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„Ein Brückenbauer mit unübertroffenen Verdiensten“

Grußwort von Staatspräsident Peres an die Teilnehmer eines KAS-Kongresses zu Ehren von Bundeskanzler a.D. Kohl

Am 1. Oktober vor dreißig Jahren wurde Helmut Kohl zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. In einer Videobotschaft an die Teilnehmer eines KAS-Kongresses in Berlin am 27. September 2012 anlässlich dieses Jahrestages beschrieb Staatspräsident Shimon Peres Kohl als „einen großen historischen Architekten, einen ganz außergewöhnlicher Heiler zwischenmenschlicher Beziehungen und einen Brückenbauer mit unübertroffenen Verdiensten“. Wir dokumentieren hier die Übersetzung des vollen Wortlauts der Ansprache.

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Sehr geehrte Bundeskanzlerin Merkel!

Lieber Helmut!

Ich freue mich sehr, Dir meine Grüße zu übermitteln wegen der unvergesslichen Rolle, die Du bei der Überwindung – nicht dem Vergessen – der größten Tragödie in der gesamten Geschichte unserer beiden Völker gespielt hast. In meinen Augen bist Du ein großer historischer Architekt, ein ganz außergewöhnlicher Heiler zwischenmenschlicher Beziehungen und ein Brückenbauer mit unübertroffenen Verdiensten.

Als Architekt hast Du Europa in der Tat zusammengeführt. Ich denke, Bundeskanzler Adenauer war der erste, der verstand, dass Deutschland zum Westen, zur westlichen Zivilisation zurückkehren und von dieser wieder aufgenommen werden müsse. Seine Weitsicht öffnete die Tür zu einer anderen Zukunft Deutschlands und zu den Beziehungen mit anderen Völkern, namentlich dem jüdischen Volk.

Danach gab es zwei Personen, die verstanden, dass dies politisch weiterentwickelt werden sollte: Die eine war Brandt, der die Beziehungen zum Osten verbessern wollte, und die andere warst Du. Dabei nutztest Du die Erfahrung Adenauers, die Findigkeit Adenauers, und das Taktgefühl von Brandt, um ein wirklich neues Deutschland aufzubauen.

Es war nicht leicht. Vielleicht war es das anspruchsvollste Stück Architektur, Deutschland zu vereinen. Solange Deutschland geteilt blieb, konnte Europa sich nicht vereinigen. Und ich weiß, wie schwierig es war, die beiden deutschen Staaten zu einem gemeinsamen Deutschland, einem anderen Deutschland, zu vereinen. Die Kosten waren hoch. Lange gab es Kritik. Doch Du warst überzeugt, dass es kein Deutschland und kein Europa geben werde, das Dir nicht dankbar sein wird für das große Unternehmen, im Umgang mit dem Russen, dem Westen und dem deutschen Volk aus diesen beiden verfeindeten deutschen Staaten ein gemeinsames Deutschland der Hoffnung, ein anderes Deutschland zu machen.

Außerdem bin ich der Meinung, dass Du in vielfältiger Weise der Architekt des vereinten Europas warst – durch Geduld, Tatkraft und ganz außergewöhnlichen Optimismus. Nie warst Du ein Kanzler der Fragen, stets warst Du ein Kanzler der Antworten. Und wann immer eine Schwierigkeit sich Dir in den Weg stellte, sprangst Du darüber hinweg. Dein oft zitiertes Urteil lautete, ein europäisches Deutschland sei besser für die Welt, für den Frieden der Welt, für die Zukunft Europas als ein deutsches Europa. So hast Du gehandelt. Und trotz aller Probleme, die es immer noch gibt, können wir uns heute den Anblick der Geschichte nicht ohne dieses vereinte Europa vorstellen. Es war ein grundlegender Wandel in der Geschichte der Neuzeit. Damit warst Du nicht ein Produkt der Geschichte – Du hast in diesem Sinne wirklich selber Geschichte produziert.

Für mich war die größte Herausforderung nicht nur politischer, nicht nur staatsmännischer Natur – es ging um eine moralische Angelegenheit, nämlich die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Man muss auch am heutigen Tag verstehen, dass wir in Israel, wann immer jemand Deutschland erwähnt, die Tragödie nicht vergessen können. Lange Zeit gab es hier in Israel viele Menschen, die glaubten, dafür gebe es keine Heilung – es sei ein Bruch, der auch in Zukunft bleiben werde. Bundeskanzler Adenauer, seine Nachfolger und Du selbst – und ich möchten hinzufügen: heute Frau Merkel – unternahmen eine gewaltige, gewaltige geistige und moralische Anstrengung, um das Unüberbrückbare zu überbrücken und dem jüdischen Staat, der bereits die einzige Antwort auf unsere Tragödie ist, beim Aufbau, bei der Konsolidierung, beim Blick in die Zukunft zu helfen. So lernten wir verstehen, dass es möglich ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen, ohne dass dadurch die Zukunft aus dem Blick geriete.

Heute gibt es ein anderes Deutschland, ein anderes Europa, eine andere Geschichte, eine andere Jugend und ein anderes jüdisches Volk. Ich habe an vielen Bemühungen auf dem Weg dorthin teilgenommen. Deshalb kann ich bezeugen, dass bei zahlreichen Gelegenheiten alle Hauptakteure dachten, es sei unmöglich. Wenn Du, Helmut, das Wort „unmöglich“ hörst, dann vernimmst Du den Ruf einer Chance und nicht ein resignierendes Seufzen angesichts von Schwierigkeiten.

Sechzehn Jahre lang dientest Du Deinem Land mit großer Tatkraft, großem Optimismus, bodenständiger Weisheit – ohne je Hoffnung, Entschlossenheit und Zuversicht aufzugeben. Was Du getan hast, gehört bereits zu einer neuen Geschichte – einer Geschichte, an der Du teilgenommen, die Du sogar führend mitgestaltet hast. Keiner von uns wird jemals Deinen ganz außergewöhnlichen Beitrag vergessen und auch nicht – über das bereist Gesagte hinaus – Deinen besonderen Beitrag für Israel: dafür, dass Israel in Europa einen besseren Stand hat, dass eine neue Beziehung zwischen der Bundesrepublik und uns aufgebaut worden ist, dass unserer Jugend, dem Frieden, der Wissenschaft verstärkte Aufmerksamkeit gilt – und dies alles im Blick auf eine vorwärts stürmende Zukunft, die uns zu neuen Horizonten und neuen Ufern führt.

Ich wünsche Dir Segen aus der Tiefe meines Herzens. Du hast uns Grund gegeben, hoffnungsvoller zu sein und die Zukunft als den größten Ausgleicher für eine schwierige Vergangenheit zu begrüßen.

Gott segne Dich!

Übersetzung: Michael Mertes

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Kontakt

Dr. Alexander Brakel

Alexander.Brakel@kas.de
Präsident Shimon Peres (23. August 2012) KAS Israel
Präsident Shimon Peres und Michael Mertes KAS Israel

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