KAS/Katharina Jünger

#KASkonkret

,,Wir wurden mit Anfragen überrannt“

von Maximilian Nowroth

#KASkonkret_03: Welche Chancen bietet die Krise der (Tele-)Medizin?

Das Start-up Teleclinic profitiert von der Coronakrise, weil Arztbesuche im Internet normaler werden. Ein Gespräch mit der Gründerin Katharina Jünger über das Geschäftsmodell, den Datenschutz und die Zukunft.

Vielleicht wird man in ein paar Jahren auf diese Zeit zurückblicken und feststellen: Das Virus hat Deutschland schneller denn je digitalisiert. Plötzlich ist es Alltag, dass sich Kollegen von zu Hause aus per Videokoferenz besprechen. Und Lehrerinnen haben sich daran gewöhnt, Unterricht übers Internet zu machen. Warum sollte man da nicht auch den Arztbesuch auf dem Bildschirm statt in der Praxis erledigen?

Telemedizin heißt diese Innovation – und genau darum ging es im dritten Teil der digitalen Veranstaltungsreihe #KASkonkret. Im Facebook-Livestream am 22. April war Katharina Jünger zu Gast, Gründerin und Geschäftsführerin der Teleclinic. Das Münchner Start-up verbindet Patienten über eine Software mit Ärzten und ermöglicht so eine digitale Sprechstunde.

 

8.000 digitale Behandlungen pro Monat

 

Ich gehe davon aus, dass Covid-19 die Telemedizin in Deutschland um fünf Jahre voranbringen wird“, sagte die 29-Jährige. Diese Prognose beruht auf ihrer eigenen Erfahrung aus den vergangenen Monaten. Am Anfang war sie skeptisch, ob die Pandemie gut für ihr Geschäft sei. Würden die Ärzte überhaupt genügend Zeit haben, um jetzt diese neue Technologie auszuprobieren? „Das Gegenteil war der Fall, wir wurden mit Anfragen überrannt.“  

 

Viele mussten ihre Praxen aus Sicherheitsgründen schließen und waren auf der Suche nach einem Weg, digital Geld verdienen zu können. Sie fanden die Teleclinic. Das Geschäftsmodell läuft ähnlich wie beim Fahrtendienst Uber: Die Patienten geben in der Teleclinic-App zunächst an, welche Symptome sie haben und wann der Termin sein soll. Pro Monat werden aktuell rund 8.000 Behandlungen abgewickelt, erzählte Katharina Jünger. Zwischenzeitlich sei jeder dritte Patient ein Corona-Verdachtsfall gewesen.

 

Die Ärzte bekommen dann auf ihrem Handy die Anfragen und können entscheiden, ob sie zwischen zwei Terminen oder gar nach Feierabend eine digitale Diagnose stellen möchten. Am Ende der Videosprechstunde kann man sich dann noch ein digitales Rezept oder eine Krankschreibung ausstellen lassen.

 

Noch müssen Kassenpatienten selbst zahlen

 

Ein Termin kostet rund 40 Euro. Bisher ist der Haken an der Sache: Fast ausschließlich Privatpatienten können sich das Geld erstatten lassen. Das soll sich aber bald ändern. „In vier Wochen können alle Patienten in Deutschland die Teleclinic kostenlos nutzen“, versprach die Gründerin. Wie beim analogen Arzt werde dann also einfach im Hintegrund mit der jeweiligen Krankenkasse abgerechnet. „Das ist für uns ein Riesenschritt, da geht für mich ein Traum in Erfüllung“, sagte die studierte Juristin. „Ich habe fünf Jahre daran gearbeitet.“

 

Als sie die Firma gegründet hat, war Fernbehandlung in Deutschland noch gar nicht erlaubt. Die ersten Jahre seien daher „vor allem Lobbyarbeit“ gewesen, erzählte sie im Gespräch mit Moderator Maximilian Nowroth. Mittlerweile hat Teleclinic 55 Mitarbeiter, bietet mehr als 30 medizinische Fachbereiche an und wächst jeden Monat um 20 Prozent. Aber wie stellt die junge Firma eigentlich sicher, dass die ganzen sensiblen Gespräche und Gesundheitsdaten nicht in falsche Hände geraten?

 

Es fängt damit an, dass wir schon bei der Entwicklung der Software schauen, ob es Sicherheitslücken gibt“, erzählte Katharina Jünger. Außerdem gebe es zwei Mal im Jahr einen „Penetration Test“, bei dem professionelle Hacker versuchen, in das System einzudringen – und dann einen Bericht über mögliche Schwachstellen schreiben.

Die erste Frage aus dem digitalen Publikum kam von Lisa via Instagram: Wie könne man bei der Internet-Sprechstunde sicher sein, dass ein Arzt nichts übersieht? „Die ehrliche Antwort ist: Das kann man nie“, sagte die Teleclinic-Chefin. Bei der Sprechstunde in der Praxis ginge das aber auch nicht. Am Ende liege das in der Verantwortung des Arztes, der auch für mögliche Fehler haften muss. Um die Qualität der Telemediziner zu garantieren, hat Teleclinic ein Bewertungssystem und mehrere Kriterien. Eins davon: mindestens sieben Jahre Berufserfahrung.

 

Geht demnächst niemand mehr persönlich zum Arzt?

 

Alexander wollte per Facebook wissen, wie viele Patienten nach der Behandlung trotzdem noch persönlich zum Arzt müssen. Die Antwort von Katharina Jünger: „Nach unserer letzten Auswertung waren 78 Prozent der Patienten bei uns fallabschließend.“ Ein Grund dafür ist, dass Teleclinic vielfach für die Beantragung von Folgerezepeten genutzt wird und dass saisonale Krankheiten wie Heuschnupfen oder Grippe häufig ein Anlass für den digitalen Arztbesuch sind.

 

Zum Abschluss ging es noch um die Frage, wie die 29-Jährige die Zukunft sieht: Werden wir demnächst gar nicht mehr persönlich zum Arzt gehen? „Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Jahren fünf bis zehn Prozent der ambulanten Arztbesuche online stattfinden werden. Maximal.“ Telemedizin erfordere schließlich eine große Verhaltensveränderung bei den Menschen. Katharina Jünger brachte diese Herausforderung auf den Punkt: „Wir gehen seit Jahrtausenden zu einem Medizinmann, der uns anfasst. Und jetzt plötzlich sollen wir das mit dem Smartphone machen? Das ist viel krasser als Schuhe online zu kaufen.“  

 

Wir alle werden live miterleben, wie sich unser Verhalten verändert – und sicher ist schon jetzt, dass Corona dazu einen großen Beitrag leistet. Am Dienstag, den 28. April geht es bei #KASkonkret weiter, wie immer um 17 Uhr live auf der Facebookseite des Büros Bundesstadt Bonn. Wir sprechen mit Wolfram Geier vom Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe über die Frage, wie gut Deutschland auf den Extremfall vorbereitet ist.

Einzeltitel
14. Juni 2019
Veranstaltungsbericht "Telemedizin – ein Beitrag zur Reduzierung räumlicher Disparitäten?" (27.05.2019)