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„Wie lange möchten Sie leben, Herr Mißfelder?“

von Ansgar Lange

IX. Literarisches Symposium der KAS diskutiert das „Reformprojekt Generation“

Der demographische Wandel ist schon seit rund 30 Jahren abzusehen. Doch damals waren kluge Köpfe wie Meinhard Miegel noch einsame Rufer in der Wüste. Dies hat sich geändert. Frank Schirrmachers Buch über das „Methusalem-Komplott“ wurde zu einem Bestseller. Die Wirtschaftspresse schreibt über die Renaissance der Silberschläfen und warnt, dass sich eine weitere Ausgrenzung der über 50-jährigen aus dem Erwerbsleben rächen wird. Doch seltsamer Weise spielte das Thema Alterung der Gesellschaft im vergangenen Bundestagswahlkampf keine große Rolle. Beim IX. Literarischen Symposium in der Berliner Akademie der KAS fanden sich am 25. November Literaten, Sozialwissenschaftler, Politiker, Journalisten und Altersforscher ein, um eine Zustandsbeschreibung und Lösungsvorschläge zu liefern.

Von der „Generation Golf“ des jungen Journalisten Florian Illies redet kaum noch jemand. Solche selbstverliebten feuilletonistischen Texte von Literaten, die den Anschein erwecken, sie wollten nicht älter werden, passen nicht mehr in die Zeit. Der Historiker Paul Nolte ist der Fürsprecher der „Generation Reform“. In einem sehr leidenschaftlichen Vortrag lieferte er ein Porträt dieser Gruppe. Es handele sich um eine neue skeptische Generation, die pragmatisch denke und auf alles Utopische verzichte, und auch um eine verängstigte Generation, die desorientiert wirke. Für diejenigen, die Ende oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, ging es immer nur bergauf. Die Deutschen verdienten immer mehr, sie konnten längere und teurere Fernreisen machen, die Arbeitszeit wurde verkürzt, und es gab immer etwas zu verteilen. Nolte bezeichnete diese Bundesdeutschen als die „goldene Generation“.

Nachdem vor allem die 68er-Generation oft sehr selbstbezogen und nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ agierte, gelten die alten Gesetzmäßigkeiten nicht mehr. Heute sind die Kinder häufig nicht mehr so wohlhabend wie die Eltern. Sie werden keine bessere Karriere machen, keine größeren Autos fahren und sich vielleicht auch kein Eigenheim mehr leisten können. Vielen der 20, 30 oder 40 Jahre alten Deutschen ist die Fähigkeit abhanden gekommen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Es mangelt an einer „Könnensgesellschaft“. Doch Nolte trat nicht als raunender Kulturpessimist auf, sondern wollte auch Mut machen. Angesichts der grassierenden Kinderlosigkeit von Akademikern sagte der Historiker: „Warum lese ich denn so viele Bücher, wenn ich diesen Schatz der Bildung nicht an meine eigenen Kinder weitergeben kann?“

Ein positiver Blick auf das Alter bietet sich auch an, wenn man sich die ungeheure Schaffenskraft vor Augen führt, die einige noch im Greisenalter unter Beweis stellen. Günther Rüther, Leiter der Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung, erinnerte daran, dass Konrad Adenauer erst mit 73 Jahren zum Bundeskanzler gewählt wurde. Zu seinem 90. Geburtstag wünschte ihm ein Gratulant, er möge 100 Jahre alt werden. Der „Alte aus Rhöndorf“ soll darauf geantwortet haben: „Warum wollen Sie der Barmherzigkeit Gottes so enge Grenzen setzen?“ Auch Künstler waren im hohen Alter noch produktiv. Tizian wurde 99 Jahre alt, Michelangelo 89, Thomas Mann, Hermann Hesse und André Gide wurde über 80.

Das Alter spielt auch eine große Rolle in der Literatur, betonte Michael Braun, Leiter des Referats Literatur der KAS. Er hatte den Germanisten Oliver Jahraus, die Literaturwissenschaftlerin Birgit Lermen und die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer gewonnen, um dem Thema literarische Facetten abzugewinnen. Jahraus, der an der Universität München lehrt, sprach über Goethes Werther, Brechts unwürdige Greisin, „Animal triste“ von Monika Maron, Manns „Tod in Venedig“ und Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Insbesondere in Hemingways Spätwerk kommt auch die Würde des Alters zum Tragen. Die enge Beziehung des alten Fischers zu dem Jungen bleibt bestehen, auch wenn der alte Mann seinen Fischzug als Verlierer beendet. Jahraus wandte sich denn auch gegen eine rein ökonomische Betrachtung des demographischen Wandels. Eine Gesellschaft, die auf die Erfahrung der Alten bewusst verzichtet oder diese sogar aus der Gesellschaft ausschließt oder austilgt, wäre inhuman.

Dass sich der Verzicht auf die Erfahrung und das Wissen älterer Menschen langfristig rächen wird, weiß auch Udo Nadolski, Geschäftsführer des Beratungshauses Harvey Nash. Er hält die Verbannung der Älteren aus dem Arbeitsprozess nicht nur für einen gesellschaftlichen Skandal mit verheerenden psychologischen Folgen, sondern findet es auch wirtschaftspolitisch verhängnisvoll, wenn über 50-jährige einfach zum "alten Eisen" abgestempelt werden. Nadolski schätzt an älteren Arbeitnehmern insbesondere ihre Erfahrungen, Kenntnisse und die Verbundenheit mit einem Unternehmen. Die so genannte New Economy sei auch deshalb in sich zusammengebrochen, da damals das Erfahrungswissen der Älteren nicht gefragt gewesen sei. Daher denke die Wirtschaft mittlerweile um und setze auf gemischte Belegschaften. Im internationalen Vergleich habe Deutschland aber noch großen Nachholbedarf, so Nadolski mit Hinweis auf die jüngste OECD-Studie.

Birgit Lermen, Vorsitzende der Jury zur Vergabe des Literaturpreises der KAS, führte nach Jahraus’ Vortrag informativ in das Werk der Georg-Büchner-Preisträgerin 2005 ein. Brigitte Kronauer las anschließend aus „Die Frau in den Kissen“ und „Wirre Witwen, wissende Witwer“. Eine Gruppe Witwen trifft sich dort regelmäßig, spaziert durch Landschaften aus aller Welt. Gemeinsam marschieren sie von Alaska nach China, von den Karpaten in die Pyrenäen. Dabei machen sie unterschiedlichste Beobachtungen, legen sich mit dem Personal an und fühlen sich wie "Witwen außer Rand und Band".

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war sicherlich die Podiumsdiskussion, die vom Fernsehsender Phoenix live übertragen wurde. Von dem ZDF-Journalisten Wolfgang Herles moderiert, diskutierten auf dem Podium Elisabeth Niejahr von der Wochenzeitung „Die Zeit“, Brigitte Kronauer, der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder, Meinhard Miegel sowie Paul Baltes, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Miegel hielt der Politik vor, sie werde von der Wirklichkeit vorangeschoben. Sie sei nicht Subjekt, sondern Objekt. Die heutigen Systeme der sozialen Sicherung seien für Gesellschaften geeignet, wie es sie vor 50 oder 100 Jahren gegeben habe. Notwendig seien harte Zäsuren und klare Reformschritte.

Mit Geld allein sei nicht alles getan, betonte der Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn. Zahlen belegen dies: So geben die Deutschen oder die Amerikaner viel mehr Geld für ihr Gesundheitssystem aus als die Japaner, die im Schnitt aber wesentlich gesünder und länger leben. Miegel wies auf den Zusammenhang von Bildung und Krankheit hin und mahnte eindringlich, dass insbesondere den bildungsfernen Schichten eine gesündere Lebensführung nahe gebracht werden müsse, wenn die Kosten für die Gesundheit nicht ins Unermessliche steigen sollen. „Wir können uns alles leisten, wenn wir nur etwas vernünftiger agieren“, so Miegel.

Die Journalistin Elisabeth Niejahr lenkte die Aufmerksamkeit auch auf das Gesundheitssystem, über das ja zurzeit wieder viel gesprochen wird. Wichtig sei mehr Transparenz. Der Laie könne nicht durchschauen, welche Kosten zum Beispiel durch alte Menschen entstehen. Außerdem dürfe nicht nur über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern es müsse auch über die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gesprochen werden, so Niejahr. Die Vereinigten Staaten seien weiter, da dort Pflegedienste bereits offiziell anerkannt würden.

Breiten Raum nahm die Debatte über das so genannte vierte Alter ein. Viele der heute 65 bis 80-jährigen sind mobil, dynamisch und gesund. Sie verfügen über eine gute Altersversorgung und können am gesellschaftlichen Leben teil nehmen. „Das Problem wird das hohe Alter werden. Der Lebensabschnitt der über 90-jährigen Menschen wird nicht zur Belle Epoque werden“, mahnte der Altersforscher Baltes. Der Lebensrahmen müsse nicht immer weiter herausgeschoben werden. Ältere seien bereit, Abstriche für Jüngere zu machen. Meinhard Miegel warf ein, dass der Verzicht auf sechs Monate Leben die Kosten für die Krankenkassen halbieren würde. Doch wer bestimmt, wann Schluss sein soll?

Baltes plädierte gegen vermeintlichen Werteabsolutismus und sprach sich für ein Optionsmodell aus. Jeder solle entscheiden können, wann das eigene Leben beendet werde solle. „Wie lange wollen Sie denn leben?“, lautete seine Suggestivfrage an den jungen CDU-Politiker Mißfelder, der eine Gegenposition bezog. Der gesellschaftliche Druck würde das Optionsmodell zerstören. „Wenn erst der Rubikon überschritten ist, würde der Druck auf den Einzelnen zunehmen, dem eigenen Leben ein Ende zu machen“, warnte Mißfelder. Diese Tür solle erst gar nicht geöffnet werden, denn dann könnte die Gesellschaft entscheiden, welches Leben sie für lebenswert und welches für nicht lebenswert betrachtet.

Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer, dass sich die Jungen und Alten nicht gegeneinander ausspielen lassen dürfen. Das Projekt der „Generation Reform“ kann nicht nur von den Jungen geschultert werden. Allerdings müssen Politik und Gesellschaft in Zukunft mehr Sorge tragen, dass mehr Geld in Forschung und Bildung und damit in Zukunft investiert wird. Eine Gesellschaft, die nur in die Vergangenheit investiert und zusätzlich die Schulden der vorherigen Generation erbt, hat schlechte Überlebenschancen.

Ansprechpartner

Dr. Susanna Schmidt

Dr

Leiterin der Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur

susanna.schmidt@kas.de +49 30 26996 3244

Über diese Reihe

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