Tekstovi o događajima

„Höchste Zeit“

von Michael Braun

Literatur auf der Frankfurter Buchmesse 2011

Als ihn Marcel Reich-Ranicki einmal bedrängte, es sei doch „höchste Zeit“, endlich wieder neue Gedichte zu liefern, antwortete Reiner Kunze mit einem Vers: „Höchste zeit kommt von innen“ („zeit“ kleingeschrieben!). Bücher wachsen bekanntlich nicht auf Bäumen. Sie entstehen in mühevoller Kleinarbeit, oft über Jahre hinweg.

Deshalb sollten wir nicht untröstlich darüber sein, dass die Vorstellung der Neuerscheinungen der bislang immerhin 19 Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung im Buchmessenherbst 2011 diesmal äußerst mager ausfällt. Nur ein wirklich aktueller Roman eines KAS-Preisträgers – auf die anderen Werke in statu nascendi werden wir uns dann im kommenden Jahr freuen können.

Das hier anzuzeigende Buch heißt „Schmidts Einsicht“ und stammt von dem 1933 in Polen geborenen Louis Begley (Literaturpreis der KAS 2000). Begley arbeitete lange Zeit als erfolgreicher Anwalt für internationales Recht in New York, bis er mit dem Roman „Wartime lies“ (1991, deutsch 1993) debütierte, einem autobiographischen Buch über die Erfahrungen eines Holocaust-Überlebenden in Polen. „Schmidts Einsicht“ geht auf Begleys Anwaltsjahre zurück. Der Held ist jener trotz aller Schwerenot grundsympathische pensionierte Jurist, den wir schon aus den Vorgängerromanen „Schmidt“ (1996/1997) und „Schmidts Bewährung“ (1998/2000), verfilmt mit Jack Nicholson in der Titelrolle (2002), kennen. Begley lässt Schmidt nun als Direktor einer Stiftung reüssieren, er darf abermals die Welt bereisen, ein Enkelkind kündigt sich an, die Frauen liegen ihm zu Füßen. Einerseits.

Andererseits hat ihn seine deutlich jüngere Freundin Carrie wegen eines Jüngeren verlassen. Schmidts Tochter Charlotte igelt sich in einer Welt aus Teilnahmslosigkeit und Ressentiments ein. Einziger Lichtblick: Alice, eine früher bewunderte Frau, taucht auf und lässt auf einen Schlag die gemeinsame Vergangenheit wieder auferstehen, was die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft verkompliziert.

Und die anderen Literaturpreisträger der KAS? Sie machen das, was wir von einem Schriftsteller erwarten: sie schreiben. Ob wir im kommenden Jahr die langerwartete Fortsetzung von Uwe Tellkamps DDR-Endzeitroman „Der Turm“ (2008) lesen können oder einen serbischen Reisebericht von Burkhard Spinnen oder neue Novellen von Hartmut Lange oder aktuelle Gedichte von Sarah Kirsch und Wulf Kirsten, das wissen wir noch nicht.

Wir wissen aber, dass Petra Morsbach mit einem Auszug aus ihrem für 2012 angekündigten Roman „Dichterliebe“ das Sylter Insel-Stipendium 2012 gewonnen hat. Der Roman kreist um einen 60jährigen DDR-Lyriker, der seit dem Mauerfall im Westen lebt und Mitte der 1990er Jahre in seine sächsische Heimat zurückkehrt.

Und ein persönlicher Lesetipp: Sibylle Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ (Suhrkamp Verlag; nominiert auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011). Die 1954 geborene Autorin hat einen vagabundierenden Geist der Philosophie zu ihrem Romanhelden gemacht: Hans Blumenberg (1920-1996), der neben seinen Hauptwerken über „Weltzeit und Lebenszeit“ und die „Arbeit des Mythos“ auch eine faszinierende Sammlung kurzer Löwen-Essays hinterlassen hat (2001 erschienen). Lewitscharoffs „Blumenberg“ übernimmt die Tugend des Philosophen – der das Denken zu erzählen weiß – auf kongeniale Weise.

Ergebnis: eine poetische Hommage an den Denker und eine „moderne Heiligenvita“. Denn der Löwe, der mitten in der Nacht gelb und gelassen auf dem Teppich in Blumenbergs Arbeitszimmer in Münster thront, ist kein phänomenologischer Spuk, kein Studentenulk, sondern eine beständige Denkherausforderung und ein wahres Wunder. So kann den Löwen, der den Philosophen in die Vorlesung und sogar im Auto begleitet, nur eine alte Nonne sehen. Die anderen sind unfähig, das über ihre Vorstellungskraft Gehende wahrzunehmen. Es sind, wie Blumenberg sagt, tröstungsbedürftige, aber trostlose Menschen. Der „katholisch getaufte“ Agnostiker, der den Glauben verloren hat, aber nicht „die Liebe zur Kirche“, übersteht fast alle Krisen, bis zum überraschenden, metaphysischen Ende. Der Philosoph und sein Wappentier, der Löwe: Ein famoser Grundeinfall, eine lehrreiche und zugleich auf hohem Niveau unterhaltende Lektüre.

P.S.

Reiner Kunzes Gedicht „Höchste zeit kommt von innen“ lautet so:

Höchste zeit ist, wenn die kerne

schön schwarz sind

und das weiß zuerst

der baum

 

Die Bücher:

 

 

 

 

 

  • Louis Begley: Schmidts Einsicht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. – Suhrkamp Verlag.
  • Arno Geiger: Alles über Sally. Roman – dtv, 2011.
  • Thomas Hürlimann: Der Mittagsteufel. Die Geworfenheit spricht zu den Entwürfen. Rede an die Abiturienten. – Gollenstein Verlag, 2011.
  • Petra Morsbach: Glück. (Auszug aus dem Roman „Dichterliebe“). Online: www.kunstraum-syltquelle.de (Abfrage am 30.9.11).
  • Sibylle Lewitscharoff liest am 21.10.2011 (20:00 Uhr) in der Berliner Akademie der KAS im Rahmen der europäischen Germanistenkonferenz „Deutsche Sprache und Literatur in Europa“ und am 17. Januar 2012 in der Universität Bonn im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung mit dem Rektor, Prof. Dr. Jürgen Fohrmann.

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

Über diese Reihe

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