Veranstaltungsberichte

„Matthias Erzberger: Reichsminister und Christlicher Demokrat in der Weimarer Republik

Vortrag

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Dr. Alf Rößner, Leiter des Weimarer Stadtmuseums bei seiner Eröffnung

Im Stadtmuseum Weimar referierte am 03.11. Christopher Beckmann vom Archiv Christliche Demokratische Politik (ACDP) der Konrad-Adenauer-Stiftung über Matthias Erzberger, welcher gerade die ersten Jahre der Weimarer Republik mit prägte und ihr den Weg ebnete. Dr. Alf Rößner, Direktor des Stadtmuseums Weimar, verwies in seiner Begrüßung auf die Bedeutung der Weimarer Nationalversammlung, welche auch die Farben Schwarz-Rot-Gold zur Staatsflagge erhob und darüber hinaus dem Deutschen Nationaltheater seinen Namen gab.

Christopher Beckmann gliederte seinen Vortrag in mehrere Teile, um sowohl den historischen Kontext der Herkunft und des Werdegangs Erzbergers einordnen zu können, als auch dessen Motive und auch Widersprüche zu erklären. Matthias Erzberger entstammte dem katholischen Milieu Württembergs, welches nach dem „Kulturkampf“ noch keine vollständige Emanzipation genoss. Erzbergers Vater konnte sich als Schneider keine höhere Ausbildung leisten, wodurch die Ausbildung zum Volksschullehrer als bestmögliche akademische Ausbildung. Durch Engagement, autodidaktisch erworbene Kenntnisse und gute rhetorische Fähigkeiten konnte er schnell verantwortungsvolle Positionen innerhalb der katholischen Zentrumspartei, welche nahezu alle sozialen Schichten ihrer Konfession vertrat, einnehmen und wurde 28jährig in den Reichstag gewählt. Dort avancierte er schnell zu einen der akribischsten und bestinformiertesten Abgeordneten, der die Ausweitung parlamentarischer Mitbestimmung im kaiserlichen Obrigkeitsstaat anstrebte und Misswirtschaft in der Verwaltung aufdeckte. In diesem Streben schuf er sich viele Gegner, die ihn aufgrund Konfession, sozialer Herkunft und nicht militärischer Erfahrung verachteten.

Erzberger gehörte wie die Mehrzahl der Abgeordneten zu den Befürwortern von Annexionen im Zuge des Krieges, doch änderte sich 1917 die Einstellung Erzbergers aufgrund der Kriegslage und setzte sich für einen Verständigungsfrieden ein. Erzberger war auch an Geheimaktivitäten beteiligt, die den bolschewistischen Umsturz in Russland förderten und so u.a. W.I. Lenin die Rückehr nach Russland ermöglichten.

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Christopher Beckmann beim Vortrag

Mit dem bevorstehenden Zusammenbruch der deutschen Westfront im Herbst 1918 und den ulti-mativen Forderungen nach Waffenstillstandsverhandlungen der deutschen obersten Heeresleitung (OHL) übernahm Erzberger als Vorsitzender der Waffenstillstandskommission in der Regierung Max von Badens die Verantwortung und unterschrieb das Waffenstillstandsabkommen von Compiégne. Christopher Beckmann wertete dies als schwere Hypothek, denn die zweifellos verantwortungsvolle Tat Erzbergers hätte eigentlich von den verantwortlichen Militärs erfolgen müssen. Diese und nahe stehende politische Kreise nutzten diesen Umstand zur Etablierung der „Dolchstoßlegende“, was die Demokraten von Weimar zu Schuldigen der Niederlage stempeln sollte. Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages bot Raum für weitere Verunglimpfungen als sogenannte „Erfüllungspolitiker“.

Erzberger setze sich vehement für die Unterzeichnung des Vertrages ein, da er Besetzung oder gar Zerschlagung Deutschlands im Falle der Nichtunterzeichnung befürchtete. Als Mitglied der ersten Regierungen der Weimarer Republik war er einer der Architekten der „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und DDP. Als Reichsfinanzminister etablierte er das in seinen Grundzügen bis heute gültige Einkommensteuersystem mit Direktabzug. Christopher Beckmann konstatierte, dass dies auch einem Sozialausgleich gleichkam, da bisher kaum besteuerte Vermögende zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben herangezogen werden konnten, was selbstredend den Hass der alten nationalistischen Eliten auf den katholischen Emporkömmling weiter steigen ließ. Nach umfangreichen Hetzkampagnen und bereits einem gescheiterten Attentatsversuch wurde Matthias Erzberger, wie bereits einige Persönlichkeiten vor ihm und Walter Rathenau nach ihm, Opfer der terroristischen Organisation Consul, die ihn am 26. August 1921 in Bad Griesbach ermordete. Christopher Beckmann bezeichnete als größte Tragödie, dass führende demokratische Köpfe wie Erzberger oder Rathenau Mordanschlägen zum Opfer fielen und Ebert sowie Stresemann viel zu früh verstarben, wodurch herausragende demokratische Repräsentanten keine nachhaltige Wirkung entfalten konnten und Extremisten von links und rechts die Oberhand gewannen.