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"Das Klima ist hochgradig aufgeheizt"

Michael Mertes im Interview mit Deutschlandradio Kultur

Der gegenwärtige Krieg, dessen Ende nicht wirklich abzusehen ist, lässt immer mehr Israelis daran denken, sich eine Existenz in Europa oder den USA aufzubauen. Und Palästinenser aus Gaza würden, wenn sie könnten, den Streifen Land sicher auch ohne zu zögern verlassen. Menschen auf beiden Seiten der kriegführenden Regierungen müssen unendlich müde sein, immer wieder ihre Loyalität beweisen zu müssen. Michael Mertes hat drei Jahre lang das Auslandsbüro Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem geleitet. Vor einer Woche ist er nach Deutschland zurückgekehrt.

Deutschlandradio Kultur: Nur sehr wenige israelische Autoren äußern sich in diesen Wochen öffentlich. Etgar Keret tut dies, seine Frau Shira Geffen auch, Nir Baram und Fania Oz-Salzberger. Sie tun das uneingeschränkt, andere halten sich doch zurück. Herrscht eher ein Klima der Einschüchterung in Israel?

Michael Mertes: Ein „Klima der Einschüchterung“ würde ich das nicht nennen, aber es herrscht ein hochgradig polarisiertes Klima. In Israel ist es ohnehin so – das ist mir in den vergangenen drei Jahren aufgefallen –, dass man sehr hart, mit sehr harten Bandagen miteinander diskutiert; das kennen wir aus Deutschland so nicht. Aber in den vergangenen Wochen hat es dann noch einmal eine Steigerung gegeben – vor allem in der Richtung, dass diejenigen, die Empathie für die andere Seite geäußert haben, sehr schnell als „Verräter“ der eigenen Sache, des eigenen Volkes dargestellt wurden. Das gilt übrigens nicht nur für die jüdisch-israelische Seite, sondern genauso für die palästinensische.

Deutschlandradio Kultur: Fania Oz-Salzberger – sie ist Historikerin in Haifa – hat zuletzt mit ihrem Vater Amos Oz das Buch „Juden und Worte“ veröffentlicht. Sie klagt über die Flut von Hass-Mails, die sie bekommt – als Atheistin, als linke Zionistin –, und zwar von linken wie rechten Israelis. Wie kann man sich denn diese Maßlosigkeit der Mail-Attacken erklären?

Mertes: Ich glaube, dass in Israel im Augenblick ein Diskurs darüber fehlt, was sozusagen die zivilisatorischen Standards einer rationalen Debatte sind. Das Klima ist hochgradig aufgeheizt – ich habe von „Polarisierung“ gesprochen. Die Polarisierung hat auch etwas damit zu tun, dass Israel eine sehr fragmentierte Gesellschaft ist. Sie leben sozusagen im eigenen Paralleluniversum, isoliert von den anderen, und wenn diese Paralleluniversen aufeinander treffen, dann gibt es eben diese sehr, sehr konflikthafte Auseinandersetzung, wie wir sie hier erlebt haben.

Der Hass ist ein Riesenproblem, aber auch da muss ich wieder sagen: Das ist eine Sache, die ich auch auf der palästinensischen Seite beobachtet habe. Das heißt: Der andere wird nicht mehr in seinem Menschsein wahrgenommen, sondern nur noch als Teil eines feindlichen Kollektivs. Im israelisch-palästinensischen Dialog gibt es dafür inzwischen einen Begriff, der das sehr gut zum Ausdruck bringt, den Begriff der „Dehumanisierung“: Man ist nicht mehr in der Lage, den anderen in seinem individuellen Menschsein zu sehen, sondern es werden nur noch zwei Kollektive gesehen, und wer ein Wort der Empathie äußert für die Angehörigen des anderen Kollektivs, der ist schon fast so etwas wie ein Verräter.

Deutschlandradio Kultur: Das ist sicherlich eine große Hürde, die Israelis und Palästinenser trennt, wenn man sich de-humanisieren lässt und die Empathiefähigkeit verliert. Aber es gibt ja auch politische Gegebenheiten. Die Hamas fordert die Ermordung von Juden durch Muslime. Muss da nicht angesetzt werden, müssen Palästinenser in den Gebieten der Hamas nicht komplett abschwören?

Mertes: Sie haben Fania Oz-Salzberger erwähnt. Es gibt viele andere Autoren, die man erwähnen könnte: Amos Oz, David Grossman, Gail Hareven – Autoren, die Fehlentwicklungen in der eigenen Gesellschaft scharf kritisieren. Ich vermisse auf der palästinensischen Seite einen Amos Oz, eine Fania Oz-Salzberger – Autoren, die ihren eigenen Leuten sagen: „So können wir nicht weitermachen! Es geht einfach nicht, dass in der Hamas-Charta verlangt wird, dass Israel von der Landkarte getilgt wird, und außerdem, dass alle Juden ermordet werden!“ Das ist die offizielle Politik der Hamas, und ich finde, da müsste von palästinensischer Seite – auch von den palästinensischen Christen – ein sehr, sehr deutliches Wort kommen, dass das absolut inakzeptabel ist.

Deutschlandradio Kultur: Die Mutter eines der drei ermordeten frommen Jugendlichen hat den Eltern des getöteten muslimischen Jungen kondoliert und die Racheakte von Bürgerwehren verurteilt. Auf solche Gesten kommt es ja an in so feindseligen Zeiten wie den jetzigen. Wie wird denn so etwas von den Siedlern, den Frommen in Israel aufgenommen?

Mertes: Ich denke, dass sie jetzt im Fall der Mutter Fraenkel geschwiegen haben, weil sie das Leid dieser Frau gesehen haben. Aber es hat andere Fälle gegeben von Personen, die auf Facebook oder in der Öffentlichkeit Empathie, Verständnis, Sympathie geäußert haben und aufs Schärfste angefeindet wurden.

Ich glaube, es gibt eine Entwicklung, die man hier sehen muss, eine Veränderung der politischen Kultur: Die Gründergeneration Israels bestand vor allem aus säkularen Zionisten mit einem sozialdemokratischen Programm. Dieser ursprüngliche Zionismus ist, wenn man so will, gehijackt worden durch zunehmend nationalreligiöse Nationalisten, die sich die Besiedlung von Judäa und Samaria, wie sie es nennen, also der Westbank, als neues zionistisches Projekt vorgenommen haben. Das ist ein ganz tiefer ideologischer Graben, der durch Israel hindurchgeht, und ich habe beobachtet, dass die zur Linken und zur Mitte gehörenden Zionisten, zu denen ja auch Fania Oz-Salzberger gehört, in dieser Situation relativ wenig Gehör finden.

Das hat etwas damit zu tun, dass auf der rechtsextremen Seite die Leute einfach lauter brüllen. Es hat aber sicher auch etwas damit zu tun, dass die Linke es nicht geschafft hat, den „normalen“ Israelis, wenn diese Bezeichnung erlaubt ist, deutlich zu machen, dass sie für die Zwei-Staaten-Lösung ein Konzept hat, das Israel Sicherheit und Frieden garantiert. Ich glaube, das ist ein Defizit auf der linken Seite des politischen Spektrums. Ich selber habe viele Freunde in Israel, die links stehen und sehr intensiv daran arbeiten, ein Konzept für die Zwei-Staaten-Lösung zu entwickeln, das genau dem legitimen Sicherheitsbedürfnis der Israelis gerecht wird.

Deutschlandradio Kultur: Vor etwa drei Wochen hat der Schriftsteller und Drehbuchautor Sayed Kashua Israel mit seiner Familie verlassen. Er war als arabischer Israeli, der Hebräisch schrieb – und das sehr witzig –, in den letzten Jahren ja so etwas wie der Liebling der Haaretz-Leser und auch der Fernsehzuschauer, die seine Serie „Arabische Arbeit“ mochten. Kashua hat jeden Glauben an Koexistenz verloren, als er gesehen hat, dass jüdische Jugendliche durch die Straßen zogen und „Tod den Arabern!“ riefen. Was riskiert denn das Land, wenn solche Mittlerpersönlichkeiten weggehen?

Mertes: Ich glaube, das ist ein großer Verlust. Das ist für Israel eine ganz schlimme Geschichte, weil es hier ja auch um das Verhältnis der jüdischen Mehrheit – 75% – zur arabischen Minderheit – 20% – geht. Ich habe in den vergangenen Jahren beobachtet – und das ist nicht nur meine Beobachtung, sondern das sagen mir auch Fachleute –, dass es einen Prozess zunehmender Entfremdung zwischen israelischen Arabern und israelischen Juden gegeben hat. Das ist eine sehr ungute Entwicklung, weil sie dieses Land weiter spaltet.

Ich denke, dass ein linker oder in der Mitte stehender Zionismus das aufnehmen sollte, was die Gründergeneration vor Augen hatte, nämlich ein Konzept des Zusammenlebens auf Augenhöhe mit der arabischen Minderheit in einem jüdischen und demokratischen Staat. Sayed Kashua hat dafür auf arabischer Seite gestanden. Er ist dafür auch angefeindet worden von seinen eigenen Brüdern und Schwestern, wenn ich das so formulieren darf, und ich halte seinen Wegzug für einen ganz, ganz großen Verlust für beide Seiten.

Mit freundlicher Unterstützung von Deutschlandradio Kultur

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Israel Israel