Dr. Ulrike Hospes

Veranstaltungsberichte

Fratelli tutti – und welche Rolle kann dabei die Soziale Marktwirtschaft spielen?

von Georg Schneider

Christliche Sozialethik im Lichte der neuen Enzyklika

Enzyklika Fratelli tutti - Wo sind die internationalen Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft? Schaut Deutschland nur auf sich selbst?
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Kooperationsveranstaltung mit dem Bund Katholischer Unternehmer und mit dem Katholisch-Sozialen Institut

 

Ein gewisses Aufatmen erfolgte gleich zu Beginn: Nein, Enzykliken seien tatsächlich keine leichte Lektüre, die sich flüssig lesen lasse. Charakter und Genese solcher päpstlicher Lehrschreiben böten just dafür nicht den passenden literarischen Rahmen. Mit dieser einleitenden Umschreibung zeigte Msgr. Prof. Dr. Schallenberg – direkt aus Rom zugeschalteter Direktor der Katholisch Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle – Verständnis dafür, dass er für die Veranstaltung gebeten worden war, Fratelli tutti zunächst zusammenzufassen und inhaltlichen Schwerpunkte zu erläutern.

Msgr. Schallenberg kam umgehend zum Punkt. Das Schlüsselwort der Enzyklika Fratelli tutti komme in der nummerierten Passage 165 spät und unvermittelt: Es gehe um die Spiritualität der Geschwisterlichkeit, die Hand in Hand gehen solle mit der weltweiten Lösung der drängenden Probleme der Armen. Dieser Gedanke bilde – mal direkt, mal indirekt – den roten Faden des Päpstlichen Lehrschreibens.

Fratelli tutti – die beiden Anfangswörter der Enzyklika nehmen Bezug zu den Ammonizioni des Hl. Franziskus und bilden zugleich einen Appell der Geschwisterlichkeit - der Spiritualität des Herzens, zu einer tugendhaften Haltung des Herzens, wie Msgr. Schallenberg weiter ausführte. In Anlehnung an die Theologie des Hl. Augustinus gehe es um den Einsatz des Einzelnen für den gemeinsamen „Marktplatz“.

Passend finde man noch in derselben Passage den Bezug zum biblischen Schlüsseltext des Barmherzigen Samariters: Soziale Maßnahmen könnten staatlich per Gesetz festgelegt werden, die geschwisterliche Liebe jedoch könne man nicht erzwingen, sie müsse von Herzen kommen. Msgr. Schallenberg ergänzte mit Blick auf die Handlungsfähigkeiten damals wie hier und heute: „Aber der Barmherzige Samariter hatte nicht nur Mitleid, sondern auch Geld…“

Ein dritter Schlüssel zum Verständnis des Textes liege schließlich in der Kritik an Zeitphänomenen, welche eben nicht in dieser geschwisterlichen Liebe wurzelten bzw. nicht genügend Rücksicht darauf nähmen: Hyperindividualismus, technologisches Paradigma  - schlicht der Mensch als vollständig ausgenutztes Mittel. Eben dort setze der Papst mit seiner entschiedenen Warnung an.

Frau Marija Kolak – Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und Mitglied im Vatikanischen Wirtschaftsrat – stieg hier in die Diskussion ein: Natürlich sei auch die Finanzwirtschaft in der Ausübung ihrer Rolle (hinter)fragt – und dort eben jeder Einzelne in seinem Denken, Reden und Tun. Allerdings möge man die Enzyklika nicht einseitig als Kritik am Markt interpretieren. Schließlich sei nicht zu erwarten, dass der zentrale Staat der bessere ökonomische Problemlöser sei.

Gerade in der Bundesrepublik Deutschland zeige die Soziale Marktwirtschaft, wie man die berechtigten Interessen des Marktes und seiner Unternehmen auf der einen Seite und der staatlichen Ordnungsmacht auf der anderen Seite in Einklang bringen könne. Nicht zuletzt das vielfältige deutsche Bankensystem in seiner Mischung aus – natürlich ebenfalls – klassischen Geschäftsbanken, aber zudem auch aus Genossenschaftsbanken und Sparkassen mache offensichtlich, wie ein solcher Ausgleich z.B. im Finanzsektor aussehen könne.

Peter Weiß MdB, langjähriger Fachpolitiker im Bereich Soziales und Entwicklungszusammenarbeit, erinnerte daran, wie wichtig die in Deutschland und von Deutschen maßgeblich erarbeite Kirchliche Soziallehre sowohl für die Weltkirche und als auch für die Christliche Demokratie sei. Allerdings müsse man klar erkennen: Weder Deutschland noch Europa befänden sich mehr in dem Focus der Welt und der Weltkirche, die beide wesentlich globaler geworden sei.

Seit der Enzyklika Rerum Novarum habe man sich in der Christlichen Demokratie und allgemeiner in der europäischen Politik daran gewöhnt, in den Päpstlichen Lehrschreiben direkte inhaltliche Anschlusspunkte zur westlichen Politik zu finden. Dies sei nun nicht mehr so einfach, da die neue Enzyklika ihre Wurzeln nicht mehr einfach nur in Europa finde – und da es eben in Lateinamerika keine solche Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft gebe wie in der Bundesrepublik Deutschland oder in wichtigen weiteren Teilen der Europäischen Union.

Msgr. Schallenberg unterstrich: Aus der Sicht von Papst Franziskus genüge nicht die deutsche Selbstbetrachtung. Für ihn stehe im Vordergrund: Was ist im Rest der Welt los? Er sehe, dass dort in vielen Regionen Chancengleichheit i.e.S. nicht genüge, um Wohlstand oder auch nur menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen – sich Fragen nach Chancengerechtigkeit und auch Umverteilung in einer ganz anderen Dimension stellten.

Hier sei natürlich zu überlegen, wie die Enzyklika fortzuschreiben sei: Was für Instrumente werden jetzt global benötigt? Wie kann der Anreiz des Gewinnstrebens so gesetzt werden, dass die Menschen sich nicht schaden?

Peter Weiß MdB ergänzte: Papst Franziskus erscheine als alttestamentarischer Prophet, der mahne. Ein Papst selbst müsse nicht ein konkretes Wirtschaftsmodell der Zukunft entwerfen. Schon in der Enzyklika Gaudium et Spes sei die Aufgabenverteilung umrissen worden: Die Hirten hätten zu verkünden und Hirtendienst zu leisten. Die Laien müssten auf dieser Grundlage dann gestalterisch tätig werden.

Frau Dr. Sabine Schößler, Geschäftsführerin des Bundes Katholischer Unternehmer und Moderatorin des Abends, fragte folgerichtig in die Runde: „Was können wir denn dem Papst als Konzepte anbieten?“

Hier war sich das Podium einig, dass man die Ziele und Werte der Sozialen Marktwirtschaft offensiver im harten internationalen Wettbewerb und in den höchst politischen Fragen der Zeit vertreten müsse: Was werde z.B. aus Mercosur? Man könne den Vormarsch des chinesischen Wirtschaftsmodells – fernab der Sozialen Marktwirtschaft – nicht tatenlos akzeptieren, sondern müsse den Ländern der Entwicklungszusammenarbeit ein attraktives Gegenmodell bieten, das wirkliche Teilhabe und Hilfe zur Selbsthilfe ermögliche. Soziale Marktwirtschaft müsse sich heute viel mehr als eine internationale Soziale Marktwirtschaft interpretieren.

Daher betreffe die Ausgestaltung des realen Wirtschaftslebens z.B. in Lateinamerika, Afrika oder Asien eben auch die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland unmittelbar – ökonomisch wie ethisch. Insofern bedeute die neue Enzyklika ein unbequemes Wachrütteln des alten Westens aus seiner Selbstgenügsamkeit. Die Bundesrepublik Deutschland müsse gerade als Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft viel stärker seine globale Verantwortung wahrnehmen: Wo sind die internationalen Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft? Schaut Deutschland nur auf sich selbst?

 

Die Passage 165 – Schlüsselstelle der Enzyklika Fratelli tutti:

Die wahre Liebe ist fähig, all dies in ihr Engagement einzuschließen. Auch wenn sie sich in der Begegnung von Person zu Person ausdrücken muss, so kann sie dennoch einen entfernten Bruder oder eine gar vergessene Schwester durch die verschiedenen Ressourcen erreichen, die die Institutionen einer organisierten, freien und kreativen Gesellschaft schaffen können. So brauchte zum Beispiel auch der barmherzige Samariter ein Gasthaus zur Unterstützung, weil er es momentan nicht allein schaffen konnte. Die Nächstenliebe ist realistisch und verschleudert nichts von dem, was für eine Verwandlung der Geschichte nötig ist, die auf das Wohl der Letzten ausgerichtet ist. Andererseits gibt es zuweilen linke Ideologien oder soziale Doktrinen, die mit individualistischen Gewohnheiten und unwirksamen Vorgehensweisen einhergehen und nur wenige erreichen. In der Zwischenzeit bleibt das Gros der Verlassenen dem eventuellen guten Willen von Einzelnen ausgeliefert. Dies zeigt, dass nicht nur eine Spiritualität der Geschwisterlichkeit wachsen muss, sondern zugleich eine weltweite wirksamere Organisation zur Lösung der drängenden Probleme der Verlassenen, die in den armen Ländern leiden und sterben. Dies schließt wiederum ein, dass es nicht nur einen möglichen Ausweg gibt, eine einzig annehmbare Methode, ein wirtschaftliches Rezept, das gleichermaßen auf alle angewendet werden kann, und es setzt voraus, dass auch die rigoroseste Wissenschaft verschiedene Wege aufzeigen kann. ​​​​

Ansprechpartner

Dr. Georg Schneider

Georg Schneider

Referent Wirtschaftspolitik, Büro Bundesstadt Bonn

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