Veranstaltungsberichte

„Sprache reagiert immer auf das, was in der Welt passiert“

von Julia Rieger

"Wer sind wir in einer Pandemie?" - Folge 7 mit Dr. Annette Klosa-Kückelhaus

Sprache ist ein wichtiger Bereich unserer Kommunikation und damit Basis für unsere sozialen Beziehungen. Sie ist außerdem ein Spiegel von dem, was uns als Gesellschaft gerade bewegt. Welche Auswirkungen hat eine globale Pandemie auf unsere Sprache und wie verändern sich die Begriffe, die wir nutzen?

Diese Frage stand im Fokus der siebten Ausgabe der Reihe „Wer sind wir in einer Pandemie?“. Die Leiterin des Programmbereichs "Lexikographie und Sprachdokumentation" am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Dr. Annette Klosa-Kückelhaus, gibt einen Einblick in aktuelle Forschungen zu dem Thema und stellt das Corona-Lexikon vor, welches sie mit ihrem Team erarbeitet. Die Corona-Pandemie sei nicht das erste einschneidende Ereignis, „welches Spuren in der Sprache hinterlässt“: Worte wie autoritär oder antifaschistisch hätten ihren Ursprung in den Studentenprotesten von 1967 und seien heute noch in der Alltagssprache zu finden. An neuen Worten könne man sehr gut ablesen, „was der Gesellschaft in der letzten Zeit wichtig war.“

Fachbegriffe gehen in Alltagssprache über

Der Einfluss von Ereignissen auf die Sprache sei oft schnell zu sehen: Einerseits ändert der Wortschatz sich, wenn die Gebrauchshäufigkeit – vor allem in den Medien – stark zunimmt. Dies können einerseits fachsprachliche Worte sein, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen: Ein Beispiel dafür sind Begriffe wie R-Wert oder Social Distancing. Weiterhin gebe es alltägliche Worte, die mehr genutzt werden und damit in einen neuen Kontext gesetzt werden – die Begriffe Lockerung und Einschränkung zeigen, wie sich die Wortbedeutung durch die Corona-Pandemie verändert hat. Klosa-Kückelhaus zeigt anhand von Daten, wie stark der Zusammenhang von aktuellem Geschehen zu Sprache ist. In einer Analyse von Online-Artikeln kam heraus, dass zu Zeiten der ersten Lockerungen im April 2020 das Wort „Lockerung“ sehr viel häufiger genutzt wurde.

„Neue Wörter entstehen, weil wir darüber sprechen wollen“

Aber es entstehen auch komplett neue Wörter, denn um über neue Dinge zu kommunizieren, müssen diese benannt werden. Dazu können Worte aus anderen Sprachen entlehnt werden – wie „Lockdown“ – oder neue Wortschöpfungen zusammengesetzt werden. Um diese neuen Worte zu sammeln, greifen die Forschenden um Klosa-Kückelhaus auf verschiedene Methoden zurück: Neben der systematischen Auswertung von großen Textsammlungen sind auch eigene Beobachtungen und Vorschläge aus der Bevölkerung Anhaltspunkte, um neue Wörter zu überprüfen. Klosa-Kückelhaus ist besonders beeindruckt von der großen Anzahl von Themenfeldern, in denen durch die Corona-Pandemie neue Wörter in unsere Alltagssprache gekommen sind.

„Der Mensch erweitert immer seinen Wortschatz“

Es gebe Worte, die kurzlebig seien, aber viele blieben erhalten – das geschehe dann, wenn wir mit dem Wort etwas verknüpfen. Das Lernen von neuen Worten gehe eigentlich von allein, sagt Klosa-Kückelhaus – „das zeigt, wie leistungsfähig unsere Sprache ist.“ In der Nutzung von Sprache gebe es zwar altersspezifische Unterschiede, doch diese seien in Bezug auf die Corona-Pandemie eher zu vernachlässigen: „Wir sind alle im Privatleben auf eine ähnliche Art betroffen – wir reden über die gleichen Themen mit den gleichen Worten.“

„Sprache ist etwas, das allen gehört“

In der Diskussion geht es um die Umbenennung der Virus-Varianten: Statt sie wie vorher nach dem Ort zu benennen, wo sie zuerst nachgewiesen wurden, gab die Weltgesundheitsorganisation eine Empfehlung heraus, sie nach den Buchstaben des griechischen Alphabets zu benennen. Klosa-Kückelhaus war sehr überrascht, wie schnell diese Empfehlung auf allen Ebenen umgesetzt wurde: „Das Tempo war irre.“ Normalerweise reagierten die Menschen auf solche Empfehlungen sehr langsam, doch diesen Mal sei möglicherweise eine größere Sensibilisierung in der Bevölkerung da gewesen. Mit Sprache könne man bis zu einem gewissen Grad Wirklichkeit schaffen, sagt sie, aber viel eher wirke sich die Wirklichkeit auf die Sprache aus. Zum Schluss fragt der Moderator Maximilian Rieger, welche Worte Annette Klosa-Kückelhaus auch in 20 Jahren noch mit der Corona-Pandemie verbinden wird. Für sie ist die Antwort klar: „Die Abschiedsformel ‚Bleib gesund‘ wird immer untrennbar mit dieser Zeit verbunden sein.“

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Sachbearbeiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

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Über diese Reihe

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