Länderberichte

Blicken wir in die Zukunft

Meinungsumfrage in Polen über die deutsch-polnische Kooperation und die Rolle der Geschichte

In Polen will man nicht mit den Deutschen über die Geschichte streiten. Man meint, dass die deutsch-polnischen Beziehungen auf der Basis der gegenwärtigen Fragen, wie die der Bewältigung der Wirtschaftskrise, der Schaffung von Energiesicherheit oder des Aufbaus einer starken Position der EU auf internationaler Ebene, aufgebaut werden sollten. Dies ist ein Ergebnis der neusten repräsentativen Umfrage im Rahmen des „Deutsch-Polnischen Barometers“, eines gemeinsamen Projektes des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten (ISP) Warschau und der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) in Polen.

Die Umfrage zeigt eindeutig, dass man sich in Polen eher für die Gegenwart und Zukunft als für die Vergangenheit als Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen ausspricht. Diese Meinung wird von fast drei Vierteln der Befragten (73 %) geteilt. „Die Polen sind müde von der ständigen Rückkehr zur Geschichte, aber geteilt in ihrem Urteil, ob Diskussionen über die Vergangenheit eher zu Versöhnung oder zur Erinnerung an die alten Wunden führen“ - schreibt Dr. Agnieszka Łada vom ISP in ihrer Auswertung der Umfrage.

Die Studienergebnisse kommentierend, erinnerte Dr. Jacek Kucharczyk, Präses des ISP, daran, dass in der vorherigen „Barometer-Umfrage“ Ende September 2010 die deutsche Europapolitik positiv von den Polen bewertet wurde. Die neuen Ergebnisse bestätigten die-sen positiven Trend. Stephan Raabe, Direktor des KAS-Büros Warschau, zog aus der Um-frage das Fazit: „Polen und Deutschland sind wieder auf dem Weg einer Interessen- und Zukunftspartnerschaft; Geschichtsfragen bleiben jedoch sensibel und bedürfen eines rück-sichtsvollen Umgangs.“

Die Barometer-Umfrage zeigt, dass Deutschland in Polen als ein Partner betrachtet wird, mit dem Polen in vielen Bereichen zusammenarbeiten sollte. Den größten Kooperationsbedarf sieht man in Polen im Bereich des Terrorismus und der Bekämpfung der Wirtschaftskrise (je 77 %). Fast genauso wichtig ist den Befragten die Förderung von schwächer entwickelten Regionen sowie eine Stärkung der technologischen Entwicklung der europäischen Wirtschaft (je 75 %). „Die Polen sind sich bewusst, dass es ohne Berlins Hilfe schwierig wird, Ziele durchzusetzen, die für die polnische Politik wichtig sind. Zu diesen zählen unter anderem die Stärkung der EU-Position auf internationaler Ebene oder die Unterstützung der Demokratisierung in der Ukraine und in Belarus. „Die Umfrage zeigt, dass man in Polen die deutsch-polnische Demokratie-Hilfe für diese Region unterstützt und glaubt, dass eine solche Koope-ration möglich ist“, erläutert Dr. Łada.

Auch wenn viele Polen lieber in die Zukunft blicken möchten in den polnisch-deutschen Beziehungen, wurde auch nach dem Umgang mit der Geschichte gefragt und speziell nach der Möglichkeit der Entstehung eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches. „Bei dieser Frage sind die Polen uneinig: fast die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass dies möglich ist und nicht viel weniger halten es für unmöglich. Dies zeugt von der Unsicherheit der polnischen Gesellschaft, ob ein solches Projekt machbar ist. Die Geschichte teilt nach wie vor beide Gesellschaften“ – heißt es in der Auswertung.

Der Bericht des ISP entstand auf der Basis einer Befragung einer repräsentativen Gruppe von eintausend Polen, die älter als vierzehn Jahre sind. Durchgeführt wurde die Studie zwischen dem 13. und 17. Januar 2011.

Ausgewählte Ergebnisse:

Polen sind eindeutig dafür, die Gegenwarts- und Zukunftsfragen zum Mittel-punkt der deutsch-polnischen Beziehungen zu machen (73%). Ein Fünftel glaubt, man sollte sich eher auf der Geschichte konzentrieren (20%).

Polen sehen einen Kooperationsbedarf mit Deutschland in vielen Bereichen:

Kampf gegen den Terrorismus - 77

%

Bekämpfung der Wirtschaftskrise - 77

%

Förderung von schwächer entwickelten Regionen - 75

%

Stärkung der technologischen Entwicklung in der europäischen Wirtschaft - 75%

Stärkung der EU-Position auf internationaler Ebene - 73

%

Unterstützung der energetischen Unabhängigkeit der Europäischen Union - 71

%

Unterstützung der europäischen Landwirtschaft - 71

%

Bekämpfung des Klimawandels - 71

%

Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Polen, Deutschland und Frankreich im Rahmen des Weimarer Dreiecks - 65

%

Ausbau der Zusammenarbeit Polens und Deutschlands mit den USA im Rah-men der NATO - 61

%

Unterstützung der Demokratisierung und des marktorientierten Wandels in anderen Ländern Osteuropas - 61%

Unterstützung der Demokratisierung und des marktorientierten Wandels in Russland - 52

%

Die Hälfte der Polen meint, eine gemeinsame Politik von Deutschland und Polen gegenüber der Ukraine und Belarus sei möglich (49%). Über ein Drittel glaubt al-lerdings, dass die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte von Polen und Deutschland in dieser Region zu groß sind (36%).

•Polen sind uneinig in ihrer Beurteilung, ob Debatten über die Vergangenheit eher zur Versöhnung (45 %) oder zur Erinnerung an die alten Wunden führen (46%)

•Beinahe die Hälfte der Polen hält die Erstellung eines deutsch-polnischen Ge-schichtslehrbuchs, das die Geschichte beider Länder objektiv darstellen würde, für möglich (46%). Kaum weniger meinen, dies sei unmöglich (41%).

Die Hälfte der Befragten würde das Lernen der polnischen Kinder aus einem deutsch-polnischen Geschichtslehrbuch befürworten (51%). Ein Drittel wäre da-gegen (32%).

•Bei der Bewertung der deutschen Maßnahmen bezüglich der Errichtung einer Gedenkstätte über die Zwangsaussiedlungen, meint die Hälfte der Polen, die dahin-ter stehende Intention ist die Betonung des eigenen deutschen Leids (56%). Ein Vier-tel ist der Meinung, es handele sich dabei um eine vollständige Darstellung der deut-schen Geschichte (28%).

Das „Deutsch-Polnische Barometer“ ist ein gemeinsames Projekt des Instituts für Öf-fentliche Angelegenheiten (ISP) und der Konrad Adenauer Stiftung (KAS). Ziel ist es, die Meinungen von Polen und Deutschen über die deutsch-polnischen Beziehungen und die Herausforderungen für die beiden Länder regelmäßig zu analysieren und vorzustellen. Die Ergebnisse der vorherigen Studien sind auf folgender Internetseite zugänglich: www.isp.org.pl .

Detaillierte Informationen sowie Kommentare zu den Studienergebnissen erteilen:

Dr. Agnieszka Łada, Leiterin des Europaprogramms/Analytikerin am Institut für Öffentliche Angelegenheiten, Tel. (0048) 22 556 42 88, agnieszka.lada@isp.org.pl;

Stephan Raabe, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen, Tel: (0048) 22 845 93 30, kas@kas.pl.

Der Bericht: Agnieszka Łada, Blicken wir in die Zukunft. Die Meinung der Polen über die deutsch-polnische Zusammenarbeit und die Bedeutung der Geschichte in den deutsch-polnischen Beziehungen, Institut für Öffentliche Angelegenheiten / Konrad-Adenauer-Stiftung, Warschau 2011 ist zugänglich in der polnischen Sprache unter: www.isp.org.pl, www.kas.de/polen.