Veranstaltungsberichte

Fehlende digitale Kompetenzen – eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

von Kai Zenner

Roundtable Lunch Discussion

Viele aktuelle Studien bemängeln die digitalen Kompetenzen deutscher Arbeitnehmer sowie den digitalen Auftritt von KMUs. In Anbetracht der weltweiten Digitalisierung drohe der deutschen Wirtschaft langfristig ein gravierender Wettbewerbsnachteil. Herr Professor Heger stellte zwei dieser Studien vor und diskutierte anschließend mit den anderen Referenten die Ergebnisse sowie die möglichen staatlichen Gegenmaßnahmen.
FEHLENDE DIGITALE KOMPETENZEN - EINE GEFAHR FÜR DEN WIRTSCHAFTSSTANDORT DEUTSCHLAND?

23. Juni 2015 | 12.30 - 14.30 Uhr | Europabüro Brüssel

Viele aktuelle Studien bemängeln die digitalen Kompetenzen deutscher Arbeitnehmer sowie den digitalen Auftritt von kleinen und mittleren Unternehmen. In Anbetracht der weltweiten Digitalisierung drohe der deutschen Wirtschaft daher langfristig ein gravierender Wettbewerbsnachteil. Herr Professor Heger (ESB Business School) stellte zwei dieser Studien vor und diskutierte anschließend mit unseren anderen Referenten die Ergebnisse sowie mögliche staatliche Gegenmaßnahmen. Im Anschluss an die Paneldiskussion wurde noch das "Weltweit wachsen" Projekt als Beispiel für private Digitalisierungsinitiativen präsentiert. Die Veranstaltung endete mit den Berichten von Verbands- und Unternehmensvertretern aus Deutschland.

Präsentation: Neben seiner eigenen Studie mit dem Titel 'Internationalisierung von B2B-Websites Baden-Württembergischer Unternehmen' präsentierte Professor Roland H. Heger auch die Ergebnisse der IW-Köln-Studie 'Export Digital – die Bedeutung des Internets für das deutsche Auslandsgeschäft'. Beide Studien kamen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis: Mängel bei den digitalen Kompetenzen im Internetauftritt bedrohen auf lange Sicht die deutsche Wirtschaft. 2012 wurden knapp 200 Mrd. Euro des deutschen Exports mithilfe des Internets erwirtschaftet. Zwar höre sich die Zahl hoch an, im internationalen Vergleich zeige sich aber, dass Informations- und Kommunikationstechnologien bislang in Deutschland stark unterschätzt werden. Deutsche Unternehmen seien auf den digitalen Märkten allgemein eher schlecht vertreten. Zwar hätten viele KMUs ihren Nachhohlbedarf erkannt, das fehlende Know-how bei den Mitarbeitern im Marketing und Vertrieb verhindere aber rasche Veränderungen. Da in den nächsten fünf Jahren die Bedeutung des Internets für das deutsche Exportgeschäft noch deutlich steigen werde, stände die Wirtschaft vor einer enormen Herausforderung. Umfragen bei KMUs hätten ergeben, dass viele Unternehmen bisher nur einen Angestellten für die Webkommunikation bereitgestellt würden, wobei diese Personen häufig auch noch andere Aufgaben hätten und sich daher kaum auf die Onlinekommunikation konzentrieren könnten. Ungefähr die Hälfte der befragten Unternehmer sah den Netzauftritt gar als nebensächlich an.

Panel-Diskussion: Der CDU-Abgeordnete des Europäischen Parlaments Sven Schulze kommentierte die Präsentation aus Sicht des EMPL-Ausschusses und auf Grundlage seiner eigenen Erfahrungen als Vertriebsleiter eines mittelständischen Maschinenbau-Unternehmens im Harz. Gerade im Mittelstand bestehe laut Herrn Schulze ein großer Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Sowohl das Internet als auch andere digitale Themen seien für viele Angestellte und Geschäftsführer äußerst schwer zu erfassen und die Bereitschaft zu großen Veränderungen sei – gerade bei den Älteren – häufig gering. Folglich würde es unter den deutschen KMUs viele 'Hidden Champions' geben, also Unternehmen die mangels digitaler Werbung und eines Internetauftritts außerhalb ihrer Region gänzlich unbekannt seien. Gerade in kleine Unternehmen müsse mehr investiert werden und diesen so bei der Digitalisierung geholfen werden. Bleibe dies aus, seien viele in der nahen Zukunft von der Insolvenz bedroht.

Für die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion und Mitglied des Deutschen Bundestages, Nadine Schön, war besonders die Frage der voranschreitenden Digitalisierung wichtig. Ob Unternehmen einen Internetaufritt hätten oder nicht, sei nur ein erster Schritt. Viel wichtiger sei es, dass Unternehmer und Arbeiternehmen über die notwendigen digitalen Fertigkeiten verfügen. Deutschland hinke im internationalen Vergleich im Bereich der digitalen Bildung an Schulen und Hochschulen meilenweit hinterher. Der Digitale Wandel könne nur mit einer top-down-Methode vollzogen werden. Politik und Wirtschaft müssten zunächst ihre Mentalität ändern, erst in einem nächsten Schritt könne man diesen Wandel realistischer Weise auch bei der Bevölkerung umsetzen. Entgegen der häufig hervorgebrachten Kritik stellte Schön fest, dass es bereits heute viel staatliche Unterstützung für Unternehmen gäbe. Europaweit könne man aber deutlich mehr für internationale Unternehmen tun. Als erfolgreiches Beispiel nannte sie unter anderem den 'Silicon Valley Accelerator' welcher deutschen Start-Ups ermöglicht nach Amerika zu gehen, um die dortige Atmosphäre zu erleben sowie sich das Know-how anzueignen und schließlich mit neuem Input zurück nach Europa zu gehen.

Markus Schulte, Kabinettsmitglied von Kommissar Oettinger, bekräftigte die Gefahr auf welche die Veranstaltung hinwies. Bis 2020 würde es einen 'skill-gap', also einen Mangel von Fachkräften in Höhe von 150.000 in Deutschland bzw. über 800.000 in Europa, geben. Problematisch sei auch, dass nur 14% aller deutschen KMUs das Internet zum Verkauf ihrer Produkte benutzten. Hochmoderne Technologien wie Cloud-Computing würden gar nur 1,7% verwenden. Hier würden sich die Mängel bei der digitalen Bildung besonders deutlich offenbaren. Die Kommission sei zurzeit dabei sich ein europaweites Bild zu schaffen und umfangreiche Analysen der problematischen Bereiche anzufertigen. Auf diese Weise möchte sie ein größeres Bewusstsein der Politik und der Öffentlichkeit für das Problem erzeugen. Die Kompetenzen für größere Gesetzänderungen lägen allerdings bei den Mitgliedstaaten. Auch die Industrie müsse sich stärker bei der Behebung des Problems beteiligen. Die Kommission könne aufgrund ihrer Kompetenzen vor allem dabei helfen festzustellen, wo genau der Bedarf liegt.

Professor Heger antwortete auf die vorangegangenen Beiträge, dass Studien im Bereich 'Industrie 4.0' ähnlich große Defizite wie bei der Kommunikation bzw. dem Webauftritt festgestellt hätten. Die Politik sollte daher gemäß eines bottom-up-Vorgehens vor allem kleine Projekte unterstützen. Daneben seien europaweite Programme zur Förderung der digitalen Ausbildung wichtig. Zurzeit würden fast nur private deutsche Hochschulen in diesem Bereich tätig sein. Auf die Frage wo angesichts der hohen Kosten für eine Digitalisierung der Nutzen des Mittelständlers liege, antwortete Prof. Heger mit dem folgenden Beispiel: Im Bereich des Handwerks hätten KMUs früher sehr viel in Messen investiert ohne anschließend die Investitionen genauer evaluieren zu können. Moderne technische Hilfsmitteln wie das Tool 'AdWords' stelle eine neue Form der Kundengewinnung dar, mit der viel spielend einfach und sehr effektiv Kunden gewonnen werden können. Aufgrund fehlender digitaler Kenntnisse würden solche Hilfsmittel bisher aber kaum verwendet werden und folglich von vielen KMUs die großen Umsatzsteigerungspotentiale ungenutzt bleiben.

Beiträge von Verbänden und der Industrie: Sandro Gianella von Google Deutschland stellte das Projekt 'Weltweit Wachsen' vor. Google habe dieses gestartet, um einen Beitrag zur Überwindung des 'skill-gaps' zu leisten. Vom Konzern vorher durchgeführte Umfragen hätten die massiven Missstände noch einmal verdeutlicht. Ziel des Projektes sei es also den Unternehmen aufzuzeigen, wie einfach es heutzutage ist zu exportieren. Google unterstützt die Teilnehmer beim Aufbau ihrer Websites und führt individuelle Export-Checks durch. Unter der Schirmherrschaft von Nordrhein-Westfalen entständen darüber hinaus derzeit drei Trainingszentren in denen über die Dauer von drei Monaten jeweils 150 Unternehmen bei ihrem Digitalisierungsprozess begleitet werden.

Benjamin Wüstenhagen vom Bundesverband deutscher Startups verwies auf den Umstand, dass viele Internetservices nicht bzw. nicht mehr von Europa aus angeboten werden. Ausgelöst werde dieser Umstand vor allem durch das mangelhafte Funding von Start-ups. Zum Thema 'digitale Bildung' kommentierte er, dass das Problem aus seiner Sicht nun endlich von der Politik als solches erkannt worden sei. An den einzelnen Schulen vor Ort zeige sich aber vielfach, dass für Fortschritte zunächst eine bessere Infrastruktur bereitgestellt werden müsse. Vielen Lehrern sei es heute oft gar nicht möglich auf digitale Medien zurückzugreifen, weil schon der Internetanschluss im Klassenraum fehle. Im Gegensatz dazu benutzten 10% aller fünf-jährigen Kinder regelmäßigen das Internet, schon im Alter von drei Jahren hätten viele ein iPad. Im privaten Bereich würden Kinder daher schon wesentlich früher den Umgang mit digitalen Medien lernen.

Jochen Missel, Gründer von epetworld.de, berichtete von den eigenen Schwierigkeiten bei der Gründung seines Unternehmens sowie aus dem alltäglichen Geschäft. Eine große Schwierigkeit liege bei der Beratung, die heutzutage fast nur noch Online stattfände, für die aber häufig die richtigen Mitarbeiter fehlten. Online-Marketing sei eine Kombination aus Mathematik und Statistik bei dem es vor allem darum geht den Umsatz auf Online-Plattform auszurechnen und tagesaktuelle Steuerungen und Analysen anzufertigen. Universitätsabgänger würden während ihres Studiums auf diese Anforderungen nicht angemessen vorbereitet werden. Das Problem der Wirtschaft liege daher besonders beim Mangel an adäquaten Fachkräften.

Johanna Schworm / Kai Zenner