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Senegal zwischen der „Vision 2050“ und der politischen Realität

Jonathan Nowak, Fatoumata Sy Gueye, Lucien Nadieline

Stabilität in Zeiten des Wandels

Der Machtwechsel von 2024 markierte einen historischen Einschnitt für Senegal. Mit Bassirou Diomaye Faye und Ousmane Sonko gelang erstmals einer politischen Bewegung außerhalb des etablierten Machtzentrums der Einzug in den Präsidentenpalast und die Übernahme der parlamentarischen Mehrheit. Die Erwartungen an die neue Führung waren entsprechend hoch: Sie versprach einen grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Neuanfang, mehr Transparenz, stärkere Souveränität und eine gerechtere Verteilung der wirtschaftlichen Chancen. Zwei Jahre später fällt die Bilanz gemischt aus. Ambitionierten Reformvorhaben und der langfristigen Entwicklungsagenda der „Vision Sénégal 2050“ stehen wirtschaftliche Herausforderungen, eine Schuldenkrise und ein tiefgreifender Konflikt innerhalb der ehemaligen Führungsallianz gegenüber. Zugleich gelingt es Senegal, seine außenpolitische Bedeutung in Westafrika und darüber hinaus auszubauen. Der folgende Beitrag beleuchtet die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und außenpolitischen Entwicklungen des Landes und fragt, ob es Senegal gelingt, den Wandel zu gestalten, ohne seine Stabilität zu verlieren.

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Macky Salls Rückkehr und die Erinnerung an die Krise von 2024

Es war ein kurzer, aber symbolträchtiger Besuch. Am 17. Juli 2026 landete der ehemalige Präsident Macky Sall in Dakar. Auf seinem Programm stand lediglich ein Termin: ein Treffen mit seinem Nachfolger, Präsident Bassirou Diomaye Faye. Es war Salls erster Besuch im Senegal seit seinem Ausscheiden aus dem Amt im April 2024. Nach nur drei Stunden verließ er das Land wieder, um seine internationale Kampagne für das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen fortzusetzen.

Nach dem Treffen wurde deutlich, dass Präsident Faye die Kandidatur seines Vorgängers unterstützt und auch die senegalesische Diplomatie entsprechend ausrichtet. Dies markiert eine bemerkenswerte Entwicklung. Zuvor war die Kandidatur offiziell von Burundi eingebracht worden und hatte keine ausdrückliche Unterstützung Senegals erhalten. Angesichts der außenpolitischen Tragweite einer möglichen Wahl eines Senegalesen an die Spitze der Vereinten Nationen scheint mittlerweile jedoch ein breiter Konsens zu entstehen. Über politische Lager hinweg wächst das Bewusstsein dafür, welche Bedeutung ein solcher Erfolg für das internationale Ansehen des Landes hätte.

Dabei ist vielen Senegalesen noch die politische Krise des Jahres 2024 in Erinnerung. Sall hatte zunächst mit einer verfassungsrechtlich umstrittenen dritten Amtszeit geliebäugelt und die für Februar 2024 angesetzte Präsidentschaftswahl kurzfristig verschoben. Die Entscheidung löste Proteste aus, bei denen mindestens neun Menschen ums Leben kamen, und führte zu Vorwürfen eines Verfassungsbruches, ehe der Verfassungsrat die Verschiebung für ungültig erklärte.

Der anschließende Wahlkampf war hart umkämpft, offenbarte aber zugleich die Stärke der senegalesischen Institutionen und insbesondere des Rechtsstaates. Zahlreiche prominente Politiker waren zunächst von der Wahl ausgeschlossen worden und konnten erst kurz vor dem Urnengang infolge eines Amnestiegesetzes aus der Haft entlassen werden und am Wahlkampf teilnehmen. Zu ihnen gehörten auch die ehemaligen Steuerbeamten Bassirou Diomaye Faye und Ousmane Sonko.

Da der populäre Oppositionsführer Sonko aufgrund juristischer Vorbelastungen selbst nicht kandidieren konnte, schickte er seinen engen Vertrauten Faye ins Rennen, der der breiten Öffentlichkeit bis dahin eher unbekannt war und durch seine ruhige und zurückhaltende Art auffiel. Der damalige Wahlslogan brachte diese Konstellation prägnant auf den Punkt: „Diomaye mooy Sonko“ – „Diomaye ist Sonko“.

 

Der politische Aufbruch von 2024

Bassirou Diomaye Faye gewann die Präsidentschaftswahl am 24. März 2024 bereits im ersten Wahlgang mit 54 % und wurde mit 44 Jahren zum jüngsten Präsidenten der Geschichte Senegals. Der politische Erfolg setzte sich im November 2024 fort, als PASTEF bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 130 der 165 Sitze in der Nationalversammlung gewann.

Die neue Führung trat mit einem ambitionierten Reformprogramm an. Korruption sollte konsequent bekämpft, Öl- und Gasverträge neu verhandelt sowie Justiz und Wahlsystem reformiert werden. Zugleich versprach die Regierung, die öffentliche Verschuldung zu senken. Immer wieder verwies sie auf die angeblich „versteckten Schulden“ der Vorgängerregierung und betonte die wirtschaftliche und politische Souveränität des Staates. Dieses Anliegen geriet jedoch rasch in ein Spannungsverhältnis zu den laufenden Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds sowie dem weiterhin bedeutenden Einfluss Frankreichs im Senegal.

 

Mit der „Vision Sénégal 2050“ präsentierte die Regierung zugleich ihren langfristigen politischen und wirtschaftlichen Kompass. Das Leitmotiv eines souveränen, gerechten und wohlhabenden Senegal verband den Anspruch umfassender Reformen mit dem Versprechen eines neuen Entwicklungsmodells. Damit stellte sich zugleich die zentrale Frage der neuen Amtszeit: Kann der politische Aufbruch von 2024 in nachhaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt übersetzt werden?

 

Vision Sénégal 2050: Entwicklungsstrategie zwischen Souveränität und Modernisierung

Die Vision Sénégal 2050 versteht sich nicht nur als Zukunftsentwurf, sondern als nationale Transformationsagenda. Ziel ist es, die Abhängigkeit von externer Verschuldung schrittweise zu reduzieren und wirtschaftliches Wachstum stärker auf Industrialisierung, nationale Ressourcen und Humankapital zu stützen.

Als strategische Wachstumsmotoren definiert die Regierung vier zentrale Bereiche: die Rohstoffindustrie, die Agrar- und Ernährungswirtschaft, das verarbeitende Gewerbe sowie Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Nutzung der neuen Öl- und Gasvorkommen, die lokale Weiterverarbeitung von Rohstoffen sowie der Aufbau nationaler Wertschöpfungsketten. Dahinter steht die Vision einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft, die ihre Entwicklung zunehmend aus eigener Kraft finanzieren kann. Während die Wirtschaft bislang vor allem von Dienstleistungen sowie Fischerei- und Bergbauexporten geprägt ist, sollen industrielle Verarbeitung, höhere lokale Wertschöpfung und die neuen Öl- und Gasvorkommen künftig stärkere Wachstumsimpulse liefern.

Eng damit verbunden ist die Verbesserung des Investitions- und Geschäftsklimas. Senegal gilt aufgrund seiner stabilen Institutionen und seiner strategischen Lage weiterhin als attraktiver Wirtschaftsstandort. Hinzu kommt eine junge und dynamische Bevölkerung von 19,3 Millionen Menschen, von denen rund 70 Prozent jünger als 35 Jahre sind.

Um dieses Potenzial besser zu nutzen, setzt die Regierung auf mehr Transparenz, die Bekämpfung von Korruption, die Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen sowie Reformen im öffentlichen Beschaffungswesen. Im Mittelpunkt steht der „New Deal Technologique“, mit dem Verwaltungsverfahren digitalisiert, Innovation gefördert und die Zusammenarbeit zwischen Staat, Privatwirtschaft und internationalen Partnern vertieft werden sollen. Parallel verfolgt die Regierung das Ziel größerer industrieller und ernährungspolitischer Souveränität. Dazu zählen Investitionen in die lokale Weiterverarbeitung, die Digitalisierung der Wirtschaft sowie die Entwicklung der Agroindustrie. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau von Agropolen, die Produktion, Verarbeitung und Beschäftigung entlang landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten fördern sollen.

Begünstigt werden diese Ambitionen durch Rahmenbedingungen, die Senegal seit Langem auszeichnen. Das Land gilt trotz seiner kulturellen, ethnischen und religiösen Vielfalt als eine der stabilsten Demokratien Westafrikas. Rund 95 Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens. Gleichzeitig zeichnet sich Senegal durch eine ausgeprägte Tradition religiöser Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens aus. Die enge Koexistenz von Muslimen und Christen sowie gesellschaftliche Mechanismen wie das sogenannte cousinage à plaisanterie gelten als wichtige Faktoren des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Staat und Zivilgesellschaft fördern diese soziale Kohäsion weiterhin durch interreligiösen Dialog und entsprechende Programme.

Zugleich entwickelt sich Senegal zu einem der dynamischsten Start-up- und Technologiestandorte Westafrikas. Staatliche Programme wie die Délégation Générale à l’Entrepreneuriat Rapide des Femmes et des Jeunes (DER/FJ), der Startup Act und verschiedene Innovationsfonds fördern Unternehmertum und digitale Innovationen. Die Verbindung aus gesellschaftlicher Stabilität, demografischer Dynamik und technologischer Modernisierung bildet einen zentralen Bestandteil der Entwicklungsstrategie bis 2050.

Die Vision Sénégal 2050 verdeutlicht damit den Anspruch der Regierung, Senegal langfristig wirtschaftlich unabhängiger, wettbewerbsfähiger und sozial gerechter zu gestalten. Gleichzeitig zeigte sich bereits in den ersten Regierungsjahren, wie groß die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität werden würde.

 

Der Realitätstest: Wirtschaftskrise und Schuldenfrage

Die Erwartungen an die neue Regierung waren entsprechend hoch. Zugleich schwächte sich die Wirtschaft jedoch ab. Neben den geopolitischen Verwerfungen, die den Welthandel belasteten, litt insbesondere der wichtige Bausektor darunter, dass zahlreiche Großprojekte zunächst gestoppt wurden. Viele Vorhaben standen unter Korruptionsverdacht oder mussten aufgrund mutmaßlicher Verstöße gegen baurechtliche Vorgaben überprüft werden.

Die stillstehenden Baustellen wurden für viele Bürger zum sichtbaren Symbol eines empfundenen Stillstands. Sie standen zugleich in starkem Kontrast zur Amtszeit Macky Salls, die durch zahlreiche Infrastrukturvorhaben geprägt gewesen war und das Erscheinungsbild des Landes nachhaltig verändert hatte.

Hinzu kam die Schuldenfrage. Während die neue Regierung den Vorgängern mangelnde Transparenz vorwarf, offenbarte eine Neubewertung der öffentlichen Finanzen ein Ausmaß der Staatsverschuldung, das deutlich über den bislang ausgewiesenen Zahlen lag. Schätzungen zufolge belief sich die tatsächliche Verschuldung auf rund 123 bis 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, verglichen mit den zuvor offiziell ausgewiesenen 73 Prozent. Die Folgen waren erheblich: Der Internationale Währungsfonds setzte sein Programm aus, Ratingagenturen stuften Senegal herab und das Vertrauen in die öffentlichen Finanzen des Landes wurde nachhaltig erschüttert. Darüber hinaus begrenzt die hohe Schuldenlast den fiskalischen Spielraum der Regierung, da erhebliche Haushaltsmittel für den Schuldendienst aufgewendet werden müssen und damit für Investitionen in Infrastruktur, Bildung oder soziale Programme fehlen.

 

Der Bruch des „Dream Teams“

Die größte Herausforderung für Präsident Faye sollte jedoch nicht die Opposition werden, sondern das eigene politische Lager.

Noch während des Wahlkampfs galten Faye und Sonko als unzertrennliches politisches Tandem. Gemeinsam hatten sie den Machtwechsel von 2024 ermöglicht und verkörperten für viele Senegalesen die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang. Doch gerade die Schuldenkrise und die daraus resultierenden Verhandlungen mit internationalen Partnern offenbarten zunehmend unterschiedliche Vorstellungen über den zukünftigen Kurs des Landes.

Während Sonko auf einem stärker souveränistischen Kurs beharrte und internationale Einflussnahme möglichst begrenzen wollte, vertrat Faye einen pragmatischeren Ansatz. Die Frage, wie mit dem IWF, internationalen Gläubigern und den wirtschaftlichen Realitäten des Landes umzugehen sei, entwickelte sich zunehmend zum Kern des Konflikts.

Schließlich zog Präsident Faye die Konsequenzen und entließ seinen Premierminister. Damit zerbrach jenes politische Bündnis, das noch zwei Jahre zuvor als Symbol des senegalesischen Aufbruchs gegolten hatte.

Sonko reagierte umgehend. Er nahm in einer verfassungsrechtlich fragwürdigen Entscheidung sein Mandat in der Nationalversammlung an, und wurde kurz darauf mit 131 von 165 Stimmen zum Präsidenten des Parlaments gewählt. Auch nach Fayes Amtsantritt blieb Sonko immer die prägende Figur innerhalb von PASTEF und verfügt über erheblichen Einfluss auf Fraktion und Partei. Damit entstand eine neue Konstellation, die es in der Geschichte Senegals bislang nicht gegeben hatte.

Am 25. Mai 2026 ernannte Faye daraufhin Ahmadou Al Aminou Lô zum neuen Premierminister. Der Ökonom hatte zuvor eine langjährige Karriere bei der Banque Centrale des États de l’Afrique de l’Ouest (BCEAO) durchlaufen und war dort bis zum Generalsekretär aufgestiegen.

 

Eine neue politische Landschaft

Erstmals verfügt ein senegalesischer Präsident damit nicht mehr über eine verlässliche Mehrheit im eigenen Parlament. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Form der Kohabitation: Zwei Politiker, die noch kurz zuvor nahezu als politische Einheit wahrgenommen wurden, stehen sich heute als Rivalen gegenüber.

Während Sonko Mehrheitspartei, Fraktion und Nationalversammlung kontrolliert, verfügt Faye weiterhin über das Präsidentenamt und die damit verbundenen exekutiven Machtmittel. Der politische Wettbewerb zwischen beiden Männern prägt die politische Landschaft des Landes.

Gerungen wird dabei nicht nur um Macht, sondern auch um die zukünftige Ausrichtung Senegals. Eine von der PASTEF-Mehrheit verabschiedete Reform sollte die Kompetenzen des Präsidenten beschneiden, die Kontrollrechte des Parlaments stärken und den bisherigen Verfassungsrat durch ein Verfassungsgericht ersetzen. Vor Kurzem erklärte der Verfassungsrat jedoch zentrale Teile des Vorhabens für verfassungswidrig. Die Debatte ist damit keineswegs beendet und könnte langfristig in ein Verfassungsreferendum münden.

Zugleich eröffnet die neue politische Lage Raum für neue Allianzen. Sollte Faye Neuwahlen anstreben, wird er auf politische Partner angewiesen sein, die er innerhalb der von Sonko dominierten PASTEF nur schwer finden dürfte.

Eine Schlüsselrolle könnte dabei das ehemalige Lager von Macky Sall spielen. Die Allianz APR erscheint derzeit in mehrere Strömungen aufgespalten. Ein Teil könnte sich dem Präsidenten annähern, ein weiterer bleibt Macky Sall loyal, während sich eine dritte Gruppe zunehmend um den früheren Premierminister und von Macky Sall 2024 favorisierten Präsidentschaftskandidaten Amadou Bâ formiert.

 

Außenpolitik als strategische Ressource

In dieser Situation gewinnt die Außenpolitik für Präsident Faye besondere Bedeutung. Während seine Handlungsspielräume in der Innenpolitik durch die neue Kräfteverteilung zwischen Präsidialamt, Parlament und Mehrheitspartei eingeschränkt sind, verfügt er auf internationaler Ebene weiterhin über vergleichsweise große Gestaltungsmöglichkeiten. Erfolge in der Außenpolitik bieten damit nicht nur die Möglichkeit, Senegals Interessen zu vertreten, sondern auch die eigene politische Handlungsfähigkeit und Führungsstärke unter Beweis zu stellen.

Dabei knüpft Faye an eine lange außenpolitische Tradition des Landes an. Senegal gehört seit seiner Unabhängigkeit zu den diplomatisch aktivsten Staaten Afrikas und genießt aufgrund seiner stabilen politischen Entwicklung, seiner demokratischen Tradition und seines Engagements in internationalen Organisationen ein hohes Ansehen. Dakar pflegt traditionell enge Beziehungen zu den unterschiedlichsten Akteuren der internationalen Politik, darunter Europa, die Vereinigten Staaten, Russland und China.

Zugleich unterhält Senegal intensive Beziehungen zu zahlreichen muslimisch geprägten Staaten wie Marokko, Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei. Diese Verbindungen beruhen sowohl auf wirtschaftlichen Interessen als auch auf historischen, religiösen und gesellschaftlichen Beziehungen. Trotz gesellschaftlicher Diskussionen hat Senegal darüber hinaus seine traditionell engen Beziehungen zu Israel nie grundsätzlich infrage gestellt und verfolgt weiterhin einen pragmatischen und ausgleichenden Ansatz im Nahen Osten.

Die Grundprinzipien der senegalesischen Außenpolitik bleiben auch unter Faye weitgehend unverändert: regionale Integration, eine ausgleichende Diplomatie zwischen Nord und Süd sowie zwischen Ost und West, ein Bekenntnis zum Multilateralismus und ein starkes Engagement in Friedensmissionen. Senegal verfolgt traditionell das Ziel, Brücken zwischen politischen Lagern zu bauen, anstatt sich dauerhaft auf eine Seite zu schlagen. Gerade in einer zunehmend polarisierten internationalen Ordnung verschafft diese Haltung dem Land zusätzlichen diplomatischen Handlungsspielraum.

Genau dieser außenpolitische Wertekanon erklärt sowohl die Chance für Macky Salls Kandidatur für das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen als auch Senegals wachsenden Einfluss auf regionaler Ebene. Im Juli 2026 gelang es dem Land, gleich zwei zentrale Führungspositionen innerhalb der ECOWAS zu besetzen. Der international hoch angesehene General Birame Diop wurde zum Präsidenten der ECOWAS-Kommission gewählt, während Präsident Faye selbst den Vorsitz der ECOWAS-Autorität der Staats- und Regierungschefs übernahm. Diese Doppelrolle stärkt den Einfluss Senegals in einer Phase, in der die Regionalorganisation durch die Austritte von Mali, Burkina Faso und Niger sowie zahlreiche sicherheitspolitische Herausforderungen erheblich unter Druck steht. Ihr größter Mehrwert liegt jedoch darin, dass sie Dakar die Möglichkeit eröffnet, seine traditionelle Rolle als glaubwürdiger Vermittler, Stabilitätsanker und Brückenbauer in Westafrika in einer Phase erheblicher regionaler Unsicherheit und vielfältiger sicherheitspolitischer Herausforderungen weiter auszubauen.

 

Die Olympischen Jugendspiele: Ein nationales Projekt und Schaufenster für die Vision Sénégal 2050

Neben den möglichen außenpolitischen Erfolgen bietet sich dem Senegal im Jahr 2026 eine weitere außergewöhnliche Gelegenheit, seine internationale Sichtbarkeit zu stärken: die Ausrichtung der Olympischen Jugendspiele in Dakar. Vom 31. Oktober bis 13. November 2026 werden rund 2.700 Athletinnen und Athleten aus mehr als 200 Nationalen Olympischen Komitees in Dakar, Diamniadio und Saly erwartet. Erstmals in der Geschichte der modernen olympischen Bewegung findet damit eine olympische Veranstaltung auf afrikanischem Boden statt. Die Vergabe der Spiele durch das Internationale Olympische Komitee im Jahr 2018 würdigt damit nicht nur die sportlichen Ambitionen, sondern auch die politische Stabilität und organisatorische Leistungsfähigkeit des Landes.

Die Jugendspiele tragen dabei eine doppelte Botschaft in sich. Das offizielle Motto „Afrika empfängt, Dakar feiert“ verdeutlicht gleichermaßen ihren nationalen wie kontinentalen Charakter. Für Afrika markieren die Spiele einen historischen Meilenstein und eröffnen Perspektiven für weitere internationale Großveranstaltungen auf dem Kontinent. Für den Senegal bieten sie die Möglichkeit, seine Rolle als politischer, wirtschaftlicher und diplomatischer Knotenpunkt Westafrikas sichtbar zu unterstreichen. Zugleich stärkt die Ausrichtung der Spiele den Anspruch Dakars, als verlässlicher Partner internationaler Organisationen, Investoren und Staaten wahrgenommen zu werden.

Gleichzeitig verdeutlichen die Jugendspiele in besonderer Weise die praktischen Ambitionen der Vision Sénégal 2050. Die Investitionen in die Infrastruktur fügen sich in eine langfristige Entwicklungsstrategie ein. Die Renovierung des „Stade Iba Mar Diop“, der Bau eines olympischen Schwimmkomplexes, die Errichtung des olympischen Dorfes an der Universität Amadou Makhtar Mbow in Diamniadio sowie die Nutzung bestehender Großprojekte wie des Train Express Régional, Bus Rapid Transit-Systems, des Flughafens Blaise Diagne oder des Stade Abdoulaye Wade zeigen, wie die Spiele mit der Modernisierung des urbanen Korridors Dakar-Diamniadio verknüpft werden.

Die erwarteten Effekte reichen jedoch weit über die Infrastruktur hinaus. Die Jugendspiele sollen den Tourismus fördern, internationale Aufmerksamkeit auf das Land lenken und zusätzliche Investitionen anziehen. Zugleich dienen sie der Entwicklung des Humankapitals, einem Kernbestandteil der Vision Sénégal 2050: Programme wie „En route pour les JOJ“ qualifizieren junge Senegalesen in Bereichen wie Veranstaltungsmanagement, Kommunikation, Sportmarketing oder Nachhaltigkeit. Hinzu kommen die landesweite Mobilisierung von Freiwilligen sowie Initiativen zur Förderung von Sport und olympischer Bildung in allen vierzehn Regionen des Landes. In einem Staat, in dem rund 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 35 Jahre sind, kommt dieser Dimension besondere Bedeutung zu.

In vielerlei Hinsicht bündeln die Olympischen Jugendspiele damit zentrale Themen dieses Berichts. Sie verbinden Investitionen in Infrastruktur mit der Entwicklung des Humankapitals, fördern Innovation und Digitalisierung, stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und erhöhen die internationale Sichtbarkeit des Landes. Zugleich unterstreichen sie den Anspruch Senegals, seine Rolle als regionaler Hub und als Stabilitätsanker in Westafrika weiter auszubauen. Damit sind die Spiele weit mehr als ein sportliches Großereignis. Sie stellen einen wichtigen Glaubwürdigkeits- und Entwicklungsmeilenstein dar.

Sollte es gelingen, die Spiele so erfolgreich wie geplant durchzuführen, könnten die Jugendspiele zu einem Symbol dafür werden, dass Senegal trotz politischer Spannungen und wirtschaftlicher Herausforderungen in der Lage ist, langfristige Entwicklung, internationale Offenheit und politische Stabilität miteinander zu verbinden.

 

Fazit

Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass der politische Wandel in Senegal weder geradlinig noch konfliktfrei verläuft. Die Hoffnungen des Jahres 2024 sind einer deutlich komplexeren Realität gewichen, die von wirtschaftlichen Herausforderungen, institutionellen Auseinandersetzungen und neuen politischen Machtzentren geprägt ist. Gleichzeitig konnte das Land bisher immer politische Spannungen innerhalb verfassungsmäßiger und demokratischer Bahnen austragen.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es Präsident Faye gelingt, neue politische Mehrheiten zu organisieren, die wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen und die ambitionierten Ziele der Vision Sénégal 2050 mit Leben zu füllen. Sollte dies gelingen, könnte Senegal seine Stellung als demokratischer Stabilitätsanker und wirtschaftlicher Impulsgeber Westafrikas weiter ausbauen. Unabhängig vom politischen Ausgang bleibt die Fähigkeit des Landes, Wandel und Stabilität miteinander zu verbinden, sein vielleicht wichtigstes strategisches Kapital.

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Կապի միջոցներ Jonathan Nowak
Jonathan Nowak
Leiter Auslandsbüro Senegal und Gambia 
jonathan.nowak@kas.de +49 30 26996-1049
Կապի միջոցներ Ingo F.J. Badoreck
Portrait von Ingo Badoreck KAS
Referent für Wirtschaft und das frankophone Subsahara Afrika
ingo.badoreck@kas.de

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