Veranstaltungsberichte

„Künstlerinnen und Künstler sollten keine Lobby-Arbeit machen müssen“

von Julia Rieger

"Wer sind wir in einer Pandemie? - Kultur zwischen Inspiration, Provokation und Stillstand"

Ein Jahr Corona, ein Jahr mehr oder weniger leere Bühnen, Veranstaltungssäle und Kinos: Dass die Kulturbranche von der Pandemie stark getroffen ist, ist kein Geheimnis - aber wie ist die Lage inzwischen? Welche Entwicklungen hat es gegeben, wie wirkt die Pandemie auf die Menschen auf und hinter den Bühnen und welche neuen Konzepte könnten nach der Pandemie Bestand haben?

Diese Fragen diskutieren die Künstlerin Aylin Celik und Kulturjournalist Sebastian Wellendorf bei der dritten Ausgabe von „Wer sind wir in einer Pandemie?“. Zunächst begrüßt die Leiterin des Regionalbüros Rheinland, Simone Gerhards, die Zuschauerinnen und Zuschauer: „Die Menschen in der Kunst- und Kulturbranche konnten im letzten Jahr nicht so arbeiten, wie sie es kennen: Kultureinrichtungen blieben geschlossen, Veranstaltungen wurden abgesagt und viele Existenzen waren und sind bedroht. Wie realistisch sind Öffnungsperspektiven gerade und welche Erfolge hatten Proteste der Beschäftigten in der Kulturbranche?“

„Wir mussten viel einstecken“

Die Kultur sei einer der Bereiche in unserem Leben, der am meisten eingeschränkt sei, sagt Moderator Maximilian Rieger in der Einführung. Das hat auch Aylin Celik so erlebt – nur aus der Perspektive einer Künstlerin, die sich Anfang 2020 selbstständig machte – „ich habe mich gefreut, laut meinem Plan sah alles sicher aus und dann hat Corona mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Mit der Pandemie kamen die Sorgen um die Existenz – zwar hatte sie etwas Geld gespart, „aber das war für mein Album, das ich aufnehmen wollte. Ich habe kein Label – da muss ich halt gucken, wie ich klarkomme.“ Sie habe das erste Mal seit langer Zeit wieder gefühlt, dass sie in eine Notlage geraten könnte.

„9.000 Euro, die ich zwei Monate nicht anrührte“

Die Soforthilfe habe sie zwar am Anfang beantragt und bekommen – aber dann „konnte ich das erstmal alles nicht durchblicken.“ Die Situation von Solo-Selbstständigen sei lange nicht bedacht worden – es war lange nicht klar, wie viel von der Soforthilfe für was genutzt werden durfte. Für ihre künstlerische Arbeit hatte die Pandemie Konsequenzen: „Meine Kreativität wurde auf einen Ort reduziert. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, das als Inspiration zu nehmen, was man gerade hat.“ Bei der Arbeit an ihrem Album hat sie zudem viel Neues gelernt: „Ich konnte mich viel intensiver mit dem beschäftigen, was ich gerade mache.“

„Einige Branchen mussten sich erstmal ins Gespräch bringen“

Einen Einfluss auf die künstlerische Arbeit hat auch Kulturjournalist Sebastian Wellendorf beobachtet. Viele Kulturschaffende, mit denen er gesprochen hat, berichten von „einer Verstummung der Kunst und Kultur“ – viele hätten sich nun anderen Sachen gewidmet. Viele haben in ihrer Kunst eine neue Form des Ausdrucks gefunden, eine Art Freiraum, der durch Corona entstanden sei und von Künstlerinnen und Künstlern gefüllt werde. Das sei einer von wenigen positiven Effekten – „was die Kultur betrifft, ist das gerade eine der schlimmsten Zeiten.“ Die Pandemie habe viele bestehende Diskussionsfelder in den Fokus gerückt – zum Beispiel die Frage nach der Wertschätzung und Rolle der Kultur in der Gesellschaft. Und bei der Frage, wer wann aufmachen dürfe, habe die Kulturszene bei vielen Politikerinnen und Politikern kaum Erwähnung gefunden.

„Wir sind euer Abendprogramm, eure Bücher, eure Podcasts“

Diesen Eindruck teilt Aylin Celik: „Wir werden seit Monaten nicht ernst genommen, es passiert nichts. Wird gerade über Kultur geredet?“ Im Austausch mit vielen anderen Kulturschaffenden habe sie sich Netzwerke aufgebaut. Konzepte würden entwickelt, um mit den notwendigen und gerechtfertigten Schutzmaßnahmen Kultur zu ermöglichen. Moderator Maximilian Rieger fragt, ob die Kulturbranche vorher zu wenig Wert auf eine Art Lobby gelegt habe. Man müsse unterscheiden, sagt Wellendorf, zwischen Veranstaltern, denen er nie vorwerfen würde, zu wenig Lobbyarbeit zu machen, und Künstlerinnen und Künstlern: „Die sollten keine Lobby-Arbeit machen müssen, sondern Kunst. Der Staat muss für diese Bedingungen sorgen.“ Das sei in der Realität noch nicht so.

Veränderung des Kulturbegriffes

Was ist eigentlich Kultur? Die Antwort auf diese Frage ist komplex und in den letzten Monaten wurde viel darüber gesprochen, was dazugehört – und wer eigentlich wen erreicht. Wellendorf sieht in den aktuellen Entwicklungen einen Demokratisierungsprozess in der Kunstszene, wo es sonst ein Spannungsfeld gab – „jetzt streamt die Oper neben Billie Eilish und dem freien Theater. Alle sind gleichberechtigt in der Lage, ihr Publikum zu erreichen.“ Trennungen würden aufgebrochen und unterschiedliche Kulturbereiche begegnen sich – so sei zusätzlich eine kulturelle Teilhabe für mehr Menschen möglich. Celik berichtet von hybriden Formen, die gerade etabliert würden. Einiges davon würde bestimmt auch nach Corona übernommen – "aber wir hoffen natürlich auf das, wie es vorher war.“

Ansprechpartner

Simone Gerhards

Simone Gerhards Passfoto

Leiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

Simone.Habig@kas.de +49 211 8368056-0 +49 211 8368056-9
Ansprechpartner

Frauke Kracht

Kracht-Homepage

Sachbearbeiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

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Über diese Reihe

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