Asset-Herausgeber

Kampf gegen die moderne Terrorismusfinanzierung

Asset-Herausgeber

Die akute Bedrohung durch den Terrorismus wurde durch den Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am 25. Juli 2026 abermals in tragischer Weise deutlich. Aktuell wird eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der inneren Sicherheit in Deutschland diskutiert. Ein Thema, das hierbei bislang zu wenig beleuchtet wurde, ist die Frage einer besseren Abwehr der Terrorismusfinanzierung. Ursache für dieses Defizit ist nicht zuletzt ein verkürztes Verständnis des Themenkomplexes „Terrorismusfinanzierung“, der in der Formulierung von Paragraf 89c Strafgesetzbuch (StGB) angelegt ist. Die Bedeutung der Finanzierung terroristischer Netzwerke tritt damit sowohl in der Wahrnehmung als auch in der öffentlichen Debatte in den Hintergrund.

Terrorgruppen und Netzwerke, insbesondere transnationale Netzwerke, funktionieren ähnlich wie Unternehmen. Je nach Größe und Ausbreitung gründen ihre Aktivitäten darauf, verlässliche und sich überlappende Einnahmequellen zu erschließen und diese effektiv zu verwalten. So wird beispielsweise der jährliche Finanzbedarf der Terrororganisation Hisbollah[1] auf mehrere Hundert Millionen US-Dollar geschätzt.[2] Diese finanziellen Mittel fließen nicht allein in die Vorbereitung und Ausübung von Anschlägen. Ein bedeutender Anteil wird auch für Propagandaaktivitäten eingesetzt. Mittlerweile unterhält jedes größere terroristische Netzwerk professionelle Kommunikationsnetzwerke. So veröffentlicht etwa der Ableger des Islamischen Staates (IS) in Afghanistan, der IS Khorasan Province (ISKP), sein Propagandamaterial online in mehreren Sprachen, unter anderem in Englisch.[3] Diese Propagandaaktivitäten radikalisieren weltweit zahlreiche Personen. Der Attentäter von Solingen, der 2024 drei Menschen tötete und acht weitere verletzte, wurde durch eine solche Propaganda beeinflusst und schwor ebenso wie der Attentäter in Berlin 2026 kurz vor seiner Tat den Treueeid auf den IS.

 

Eigene Firmen, Erpressungen und illegaler Goldhandel

Die enormen Finanzbedarfe der transnationalen Terrornetzwerke können nicht mehr allein durch freiwillige Spenden aufgebracht werden. Dazu haben sich die Finanznetzwerke des transnationalen Terrorismus in den letzten beiden Jahrzehnten ausdifferenziert und globalisiert. Gruppen wie die Hisbollah oder die Hamas (Harakat al-Muqawama al-Islamiya, „Bewegung des Islamischen Widerstands“) betreiben eigene Firmen, der al-Qaida-Ableger in Ostafrika, al-Shabaab, treibt – neben Finanzmitteln aus Erpressungen – in Gebieten unter seiner Kontrolle Steuern ein; der IS-Ableger in Westafrika, IS Sahel Province (ISSP), ist unter anderem in den illegalen Goldhandel involviert. Die Bekämpfung dieser Finanznetzwerke erfordert daher eine differenzierte Herangehensweise.

Dabei ist zwischen zentral organisierten Gruppen, wie der Hisbollah oder der Hamas, und dezentral organisierten Netzwerken, wie al-Qaida und dem IS, zu unterscheiden. Erstere verwalten ihre Gelder zentral. Sowohl bei der Hisbollah als auch bei der Hamas ist der sogenannte Schura-Rat der Organisation für die Finanzmittelverwaltung verantwortlich. Allein der jeweilige Rat entscheidet, wofür die Gelder der Organisation ausgegeben werden. Finanziers dieser Gruppen können somit nicht sicherstellen, wofür ihre Gelder eingesetzt werden; eine Unterscheidung zwischen Einkommensströmen für terroristische und sonstige Aktivitäten der Gruppen ist daher erschwert.

Dezentral organisierte Netzwerke erwarten von ihren Ablegern, dass sich diese weitgehend selbst finanzieren. Einkommen werden regional generiert und vom jeweiligen Ableger selbst verwaltet. Das Verständnis der lokalen Einkommensströme ist mit Blick auf die dezentral organisierten Netzwerke von entscheidender Bedeutung für die Terrorbekämpfung. Die Zentralen solcher Netzwerke sind im Wesentlichen für die Entwicklung einer Gesamtstrategie und die Propagandaproduktion verantwortlich. In seltenen Fällen steuert die Zentrale die Verschiebung von Finanzmitteln zwischen den einzelnen Ablegern. Ein Beispiel hierfür ist die Zentrale des IS in Somalia, das sogenannte al-Karrar-Büro, das die Verteilung von Finanzmitteln zwischen den Ablegern des Netzwerks in Afrika und Asien organisiert.[4]

 

Moderne Terrorismusfinanzierung

Aufgrund der Ausdifferenzierung ihrer Finanzquellen nutzen transnationale Terrorgruppen und -netzwerke seit einigen Jahren die gesamte Bandbreite existierender Finanzierungsmechanismen, auch wenn das sogenannte traditionelle Hawala-System weiterhin eine Rolle spielt: Bei diesem System werden Gelder an einen lokalen Vermittler gezahlt, die Information über die Zahlung wird weitergegeben und das Geld in einem Partnerbüro in einem anderen Land ausgezahlt. Entscheidend ist, dass in diesem System kein physisches Geld über die Grenze fließt. Die Vermittler gleichen die offenen Summen später untereinander aus.

Außerdem bedienen sich transnationale Terrorgruppen auch der Finanzindustrie; so unterhält das durch die Europäische Union und die USA wegen seiner mutmaßlichen Verflechtung in das geheime Finanz- und Anlageportfolio der Hamas sanktionierte türkische Immobilieninvestmentunternehmen Trend GYO ein türkisches Bankkonto; seine Aktien werden an der Istanbuler Börse gehandelt. Auch bedienen sich Terrornetzwerke neuer Finanzmittel, beispielsweise Kryptowährungen. Der IS unterhält Monero Wallets,[5] die es der Gruppe ermöglichen, dieses mit einer hohen Verschlüsselung gesicherte und weitgehend anonyme Instrument zu nutzen.

Schließlich spielen die Plattformen der sozialen Medien auch bei der Terrorismusfinanzierung seit einigen Jahren eine entscheidende Rolle. Auf sogenannten Crowdfunding-Plattformen werden Spendenaufrufe verbreitet, auf Plattformen wie Telegram oder TikTok wichtige Finanzinformationen wie Kontonummern oder die Adressen der Wallets für Kryptowährungen weitergegeben.

Innerhalb einzelner Transfers werden verschiedene Instrumente genutzt. So können etwa Spenden in Kryptowährungen in einem Land generiert und in ein anderes transferiert werden, wo sie in Währung umgewandelt und für einen weiteren Transfer auf ein Bankkonto eingezahlt werden, bevor sie schließlich in einem dritten Land ausgezahlt und der Terrorgruppe per Hawala-System zur Verfügung gestellt werden. Die Spur des Geldes führt daher nicht nur durch verschiedene Länder, sondern auch durch verschiedene Technologiesysteme.

 

Datenschutz versus Sicherheit

All diese Finanzsysteme unterliegen verschiedenen regulatorischen Vorschriften, Kontroll- und Berichtspflichten. Die Bestimmungen des Digital Services Act der Europäischen Union verpflichten die Plattformen der sozialen Medien, illegale Inhalte, also auch Inhalte mit Bezug zur Terrorismusfinanzierung, zu entfernen, sobald die Plattform über diesen Inhalt von einer staatlichen Behörde oder einer Nutzerin oder einem Nutzer informiert wurde.

Die maßgebliche Herausforderung ist daher nicht primär ein Fehlen an Daten und Spuren in den verschiedenen Systemen, sondern liegt darin, dass diese Daten bislang nicht zusammengeführt werden können. Einerseits bestehen rechtliche Hürden bei der automatisierten Datenweitergabe zwischen der traditionellen Finanzindustrie und dem Sektor der Kryptowährungen. Weiterhin geben die Plattformen der sozialen Medien in der Regel keine Daten an die Finanzindustrie weiter. Schließlich verlangen Datenschutzvorschriften andererseits, dass Daten auch nicht zwischen einzelnen Firmen innerhalb eines Sektors geteilt werden dürfen.

Eine effektive Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung erfordert deshalb nicht nur eine effektive internationale Kooperation, sondern auch ein Umdenken in Bezug auf die verschiedenen regulatorischen Datensilos. In einer modernen und digitalisierten Wirtschaft sollte es Terrorismusfinanzierern kaum gelingen, ihre Aktivitäten nachhaltig zu verschleiern. Daten und Spuren sind vorhanden; sofern diese zusammengeführt werden dürften, sollte es gelingen, ihre Aktivitäten effektiver zu stören und zu bekämpfen.
 

Hans-Jakob Schindler, 1973 in Enkenbach-Alsenborn, promoviert im Fach Internationale Beziehungen / Internationaler Terrorismus, University of St. Andrews (Schottland), leitender Direktor des Counter Extremism Project, International Centre for Counter-Terrorism (ICCT), New York / Den Haag.


[1] „Hisbollah“ bedeutet in etwa „Partei Gottes“; das arabische Wort setzt sich aus „Hizb“ (Partei) und „Allah“ (Gott) zusammen [Anm. d. Redaktion].
[2] Katherine Trauger: Examining Extremism: Hezbollah, Center for Strategic and International Studies, 26.03.2024, www.csis.org/blogs/examining-extremism/examining-extremism-hezbollah [letzter Zugriff: 03.08.2026].
[3] Colin Clarke / Lucas Webber / Peter Smith: SKP’s Latest Campaign: Expanded Propaganda and External Operations, Global Network on Extremism & Technology (GNET), 27.06.2024, https://gnet-research.org/2024/06/27/iskps-latest-campaign-expanded-propaganda-and-external-operations/ [letzter Zugriff: 03.08.2026].
[4] US Department of the Treasury: Fact Sheet: Countering ISIS Financing, 27.02.2024, https://home.treasury.gov/system/files/136/Fact-Sheet-Countering-ISIS-Financing-2-27-24.pdf [letzter Zugriff: 03.08.2026].
[5] Counter Extremism Project: Extremist Content Online: Pro-ISIS Channel Releases New Monero Wallet Address Following Arrest of Alleged Propagandist, 09.06.2025, www.counterextremism.com/press/extremist-content-online-pro-isis-channel-releases-new-monero-wallet-address-following-arrest [letzter Zugriff: 03.08.2026].