Veranstaltungsberichte

Zweite Sitzung der Vortragsreihe “Bildung für Entwicklung“

Über die Frage nach dem Wohnraum und die Prinzipien von Ärzte ohne Grenzen

Am 14. Oktober fand die zweite Sitzung der Vortragsreihe "Bildung für Entwicklung“ an der Universidad del Salvador (USAL) in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Argentinien statt. Dieses Mal waren Gabriel Nosetto (zivilgesellschaftliche Organisation "Madre Tierra“) und David Cantero Pérez ("Ärzte ohne Grenzen") eingeladen, um über Wohnungsnot und die Handlungsprinzipien von Ärzte ohne Grenzen zu referieren.

Bei der vorletzten Sitzung der Vortragsreihe “Bildung für Entwicklung” beschäftigen sich die Teilnehmer mit der Wohnungsnot im Großraum Buenos Aires und mit den Prinzipien humanitärer Hilfe von Ärzte ohne Grenzen. Zuerst führte der Architekt Gabriel Nosetto in den Themenkomplex „Lebensraum, Herausforderungen und Alternativen: Ein Eindruck aus dem Großraum Buenos Aires“ ein.

Lebensraum, Herausforderungen und Alternativen: Ein Eindruck aus dem Großraum Buenos Aires

Der Koordinator der Nichtregierungsorganisation Madre Tierra, Gabriel Nosetto, berichtete, dass sich Madre Tierra im Bistum Morón nach einer Überschwemmung vor dreißig Jahren gegründet hat. Die Prinzipien der Organisation stimmten mit christlichen Werten überein, nichtsdestotrotz sei die Madre Tierra eine von der Katholischen Kirche unabhängige Organisation. Ihr Einsatzgebiet ist der Osten des Großraums Buenos Aires. Ihr Ziel ist es, die Zivilgesellschaft zu stärken, den Zugang zu Wohnraum zu erleichtern und die politische Teilhabe zu verbessern. Nosetto erklärte, dass derzeit 30 Prozent quantitativer Wohnmangel herrschten, das heißt, es bestehe ein Bedarf an 1,7 Millionen Wohnungen, und 70 Prozent qualitativer Wohnmangel, was vier Millionen Wohnungen entspräche, die unzureichend ausgestattet oder schlecht an die Infrastruktur angebunden sind. Dafür stellte er zwei schlüssige Erklärungen vor: Erstens bestünde ein positiver Zusammenhang zwischen geringem Einkommen und prekären Lebensverhältnissen, der zwangsläufig in die Armutsfalle führe. . Zweitens seien die schlechte offizielle Wohnraumplanung, die hohen Lebenshaltungskosten, die Schwierigkeiten, Hypothekenkredite aufzunehmen und die hohen Grundstückspreise für den Wohnungsmangel verantwortlich. Nosetto kritisierte auch die Spekulation mit Immobilienpreisen und den Verlust des ländlichen Raumes. Außerdem stellte er fest, dass bei gleichzeitig wachsendem Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln, Wasserleitungen und Dienstleistungen eine abnehmende Wohnungsdichte zu beobachten sei.

Momentan gäbe es zwei Formen der Urbanisierung, erklärte Nosetto im Folgenden: Die Schaffung künstlicher Inseln in Flussregionen und die Erweiterung von Gebäuden innerhalb eines Grundstücks. Er betonte, dass die Spekulation mit Grundstückspreisen eine bessere Verteilung der Bevölkerung auf den Wohnraum verhindere und somit informelles Häuserbauen fördere. Der illegale Häuserbau sei aufgrund der fehlenden Infrastruktur deutlich teurer und schüre somit das Entstehen von Armut. Daher widme sich Madre Tierra dem Verbessern und Planen von neuen Wohnvierteln. Sofern sich die Bürger daran beteiligen, sorgten sie dafür, dass diese Viertel mit der notwendigen Infrastruktur (Strom, Abwasserkanäle, etc.) ausgestattet würden. Außerdem unterstützten sie bei gemeinsamen Umzügen. Im Jahr 2007 reichte Madre Tierra außerdem eine Petition zur Änderung des Wohnrechts ein. Die Behörden reformierten daraufhin das Gesetz und seit 2014 setzen es die Kommunen um. Nosetto lenkte jedoch ein, dass es den Bürgermeistern überlassen sei, das Recht walten zu lassen oder nicht. Allerdings hätte man zumindest erreicht, dass das Anrecht auf einen Wohnraum und den Zugang zur Stadt inzwischen rechtlich verankert seien. Abschließend bemerkte er, dass das Recht auf einen Zugang zur Stadt ein allgemeines Recht sei, was auch bedeutete, den öffentlichen Raum zu schützen.

Ärzte ohne Grenzen: Prinzipien humanitärer Hilfe

Im Anschluss präsentierte David Cantero Pérez die Handlungsprinzipien von Ärzte ohne Grenzen. Der gebürtige Spanier ist Leiter des Büros in Buenos Aires. Zu Beginn des Vortrags äußerte er seine Trauer und seine Wut über die Bombardierung des Krankenhauses seiner Organisation in Afghanistan vor einigen Wochen. Danach gab er einen kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Organisation: Ärzte ohne Grenzen gründete sich 1971 in Frankreich. 2011 feierte man das 40-jährige Jubiläum. Seit 2011 gibt es auch ein Büro in Buenos Aires von dem aus Cantero Pérez und sein Team Kampagnen organisieren, Fundraising betreiben, Personal auswählen und Hilfsprojekte in der Karibik und Zentralamerika verwalten. Er legte dar, dass sich Ärzte ohne Grenzen aus dem Bedürfnis, über das im Einsatz Erlebte berichten zu wollen, hervorging. Dies sei im Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, dem die Gründungsmitglieder angehört hatten, nicht möglich gewesen. Für Cantero Pérez verkörpert Ärzte ohne Grenzen „eine Art Ehebündnis zwischen einem Arzt und einer Journalistin“. Des Weiteren, fuhr er fort, erfanden Ärzte ohne Grenzen die Notfallkits für verschiedene Szenarien. Er betonte, dass das Ziel der Hilfsorganisation nicht die Veränderung der Gesellschaft sei, sondern das Lindern von Schmerzen sowie das Retten von Leben. Die notwendigen Werkzeuge seien Menschlichkeit, Unvoreingenommenheit, Neutralität und Unabhängigkeit. Er gab zu, dass es nicht immer einfach sei, unvoreingenommen zu bleiben, vor allem dann nicht, wenn man Kriminelle verarzte. Cantero Pérez hob hervor, dass es die Evaluierung von Ereignissen mit eigenen Erhebungen für Ärzte ohne Grenzen unverzichtbar sei, ebenso wie die freie Wahl der Projekte. Die Organisation greift ein, wenn es zu bewaffneten Konflikten kommt, wenn Epidemien oder Endemien ausbrechen, bei sexueller Gewalt, bei Naturkatastrophen sowie im bei Patienten die von ärztlicher Versorgung ausgeschlossen werden.

Cantero Pérez gestand ein, dass Äußerungen über soziale Ungleichheit in Konfliktgebieten zu einer Ausweisung der Organisation führen können. Die größte Herausforderung sei es, Zugang zu den Gebieten zu erhalten. Eine weitere Schwierigkeit stellt die Trennung der Ärzte von ihren Familien während des Einsatzes und auch die psychologische Betreuung der Organisationsmitglieder dar. Beispielsweise sei ein fünfköpfiges Ärzteteam fünf Monate lang in Somalia entführt worden. Aus diesem Grund entschied man sich damals, das Team nach dessen Befreiung zurückzuholen und das Projekt vor Ort aufzugeben. Zum Abschluss wies Cantero Pérez auf die Magna Carta von Ärzte ohne Grenzen hin, wo die Prinzipien der Organisation ausführlich dargestellt sind.

Carmen Leimann

EpD II - 3
EpD II - 4
EpD II - 6
EpD II - 1
EpD II - 7