Veranstaltungsberichte

Ist Versöhnung möglich?

von Silke Bremer
Kontroverse Diskussion anlässlich 70 Jahre Ende 2.Weltkrieg

Anlässlich des Endes des 2. Weltkriegs sowie des Todesmarsches von Ravensbrück nach Schwerin vor 70 Jahren hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung M-V in Zusammenarbeit mit der DIG Schwerin unter der Fragestellung 'Ist Versöhnung möglich?' ins Schleswig-Holstein-Haus eingeladen. Im einführenden Vortrag vertrat Frau

Dr. Wetzel

die These, dass die Frage nach Versöhnung überwiegend nicht von den Opfern oder deren Nachfahren gestellt werde, sondern eher

Täter auf Versöhnung

hofften, allerdings häufig ohne sich wirklich mit dem Genozid auseinandergesetzt zu haben, ohne ernsthaft begangene Verbrechen gesühnt zu haben, ohne echte Verantwortung übernommen zu haben. Versöhnung habe aber zwingend etwas mit Sühne und Erinnerung zu tun. Ohne Sühne und Erinnerung - keine Versöhnung. Versöhnung und Sühne könnten nur auf persönliche individuelle Weise erfolgen.

Auf die Frage nach einer Schuld der Nachgeborenen erinnerte Frau Wetzel an die berühmte Rede vom Richard von Weizäcker am 8.5.1985 im Bundestag. Weizäcker habe sich klar von einer

Schuld der Nachgeborenen

distanziert. Der ganz überwiegende Teil der heutigen Bevölkerung sei während des Nationalsozialismus im Kindesalter gewesen oder noch nicht geboren und könne somit keine Schuld für nicht begangene Taten bekennen. Kein fühlender Mensch erwarte von den Nachgeborenen, ein Büßerhemd zu tragen. Gleichwohl müssten sich die Nachgeborenen ihrer schweren Erbschaft bewusst werden. Alle – ob schuldig oder nicht - seien von den Folgen betroffen und müssten die Vergangenheit annehmen.

Die Shoah habe wie wohl kaum ein anderes historisches Ereignis die politische Kultur Deutschlands beeinflusst. Die

Aufarbeitung der Shoah

sei ein schwieriges und sensibles Thema, Deutschland habe lange für eine Annäherung gebraucht. Erstaunlicherweise seien die Standardwerke in den USA entstanden. Erst die amerikanische Fernsehserie Holocaust, die 1979 in der Bundesrepublik Deutschland ausgestrahlt wurde, habe zu grundlegenden Veränderungen und zum Wendpunkt im Umgang mit der Vergangenheit geführt: Aus einer rationalen Erkenntnis sei eine emotionale Betroffenheit geworden.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs habe es in Deutschland starke Bestrebungen gegeben, sich unter dem Verweis auf Vertreibungen und Kriegsgefangenschaft als eine Gemeinschaft von Opfern zu inszenieren. Von den jüdischen Opfern und der Vernichtung jüdischen Lebens sei lange kaum gesprochen worden. Vielmehr würden Menschen, die an den Holocaust erinnerten, als ständige Mahner stigmatisiert werden und ihnen werde vorgeworfen, dass die Vergangenheit nicht endlich vergessen werde.

In der DDR haben keine Aufarbeitung stattgefunden. Die DDR habe die Verantwortung von sich gewiesen bzw. an die Bundesrepublik abgeschoben. Unterstützt worden seien nur ‚Kämpfer’ gegen den Faschismus, jüdische Opfer seien außen vor geblieben.

Frau Wetzel erinnerte an eine Forderung von Prof. Jehuda Bauer im Hinblick auf die Vergangenheitsaufarbeitung. Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.1998 habe Bauer im Deutschen Bundestag deutlich gemacht, dass Deutsche und Juden voneinander abhängig seien. Die Deutschen könnten ihre

Erinnerungsarbeit nicht ohne die Juden

bewältigen. Deutsche und Juden zusammen hätten eine ganz besondere Verantwortung, letztlich gegenüber der gesamten Menschheit. Die Erinnerungsarbeit müsse darauf hinwirken, dass die 10 Gebote quasi um 3 weitere ergänzt werden.

Du: Deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals Täter werden.

Du: Deine Kinder und Kindeskinder dürfen niemals Opfer sein.

Du: Deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals passive Zuschauer sein bei Massenmord, Völkermord.

In der Gegenwart

sei eine große Abwehr erkennbar. Geschändete jüdische Friedhöfe und Mahnmale, Übergriffe auf Zeugnisse des jüdischen Kulturerbes und Anschläge auf Gedenkstätten, Schmierereien und verbale Angriffe auf jüdische Personen sorgten immer wieder für Aufmerksamkeit. Die Täter wollten die Erinnerung an jüdisches Leben zerstören und die symbolische Präsenz jüdischen Lebens und das Gedächtnis an den nationalsozialistischen Völkermord auslöschen.

Bei den antisemitischen Vorurteile, Ressentiments, Klischees, die erst nach dem Nationalsozialismus entstanden sind, handele es sich um einen sekundären Nationalsozialismus. Dieser speise sich aus Gefühlen einer Schuld- und Schamabwehr, richte sich gegen Entschädigung- und Wiedergutmachungsleistungen, fordere eine Schlussstrichziehung ein, wehre eine Auseinandersetzung mit dem Genozid ab.

Typisch sei zudem eine Schuldprojektion auf Israel. Mit die Holocaustleugnung und Ablehnung eines jüdischen Opferstatus werde eine zentrale Grundvoraussetzung Israels konterkariert und letztlich das Existenzrecht Israels bestritten.

Ein sekundärer Nationalsozialismus spiele auch in der Propaganda radikaler Islamisten eine wichtige Rolle. Der Nahostkonflikt werde als Plattform für antijüdische Vorurteile, Ressentiments und Stereotype genutzt, ohne dass diese als antisemitische Einstellung erkennbar seien, da Antisemitismus i.d.R. mit der NS-Judenverfolgung verbunden werde.

In der sich anschließenden Diskussion antwortete der

Landesrabbiner Dr. W. Wolff

auf die Versöhnungsfrage, dass die Anwesenheit seiner Person in M-V ein Beleg dafür sei, dass Versöhnung durchaus möglich

sei. Vergebung könne aber nur von den Opfern erfolgen.

Vor vielen Jahren, als er noch als Journalist in Großbritannien tätig war, sei für ihn Versöhnung ganz konkret z. B. dadurch möglich geworden, dass Mitarbeiter der deutschen Botschaft in London sehr aufmerksame und warmherzige Kontakte zu ihm aufbauten.

Die Politik der deutschen Bundesregierung sei versöhnungsorientiert angelegt. Er selbst sei dankbar, dass Deutschland Verantwortung für Holocaustüberlebende übernehme und den Staat Israel unterstütze.

Hinrich Kaasmann

machte darauf aufmerksam, dass im

jüdischen Verständnis die Begriffe Versöhnung und Vergebung

unterschiedlich verwendet werden. Versöhnung habe etwas mit Wahrheit und einem Anerkennen von Wahrheit zu tun, Vergebung hingegen mit Vergessen. Vergebung bedeute, dass Schuld in die tiefsten Meere geworfen und damit vergessen werde, ‚der Schuldige werde wieder weiß wie Schnee’. Die Holocaustüberlebenden haben ihren Nachkommen versprochen, dass der Holocaust nicht vergeben (und vergessen) werden könne. Das jüdische Volk werde sich immer erinnern. Es müsse somit eine Art Versöhnung gefunden werden, die keine Vergebung / kein Vergessen kennt.

Versöhnung enthalte drei Dimensionen

, eine körperliche, eine verstandesmäßige und eine geistliche. Eine ‚körperliche’ Versöhnung werde z. B. durch Begegnungen erreicht, eine ‚verstandesmäßige’ durch Bildung / Aufklärung, eine ‚geistliche’ z. B. durch eine Einbeziehung geistlicher Impulse.

Versöhnung könne nur durch persönliche Begegnung, durch einen Aufbau von Vertrauen, durch Empathie, durch Begegnungen an Gedenkstätten, durch ausgesprochene Wahrheiten, durch Zeit, die ein Erzählen ermöglichen, erreicht werden.

Eine rationale Analyse sei wichtig; das Verdienst der Historiker bestehe darin, die Wahrheiten ans Licht zu bringen. Gleichwohl liege der Schlüssel zur Versöhnung letztlich in einer Begegnung im Geist. Man dürfe nicht in einer verstandesmäßigen Analyse stecken bleiben.

Versöhnung habe

in den letzten Jahrzehnten umfangreich und an vielen Stellen

stattgefunden

. Nicht nur die Täter auch die Opfer sehnten sich nach Versöhnung, denn Versöhnung bedeute Befreiung. Nicht funktioniert habe aber eine ‚Versöhnung im rechtlichen Sinne’; so seien z. B. nur wenige KZ-Täter vors Gericht gekommen.

Der aktuelle Antisemitismus sei ein Kontrapunkt zu den Versöhnungsbestrebungen.

Frau

Dr. Wetzel

wies darauf hin, dass ca.

15 -20 % der deutschen Bevölkerung eine antisemitische Haltung

haben. Da dieser Befund in den letzten Jahrzehnten relativ stabil sei, müsse mit einem solchem ‚Bodensatz’ wohl gelebt werden. Gleichwohl müsse alles dafür getan werden, damit dieser Anteil nicht weiter ansteigt. In der Bildung sei der sekundäre Nationalsozialismus, der nicht zwangsläufig mit dem nationalsozialistischen Rassismus zu tun hat, viel stärker in den Blick zu nehmen. Durch die neuen sozialen Medien mit ihren Plattformen für anonyme Äußerungen werde der Antisemitismus eher verstärkt.

Ein Veranstaltungsteilnehmer wies auf den in den letzten Tagen stattgefundenen Marsch der Begegnung von Ravensbrück nach Schwerin hin, der an den Todesmarsch vor 70 Jahren erinnern sollte. Hier habe so etwas wie Versöhnung ganz konkret stattgefunden. Z. B. habe sich ein jüdischer Mann, dessen Mutter aus Berlin flüchten musste, dieser Initiative angeschlossen. Der gemeinsame Weg und das Innehalten an der Gedenkstätte 'Die Mutter' in Raben Steinfeld habe sehr viel an Versöhnung entstehen lassen. Dem aktuellen

Antisemitismus müsse durch konkrete ‚Begegnungen’ entgegen getreten

werden.

Dr. Wetzel Bremer
Landesrabbiner Dr. William Wolff, Moderator A. Seitz, Hinrich Kaasmann Bremer
Axel Seitz, Hinrich Kaasmann (vlnr.) Bremer