung des Kaisers, über dessen Willensbekundung man in den lokalen Medien erstmals öffentlich im August 2016 berichtet hatte, werden die gravierenden gesundheitlichen Probleme Akihitos und die damit verbundenen Strapazen seiner Amtsgeschäfte genannt. Jedoch werden hinter vorgehaltener Hand gelegentlich auch andere Motive in Betracht gezogen, welche verblüffen und über die es nachzudenken lohnt.

Denn möglicherweise hatte die in Kreisen der Regierungspartei LDP zunehmend umstrittene und unpopuläre pazifistische Verfassung (die seit 1947 gilt, amerikanischem Gedankengut entspringt und Japan zu einer parlamentarischen Monarchie machte) auf den Kaiser einen besonderen Einfluss. Das zumindest behaupten diejenigen, die auch die anderen Beweggründe für Akihitos vorgezogenen Rücktrittswunsch zu kennen glauben, nämlich seine innere Ablehnung des rassenkonservativen Nationalismus großer Teile der japanischen Elite und ihrer Verklärung von Kriegsgeschichte und Opferrolle.

Akihito ist kein Schuldner der Vergangenheit. Seine wiederholt geäußerte Kritik an der japantypischen offiziellen Vergangenheitsklitterung unterscheidet ihn von seinem Vater Hirohito, in dessen Namen – und Auftrag? – die damaligen Kriegsgräuel (Nanjing Massaker, „Trostfrauen“-Einrichtung, Vivisektionen) begangen wurden.

Der Rücktritt Akihitos wird, sollte er wie geplant verlaufen, die von Premier Abe angestrebte Verfassungsrevision – die die pazifistische Identität Japans endgültig überwinden soll – und die dafür notwendige Volksabstimmung voraussichtlich bis in den Sommer oder gar Herbst des Jahres 2019 verschieben. Vor dem Hintergrund der akuten Bedrohungssituation durch Nordkorea erscheint dies als sehr spät. Auch muss man fragen, warum ein Mitte Achtzigjähriger mit „gravierenden gesundheitlichen Problemen“ nach der Bekundung seines Rücktrittswunsches noch zwei Jahre und acht Monate durchhalten muss.

Die Vergangenheit ruhen lassen?

Scham hindert am Erinnern, während Gefühle der Schuld gleichzeitig bestimmte Erinnerungen festhalten. In diesem Zwiespalt steckt auch das öffentliche Eingeständnis japanischer Politikgestaltung, die sich nach wie vor gegen eine – in unserem Sinne – faktisch korrekte Aufarbeitung der Vergangenheit sperrt.

Allerdings: Aus Sicht der überwiegenden Zahl der Menschen in Japan schadet eine Überdosis radikal-nationaler Selbstkritik der sozialen Harmonie, der gemeinschaftlichen Wohlfahrt und dem staatlichen Selbstwert. Demnach sei es besser, die (belastende) Vergangenheit ruhen zu lassen. Hinter dieser Einstellung verbergen sich nicht nur fassadenhafte Imagepflege, sondern auch das tiefe japanische Bedürfnis nach Konformität und einer gesellschaftlichen Selbstdarstellung, die, wenn auch von außen heftig kritisiert, das „Gesicht“ des Landes im einheimischen Selbstverständnis zu wahren hilft.

Es wird uns kaum möglich sein, den Gedankenbereich des scheidenden Kaisers zu erkunden, geschweige denn zu kennen und die These seiner Revisionismuskritik zu überprüfen. Doch die Tatsache, dass einheimische Beobachter diese in und mit seinem Namen formulieren, zeigt, wie innenpolitisch brüchig das Klischee eines ideologisch homogenen „Japan Inc.“ geworden ist.

Herkunft ist Zukunft – wer übernimmt die Regentschaft?

Am 1. Mai 2019 steht Kaiser Naruhito bereit für die symbolische Ämterübernahme. Später dann wird wahrscheinlich der heute elfjährige nächste Kronprinz Hisahito (Sohn des jüngeren Bruders des Tennō in spe) das eherne Prinzip der männlichen Generationenfolge in Japans Kaiserhaus aufrechterhalten. Ob bis dahin jedoch der Schleier über der kriegsverantwortlichen Vergangenheit Japans gelüftet oder die Kluft zwischen Tat und Deutung vergrößert sein wird, bleibt heute noch Spekulation.

Für ganz Ostasien (China, Japan, koreanische Halbinsel) gilt, dass der Friede mit der eigenen Geschichte auch für den Frieden mit den Nachbarvölkern mitentscheidend ist. In diesem Kontext hat sich bislang kein einziges der genannten Länder positiv hervorgetan.

Warum keine Regentin?

In Japans Geschichte hat es mehrfach weibliche Tennō gegeben. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings lautet die Regel, dass nur ein männlicher Nachkomme einer männlichen Linie (Vater durch Geburt Mitglied der Kaiserfamilie) zur Thronbesteigung berechtigt ist. Die Ehefrau des künftigen und Schwiegertochter des amtierenden Kaisers, Kronprinzessin Masako, stand somit nach Bekanntwerden ihrer Heirat unter großem Druck, einen Thronfolger zu gebären. Zwar war die Freude groß, als eine Tochter, Prinzessin Aiko, im Dezember 2001 das Licht der Welt erblickte. Sie blieb bisher jedoch Einzelkind, trotz aller Bemühungen ihrer nun – so die Medien – unter Depressionen leidenden Mutter. Deren Schwägerin, Ehefrau des jüngeren Bruders des Tennō in spe, erging es ähnlich. Nach zwei Töchtern vergingen ganze zwölf Jahre bis zur Geburt des Kronprinzen Hisahito im September 2006. Mit diesem jüngeren Cousin von Prinzessin Aiko ist die männliche Thronfolge nun wieder gesichert. Die Zukunft des japanischen Kaiserhauses ist heute elf Jahre alt und wird seiner künftigen Rolle entsprechend ausgebildet, während Schwestern und Cousine einen Ausweg aus dem „goldenen Käfig“ – ein bürgerliches Leben – nach der Heirat in Aussicht haben.

Neuen Aufwind erhielt die Debatte der Thronfolge jüngst mit der Bekanntmachung von Heiratsplänen Prinzessin Makos. Die Schwester von Hisahito würde, wie jede Prinzessin die einen Bürgerlichen heiratet, ihren royalen Status aufgeben. Zukünftige Kinder hätten keinen Anspruch auf den Thron. Immer wieder werden Stimmen laut, die das bestehende System zugunsten der Prinzessinnen ändern und weibliche Thronfolge bzw. den Verbleib weiblicher Aristokratie im Kaiserhaus fordern. Premier Abes konservative Einstellung zu diesem Thema ist bekannt und lässt keine echte Debatte zu.

Hirohitos Hypothek: das Unduldbare erdulden, das Unerträgliche ertragen!

Akihitos Vater, Kaiser Hirohito, bleibt trotz oder gerade wegen der vielen Versuche, ihn von jeglicher Schuld während des Zweiten Weltkrieges freizusprechen, hoch umstritten und moralisch belastet – auch in Japan. Überaus ungern wird über seine Rolle als Mitwisser oder gar Befehlsgeber der damals kriegführenden Regierung gesprochen oder geschrieben. Hirohito (und damit die Institution Kaiserhaus) soll vor Kritik, Herabsetzung und Entwürdigung geschützt werden. Doch die Legende, der Kaiser habe sich gegen die Generalität und mutig an die Spitze einer friedensbewegten Gruppe unerschrockener Vorkämpfer demokratischer Ideen innerhalb der Loyalisten gestellt, ist allzu durchschaubar und mitnichten haltbar. Im Gegenteil, heute vermuten vorwiegend amerikanische Strömungen historischer Japanforschung, dass Hirohito den Akt der japanischen Kapitulation am 15. August 1945 möglicherweise gar verzögerte oder erst nachdrücklich dazu überredet werden musste.

Hirohito wurde von den amerikanischen Besatzern dringend gebraucht: als Wegbereiter einer erhofften friedlichen Übergangslösung für sein verstörtes und zermürbtes Volk und die kommenden Reformvorhaben des „Weißen Shoguns“, des Fünf-Sterne-Generals Douglas MacArthur. In einer bis dahin präzedenzlosen Radiobotschaft bat der göttliche Tennō seine irdischen Untertanen, die Waffen zu strecken, sich den Amerikanern zu ergeben und am Unerklärlichen nicht zu verzweifeln. Doch dass das Schicksal eines bereits 2.600 Jahre alten, mythisch umwobenen Kaiserhauses, dessen kultisch enge Beziehungen zum Shintōismus auf vormoderne Zeiten zurückgehen, über Nacht in die Hände eines westlichen Ausländers mit den unverhohlen imperialen Zügen eines fremden „Nebenkaisers mit blauen Augen“ gelegt und auf Gedeih und Verderb dem westlichen Siegerstatut ausgeliefert worden war, stellte (und stellt bis heute) besonders für die japanische Elite eine ungeheure Demütigung dar; zumal sich die Besatzertruppen – wie amerikanische Zeitzeugen kritisch beobachteten – in Japan „nicht als Instrumente, sondern Bestimmer ihrer Politik“ aufführten.

Japans Einzigartigkeit

Der japanische Tennōismus, dessen Dynastien bis 1945 ihre Legitimität kontinuierlich von der mythischen Sonnengöttin Amaterasu ableiten konnten, entstammt einem tief verwurzelten Gründungsnarrativ von Land, Natur und Mensch. Japans Kaiserhaus und eine ikonoklastische Staatsverherrlichung beeinflussten sich wechselseitig, verschmolzen zur symbolischen Einheit von Rasse, Volk und Regierung und stellen bis heute in vehement aufflackernden nationalen „Selbstbehauptungsdiskursen“ (der Begriff wurde von einem Japaner 1996 eingeführt) Nippons Einzigartigkeit heraus. Deren Dilemma ist die nivellierende Verklärung ruhmreicher Vergangenheit bei gleichzeitigem Drang, mit der Moderne und in Konkurrenz zu anderen Staaten Asiens Schritt zu halten.

Vom kaiserlichen zum kulturellen und säkularen Nationalismus

Der japanische Nationalismus hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Noch vor 100 Jahren zentrierte sich die Identität des Volkes im Vorkriegsjapan auf den idealisierten Gottkaiser als Macht-, Symbol- und Einigkeitsikone und vor allem auch überpolitische, religiöse Autorität. Heutzutage hat der Tennō im Land und bei den Menschen ein durchaus reflektiertes, säkulares Image und genießt Respekt. Das Bild des Kaisers ist zwar nach wie vor ein wichtiges, allerdings – man könnte von einem kulturell verzweigtem Nationalismus sprechen – eines von mehreren Symbolen im Nachkriegsjapan, die sich mehr oder minder den Gepflogenheiten und Erfordernissen demokratischer Staatsform angepasst haben.

Übersteigerte Selbst- und Geschichtsbehauptung

Japans moderne, d. h. nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 entstandene Identität zwischen außenpolitischer und ökonomischer Selbstbehauptung auf der einen und introspektiver, kultureller Eigenbesinnung auf der anderen Seite kann bei aller begrifflichen Unzulänglichkeit treffend als doppelt kollektive Opferrolle beschrieben werden – einer umfangreich konzipierten und gelegentlich polemisch deklarierten Opferrolle zudem, deren historische Legende nicht von Einzelnen oder partikularen Gruppen im Lande getragen, sondern an der stattdessen (ähnlich wie im unmittelbar nachrevolutionären China) ganz offiziell gestrickt und die deshalb auch staatlich verordnet wurde.

Legendenrezeption bei gleichzeitig faktisch einwandfreier Betrachtung der „historischen Vorkommnisse“ (ein Lieblingseuphemismus japanischer Politiker für die Beschreibung der Kriegsverbrechen ihrer Vorfahren und deren Heroisierungsversuchen) im Pazifikkrieg erschwert sowohl die Überzeugungskraft echter Reue- und Schuldeingeständnisse der Täter als auch die wirkliche Akzeptanz bei den Opfern.

Die Rekonstruktion eines rechtskonservativen, mitunter imperialistischen Geschichts- und Gesellschaftsbildes bedeutet der überwiegend restaurativ eingestellten japanischen Regierungselite – deren revisionistischen Postulaten sich der scheidende Kaiser auffallend oft durch eloquentes Schweigen und subtile Kritik widersetzte – gleichermaßen politischer Auftrag und biografisches Bedürfnis.

Ideologische Einbettung und die bildungspolitische Kontrolle der historischen Narrative liefen in Japans Elite bereits kurz nach dem unrühmlichen, unschicklichen und zunehmend als schmachvoll empfundenen Kriegsende auf Hochtouren, mal öffentlich, mal hinter den Kulissen regierungsamtlicher Kreise. Doch obgleich eine wachsende Zahl fundamental konservativer Politiker, d. h. überwiegend – aber nicht nur – Mitglieder der regierenden LDP, die japanische Nachkriegsverfassung von 1948 als nicht mehr zeitgemäß kritisiert und in ihrem Verbot der militärischen Offensivbewaffnung vor dem Hintergrund schwelender Konflikte mit Nordkorea (und dessen gegen Japan unverhohlen artikulierte Vernichtungspläne) sowie mit China (und dessen aggressiv vorangetriebene Befestigungsanlagen im Südchinesischen Meer) eine enorme, unzulässige Einschränkung der japanischen Souveränität sieht, sind und bleiben diesbezügliche Restaurationsideen der Abe-Regierung beim Gros der japanischen Bevölkerung nach wie vor unpopulär und werden in Umfragen regelmäßig abgelehnt – auch und besonders von jüngeren Bürgern.

Identitätssuche

Dennoch bleiben Widersprüche unübersehbar. Dem von der gegenwärtigen japanischen Regierung vehement vorgetragenen Anspruch auf eine emanzipatorische außen- und militärpolitische, möglicherweise gar nukleare Selbstbestimmung und einer die eigene Selbstbehauptung betonenden Rhetorik stehen vollmundige politische Verlautbarungen, aber auch gefühlte Schwäche- und Abhängigkeitskomplexe entgegen. Fremdkulturelle Einflüsse haben bislang, trotz Globalisierung und weltweiter wirtschaftlicher Verflechtung, für die Mehrzahl der insular lebenden Bevölkerung von jeher wenig bis kaum eine Rolle bei der Definition und Selbstbestimmung des Japanischen gespielt. Schablonenhaft angepasste Normlebensläufe sorgen für eine Art Immunisierung gegenüber allem anderen, solange man dieses Japanisieren und damit den eigenen Ort der Sicherheit und Kommunikationsstrukturen nicht verlassen muss und gegen mögliche Bedrohungen schützen kann (die zuweilen absurde Sprachblüten treibende Japanisierung englischer Lehnworte bietet hier genügend Anhörungsmaterial).

Ultra-Nationalismus, politischer Revisionismus und eine nach wie vor nicht aufgearbeitete Vergangenheit werden Japan stets aufs Neue vorgeworfen, widersprechen doch gerade diese Charakteristika einem „modernen“ Industriestaat mit einem Wertesystem, das dem unsrigen zumindest vermeintlich nahesteht. Doch völlig anders, als es unsere Assoziationen nahelegen, setzt Japan sich sehr wohl und unablässig mit seiner Vergangenheit auseinander (wenn auch nicht nach unseren Maßstäben), arbeitet diese nach nationalem Gutdünken auf und versucht, das kollektive einheimische Gedächtnis mit uns fremd und gelegentlich krude anmutenden Neuinterpretationen der eigenen Geschichte als Wunschbild aufzufrischen. Das japanische Oszillieren zwischen historischer Rückwärtsgewandtheit und industriellem Fortschritt spiegelt die Zerrissenheit im nationalen Selbstverständnis eines Landes wider, das langsam von der Obrigkeit her beginnt, die zeitgenössische politische Verfasstheit infrage zu stellen.

Was wäre, wenn?

Akihito hat bereits vieles anders gemacht als seine den Göttern gleichgesetzten Vorgänger. Er war der erste, der eine „Bürgerliche“ heiratete, die er beim Tennisspielen kennengelernt hatte – ganz wie ein „normaler“ Mann auf Partnersuche.Noch heute wirkt das Kaiserpaar einander sehr zugeneigt und herzlich. Beide versteckten sich nicht vor ihrem Volk im Palast. Nach Katastrophen (Tōhoku-Erdbeben 2011, Kōbe-Erdbeben 1995) waren der Tennō und seine Gattin für die Bürger da und spendeten Trost. Das Paar empfing Staatsgäste, weihte symbolträchtige Bauwerke ein und verlieh Orden sowie Trophäen im Sport. Einmal im Jahr wohnt Akihito einem Turnier der Sumōringer in der Halle des Nationalsportes bei und zollt seinerseits den von ihm offen und öffentlich bewunderten Athleten seinen Respekt.

Eigentlich ist der Tennō „nur“ ein Symbol, doch welche Rolle darf er im modernen Japan einnehmen? Die Monarchie Japans hätte mit dem Kriegsende abgeschafft werden sollen, gemeinsam mit allem, was als den Nationalstolz prägend bezeichnet werden konnte. Aber: Es war nicht allein General MacArthur, der das Schicksal von Kaiserhaus, Kampfsport, Riten, ja der japanischen Lebensart überhaupt diesbezüglich lenken und bewahren wollte. Joseph Clark Grew, vor dem Krieg amerikanischer Botschafter in Japan, war eine der lautesten Stimmen, die den Erhalt des Kaisertums forderten. Er hatte Hirohito mehrfach getroffen und stellte ihn als angenehme, intelligente Person dar. Auch ihm war klar, dass nur der Tennō den Krieg endgültig beenden konnte, hätten sich doch ohne sein letztes Wort gewiss nicht alle Soldaten und Partisanen unterworfen. Man kämpfte, man lebte, man machte weiter – für den Tennō. Aufstände wurden erwartet, hätte man das Kaiserhaus abgeschafft oder, noch schlimmer, den Tennō als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet – so paradox und „unfair“ dies westlichen Zeitgenossen und Beobachtern auch erscheinen mag. Der Tennō stand und steht für die Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie Japans; als Symbol an der Spitze dessen, was Nation bedeutet.

Einen besonderen Platz in den Herzen der Bewohner Nippons hat das gegenwärtige „Staatsoberhaupt“, das als gütiger, bescheidener und vor allem volksnaher Gentleman angesehen wird. Ohne diese beliebte Persönlichkeit hätte es vermutlich immer wieder Bestrebungen einer Abschaffung des Kaiserhauses gegeben. Im heutigen Japan ist dies mitnichten der Fall, denn dieser Tennō stellt eine der wenigen respektierten Konstanten im Leben der Japaner dar. Für viele ist er eine Art Vaterfigur.

Den Japanern ist es wichtig, dieses Thema ausweichend und mit besonderer Vorsicht anzusprechen. Was wäre, wenn der Tennō offen seine Meinung zu politischen Fragen äußern dürfte? Man will dies nicht, denn er ist kein Politiker – so die vielvertretene Meinung. Was aber, wenn er nach seinem Rücktritt aus der monarchischen Position tatsächlich frei und offen reden dürfte? Könnte er wie jeder, der eine eigene Meinung hat, diese auch ungezwungen und freimütig äußern? Würde das Volk dem als Persönlichkeit und nicht nur als Symbol verehrten Potentaten Gehör schenken? Zu erwarten ist eine konkrete, kritische und öffentliche Meinungsäußerung Akihitos wohl nicht, wohl aber eine bilanzierende Rede zu seiner Abdankung, in der er Pazifismus und Offenheit anmahnen dürfte.

Obschon Akihitos Regentschaft unter dem Motto „überall Frieden“ ihrem weltweiten Anspruch nicht gerecht werden konnte, hat dessen Bedeutung doch die pazifistische Grundstimmung Nippons untermauert. Zur neuen Regierungsdevise kursieren unzählige Gerüchte, ist ihre Bedeutung doch auch ein ungemein wichtiges Symbol für Nachbarstaaten, vielleicht sogar wegweisend für die Zukunft. Verkündet wird diese aber erst mit der Übernahme des Chrysanthementhrons durch Kronprinz Naruhito.

Vom absoluten zum Volkskaiser

Dass ausgerechnet der früher wortwörtlich vergötterte Tennō als heutiges Symbol für genealogische Kontinuität, Einheit des Staates und Exzeptionalismus des Volkes nun eine nicht allein irdische, sondern menschlich-biologische Veränderung evoziert und sich mit der Unausweichlichkeit von Alter, Krankheit und Tod allen Untertanen gleichgestellt hat, bedeutet für die zukünftige nationale Kultur Japans eine wichtige Metamorphose. Der säkularisierte Kaiser reflektiert auch das regierungsamtliche Bemühen um ein modernes Japanbild in der eigenen und nachbarschaftlichen Sphäre. Dabei werden privat orientierte Herrscherfamilie und offizieller Staatsraum zunehmend voneinander getrennt. Gleichzeitig wird bei anderen Ländern, früheren Kriegsgegnern und ehemaligen Kolonien (VR China, Taiwan, Korea) für ein „Japan mit menschlichem Gesicht“ und um Vertrauen und Anerkennung geworben. Erste wohlwollende Reaktionen beispielsweise aus China auf die Abdankungsnachricht vom 1. Dezember 2017 bestätigen diese Veränderung. Der alltägliche Nationalismus Japans wird nicht durch den Kaiser, sondern durch die Bürgerwelt „von unten“ geprägt. Der Rücktrittswunsch Akihitos hat ihn ein Stück weit in die nichtsymbolische entpolitisierte Alltagsszenerie eingebettet. Und ihn nun tatsächlich vermenschlicht.

Zwischen der einst ungläubig zur Kenntnis genommenen Radioansprache Hirohitos, der 1945 als „Gottkaiser“ zu seinem Volk sprach, und der parlamentarisch gewährten Rücktrittsbitte seines Sohnes 2017 liegen 72 Jahre. Mit dem damaligen Ende des elitären militaristischen Nationalismus begann die Phase der kulturellen Selbstbehauptung Japans im Ökonomischen und Unpolitischen. Heute ergibt sich ein drittes Japanbild: Nippons Gesellschaft ist weder nach außen gerichtet exklusiv oder einzigartig, weder intern homogen und rein harmonisch noch konfliktfrei, sondern diversifiziert und spannungsgeladen sowie – wenn auch in markant von Bekanntem abweichendem, verschwindend geringem Prozentverhältnis – wortwörtlich multiethnisch.

Akihitos Vermächtnis

Auch das moderne Kaisertum bedeutet im Verständnis der meisten Japaner keine Gründung einer neuen, sondern die Fortsetzung einer schon lange bestehenden patrilinearen Staatsfamilie. Die tiefen emotionalen Faktoren, die dabei bis heute eine prägende Rolle spielen, beruhen auf dem shintōistischen Ahnenkult. Hier setzt sich etwas fort, das durch die symbolische Verbindung von Kaiser und Volk vor unvordenklichen Zeiten mit dem Urkaiser begann und als Einbettung in das traditionelle, identitätsstiftende Sicherheitsgefühl erlebt und weitergeführt werden muss.

Akihitos veröffentlichte Gebrechlichkeit und sein Eingeständnis zukünftiger Arbeitsunfähigkeit sowie eine daraus abzuleitende Entschlossenheit, staatstragende Debatten um seine Rolle als funktionierende Person auszuhalten und zu akzeptieren anstatt ihnen aus dem Wege zu gehen, könnten den japanischen Kaiser, fernab weiterer Motivforschung, zu einem neuen Symbol gelungener Normalität machen: einer Normalität, die Japans internationalem Image keinen Schaden zufügte und in dessen Mittelpunkt die gelebte Authentizität ihres exponiertesten Repräsentanten stünde – getreu der Maxime: Verlasse die Dinge, ehe sie dich verlassen!


Thomas Awe ist Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Japan und des Regionalprogramms Soziale Ordnungspolitik in Asien (SOPAS).

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