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Veranstaltungsberichte

Evangelische Sozialethik: „Für die Politik der ideale Sparringspartner“

von Kathrin Zehender

17. Treffen des ideengeschichtlichen Arbeitskreises

Im Mittelpunkt des regelmäßig tagenden ideengeschichtlichen Arbeitskreises stand dieses Mal die evangelische Sozialethik. Der Theologe und Philosoph Dr. Stephan Schaede, Leiter der Evangelischen Akademie Loccum, referierte über die historischen Hintergründe, die Grundlagen und die Aktualität der evangelischen Sozialethik.
PD Dr. Matthias Oppermann, Stv. Leiter Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Leiter Zeitgeschichte KAS/Christiane Stahr
PD Dr. Matthias Oppermann, Stv. Leiter Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Leiter Zeitgeschichte

Einleitend erklärte PD Dr. Matthias Oppermann, stellvertretender Leiter Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, dass die evangelische Sozialethik oft zu wenig Beachtung finde. Auch wenn von der christlichen Sozialethik gesprochen werde, werde oft nur an die katholische Soziallehre gedacht. Dabei habe die evangelische Sozialethik die CDU gerade in den 1950er und 1960er Jahren maßgeblich geprägt, vor allem mit Blick auf die grundlegenden Ideen der Sozialen Marktwirtschaft, so Oppermann. „Und auch in anderer Hinsicht hat die evangelische Sozialethik die CDU geprägt. Dass das oft nicht besonders herausgestellt wird, hat auch damit zu tun, dass sich die Protestanten in der Union oft schwertaten, das C im Parteinamen zu definieren oder sich überhaupt darauf zu berufen“, erklärte Oppermann. „Diese Zurückhaltung mag viel dazu beigetragen haben, dass sich die CDU mehrheitlich nie als eine christliche Partei im engeren Sinne verstand, sondern als eine Partei, die eine christlich inspirierte Politik führte.“

„Die evangelische Sozialethik ist für die Politik der ideale Sparringspartner, denn sie orientiert sich am Gemeinwohl und am Gemeinsinn“, begann Schaede seinen Vortrag. Dabei sei die evangelische Sozialethik, die vor rund 150 Jahren entstand, vergleichsweise jung. Im Gegensatz zur katholischen Soziallehre, die mit den päpstlichen Sozialenzykliken Rerum novarum und Quadragesimo anno einen festen Konsens über sittliches Handeln umschreibt, könne sich die evangelische Sozialethik auf keinen bestimmten Text berufen. Zudem sei sie nie abgeschlossen, sondern unterliege einem steten Aushandlungsprozess und einer kritischen Selbstdistanz. Vor diesem Hintergrund habe die evangelische Sozialethik einen hohen Sinn für demokratische Aushandlungsprozesse.  

Dr. Stephan Schaede, Leiter der Evangelischen Akademie Loccum KAS/Christiane Stahr
Dr. Stephan Schaede, Leiter der Evangelischen Akademie Loccum

Das bedeute jedoch nicht, dass die evangelische Sozialethik beliebig sei, vielmehr gebe es klare Orientierungsmarken. So sei die Freiheit ein zentraler Wert, die aber als Freiheit zur Selbstverantwortung verstanden werden müsse, betonte Schaede. Weiter nannte Schaede Gleichheit, mit der jedoch kein Anspruch auf eine absolute soziale Gleichheit gemeint sei, sondern gleiche Würde, gleicher Anspruch auf Achtung und die gleichen Chancen, sich frei zu entfalten. Auch Solidarität, die sich am Gemeinwohl und am Gemeinsinn orientiere, zähle zu den zentralen Bezugspunkten der evangelischen Sozialethik. Als vierte Orientierungsmarke nannte Schaede soziale Gerechtigkeit, mahnte aber an, dass Politiker nicht für alle Lebensansprüche sorgen könnten.

Bei der anschließenden Diskussion wurde auf das Verhältnis von katholischer Soziallehre und evangelischer Sozialethik eingegangen, die, so Schaede, nicht in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stünden, sondern in erster Linie andere Zugänge wählten. Daneben wurde Aspekt der Eigenverantwortung diskutiert. Hier appellierte Schaede, dass Politiker Menschen nicht in einer passiven Rolle sehen dürften, sondern sie als mündige Bürger behandeln müssten. Auch gegenüber der Evangelischen Kirche gebe es oft das Missverständnis, dass sie Menschen eine Stimme geben solle. Das ist aber nicht richtig: „Man muss die Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie selbst eine eigene Stimme haben.“