Veranstaltungsberichte

Wir müssen alle die Ärmel hochkrempeln!

von Nadine Bergner

Es liegt in den Händen und der Verantwortung jedes Einzelnen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken

Am 16. Februar lud das Büro Bundesstadt Bonn ins Beueler Rathaus ein, um über den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachzudenken. Welche Projekte können Bindekräfte entwickeln? Wie kommen wir zu einem größeren Miteinander? Warum sind so viele dagegen und warum bleiben Befürworter politischer Projekte meist so leise? Es entstand ein munterer und informativer Austausch über Maßnahmen, Ideen und Haltungen.

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, so sagt es ein chinesischer Fluch. Und als Dr. Ulrike Hospes bei ihrer Begrüßung feststellte, dass wir in sehr interessanten, sehr herausfordernden Zeiten leben, blieb Widerspruch wie erwartet aus. Gerade in diesen Zeiten ist gesellschaftlicher Zusammenhalt besonders wichtig und jeder ist aufgefordert einen Beitrag zu leisten und die Zukunft positiv zu gestalten. Denn Zukunft ist nicht Schicksal, sondern beinhaltet einen Auftrag zur Gestaltung. Wie also stärken wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Impulse

Michael Heine stellte als Leiter von „Mitten im Leden“ ein ganz konkretes Projekt vor. Hierbei geht es vor allem, aber nicht ausschließlich um die Begegnung und das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung. Ziele sind unter anderem solidarisches Miteinander, aktive Gemeinwesensarbeit sowie Teilhabe & Inklusion. Es soll ein Quartier entstehen, das ein buntes, barrierefreies, identitätsstiftendes, lebendiges und unterstützendes Zuhause für seine Bewohnerinnen und Bewohner bietet.

Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Bonn und Region, formulierte eine besondere Aufgabe: Wer diese Gesellschaft bewahren will, müsse lernen sie zu verändern. Wir müssen lernen, wie wir neue Strukturen des Zusammenhalts schaffen können. Hierfür identifizierte er drei Aspekte. Zu allererst müssen wir wieder Respekt vor den Menschen haben und aufhören sie abzustempeln, z.B. als Flüchtling oder Behinderter. Denn zu allererst sind wir alle Menschen. Zweitens müssen wir den Dialog suchen. Es müssen Treffpunkte für den Austausch geschaffen werden und wir müssen einander wieder zuhören. Und drittens muss jeder selbst aktiv werden.

Der Beueler Bezirksbürgermeister Guido Déus benannte vor allem den zunehmenden Egoismus als ein großes Problem. Es sei mittlerweile leicht geworden, gegen etwas zu sein und gegen etwas zu mobilisieren. Für etwas zu sein und etwas gestalten zu wollen, sei hingegen deutlich schwerer geworden, was viele Menschen dann demotiviert. Dies stellt die Politik vor gewisse Schwierigkeiten, denn so finden oft nur die Protestierer Gehör. Er stellte aber auch fest, dass in Beuel die Welt doch noch etwas heiler sei als an vielen anderen Orten. Grund dafür ist aus seiner Sicht das Vereinsleben (in Beuel gibt es mehr als 200 aktive Vereine) und das Engagement in Kirchen. Denn Vereine und Kirchen sind ein sehr wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Kitts. Allerdings sei es auch dort immer schwieriger Menschen für ein Ehrenamt zu motivieren.

Wir leben enger zusammen, aber weniger miteinander

Die Welt ist in den letzten Jahren / Jahrzehnten immer schnelllebiger und globaler geworden. Die Arbeitswelt stellt deutlich stärkere Anforderungen an die Flexibilität und auch Mobilität der Menschen, wodurch es zu immer weniger „gewachsenen“ Nachbarschaften kommt. Man lebt heute viel enger zusammen, vor allem in den Städten, hat aber viel weniger miteinander zu tun. Oft hört man den Befund, die Bereitschaft der Menschen sich ehrenamtlich zu engagieren sei stark gesunken. Ulrich Hamacher widerspricht dieser Feststellung. Für ihn ist es nicht die nachlassende Bereitschaft, es läge vielmehr an unpassenden und veralteten Strukturen. Durch ihre Veränderung könnte man den Menschen wieder mehr Engagement ermöglichen. Die Menschen müssen diese Veränderungen aber auch zulassen.

Individualität ist stärker geschützt als Gemeinwohl

„In Bonn werden um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt.“ Bei dieser Feststellung aus dem Publikum ging es um die immer stärkere Einschränkung von öffentlichen Veranstaltungen, von öffentlichem Leben. Aber gerade dies sind Ereignisse, die Raum schaffen für Begegnung und Kommunikation. Viele Anwohner seien zu „Protestierern“ geworden. Guido Déus identifiziert hier eine Entwicklung als bedenklich – die Individualität wird mittlerweile durch Polizei und Justiz viel stärker geschützt als das Gemeinwohl. Gemeinwohl bedeutet hierbei allerdings ganz sicher nicht, dass z.B. allabendlich Großveranstaltungen in den Rheinauen stattfinden dürfen. Aber ein Recht auf 365 Tage absolute Ruhe hat auch niemand. Der Knackpunkt ist, hier einen Kompromiss zu finden. Und an dieser Stelle sind sich die Experten sicher, dass die Lösung in der Kommunikation miteinander liegt. Wir müssen miteinander reden, einander zuhören und bereit sein Kompromisse zu finden. Wir müssen aktiv werden.