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„Wer auch nur ein einziges Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“

von Michael Mertes

Gilad Shalit ist frei

Am Vormittag des 18. Oktober hielt Israel den Atem an. Zahllose Menschen verfolgten mit Spannung und Vorfreude die Live-Übertragung von der Rückkehr Gilad Shalits in seine Heimat. Es war ein Triumph der Menschlichkeit. Ein Leben gegen 1027 Gefangene – dieses Verhältnis symbolisiert die moralische Asymmetrie im Konflikt mit der Hamas, einer Organisation, die bedenkenlos Selbstmordattentäter in den Tod schickt, um möglichst viele Menschenleben zu vernichten.

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Eine überwältigende Mehrheit der israelischen Bevölkerung freut sich, dass der vor über fünf Jahren von militanten Palästinensern entführte Soldat Gilat Shalit aus der Gewalt der Hamas freigekauft werden konnte. Der Preis, der für ihn zu zahlen war, ist hoch: Über 1000 palästinensische Gefangene werden aus israelischer Haft entlassen. Hinterbliebene von Terroropfern wehrten sich vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem erfolglos dagegen, dass auch die Mörder ihrer Angehörigen von diesem Tausch profitieren.

Das Schicksal Shalits hatte wie kaum ein zweites Thema die Menschen in Israel bewegt, und auch die internationale Öffentlichkeit hatte immer wieder eindringlich an die Hamas appelliert. Dass sich so viele Israelis über so lange Zeit mit dem Los eines einzelnen Menschen identifizierten, hat gewiss auch damit zu tun, dass ein ähnlicher Schicksalsschlag sie genauso treffen könnte. Männer leisten hier drei – Frauen zwei – Jahre Wehrdienst. Der Konflikt, in dem sie eingesetzt werden, ist kein zwischenstaatlicher Krieg, sondern ein asymmetrischer Kampf gegen einen Feind, der vor keinem Verbrechen zurückschreckt.

Gerade die Skrupellosigkeit der Hamas ist aber ein Grund dafür, weshalb sich in die Freude auch bange Fragen mischen: „Bereiten wir uns darauf vor, den nächsten Shalit freizukaufen“, überschrieb Akiva Eldar seinen Kommentar in der Haaretz vom 17. Oktober. Er bringt damit ein weit verbreitetes Unbehagen zum Ausdruck. Die Hamas ist nicht über Nacht zu einer Menschenrechtsorganisation mutiert. Die von den hiesigen Medien als „Austauschgeschäft“ (swap deal) bezeichnete Vereinbarung zeigt ihr, dass Entführungen sich lohnen.

Wer profitiert, auf kurze Sicht, politisch von der Vereinbarung? Auf jeden Fall die Hamas, die ihren Erfolg propagandistisch ausschlachtet. Sie war gegenüber der Fatah ins Hintertreffen geraten, weil Präsident Mahmoud Abbas durch seine September-Initiative zur Aufnahme eines Staates Palästina in die Vereinten Nationen hohe Anerkennung und Popularität in der palästinensischen Bevölkerung gewinnen konnte.

Auch die Führung Ägyptens zieht Vorteile aus dem Deal – sie kassiert jetzt eine gewaltige PR-Dividende. International gibt es Zweifel an ihrer Verlässlichkeit. Die Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo durch einen fanatisierten Mob am 9. September hatte diese Skepsis erheblich verstärkt. Auf der Sinai-Halbinsel ist das staatliche Gewaltmonopol zusammengebrochen, die Wüste ist zum Tummelplatz für islamistische Kämpfer geworden. Jetzt konnte die ägyptische Führung wenigstens den Eindruck erwecken, dass sie positiven Einfluss auf die Hamas hat.

Zu den politischen Gewinnern zählt nicht zuletzt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er hat dazu beigetragen, dass ein Herzenswunsch seiner Landleute in Erfüllung ging. Zugleich zeigte er Durchsetzungsstärke gegenüber seinem Koalitionspartner Israel Beitenu, dessen Führung sich gegen die Vereinbarung mit der Hamas ausgesprochen hatte.

Michael Mertes

Ein Interview, das das InfoRadio Berlin-Brandenburg am 18. Oktober 2011 zu diesem Thema mit Michael Mertes geführt hat, finden Sie hier.

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Gilad Shalit: Nach 1940 Tagen in Gefangenschaft wieder zu Hause in Israel www.gilad.org

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